in der Backe, ein schwarzer, und er gab braune Säfte aus. Und dann hatte Fernant Ruhe, der Schaffner mußte Drofsen, Kirfchbaum, Zielenzig und die sonstigen Dörfer anmelden.
An seiner letzten Stelle war Fernant fünfzehn Jahre gewesen. Neujahr wären es gar deren sechzehn geworden, und so fort, siebzehn, achtzehn, immer ein Neujahr weiter, wer weiß wie lange! Der Herr hatte gejagt: Fernant, wenn es mal hapern sollte am erforderlichen Schmalz in Armen, Beinen und dem Kreuz, mit der Luft, Asthma, Rheuma unb so — du bleibst trotzdem, denn das Armenhaus am Schluß, das ist nichts, wenn du willst. Natürlich hatte er gewollt. Wenn nichts mehr klappte, auf Gänse, Schafe, Kühe konnte man schon noch auspassen, und vor dem Tor sitzen, Sonntags, und sagen: Sie sind alle fort, wo alle da waren, nur daß sie schliefen nach dem Essen, für die neue Woche, die brennende, zur Erntezeit, und die Zigarre paffen als Lohn für die Wacht, ich danke auch schön. So also hatte einmal die Voraussicht auf (ein restliches Leben ausgesehen, hatte, sie war nun verschwunden.
Sie luden gerade eine Fuhre Gras, der junge Knecht gabelte das Gras in den Wagen und Fernant harkte, da geschah es zum ersten Male, daß er von dem Wort Meseritz angesprochen wurde, von der Erinnerung Meseritz, von der Heimat Meseritz, denn Fernant war in jener östlichen Stadt zu Hause. Es drang so heftig aus ihn ein, daß er schwankte und sich am Harkenstiel wie an einer Stütze halten mußte. Sein Genosse bemerkte es, wunderte sich, fragte: Nanu? Fernant antwortete ober nicht; er brauchte alle Kraft, seinen Stand zu bewahren. Dabei blickte er starren Auges über das gesamte Dasein um ihn hinweg. Er begriff nicht.
Was wollte Meseritz von ihm? Gewiß, er war dort geboren, seine Schule stand dort, der Vater lag dort im Grabe, Slutter und Geschwister hatte er dort zum letzten Male gesehen, ehe sie auswanderten, aber was konnte das schon heißen? Mehr als ein halbes Jahrhundert war inzwischen über die Erde gekommen, und außerdem besaß er keine Gefühle wie Sehnsucht und Wehmut. Seine Gefühle richteten sich von jeher auf das gewöhnliche Tägliche. Diesmal faßte er eben nichts, außer der Fülle, der Schwere und Dringlichkeit des Wortes Meseritz, der Erinnerung Meseritz, ach, der Heimat Meseritz, was sollte er denn tun? Er harkte einstweilen weiter, damit das Vieh rechtzeitig fein Futter bekam.
Dennoch wurde ihm nicht gewährt, das Ereignis auf dem Felde ,u vergessen; es umlauerte ihn, selbst ein ungewöhnlicher, zermürbender Fleiß, dazu Brennspiritus als Trunk, rettete ihn nicht. Es blieb ihm nichts übrig, als den Stummel seines Zimmermannsbleistiftes aus der Truhe hervorzusuchen und das Kalenderblatt, morgen war es erst fällig, abzureißen. Die stahlgefaßte Brille schief aufgespießt, setzte er sich zittrig und erregt auf den Schemel. Der Herbstabend behauchte das Fenster mit seiner Kühle, im Stalle nebenan knurpsten die Pserde ihren Hafer, sonst war nichts, worauf sich sein Sinn lenken konnte, ablenken, hinlenken, fest- fahren, alle Sinne, ledig der Bedrängnis dann! Und so schrieb er, und das hieß, wenn wir's übersetzen: Da ich nach Meseritz muß, kann ich nicht länger hierbleiben. Vorname. Zuname. Punkt.
