Ausgabe 
20.1.1936
 
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Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <936

Montag, ben 20. Januar

Nummer 6

Oer Laufen.

Erzählung von Emil Strauß

Copyright 1930 by Albert Langen / Georg Müller Verlag, München ' (Schluß.)

.Nicht daran denken wiederholte sie langsam, als steckte in den paar Worten ein Problem. Dann blickte sie mich mit rührend schönem, tröstendem Lächeln an und sprach mi1 bewegter Stimme: ,Also, leb wohl, Rudi! Du bist ein zu dummer und leichter Gesell für ernsthafte Leute!' Sie ließ ihr Auge noch eine Weile auf mir, dann nickte sie und ging, ohne mir die Hand zu reichen, auf das Haus zu Noch längere Zeit sah ich sie dort nachdenklich hin- und herfchreiten, ehe sie in das Haus trat.

So übertrieben mir erst ihr Auffchrecken erschienen war, so ergriffen war ich nun, und trotz aller Neigung, den Vorfall leicht zu nehmen, mußte ich über ihn und Siddys ernste Auffassung nachgrübeln. Ich für mein Teil wäre am liebsten zu Albiez gegangen und hätte von dem Kühlem in Ehren berichtet; aber freilich: mußte es berichtet werden, so war es Siddys Sache. Und wenn Albiez nun wirklich fo empfindlich, wie Siddy annahm, oder gar mißtrauisch war, wie auf aller Welt konnte man ihn dann von der Harmlosigkeit überzeugen! Da war Schweigen vielleicht schon das klügste.

Wir hatten nun Abschied genommen; aber so ernst und endgültig er von Siddy gemeint mochte, er trennte uns nicht. Ich fiel alsbald in die Trunkenheit des Kusses zurück, ich würde den Abschied trotz allem zehn­tausendmal wiederholt haben. Meinen Freund empfand ich gar nicht als Hindernis. Der Kuß hatte mir jene Gärung ins Blut geworfen, die unsere Begriffe sprengt, die plötzlich alle scheinbar festgelegten und ein- gcfahrenen Bahnen und Wege unseres Charakters unterwühlt und ver- schwemmt, in der uns Lug und Trug, Gewalttat und Verbrechen leicht und verführerisch werden, die uns als entscheidende Probe zu Schurken oder Narren oder Männern läutert. Ich mied Siddy nicht. Mehr als je lief ich ihr in den Weg. Und zu meiner Ueberrafchung wich auch sie mir keineswegs aus. Ihren Zustand kann ich natürlich nur vermuten, nur ausdeuten. Vielleicht war er auch ganz anders. Ich sah sie und Albiez immer nur in unzweideutigem Glück, in Ruhe, Heiterkeit, gegen­seitigem Verständnis und bin Überzeugt davon, daß ich für Siddy nur als ihr alter Gespiel in Betracht kam, gegen den sich ihre Spannung in harmlosem Tummeln lösen konnte. Der Kuß nun war nicht nur von mir erbeutet, sondern auch von ihr gegeben. Obschon überrascht, küßte sie herzhaft und kundig. Im nächsten Augenblick aber mag es sie durchzuckt haben, daß ich ja nicht ihr Liebster und daß also ihr Kuß, dieser hin­gegebene Kuß eine Verirrung, ein Verrat, eine Abscheulichkeit sei, deren sie sich schmerzlich schämte, vor sich selbst, vor mir und gar vor Albiez. Da sie das strenge Fühlen ihres Verlobten kannte, ja, teilte, so sand sie zunächst nicht die nötige Leichtigkeit, sich gegen ihn auszu­sprechen, und ihre Unsicherheit wuchs von Tag zu Tag. In ihrer Hilf­losigkeit drängte es sie wieder zu mir, den sie hatte meiden wollen, zu dem Gewalttäter, gerade als könnte sie bei mir Schutz und Hilfe finden. Aber unser Beisammensein war einsilbig, gedrückt, trostlos.

So ging es einige Tage. Nur einmal sprach sie aus, was sie bewegte, indem sie, den gesenkten Kopf schüttelnd, flüsterte:

.Ich kann es ihm nicht sagen!'

Da fühlte ich mich so schuldig, daß ich rief:

.Ich reife morgen ab! Dann denkst du nicht mehr daran.'

,Ö nein!' erwiderte sie. .Das wäre gefehlt; denn ich muß es ihm sagen.'

Ich sah ein, daß sie es nicht über sich gewinnen würde. Darum nahm ich mir vor, bei nächster Gelegenheit den Albiez zu fragen, ob mir seine Braut zum Abschied einen Kuh geben dürfte wie in früheren Zeiten. So dachte ich, den verübten Schaden wieder gutzumachen. Aber seltsam, ich fand die Unbefangenheit des Wortes auch nicht und verschob es von einem auf das andere Mal.

Diese geheime Absicht machte mich nun auch dem Freunde gegenüber nachdenklich und einsilbig, und diesem Umstand schrieb ich es zu, daß er mich einige Male auffallend ernst und forschend anblickte.

,Du wirst langweilig, mein Sohn', warf er einmal hin, .und steckst mir die Siddy auch noch an.'

So vergingen vier, fünf Tage. Da fragte er nachmittags, als ich zum Kaffee in den Garten gekommen war und unbehaglich herumstand oder hin- und herzappelte, ob ich nicht mit ihm und feiner Braut eine Kahnfahrt machen wollte. Ich war's zufrieden, ja, ich drängte, früher zu gehen, denn es war mir eine Erlösung aus dieser Unterbundenheit, wenn nur irgend etwas geschah ober von mir verlangt wurde. Albiez aber

wollte die Nachmittagshitze vorbeigehen lassen, und so machten wir uns erst auf den Weg, als die Sonne schon tief stand.

