Ihr Blick brannte tn dem seinen. Eine Sekunde noch würde sie warten, eine halbe Minute, dann ...
Da kam der Kellner herein. Er hatte es eilig, die Frackschoße wehten.
,Herr Doktor Steyer", sagte er, und entschuldigte sich diesmal nicht, daß er störe, „der Ortsvorsteher Herr Pfrundt war vorhin hier. Wir wußten nicht, daß Sie im Garten waren. Herr Pfrundt läßt Sie ersuchen, sich bei ihm zu melden. Es scheint etwas Wichtiges zu fern. Eben war auch der Gendarm noch einmal hier und fragte nach Ihnen. Er wartet vorn am Eingang."
„Ja", fagte Steyer; er stand auf. „3a, ja ...", wiederholte er sinnlos. Seine Blicke hasteten umher.
Frau v. Blinkburg sah ihn an. Sie begriff. Umstellt! Verloren! Zur Strecke gebracht! Und sie hob die Hand und deckte sie über die Augen, dies Letzte nicht mitansehen zu müssen.
„Aus", sagte Adalbert Steyer, dumpf, „zu Ende", und er fand ein Lachen, das in die Nerven schnitt.
Selbst den Kellner rührte es an im Herzen, wo die Sentimentalität wartete. Er hob den einen Arm, wie um den Schriftsteller zu stützen.
„Herr Doktor ...", sagte er und wußte nicht weiter.
Aber Steyer fiel nicht um. Die Frau sollte ihn nicht schwach werden sehen und nicht der befrackte Unheilsbote.
.^Lassen Sie nur", fügte er, „es ist wohl nicht so eilig, daß ich zu Herrn Pfrundt komme."
Der Ober zuckte die Achseln und trat zurück mit einer kleinen Verbeugung.
Adalbert Steyer wollte fortgehen, das war zu merken, aber er ging nicht. Er kam nicht von der Stelle.
„Ah", sagte er, und noch einmal höher, heller, Freudigkeit lag im Ton, der Herr Alwien!" und dann gelang es ihm, seine Beine in Bewegung zu bringen.
Frau v. Blinkburg ließ die Hand von den Augen. Hatte nicht eben jemand den Unglücksnamen Alwien ausgesprochen? Sie blickte auf. Cs war noch heller Tag. Die Sonne schien. Die Rosen dufteten genau wie vor Stunden, stärker vielleicht noch. Die Welt war also noch nicht ein- aestürzt. Vor ihr stand der Schriftsteller Adalbert Steyer. Er hatte ein Lächeln um den Mund, das undeutbar blieb. Doch das alles war ja nicht so unbegreiflich. Unfaßbar, höllischer Spuk aber mußte es fein, daß da vor dem Hoteleingang, umhegt von seinen Kellnern, die ihn begrüßten, der ermordete Geschäftsführer Alwien stand!
Sie griff sich an den Hals; dann wischte sie mit der Hand über die Sttrn. Konnte man dies Bild wegwischen? Nein, es blieb. Also war es Wirklichkeit und keine Vision ihrer überreizten Nerven. „Wie ist das möglich?" brachte sie heraus. Sie sah Steyer an, den Mörder. Sie mutzte schon an ihn die Frage richten, denn es war niemand sonst nahe genug.
„Herr Alwien ist aus dem Krankenhaus entlassen", erläuterte Adalbert Steyer, „er hatte eine Gehirnerschütterung bei dem Sturz am Wegkreuz baoongetragen und hat einige Tage das Bett hüten müssen. Ich hatte mich erkundigt, ich wuhte, daß er heute herauskommen würde. Daher ging meine Geschichte ein bißchen rasch zu Ende. Fanden Sie das nicht auch? Der Professor wäre normalerweise meinen Fangfragen wohl nicht so glatt erlegen. Aber was blieb mir übrig, ich konnte nicht länger hinter dem Mörder her fein, wenn der Ermordete gesund zurückkam."