Es ist doch klar, daß er es nicht anders einrichten konnte, als mit einer nächtlichen Abwanderung; wie hätte sich das unsinnig und zum Lachen ausgenommen: Fernant will Urlaub, um nach Meseritz zu reifenI Bist nicht bei Trost, Kerl, — ist der Kornboden verschlossen, Häcksel genug im Kasten?
Nachdem der Zug oft und oft gehalten hatte, und immer wurde der erwartete Name nicht genannt von der eifrigen Stimme, die ganze Wagenreihe entlang, bremste er endlich doch überraschend, und er war in Meseritz. Fernant erhob sich eilig, stolperte hinaus, hoppla, langsam, Augen auf, die üblichen Behinderungen noch, Anstehen, Karte abliefern, unb bann bürste er sich roenben, wohin er wollte. Er manbte sich auch unverzüglich, roitternb, Umschau haltend nach allen Himmelsgegenden, mit dem Kops, dem gesamten Leibe, den Füßen dazu, rundum, aber wohin danach? Er fand sich nicht zurecht. Meseritz? Nun gut, es war so angesagt worden, also mußte es die Wahrheit fein, auch wenn er sie nicht bestätigen konnte. In ihm war kein Bild, das diesem vor ihm glich. Es war um die Vesperstunde; ihn hungerte; auf seinem Hof würden sie jetzt zum Brot gerufen werden. Jedoch, er war nicht zum Essen nach Meseritz gerollt, er überwand das Gefühl.
Dort lag der Markt. Mochte fein, daß Kirche und Markt es waren, annähernd die von damals; Schaubuden, Bilder von Moritaten, hatte er nicht einst die Hand des Vaters verloren, vor einer Räuberbraut, die (ich zu ertränken trachtete, Vater, ich will zu meinem Bater, und ihn auf der Kirchenschwelle sitzend roiebergefunben?
Das alte Haus war nicht zu entdecken, bie Straßen waren fremb, die Gaffen waren fremb, bie Steige waren fremb, bie Gärten, ein kleiner Garten war bavor gewesen, ein winziger, von bem Mauersockel konnte man beinahe über den Zaun springen.
Vor einer Schenke ließ sich ein kauender Fuhrmann einen Schnaps reichen. Eine trockene Begierde machte sich bei dem Anblick in Fernants Hälfe bemerkbar, aber es war nicht Durst, was ihn reizte, auch nicht Hunger mehr, bie Würste im Schaufenster des nächsten Ladens ekelten ihn an. Selbst der Priem war ihm auf einmal zuwider, er spuckte ihn «us. Das Umherirren ermüdete sehr, und die Sonne ging schon unter. Da stieß er auf den Friedhof. ,
Eine Frau kehrte Blätter zusammen unb raffte sie in ihre Schurze. Wo liegt er beim, ertunbigte sich Fernant nach feinem Vater. Die Frau sah auf seine krummen Knie unb auf seinen offenen Munb, weiß nicht, jagte sie unb machte sich bavon. Er suchte zwischen den Gräberreihen Mn unb her, blieb stehen, machte ein paar Schritte; bie Brille hatte er mit ben übrigen Sachen zurückgelassen, er entzifferte nichts. Unb ber klbenb zog mit schweren Dämmerungen herauf. Die Nacht würbe vielleicht etwas Frost bringen. Sie werben bie Rübenhaufen mit Blattern Zudecken müssen; das war meist seine Arbeit gewesen. Die Schwache keß sich nicht länger niederhalten. Fernant mußte ausruhen. Er kauerte ich auf einen Grabhügel; fein Rücken nahm das Steinkreuz als Lehne. So blieb er. Für immer ist er auf dem Friedhof zu Meseritz geblieben.
Die Witterung in der Weltgeschichte.
Von Hans von Flüelen.
