Ausgabe 
19.10.1936
 
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Herbst.

Von Theodor Fontane.

Schon mischt sich Rot in der Blätter Grün, Reseden und Astern sind im Verblühn, Die Trauben geschnitten, der Hafer gemäht, Der Herbst ist da, das Jahr wird spat.

Und doch (ob Herbst auch) die Sonne glüht

Weg drum mit der Schwermut aus deinem Gemüt! Banne die Sorge, genieße, was frommt, Eh' Stille, Schnee und Winter kommt.

Sturmflug nach Alaska.

Von Friedrich Schnack.

Postflieger Stanley war in Telegraph LreeK stationiert, einem kleinen Ort in dem kanadischen Territorium Britisch-Kolumbien an der Küste. Er steuerte ein Wasserflugzeug und hatte die Strecke über die Kaskadenberge und die Höhe der (Sooft Range südwärts zu befliegen, die an der Zieistation aus den Staaten zusammenrinnende Post in Empfang zu nehmen und nach Norden zu befördern. Man war :m Auault. Stanley war um Mittag von einem Postslug zuruckgekehrt. Für kick selber hatte er diesmal Briefe von daheim mit, aus San Franzisko, wo feine Eltern lebten und Helen, feine Braut. Auch zwei Kistchen waren für ihn dabei, Geburtstagsangebinde er war heute funfund- dreihiq geworden. , .,,

Nun faß er in seiner Stube und las die Nachrichten und packte aus. Helen hatte ihm Zigaretten, Konserven, Wein und Whisky geschickt die Mutter bedachte ihn mit Kleinigkeiten und warmem Zeug sür den nahen­den Herbst. Gute Sachen, die konnte man gebrauchen. Nun, Helens Flaschen würden nicht lange aufgespart werden: mit seinen Kameraden von der Station wollte er heute abend feiern. Beinahe, siel ihm ein, hätte er zu dem einen einen zweiten Gedenktag gehabt: im Dienst der Gesellschaft war er heute von seinem vierhundertneunundneunzigsten Flug zurückgekommen, einer fehlte am vollen Halbtausend.

Soeben hatte er Helens Brief gelesen, da pochte es an der Tur, und herein polterte Morren, der erste Telegraphist der Station.

Du mußt sofort starten!" rief er.

Mach keinen Unsinn, Morren!" erwiderte Stanley.Heute an meinem Geburtstag!" , ,, £ , nr

Morren reichte dem Flieger die Morsenachricht. Stanley las:An Aviator Telegraph Creek. Mine nördlich Mountain McKinley Jukon- River 150 Länge erbittet dringend Flugzeug für Schwerverletzten nach White Börse da Lebensgefahr. SOS empfing Bell in Edmonton, School­street 18." ,

Stanley überlegte. Klare Sache. Ein Funkamateur hatte den Hilfe­ruf aufgefangen und hierhergegeben, wo er ein Flugzeug wußte. Heller Junge! Aber... Mein Gott! Das Goldgräbergebiet lag am Jukonfluß in Alaska. Suchend überflog fein Blick die große Wandkarte. Das Felfen- gebirge zog gleich einem steinernen Rückgrat hinauf zum Jnselfchweif der Aleuten. Eine lange Strecke, mit Rückflug an einem Tag nicht zu bewäl­tigen. Da wurde nichts aus der Geburtstagsfeier. Sein Blick hielt am Jukonfluß und dem 150. Grad. Irgendwo dort muhte die Mine liegen. Verwünscht! Jedoch: ein Mensch in Gefahr!

Allright! sagte Stanley zu Morren.Feiert ohne mich! Die Flaschen stehen bereit! Will euch das Vergnügen nicht stören!" Und er schlüpfte in feinen Fliegeranzug.Nun hab ich doch meinen fünfhundertsten Flug, Morren. Werde die Sache schnell abmachen!"

Und schon eilte der Flieger hinaus, vom Ruf seines Freundes:Gute Fahrt!" begleitet, der ihm nachblickte und daran dachte, wie oft schon Stanley Rettungsflüge ausgeführt hatte. Was mochte es heute wieder geben.

Stanley, der zur Bucht gegangen war, wo fein Flugzeug wasserte, schaffte alles Nötige und eine schmale Bahre in die Kabine; nach kaum zehn Minuten flog er ab. Morren sah das Flugzeug in nördlicher Richtung verschwinden und begab sich zu seinem Morseticker, um dem Funkamateur in Edmonton in der Schoolstreet zu antworten:Post- flieger Stanley zur Mine unterwegs. Danke Telegraph Creek".

