Ausgabe 
20.1.1936
 
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auf das Fell, daß ihnen beinahe die Schlegel entzweisprangen. Aber nichts rührte sich in dem Dorfe, keine Tür öffnete sich, und aus keinem einzigen Fenster reckte sich ein neugieriger Kopf.

So fest seid ihr in eurem Bau, ihr Füchse? schrie der Major auf dem Pferde krebsrot.Wir werden euch schon aus den Löchern kitzeln."

Sie zündeten am Dorsende eine Scheune an und läuteten die Feuer­glocke. Aus dem Hausen der Löschenden aber fingen sie sich den Statt­lichsten, der wohl als der Anführer dieser verschlagenen Bauern gelten konnte, heraus, und das war natürlich der schwarze Nikolaus. Der Major eröffnete ihm, daß er, ausgerechnet er, am nächsten Morgen die Fran­zosen über das Gebirge führen sollte, sperrte ihn eigenhändig in die Kirche und stellte eine Wache davor Inmitten von stummen Heiligen, in unheimlicher Dunkelheit, in der das ewige Licht nur als ein riesiger roter Funke schwamm, ratschlagte er nun gleich in den ersten Stunden mit seinem Gewissen, wie er den Leuten in das Gebirge hinauf Botschaft schicken könnte. Nach einiger Zeit begann er mit den Fäusten an das Tor zu hämmern, bis die Wache vor Berzweiflung Meldung von dem rabiaten Häftling zum Major schickte. Ein junger Leutnant kam zur Kirche, und ihm sagte der schwarze Nikolaus, er wünsche, da er sich auf einen ungewissen, gefährlichen Weg begeben müßte, zu beichten. Der Major, der sich in feiner nächtlichen Tafelei nicht gerne stören ließ, schrie: Er soll seinen Pfarrer haben", und der Leutnant selbst mußte den geistlichen Herrn zur Kirche bringen und die Zeremonie mit gespanntem Pistol überwachen. Im Beichtstuhl aber sagte der schwarze Wirt dem Greis, auf welchen Steigen er die Franzosen über die Berge zu führen gedächte.

Zwei Stunden später war der Pfarrer selber im Gasthaus und bat, daß er das Dorf verlassen dürfe, denn er müsse höher im Gebirge droben einem Todkranken die letzte Oelung spenden. Der berauschte Major fluchte, er solle es haben. Die Soldaten des großen Kaisers führten den Krieg nicht gegen Krüppel und Bettlägerige.

Bald darauf ging der Pfarrer mit dem Kelch und dem klingelnden Ministranten in die Nacht hinein und stieg den Berg hinauf. Und er stieß endlich auf die Bauern droben, die schon den ganzen langen Tag die Steine für ihre grausigen Lawinen angehäuft hatten, denn ihren scharfen Augen waren die Staubwolken auf der Straße der fernen Ebene und das Glänzen in Metall nicht entgangen. Und jetzt in der Nacht horchten sie wie Luchse nach jedem Steinrollen. Plötzlich hörten sie ver­wundert die dünne Versehglocke, denn der Pfarrer halte höher oben den Buben geheißen, sie wieder zu läuten. Als er in der Mitte der fröstelnden Leute war, stellte er den Kelch auf einen Felsblock hin, und die Glut des niedergebrannten Feuers, an dem sie die Erdäpfel gebraten hatten, um ihren halben Hunger zu stillen, warf ihren fünften Schein auf das Gold des heiligen Trinkgefäßes.

Da fiel es einem ein, daß sie jetzt, während sie so untätig lagen, den Leib des Herrn empfangen könnten, denn jeder mußte für die große, letzte Reife bereit fein; wahrscheinlich war ihnen der Pfarrer vom Himmel selber geschickt worden.

Und der todmüde Greis ging abseits hin und setzte sich auf einen niedrigen Stein. Einer nach dem andern kniete zu ihm, und er hörte ihnen die geringen Sünden ihres kargen Lebens ab. Viele waren steif und ausgemergelt, und es kostete ihnen Anstrengung, beim Hinknien die Beine zu biegen. Die Augen fielen dem Geistlichen zu, aber er zwickte sich in die Hand, damit er wach bleibe. Schon stieg der graue Morgen herauf, da knieten sie aus dem Berge in einer langen Reihe hin, und der Pfarrer legte jedem ein winziges Stück der Hostie auf die Zunge, denn er hatte sie vielfach teilen müssen. Dann stiegen sie wieder zu ihren Steinhäufen hinab, die zu beiden Seiten der Hohlwege aufgeschichtet waren.

Und sie redeten untereinander und zweifelten, ob der Wirt die Fran­zosen auf dem richtigen Wege heraufbringen werde. Es führten auch andere Steige über das Gebirge, auf die keine Steinlawine nieder- drechen würde, und wer geht gern blind in fein Verderben? Wie kann man, fo meinten manche, sich von Felsen erschlagen lassen, die man selbst losbrechen heißt?

