Wir fingen an:
Ln stiller Wehmut, In Sehnsuchtstränen Schmilzt meine Seele —*
aber keines von uns beiden hatte Stimme, es kam zaghaft, gedrückt, schwächlich heraus: keines verführte das andere zum Singen, und so zog es sich dünn und kläglich hin, bis Siddy mitten im Vers abbrach, ohne etwas zu fugen. Ich verstand ihr Aufhören, fragte also nicht, schwieg auch und schaute in den Rhein, der uns rasch mitnahm, dem fernen Städtchen entgegen.
Da hörte Albiez mit einem heftigen Ruderschlage zu rudern auf, sah uns mit bohrenden Blicken an und sagte mit ganz ruhiger Stimme:
Kinder, jetzt muß ich wissen, was euch ist! Schon seit Tagen beobachte ich es: Ihr seid auf einmal beide so freudlos, so still, so — hinterhältig. Was gibt es?'
Ich erschrak, ich fühlte mich rot werden, ich schielte zu Siddy hinüber, ob sie nun sprechen würde; sie aber senkte nach einem flehenden Aufblick zu Albiez den Kopf und errötete tief. Es werde ihr schwer, vor mir zu reden, dachte ich.
Wir müssen, wie wir wortlos und schamrot vor ihm saßen, das Bild eines schuldigen Paares gewesen sein. Er beugte sich noch etwas vor, seine weitofsenen Augen gingen zwischen uns hin und her, stöhnend atmete er aus, so daß er etwas zusammensank, wurde weiß im Gesicht und flüsterte:
,Sol — Sol — Das ist'sst
Er stand plötzlich hoch aufgerichtet im Boot und schaute nach Luft ringend um sich; er blickte mit kaltem Blick von ihr zu mir; er saß schon wieder, mit den Armen sich stützend, auf der Bank, sah gesenkten Kopses vor sich hin und manchmal unter den Brauen hervor auf Siddy und auf mich.
Sie neigte sich vor und mit dem demütigsten Flehen in ihrem lieblichen Gesichte flüsterte sie:
,So ist es nicht! Ludwigl Beruhige dich! Wir wollen —'
.Beruhigen —!‘ unterbrach er sie mit gedämpfter Stimme und um so festerem Ausdrucke:
.Nie! Nie! Versteh, das ist meine tiefste Huldigung für dich!'
,Wir wollen hinüber ans Land!' sagte ich. .Damit wir ruhig reden können!' Wir näherten uns schon den ersten Gärten.
.Hier bleiben wir!' entgegnete er, nach rechts und links blickend. .Hier sind wir unter uns und werden nicht Worte machen.'
Einen Augenblick war es still. Ich wußte, daß er nun unnachgiebig (ei, und überlegte, was ich sagen wollte.
.Uebrigens—' fuhr er fort, .wozu reden! Das Geringste, das ihr mir fagen könnt, wird — ekelhaft fein, und das Schlimmste nicht fchlimmer, als ich jetzt schon fühle!'
Da fuhr ich rasch heraus:
.Ich habe Siddy geküßt, — im Spiel — im Scherz! Und sie schämt sich, es dir zu sagen. Weiter nichts!'
.Weiter nichts —!' wiederholte er und lachte; es sah aber aus, als weinte er. ,3m Spiel —? Und sie schämt sich! — Du aber schämst dich nicht, mir solchen Unsinn zu sagen!'
Ich antwortete nicht. Wir kamen in den stärkeren Strom und mußten nach links hinüber halten; darum griff ich nach dem Ruder, das auf meiner Seite neben dem Boote durchs Wasser schleifte. Albiez aber kam mir flink zuvor, packte die Ruder und holte zum Rudern aus, ruderte aber nicht, sondern hob die Ruder aus den Pflöcken, öffnete die Hände, und die Ruder sanken in den Strom.
Einen Moment war ich starr vor Entsetzen; denn ich begriff.
.Mensch!' rief ich. .Komm zu dir! Laß mich allein büßen! Befiehl mir nachher in den Laufen zu springen! Ich tu’ es.'
Er verzog das Gesicht, als röche er etwas Unangenehmes, und erwiderte:
,Und dann — Siddy und ich — heiraten? — Oder — nicht heiraten? — Was du für möglich hältst!'