Stanley folgte indessen dem Ufer, die Fläche des Meeres unter sich in der Tiefe. Bald überschnitt er im Aufwind die Küste und flog landein über Grasland und Steppe, dem Felsengebirge entgegen, lieber Steil- hängen und Höhen entfalteten sich ungeheure Waldungen, aus denen die Riffe der Gipfel hervorbrachen. Er schraubte seine Maschine empor, lieber den höheren Gebirgslagen stand Regen. Merkwürdig stahlblau ver­dunkelte sich im Norden der Himmel der Anblick bereitete dem er­fahrenen Flieger Unbehagen. Da war Sturm auf dem Anmarsch, schwere Stunden mußten kommen. Er dachte zugleich an den anderen Sturm, als er vor Jahren drüben im Osten im Dienst der East Telegraph Company stand. Damals, es war Winter, befand er sich auf einem Rettungsflug in der Nähe des Großen Bärensees. Er hatte fünf kranke Indianer in feinemfliegenden Krankenwagen" einer hatte Hände und Füße erfroren, und ein Jndianermädel, die kleine 15jährige Ahalani, war von wilden Hunden übet zugerichtet worden. Er war in die Aus­strahlung eines Sturmwirbels geraten, der mit Blitzgefchwindigkeit dem Süden zuraste. Fast die ganze Nacht war er zwischen Himmel und Erde umhergelchleudert worden, ehe er am Morgen sicher feine Kranken in das Missionskrankenhaus bringen konnte. Auch diesmals mußte es gelingen.

Aus den Schluchten des Gebirges rollten die Nebelfchwaden, gleich­sam von einem ungeheuren Besen herausgefegt, der die Grate blank peitsibte. Das Nordgebiet jagte ihm seine schweren Wetter entgegen, die das Flug'eua wie eine Mücke auf- und niederianzen ließen. Mühselig arbeitete sich Stanley über die Rockies, mit voller Motorkraft immer

steil aufwärts steigend, damit er nicht in den Kämmen und Zinnen zer­schellte. Und der Sturm wurde zum Orkan. Jeder Augenblick konnte dem Flieger zum Verhängnis werden ...

Während Stanley mit dem entsetzlichen Orkan kämpfte, war in der Station der Funkruf eines zweiten Amateurs aufgefangen worden. Stanleys Braut Helen, die mit Stanley eine Funkverbindung unterhielt, hatte ihn gesandt. Es war die gleiche Meldung wie die aus Edmonton. Morren funkte zurück:Stanley bereits unterwegs, Gruß Morren!"

Noch war das letzte Wort nicht im Aether, da meldete der Morse­schreiber die Wetterlage:Orkanartiger Sturm nordöstlich. Gewitter und schwere Regenfälle. Gegen neun Uhr abends rief wieder der Mann in Edmonton.Camp Jukon erbittet neuerdings Flughilfe, sonst Rettung unmöglich. Stanley noch nicht eigetroffen ..."

Was?!" rief Morren,Stanley noch nicht gelandet?" Er hatte jedoch keine Zeit, die Nachricht zu bedenken, denn abermals meldete sich Helen. Sie wiederholte den SOS-Ruf aus Klondyke und erkundigte sich nach Stanleys Position. Morren verwünschte alle Amateure.Positton unbekannt", antwortete er,Flugzeug ohne Sendeanlage. Kein Grund zur Beunruhigung!..." und fügte hinzu:Anflug durch Wetterlage ver­zögert".

Der Rufer im Norden hatte nicht nur den Mann in Edmonton und Helen, das ganze Land hatte er nervös gemacht. Beständig liefen nun Anfragen ein:Wo ist Stanley? ... Position? ... Wo ist der Rettungs­flieger? ... Wann aufgeftiegen? Wo ist Stanley?"

Zum Kuckuck? Was kümmerten sich die Leute um Stanley, einen der besten Flieger in den Staaten?!

Wissen möchte ich übrigens auch, wo er steckt!" sagte Morren zum zweiten Telegraphisten Faulkner.Ob ihm etwas zugestoßen fein mag?"

Der andere schüttelte den Kopf. Schwierige Rettungsflüge seien Stan­leys Spezialität. Nur keine Angst um ihn ...!