„Wenn es in der Nacht zum 18. Juni 1815 nicht geregnet hätte, wäre die Zukunft Europas eine andere geworden. Einige Regentropfen mehr oder weniger genügten, um Napoleon zu Fall zu bringen." Diese beiden Sätze stehen in einem Roman Victor Hugos, in bem er bie Schlacht von Waterloo schilbert. Unb ohne zu untersuchen, ob bie Worte bes Dichters eine Uebertreibung bebeuten, muß boch zugegeben werben, baß bie Witterung oft genug in entfcheibenber Weife in bie Ereignisse eingegriffen hat. Manches Blatt ber Geschichte, von der ältesten bis in unsere Zeit, beweist bas, mag es sich um einen Sturm hanbeln, ber bie stolze Flotte auseinanbertrieb, Ueberschwemmungen, bie ben Fluß zum Anschwellen brachten, bie Winterkälte, burch bie bie Wege unbenutzbar unb bie Solbaten bem Erfrierungstobe ausgesetzt würben, Tauwetter, bas bie Eisbecke unter bem Gewicht ber Kanonen brechen ließ, ober um ben Nebel, ber bie Sicht dehinberte, kurz, alle Witterungsmöglichkeiten haben hierbei eine Rolle gespielt.
Bereits ber „Vater ber Geschichtsschreiber", Herobot, liefert uns interefjante Belege bafür. Der älteste bürste wohl vom Kriege bes Perserkönigs Kambyses in Aegypten herrühren. Das Heer, bas bieser 525 v. Ehr. gegen bie Ammoniter entfanbte, würbe von einem heftigen Wüstenwind, der ganze Hügel von Sand mit sich führte, überrascht, so daß das Heer spurlos verschwand. Wir finden hier die erste Beschreibung eines Samums. Auch ber Krieg ber Perser gegen Hellas litt unter oerschiebenen Einflüssen der Wettermächte. Als König Darius im Jahre 493 v. Ehr. auf dem Wege nach Athen bie Lcmbzunge von Athos umsegelte, wurde feine Flotte durch einen gewaltigen Sturm vernichtet. Herodot berichtet, baß bas Meer bei Athos ungewöhnlich reich an Meeresungeheuern ge- wefen fei unb viele Menschen burch bereu Angriffe verlorengingen, während andere an den Klippen zerschmettert wurden oder, bes Schwimmens untunbig, elenb ertranken ober erfroren. 300 Fahrzeuge unb über 20 000 Menschen fielen bem Sturm zum Opfer. Als König Terxes im Jahre 490 v. Ehr. auf feinem großen Zuge gegen Griechenlanb den Hellespont erreichte, ließ er Brücken über ben kilometerbreiten ©unb errichten, aber eine heftige Sturmflut riß biefe auseinander. Zornerfüllt ließ Xerxes dem Hellespont 300 Geihelhiebe als Strafe versetzen. Es glückte ihm, nochmals Brücken zu schlagen unb von Sarbos, wo er sein Winterlager aufgeschlagen hatte, aufzubrechen. Ein anberes Naturereignis hätte beinahe bem Heere allen Mut geraubt, ba im Moment bes Aufbruchs, fo heißt es, bie Sonne ihren Platz am Himmel verließ, trotjbem keine Wolke am Himmel ftanb, unb es würbe Nacht anstatt Tag. Die Magier bes Königs aber erklärten biefes Naturereignis auf eine knifflige Art. Da bie Sonne, fo sagten sie, das Wahrzeichen der Griechen, ber Monb aber basjenige ber Perser sei, so hätten bie ©öfter bamit bas Verschwinben ber griechischen Flotte anzeigen wollen. Zu- frieben mit bieser Botschaft ber Götter zog lerjes weiter. Das ist nur einer von vielen Fällen, in benen eine Sonnenfinsternis Einfluß auf Ereignisse ausübte. Wir wissen, baß in ber Folge bie Natur bem König Xerxes keineswegs halb war. Die Götter taten alles, bamit bie persische Flotte berjenigen ber Griechen gleich unb nicht so überlegen würbe", sagt Herodot, nachdem er die gewaltigen Stürme, Wolkenbrüche unb Gewitter geschilbert hat, burch welche bie persische Flotte heimgesucht wurde, bevor sie bei Salamis auf die griechische Flotte stteß und besiegt wurde. Es würde zu weit führen, hier auf alle Fälle einzugehen, wo in der Vorzeit große Heerführer ihre Pläne durch die Macht der Witterung gekreuzt sahen, mag es sich um Alexander vor Babylon oder im Innern Asiens, ober um Hannibal währenb bes panischen Krieges ober um Cäsar, ba er in Britannien an ßanb stieg, hanbeln.