Sie sah ihm auf den Mund. „Sie sind — Sie haben —"
Er nickte herzlich. „Was Sie auch sagen wollen, ich gebe es zu. Ich wollte Ihr Interesie erregen, wollte wissen, wie weit diese Anteilnahme gehen könnte. Aber glauben Sie nicht, daß ein schriftstellerischer Ehrgeiz mich trieb. Etwa weil Sie äußerten, in einem Kriminalroman nach 50 Seiten den Täter erraten zu haben. Ich beabsichtigte nicht, Sie für einen Roman zu interessieren."
„Sondern?" Sie fragte es leise und half ihm, denn er hatte auf diese Ermunterung gehofft.
„Sondern für den Verfasser", gestand er.
Sie sahen sich an. Beim Hoteleingang hielt Herr Alwien, der wieder- erftanbene Tote, feinen vielbegrühten Einzug. Sie waren allein im ©arten. Ihre Hand hing herab, es war wohl Zufall, daß Steyer jetzt, als er der Frau näher trat, mit feinen Fingern diese Hand streifte. Man kann aber ebensogut sagen, es gibt keinen Zufall, besonders nicht in Liebesszenen. Steyer nahm ihre Hand auf, ergriff sie und hielt sie fest, als fei das eine symbolische Besitzergreifung der ganzen Person.
„Ich liebte Sie von der ersten Stunde an", gestand er. Er war nun einmal bei den Enthüllungen. Und was bisher stets ihr geschehen war, stieß jetzt ihm zu. Er wurde rot. Das, fand Frau v. Blinkburg, war ja nun entzückend. Ihre Stimme schwang, aber es war bestimmt feine Trauer noch Unsicherheit mehr darin. „Und der Professor Pfenningshof? Und Glafcha? Der Pächter Glahn? ..."
„Der Hof existiert. Er hat auch den Namen. Mehr weiß ich nicht. Den Professor habe ich erfunden. Wahrscheinlich sitzt ein biederer major a. 2). auf dem Pfenningshof. Ob er eine Tochter hat, können Sie mir lagen. Sie haben das Fräulein kennengelernt und mir den Namen genannt. Ich kenne Glafcha nicht. Den Pächter Glahn gibt es. Er wohnt auf dem Rügen Hoff und ist ein netter Mann."
.. 5rau d. Blinkburg rang nach Atem. „Und — gütiger Himmel, und öte Nachte, wenn Sie tn Hamburg waren und auf St. Pauli mit der roten Olga zechten?"
., .'^l ro°r ’n ^lelenm,"^?9en in Hamburg. In jenen Nächten fdjrteb ich den Roman bei Glahn im Rügen Haff. Er war überrascht und bedauert, daß ich nun nicht mehr kommen will."
Er sann nach. Was blieb noch zu ertlären. Sein Lächeln machte ihn ganz jung.
"3a, der Ortsvorsteher will mich sprechen. Das ist richttg. Er fragte mich kürzlich wegen der Dauer meines Aufenthaltes hier. Der Rügen Hoff, wo ich die Nächte schrieb, liegt nicht mehr in seinem Bezirk Ich versprach Herrn Pfrundt Bescheid zu geben, aber ich tarn nicht dazu 3a, und bann wäre wohl noch zu jagen, daß ich über Herrn Alwiens
Vergangenheit nur das Allergünstigste weiß, er war Offizier und wird ein Ehrenmann fein.“
Frau v. Blinkburg nickte. Dann gab sie sich einen Ruck. .Herr Doktor Steyer", sagte sie, saft hätte sie auch noch den Vornamen mit angebracht. „Eines noch! An Ihrem Wanderstock, den Sie an jenem Abend mit in die Heide nahmen, klebte Blut. Menschenblut. Haben Sie auch für diese Seltsamkeit eine plausible Erklärung?"
„Nein", gab er zu, „das nicht. Da setzt das leichte Irresein ein. Denn ein gewöhnlicher Sterblicher wird nicht begreifen können, daß ein Schriftsteller fein Blut hingibt, um eine Spannung zu erzielen. Mein eigenes Blut klebte an dem Stock. Ich habe mir die kleine Wunde beigebracht, um eine verwirrende Spur zu fchaften. Denn, wie gesagt, was tut der Autor nicht alles für feinen Roman! Sein Herzblut gibt er hin!"