Da erhob sich Siddy neben mir, leicht glitt ihre weiße Gestalt hinüber zur andern Bank; Albiez machte ihr Platz, und sie setzte sich neben ihn. Sie ergriff feine Hand und sagte:
.Laß mir deine Hand! Ich habe ein Recht auf sie. Ich habe nie an einen andern gedacht.'
Er küßte ihre Hand und erwiderte:
,Jch glaub es dir. Aber sieh, — im Leben würde ich es nie haben glauben können.'
Wir glitten an feinem Elternhaufe entlang; er schien nicht darauf zu achten. Ich ergriff eines der Bodenbretter, um notdürftig damit zu steuern. Albiez trat mit dem Fuße darauf.
.Laß!' schrie ich. .Wenn wir durchkommen, wirst du uns glauben!' Und ich riß das Brett unter seinem Fuß weg.
Er lächelte.
Nun ging es schon jählings der Brücke zu, und da und dort schrien entsetzte Leute. Ich steuerte mit dem Brette, damit wir womöglich neben der Roten Fluh oorbeikämen und so wenigstens die winzige Möglichkeit hätten, vom Wasser durchgetragen zu werden.
Die beiden saßen Hand in Hand da, rückwärts fahrend. Wir sausten am letzten Hause vorbei, schossen unter der Brücke durch und wie durch ein Riesentor hinein in ein großes Brausen. Das sog, preßte sich durch alle Poren in uns hinein, lähmte uns, schied uns ab.
Bisher war es mir gelungen, das Boot auf der linken Seite des Stromes zu halten, oder es schien mir wenigstens so; nun gehorchte es mir nicht mehr und sprang auf den hart stoßenden Wellen schaukelnd vorwärts. Das Brett wurde mir aus der Hand gerissen. Ich klammerte mich fest und lauerte gespannt auf den Moment, der mich in diesem atemraubenden, betäubenden weißen Getöse vollends überwältigen wollte. Ludwig und Siddy hatten einander mit je einem Arm umschlungen, hielten sich mit der freien Hand an der Bank und schauten mir
mit Blicken entgegen, die nichts Aeußeres mehr zu sehen schienen, und sie wurden vor meinen Augen aus- und nieder- und hin- und hergeschüttelt in dem stäubenden Schaume.
Nun machte das Boot zwei große Sätze und prallte dabei hart ab, als wären die Wellen von Eis. Nun hob sich das Ende des Kahnes mit mir in die Luft, ich sah das andere Ende in den Gischt einbringen, sah Siddy und Albiez auffahren und sich umfassen, sah beide in der brodelnden weißen Masse versinken, — und war vom Sitze abgeglitten, hatte, Halt suchend, mich mit beiden Armen an der Bank festgehakt und wurde so hängend wie in einem aufrechten offenen Sarge weitergetragen, auf dem rasenden Wasser dahin, das über Siddy und Albiez hergefallen war und hinstampfte und meine Füße mit Schaum bespie. Der Nachen bebte und zuckte von der pressenden Arbeit der Wellen, ich stierte hinab, und von jedem Austrieb und Aufquellen und Auffchäumen erwartete ich die Freunde zurück und erwartete ich den eigenen Untergang. Nun schwankte das Boot, ich war gefaßt, von ihm zugedeckt zu werden; aber es fiel rückwärts und schnellte mich von sich. Ich wurde weitergerissen — ich traf den Kahn wieder — ich hängte mich an ihn, und nun war es ja kein Wunder, daß ich unten an Land tarn.
Ich. Allein."
Oorfkirche im Schnee.
Von Ernst Rink.
Wer dich gekannt in sommerlich durchglühten Tagen, Als rankes Weinlaub dich nur sanft zu kosen wagte, Als sich die Sonne brach in Seinen bunten Scheiben Und heiter in des Himmels Blau der Turmhahn ragte.
Der steht zutiefst ergriffen vor der lichten Anmut, Mit der des Winters sonst so harte Hand dich schmückte: Bis an die Fenster reicht der Schnee und läßt nur ahnen Des Chores schlichte Form, die mich so oft beglückte.
Verschlafen träumt der Turm in einer weißen Haube, Die helle Glocke teilt die Stunden heute leise — Doch welches Leben ist erwacht? Auf einem Zeiger Der alten Dorfuhr plustert keck sich eine Meise.