Oft genug spielten auffällige Witterungswechsel auch in ber germanischen Geschichte eine Rolle. So brachen bie Goten, nachbem sie im Jahr 410 n. Ehr. Rom eingenommen hatten, ihren Siegeszug nach Süben ab, nachbem sie burch heftige Stürme am Uebergang nach Sizi- lien verhinbert würben, wie auch etwas später, 590 n. Ehr., bie Lango- barben bie Belagerung Roms, burch ftänbigen Regen unb Unwetter entmutigt, aufgaben. Sehr erleichterte zu jener Zeit bie zugefrorene Donau ben Uebergang ber großen Kriegsscharen, so z. B. war bies mit ben Goten im Jahre 462 n. Ehr. und ben Hunnen im Winter 557/58 ber Fall Wie Trockenheit unb Ueberschwemmungen einwirken können, mußte Kaiser Friebrich Barbarossa erfahren, als er 1158 im nörblichen Italien alle Flüsse so ausgetrocknet fanb, baß er ohne Brücken unb Boote bie» selben überschreiten konnte.
Der Krieg um bie Thronfolge Frankreichs, der um bas Jahr 1339 ausbrach, zeigt an oerschiebenen Beispielen, wie das Wetter öfters zu bes einen wie bes anberen Gunsten eingriff. Bei Chartres würbe das englische Heer so sehr von Hagelschauern mitgenommen, baß viele Soldaten getötet unb ber Krieg abgebrochen würbe, aber bei CrSzy im Jahre 1346 manbte sich bas Glück. Die große Uebermadjt bes französischen Heeres konnte sich nicht geltenb machen, unb bazu trug in hohem Grabe bei baß burch einen Regenschauer bie Bogensehnen ber genuesischen Bogenschützen schlapp unb unbrauchbar würben, während bie burch ben Walb geschützten Englänber ihre Bogen trocken halten unb einen Sieg erringen konnten, ber bie Ursache zu einem hunbert Jahre bauern» ben Kriege würbe. Im Verlaus biefes Krieges erlitten bie Englänber übrigens bei Ruell im Jahre 1360 burch Gewitter unb Ueberschwemmung — 1000 Bogenschützen unb 6000 Pferbe tarnen um — große Verluste.
lieber bie Rolle, bie Stürme in Seekriegen spielten, haben wir bereits verschiebene Beispiele gesehen. Ein weiteres Beispiel liefert ber Krieg Kaiser Karls V. gegen bie Seeräuberftaaten im nörblichen Afrika. Durch einen furchtbaren Sturm am 25. Oktober 1541 würbe feine Flotte vor ber Küste Algiers überrascht, wobei 155 Schiffe mit 8000 Mann untergingen. Noch bekannter ist der Sturm, ber zwischen bem 14. bis 20 August 1588 bie „unüberroinblidhe Armaba" Philipps II. zerstreute unb zerstörte, was Philipp zu bem Ausspruch veranlaßte: „Ich habe sie ausgefanbt, um gegen Menschen unb nicht gegen Elemente zu kämpfen!"
Auch ber Tob Gustav Abolfs in ber Schlacht bei Lützen wirb zum