„Oh", machte Frau v. Blinkburg und noch einmal ebenso erklärungslos: „Oh ..." Dabei gelang es ihr, obgleich ihre Finger eigentlich in Siegers Hand lagen, diese Hand zu drücken. Und bann, es mußte ja etwas gesprochen werden und dieser Mann stand stumm beglückt, meinte sie und sah ihn an mit ihrem schönen blauen Blick aus zwei kleinen Himmelsgewölben: „Das wird also ein Roman. Mit anderen Namen doch natürlich? Wie soll er denn heißen?"
Steyer löste sich aus seiner Erstarrung. „3d) habe einen Titel“, sagte er, „wissen Sie welchen? Wotans Donnerkeil.“
„Aber das geht doch nicht, das ist ein ganz verrückter Titeil“
Da beugte sich Steyer zu ihr, denn sie war ein wenig kleiner als er, und sagte nahe ihrem Ohr, und daher so leise, daß es sehr zärtlich klang: „3ch glaube, wir werden viel Zeit finden, gemeinsam über den Titel nachzudenken, nicht wahr?"
Er bekam nicht gleich eine Antwort; aber Frau v. Blinkburg errötete zum letzten Male in dieser Geschichte.
Geistliches Lied.
Von Paul Fleming.
3n allen meinen Taten Latz ich den Höchsten raten, Der alles kann und hat; Er muß zu allen Dingen, Soll's anders wohl gelingen, Selbst geben Rat und Tat.
Es kann mir nicht geschehen. Als was er hat versehen. Und was mir selig ist.
3ch nehm es, wie er’s gtbet, Was ihm von mir beliebet, Das hab ich auch erkiest.
3hm hab ich mich ergeben. Zu sterben und zu leben, Sobald er mir gebeut: Es sei heut ober morgen, Dafür laß ich ihn sorgen, Er weiß die rechte Zeit.
So fei nun, Seele, deine, Und traue dem alleine. Der dich geschaffen hat! Es gehe, wie es gehe, Dein Vater aus der Höhe Weiß allen Sachen Rat.
Oie Reise nach Meseritz.
Von Willi Steinborn.
Als Fernant, am Brunnen einer kleinen Statton hinter Steppen hockend, vernahm, daß der heranfchnaufende Zug nach Meseritz liefe, fiel ein gelindes Fieber in seine Glieder: er war noch niemals mit der Bahn gefahren, er der lebenslängliche Knecht; und nun er achtundsechzig 3ahre alt, klapprig, verbraucht, dicht am Ende war, mußte er es doch noch unternehmen. Torkelnd näherte er sich seinem Wagen, kroch zur Plattsorm empor, die Tür wurde hilfteich geöffnet, und fetzte sich in eine leere Ecke.
Es ging nämlich nicht anders, wollte er nach Meseritz gelangen. Acht Tage war er bereits zu Fuß unterwegs, Schritt um Schritt, so bringt auch der Langsame genug hinter sich, aber die Rastpausen waren immer länger und häufiger geworden; in den letzten beiden Tagen war er schon beim Aufstehen wieder zum Hinsinken matt gewesen, und so hatte er denn, da die Straßen sich nicht mehr überwinden liehen, besorgten, unruhigen Herzens die Eisenbahn in Bettacht ziehen müssen.
Der Schaffner fand sich genötigt, eine kleine Ansprache zu halten, um seine Fahrkarte loszuwerden, die er gewissenhaft ausgeschrieben hatte, und also mußte sie auch verkauft werden gegen das nötige Geld, weil niemand in dieser Welt umsonst befördert werden konnte. Fernant nickte schließlich dazu und knotete seinen Tabaksbeutel auf, in dem die Münzen steckten, feit die Vorderzähne ausgefallen waren und feine Pseise fernerhin im Munde bleiben wollte. Ein Priem saß aber dafür