Die Feldsbank, die unter der Brücke her dem Rhein den halben Weg verlegt, staut oberhalb auf der Schweizer Seite eine Bucht ruhigeren Wassers an und drängt meistens am Ufer eine Gegenströmung hinauf. Mit dieser kann man ein gutes Stück bequem rheinaufwärts, über den Bereich des Gefälles hinaus in den stilleren Fluß. Auf dem Rückweg handelt es sich bann nur barum, beizeiten aus ber rascher roerbenben Strömung ab-- unb in bie Bucht einzulenken; sonst gerät man in ben Laufen.

Ich ruberte, Albiez unb Sidby saßen mir gegenüber, gaben mir ge­legentlich einen Wink für bie Steuerung, unb wir sprachen Zufälliges über bie Häuser, an benen wir vorbeifuhren.

.Das finb beine Fenster, Ludwig', sagte Siddy, über das Wasser deutend. Sie standen weit offen und zeigten nur dunkle Vierecke.

.Wie trostlos', sprach er hinaufschauend, .kommt einem doch die eigene liebe Bude vor, wenn man so dran vorbeigeht und sie so offen und leer sieht!'

.Deine Mutter ist unten am Fenster, schau!' sagte Siddy und winkte mit ihrem roten Sonnenschirm; und nun erhoben wir unsere Stimmen und riefen: .Juhu'. Die Frau grüßte und drohte dann mit dem Finger, als wollte sie sagen: Gebt acht!

So tarnen wir über die Häuser und Gärten hinauf.

Es war ein heißer Varherbsttag, der Himmel dunstblau mit wenigen verzogenen Wolken der Art, die man nicht mehr findet, wenn man nach fünf iDlinuten wieder hinschaut. Auch die Luft war etwas dunstig und ließ mir die Stadt und die Brücke und die Höhen, auf die ich zurück­blickte, fast unwirklich erscheinen, als sähe ich das Ganze in einem Spiegel. Und die Luft war so still, daß die Blätter, die sich von den Bäumen lösten, zögernd und schwankend und taumelnd niedersanken. Und das Brausen der Stromschnelle war nur noch wie ein leises Sieben in ber Luft. Es wurde still zwischen uns.

Da fing Siddy an zu sprechen unb sprach mit spürbarer Ruhelosig­keit unaufhörlich, von einem Ding zum andern springend. Ich fühlte, daß sie nur die ängstliche Zeit ausfüllen und ihren Verlobten hindern wollte, zu sagen: Siddy, du hast mich betrogen! Du hast den Rudi geküßt!

Und hier in dieser Abgelöstheit nur mit ben beiben Menschen zu­sammen, bie ich gekränkt hatte, unter bem unenblidjen Himmel, auf bem klaren Strom zwischen ben stillen Ufern, gegenüber bem gequälten Mäb- chen unb bem ahnungslosen Freund erschien ich mir plötzlich treulos unb schamlos unb schlecht. Als wären nur wir brei Menschen auf ber Welt unb als hätte jede Regung Schicksalswucht, empfanb unb wog ich nun mein unb Siddys Treiben mit der schärfsten Empfindlichkeit und erkannte es als unverzeihlich. Ich hörte nicht mehr auf die beiden. Ich ruderte mit Wut, als könnte ich dadurch diesen Gedanken und Verhältnissen ent­fliehen; ich dachte: ins Wasser springen, ans Land schwimmen, auf Nimmerwiedersehen davon!

Ich schrak auf, da Albiez rief:

.Rudi! Hörst du denn nicht?! Laß mich jetzt rudern, du schindest dich ja! Aber sachte!'

Ich war so erregt, daß ich kaum die zwei Schritte zur andern Bank leisten konnte und fast über Bord getaumelt wäre. Nun saß ich neben dem Mädchen und sagte, um etwas zu sagen:

.Ein Blödsinn, so zu rudern! Ich bin ganz außer Atem!'

.Wenn du wieder bei Atem bist, könntet ihr fingen!' meinte Albiez, indem er gelassen ruderte. Er blickte bald, sich umroenbenb, in der Fahrt­richtung, bald nach den Ufern, bald nach Siddy und mir. Sie sah meistens zur Seite ins Wasser, und ich glaube, sie vermied feinen Blick; mir wenigstens war nie wohl zumute, wenn sein und mein Auge einander trafen, und ich hielt ihm nicht stand.

.Jetzt werd' ich wenden', sagte er nach einer Weile. .Die Sonne steht gerade auf dem Schwarzwald auf; ihr könnt ihr noch rasch etwas fingen, ehe sie dahinter versinkt!'

Es war in diesen Wochen nämlich auch wieder aufqetommen, daß wir abends im Garten oder auf dem Feld miteinander fangen; manch­mal machten noch die Geschwister mit. drei-, vierstimmig; ost auch nur Siddy und ich, und unsere Stimmen klangen gut zusammen.

.Was sollen wir fingen?' fragte ich sie, die mich nur kurz an- schaute und wiederholte: .Ja, was?'

.Nun, irgend eines! Die Lorelei oder Morgen muß ich fort von hier', schlug ich vor.

,Ach nein! Die sind ja so traurig!'

.Ich habe zwar noch nie ein Lied traurig empfunden, wenn es schön war aber was denn?'

.Singt in Gottes Namen ben Schwarzen Walfisch!' rief Albiez lachenb. .Nein, um Gottes willen nicht! Singt doch bas schöne, das ihr letzthin auf bem Ebenen Berg gesungen habt, bas von Haybn. .An bie Freunb- fchaft'.