Wie gering dachten solche Zweifler von dem schwarzen Nikolaus. Sie sahen nicht, wie er, einem Tiere der Wildnis gleich, seinen geweihten Kerker mit großen Schritten durchmaß, wie er dann, ohne daß fein Fuß auch nur einen verdächtigen Augenblick lang gestockt hätte, den Soldaten voranging. Ja, er hatte sich nicht einmal von seiner Familie verabschiedet, obwohl ihn die Wache zum Wirtshaus geleiten sollte. Er fürchtete, es könnte den Major mißtrauisch machen und er würde noch im letzten Augenblick gegen einen anderen ausgewechselt werden.

Dann stieg er mit einer verbissenen Freude auf den Berg, vor sich den sicheren Tod, denn da schritten zwei Soldaten mit gespanntem Pistol und hatten den Befehl, ihn kurzerhand niederzuknallen, sobald sich der geringste Verdacht regte. Doch nicht die leiseste Angst war ihm anzu­merken denn sonst wären sie ihm nicht mit solchem Gleichmut in die Falle gefolgt.

" wird berichtet, daß von dieser einen Vorhut, die freilich nicht die einzige war, obwohl der schwarze Nikolaus in seinem herrlichen Manns- tum sich benahm, als wäre sie es, auch nicht ein Franzose enttarn, der ben furchtbaren Untergang hätte melden können. Nachfolgende Truppen begruben die Toten, einige Leichen aber ruhten in den Schluchten. Aas­vogel kreisten lange über mehreren Stellen.

®ott wollte nicht, daß der schwarze Nikolaus mit seinen Feinden er­schlagen werde, Gott liebt solch zornige Männer, die sich und das Recht nicht beugen lassen wollen. Die Steine knickten dem Wirt wohl die Beine mehrfach, und zwei Kugeln fuhren in seinen Rücken. Beide dämpfte der dicke Loden, sie steckten nicht so tief, und ein Wundsieber ist für so einen Kiefen nicht mehr, als ein Schnupfen für einen Schmächtigen ...

pa, du hast es verdient, Franz Nikolaus Kraigher, daß deine Grab­tafel an der Kirche eingemauert. Wenn aus den Buchstaben auch der lchwarze Lack längst von tausend Regen ausgewaschen wurde, sie leuchten h«ler und unvergänglicher noch, als wenn sie aus Gold wären.

Bus6»<eu e.

Von L. v. R e p p e r t.

Damals es war etwa zwei Jahre nach Beendigung des Herero- aufftanbes waren der Tierarzt Dr. B und ich sehr befreundet. So oft es mir irgend möglich war, von meiner Farm abzukommen, beteiligte ich mich an feinen Berufsfahrten. Sie führten uns bisweilen weit über Land, und fo hatte ich doppelten Nutzen, indem ich, abgesehen von den Erfahrungen in der Tierarztpraxis, eine genauere Kenntnis des nörd­lichen Teiles der südafrikanischen Kolonie erwarb.

Damals sauste man noch nicht in schnellen Autos umher. Das Haupt­bewegungsmittel für längere Reisen über Land war der Ochsenwagen; wer es eiliger hatte, reifte mit einer Karre, die mit Maultieren, mit Pferden ober auch mit beiden bespannt war. Wir, der Doktor und ich, legten unsere gemeinsamen Wege stets auf einer hochrädrigen Karre zu­rück, die von vier gängigen Mulis gezogen wurde, welche die schönen NamenFeuer",Blitz",Donner" undSchwert" trugen Wir saßen vorn nebeneinander und wechselten uns ab im Führen der Zügel und im Gebrauch derSchwipp" einer langen Peitsche, deren Handhabung man wohl verstehen muß und ohne die das Maultiergespann ebensowenig denkbar ist wie der Ochsenwagen. Der begleitende Bambuse, der Herero Hans, hockte auf dem Rücksitz So hatten wir im Laufe der Zeit gar manchen Kilometer durch unübersichtliches Bufchland, über endlose Step­pen und Sandfelder miteinander zurückgelegt und allerlei sonderbare, bald heitere, bald bedrohliche Erlebnisse gehabt. Das seltsamste und wohl erregendste dieser Erlebnisse will ich hier erzählen

Damals galt unsere gemeinsamePad" eigentlich nur nebenher der Ausübung tierärztlicher Berufspflichten. Es war im Grunde ein Besuch bei den zwei Farmern, die wir aus der von uns geplanten Jagdfahrt nach den Ombotosubergen berührten; dort aber wollten wir eine der zwar kleineren, doch selteneren Berg-Antilopen erlegen, von denen meine Eingeborenen behaupteten, daß sie in dieser Gegend zu finden seien.