Als Helens erster Anruf eintraf, tag Stanley hoch über den Rockies, über deren Grate der Orkan hinbrauste. Wie lange würde die Maschine dem Rasen noch standhalten? Er mußte schleunigst eine Notlandung ver­suchen. Mit Aufwendung aller seiner Steuerkünste gelang es ihm, knapp vor Nacht niederzugehen und auf einem Hochsee zu wassern. Die Ein­samkeit umheulte ihn aber er schlief auf seinem Steuersitz. Am Morgen konnte Stanley weiterfliegen. Am Mittag erreichte er die 150. Länge, das Goldgräbergebiet, die Nordabhänge des Mc Kinley, Alaskas höchsten Berg, und da, endlich! Am Rand eines schmalen, doch langgestreckten Stausees gewahrte er eine graue Rauchsäule. Und nun stürzten auch Männer aus einem Felseinschnitt ein paar ruhige Hand­griffe: glücklich landete er.

Lebt er noch?" war feine erste Frage.Noch!" antworteten ihm die rauhen Männerstimmen. Und nun erfuhr er auch, daß ein Pelz­jäger im Nachbartal auf feinem kleinen Sender den Hilferuf in die Welt gejagt, und Stanley konnte berichten, wie der Ruf ihn erpeicht hatte. Das war ebenso einfach wie wunderbar.

Eine Sprengung hatte dem Goldgräber Frazer Gesicht und Ober­körper verbrannt. Nur durch schnelle Ueberführung in ein Krankenhaus würde ihm noch Hilfe werden. White Korse, die nächste Klinik, lag über 500 Kilometer entfernt. Unmöglich wäre es gewesen, ihn etwa dorthin zu tragen, über Flüsse, durch Urwälder, über Gebirge.

Während Stanley hastig eine Mahlzeit zu sich nahm und die Ma­schine überprüfte, trugen die Goldgräber ihren Kameraden zur Kabine. Stanley riemte ihn vorsichtig auf der schmalen Bahre fest. Dann warf er den Motor an und fort! dem White-Korse-Paß entgegen.

Kaum hing Stanley eine halbe Stunde unter dem Himmel, als aber­mals ein gewaltiges Unwetter losbrach. Sanft steigend, um nicht den Kranken zu erschüttern, schob sich Stanley behutsam höher und höher. Würde er die Wetterwand überklettern können?

Vor seinem Start hatte er einen Mann zu dem Pelzjäger geschickt, mit der Bitte, nach Süden Ankunft und Abfahrt seines Flugzeuges zu melden. Ader vergeblich roartete man auf den Stationen. Was, um Himmels willen, war mit Stanley geschehen? Alle Stunden rief Helen an. Der Telegraphist hatte sich mit White Korse in Verbindung gesetzt, doch war Stanley nicht auf dem Landungsbecken des Flughafens ein­getroffen. Eine kleine Station im Goldgräbergebiet wurde mehrfach an­gestrahlt, antwortete aber nicht. Als Stanley auch bei Anbruch der Nacht nicht in White Korse angekommen war, wuchs die Unruhe erst recht.

Er konnte dies nicht ahnen. Er mußte sich zu einer abermaligen Not­landung entschließen. Während die Blitze die Tragflächen umfuntelten, ging er nieder und brauste mitten in einen See des wasserreichen Ge­birgslandes.

Frazer tag in schmerzhaftem Dämmerzustand. Stanley flößte ihm kalten Tee ein. Die Stunden verrannen... Um fünf Uhr früh weckte ihn auf dem Führersitz der Schrei eines Raubvogels über dem See. Da schwang sich das Flugzeug dem Vogel gleich in die Lüfte. Mit Höchst­geschwindigkeit zog es nach White Korse und landete glatt. Der Gold­gräber wurde sogleich in die Klinik gefahren.

Stanley in White Korse wohlbehalten eingetroffen!" meldete die Station nach Telegraph Creek.Glückwunsch dem Darmherzigkeits­flieger!" wurde zurückgedrahtet. Und von allen Seiten Kanadas wurde der Glückwunsch ausgenommen.

Und der Kranke?" erkundigte sich Stanley.

Es war die allerhöchste Zeit!" lautete die Antwort aus dem Hospital.Der Pattent wird wohl durchkommen!"

Als Stanley nach dem Rückflug in Telegraph Creek feine Stube be­trat, fand er auf dem Tisch Wein und Whisky unberührt. Die Freunde hatten nicht ohne chn gefeiert. Er war gerührt, wurde aber in feinem freundlichen Gedankengang durch feinen Empfänger unterbrochen, der Summzeichen vernehmen ließ.Wer ruft? Hoffentlich nicht schon wieder ein Rettungsflug!"

Da waren es die Rufe Helens, feiner Braut in San Franzisko, die ihm zärtliche Grüße sandte.

iSerantwortlich; Dr. Hans Thyriot. Druck und Deriag: Drühl'fche Univers itäts»Buch« und Steindruckerei. R. Lange. Gieße«.