Das war Nikolaus, der Mann.
Von Josef Friedrich Perkoni g.
An der Kirchenmauer von Sankt Martin fand ich noch den Stein mit der bleichen Schrift, der schwarze Lack ist längst von tausend Regengüssen ausgewaschen und niemand mehr lebt von der Familie Kraigher, daß er die schwarzen Buchstaben erneuern könnte. So muß man denn ganz nahe herantreten, um die Inschrift zu lesen: „Hier ruhet in Gott Franz Nikolaus Kraigher, Besitzer und Wirt, geboren 23. Oktober 1745, gestorben 9. März 1833 eines christlichen Todes, Herr, schenk ihm die ewige Ruhe und lasse ihn auferstehen in deiner Herrlichkeit!"
Dieses Datum des Todes ist es, das mich das Grab des wahrhaften Mannes suchen ließ, von den Legenden in der Gegend noch erzählen, während die Pfarrchroniken und Kirchenbücher, die über ihn berichten könnten, bei Bränden zerstört worden sind, doch so wunderbar hartnäckig erhält sich die Erinnerung an einen Prachtkerl, daß mir alte Leute noch in der Gemeinde mit Sicherheit zu sagen wußten, gerade heuer wären es hundert Jahre, seit der schwarze Nikolaus tot fei, und der Stein wäre an der Kirchenmauer nach zu finden, ewig wird er dort sein, denn er ist eingemauert, und es mühte schon ein Erdbeben kommen, bas die Kirche einstürzen ließe, das aber tut der Herrgott nicht, behaupten die Leute...
Die Gebeine des schwarzen Nikolaus freilich, wo mögen die nur fein? Sein Grab ist, weih der Himmel wie oft, umgegraben worden, andere Menschen, mit denen er und sein Name nichts gemein haben, schlafen in der Grude. Ja, im Dorf muß man mit der Erde sparen, der Kirchhof ist klein und die Schläfer müssen schon eng jufammenrürfen; aber sie sind es ja von der Kirche und vom Wirtshaus her gewohnt. Vielleicht liegt ein Schädel noch in dem grausigen Haufen von Totengebein unten im Karner, es sind mächtige Schädel darunter, und einer von ihnen könnte schon jener des dickköpfigen Wirtes und Bauern fein, den sie den schwarzen Nikolaus hießen, denn fein Haar soll kohlschwarz gewesen fein, und es wuchs ihm tief in die Wangen und Stirne herein und an den Handrücken hinab. Und auch sein Auge war finster wie die Nacht, die Kinder wendeten ihr Gesicht von ihm fort ober fingen wohl auch an jämmerlich zu meinen. So ein orbentlicher Mann hat eben kein Puppengesicht, unb Hänbe, bie ben Pflug führen ober ein volles Weinfaß in ben Keller hinabrollen, können nicht klein unb fein fein wie bie Pfoten einer Jungfer.
Er hätte eigentlich früh sterben müssen, wenn Gott es nicht gewollt hätte, baß er Deutschlanb roieber frei unb blütjenb sehen sollte. Lange genug hat er mit anberen auf einer Branbstatt getrauert, unb ber Himmel konnte nicht wollen, baß solch heiliger Zorn, wie er ihn mit sich herum- trug, umsonst gewesen fein sollte.
Von solchem Wunber nun, wie ber riesenhafte Mensch aufgespart würbe, erzählten mir noch alte Leute, ehe ich hinging, um bie verwaschene Steintafel zu suchen.
Das war bamals, als ber französische Marschall Massena gegen Kärnten heranrückte, unb gleich hinter ihm kam Napoleon. Die Vorhut erreichte eines Abenbs am süblichen Abhang bes Gebirges ein Dorf, in bem schon alle Leute schliefen. Sie hatten von bem Anmarsch ber Feinbe wohl Winb bekommen, benn bie Hirten liefen von ben nahen Almen herab unb melbeten am späten Nachmittag, baß sie Soldaten in der Ferne gesehen hatten. Aber bie Dörfler, aufgeroiegelt von bem schwarzen Nikolaus, bem bie Pest lieber war als bie Franzosen, wollten beren Durchzug scheinheilig verschlafen. Da stellte ber französische Offizier, ber bie Vorhut befehligte, drei Trommler vor bie Kirche hin, unb sie schlugen