Auf der ersten Farm trafen wir überhaupt keinen Menschen an, sie schien ausgestorben zu fein. Auf der zweiten überraschte uns ein gänzlich unafrikanisches Menschengewimmel: man feierte Hochzeit. Diese Hochzeit im einzelnen zu befchreiben, würde zu weit führen; es genügt wohl, wenn ich verrate, daß auch wir uns von dem Zauber dieses unerwar­teten und seltenen Ereignisses einfangen ließen, daß wir reichlich von der dargereichten, mit Kognak aufgefrischten Bowle zu uns nahmen, und daß wir schließlich mit schweren Köpfen einen Tag später, etwa um Mitternacht, unsere Fahrt fortfetzten

Die Fahrt bei hellstem Vollmond ging rasch und gut vorwärts Den Maultieren hatte der Ruhetag gut getan, sie hatten sich ja an den Freu­den der Hochzeit nicht beteiligt. Noch vor Sonnenaufgang langten wir am Fuße der Ombotofu-Serge an. Die Führung durch den ziemlich schwierig zu passierenden Busch hatte einer meiner Eingeborenen, ein Hottentott, den wir diesmal außer dem Bambusen des Doktors als besonders geländekundig und jagdverständig mitgenommen hatten. Wir schickten den Herero Hans mit der Karre weiter an einen jenseits des steil aus dem ebenen Bufchland aufsteigenden Bergrückens gelegenen Platz. Dieser Platz, das Grab eines reichen Hererohäuptlings aus der Zeit vor dem Orlog, in dessen Nähe sich auch eine geheime, nie ver­siegende Wasserstelle befinden sollte, war dem Bambusen des Doktors wohlbekannt.

Dann begann der Einstieg. Das war an sich schon eine mühsame Geschichte durch Gestein und Gestrüpp, natürlich ohne jede Andeutung eines Weges; noch beschwerlicher aber wurde der Weg mit unteren vom Hochzeitstrunk umraudjten Köpfen. Doch es ging, wie schließlich immer alles irgendwie gebt, auch so. Wir kletterten den ganzen Tag in dem Dorn- und Felsgewirr umher, fluchend, schwitzend und von einem kaum überbietbaren Durst geplagt. Der mitgeführte Vorrat an kaltem Tee war längst versiegt; unsere Jagdpassion begann bereits erheblich nachzulassen.

Die Sonne hatte sich schon dem Horizont zugeneigt, als wir auf einem mäßig großen, mitten in dem Quader- und Steingetürm versteckt liegenden, mit hohem gelben Gras bestandenen Plateau anlangten. Plötz­lich sprangen ziemlich dicht vor uns drei Berg-Antilopen auf, die im Schatten eines Felsiiberhanges geruht hatten. Der trockene harte Boden dröhnte hohl vom Aufschlag ihrer Hufe. Ein starker Bulle befand sich unter ihnen. Wie sich später herausstellte, hatten sowohl der Doktor wie auch ich ihn aufs Korn genommen. Die beiden Schüsse, fast gleichzeitig abgefeuert, zerrissen die Stille des einsamen, sonnendurchhitzten Berg­landes. Das Wild überschlug sich, sprang jedoch sogleich wieder auf und verschwand hinter den beiden anderen Antilopen, die in hohen Fluchten bergwärts davongestürmt waren.

Wir machten uns an die Verfolgung, und unser Hottentott nahm als­bald die Fährte des krankgeschossenen Tieres mit der Sicherheit eines Spürhundes auf. Diese zunehmend mit Blut gezeichnete Svur machte einen Bogen und führte erstaunlicherweise der Ebene zu. Wir suchten lange und tarnen tief hinab, vom Glück begünstigt; denn als wir an immer deutlicher werdenden Kennzeichen sahen, daß wir unsere Jagd­beute erreicht haben müßten, sagte Hendrik, daß wir höchstens eine gute halbe Stunde von dem verabredeten Platz am Grabe des Hererohäupt­lings entfernt seien.

Wer beschreibt unser Erstaunen, als wir bei dem verendeten Tier eine Gesellschaft von drei Buschleuten vorfanden, die bereits begonnen hatten, ihm das Fell am Bauche aufzuschneiden. Die Vulchleute waren keineswegs verwundert über unser Erscheinen. Sie grinsten uns mit ihren schmutzigen Wurzelgesichtern an

Der Doktor stieß fürchterliche Flüche aus, welche die kleinen häß­lichen Gnome zurückscheuchten. Doch verharrten sie immer noch in einer Entfernung von wenigen Metern, die begehrlichen Blicke unentwegt auf bas erlegte Tier richtend. Dann begann Hendrik sehr herablassend und großartig er als Hottentott den armseligen, schmutzigen Bulchleuten gegenüber mit ihnen zu sprechen. Doch die Buschleute verstanden ihn nicht ober wollten ihn nicht verstehen.

Da der Doktor ein gutmütiger Mensch war und Humor besaß, sagte