An den Wurzeln.
Aon Josef Weinheber.
Schicksal: Keines umsonst, das aus den Müttern stammt; und vergeblich nur eins ohne dies Irdische.
Denn daß bleibe der Mensch und dauere, tragen die Mütter es.
Klebt am Lorbeer nicht Blut? Zündet nicht Ruhm den Brand, der die Erde zerstört? Aber den Müttern bleibt still zu sühnen den Frevel und ihr Schoß, von dem Makel frei.
Wie denn lebten sie sonst über den Tod hinaus, länger als chre Frucht: als die Gefallenen?
Ewiger Mut zum Verluste nährt das wilde Bereich der Tat.
Nicht die Brüste allein, nicht der bereite Mund;
das Erfüllte zutiefst: Waage, ein schwebend Sein sind die Mütter; sind Brot und Krug, und Stille und Traum und Grab.
Immer säen sie groß aus unser nacktes Herz, daß es leide und lern. Unbeirrt schreitend hin, heftig über den Acker
Erde, wie meine eigne schritt.
Wollen Götter ein Volk strafen, so fügen sie, daß ein irres Geschlecht seinen Beginn verwirft: Kron und Leiden der Mütter.
Dies ist Nacht. Und es fällt dahin.
Ein Besuch bei Wilhelm von Scholz.
Von Paul Joseph Cremers.
Diese Meersburger Tage waren schön. Es waren nur wenige Tage, aber sie schienen reicher zu sein im Erlebnis als eine lange Reihe vieler anderer. Jeden Morgen stieg die Sonne über einer dunstversponnenen Bodenseelandschaft hoch. Allmählich erst lösten sich die Ufer und fernen Gebirge aus der verhangenen Frühe, alles immer noch wie mit einem Silberstist gegen den Horizont gezeichnet. Und um Mittag stand dann das strahlende Gestirn über einer reinen Welt, die in heißen satten Farben ihre unverhüllte Schönheit preisgab. Tiefschwarze Schatten warf das ruhmreiche Gemäuer der alten Felsenstadt zwischen die gleißende Mittagsglut der engen Straßen. Ueppig prangte das vorsommerliche Grün der Uferbäume an den hellen Hausreihen entlang, es löste sich zu einem weiten schattigen Park nahe beim Strandbad, kletterte die Weinberge hoch und umschlang rundum wie mit einem verliebten Arm das ganze Bild der Stadt. Durch die bleigrau-grünen Wasser des Ses zogen die neuen weißen Schiffe, blitzend vor blanker Helligkeit.
Das Wasser war beständig wie nie zuvor in diesem Jahr. Aber dafür wurde es von Tag zu Tag immer heißer. Hans Franck, den ich bei dichterischer Arbeit am Schweriner See seiner mecklenburgischen Heimat wähnte, suchte genau wie ich denselben abendkllhlen Garten auf, in dem er mir plötzlich und unerwartet gegenübersaß. Er trieb hier in Meersburg Studien zu einem neuen Roman und versuchte mit freundschaftlichem Eifer auch mich tagsüber in kulturforschende Bewegung zu bringen. Vergeblich. Ich mußte ihn sehr enttäuschen. Was ich verschwieg: ich war bereits einmal und noch einmal zur Burg hinaufgestiegen und hatte schweigend und erschüttert in dem Zimmer lange gestanden, in dem die große Annette von Droste-Hülshofs gestorben war. Der verklungene Traum ihrer Lieder, die karge, seligarme Einsamkeit dieser vom Genius verlassenen Stätte verfolgte mein Gefühl ohne Unterlaß. Danach hatte Meersburg mir nichts mehr zu bieten, auch nichts, was mit Annette in Beziehung stand.
Nur eins unternahm ich, und ich bin glücklich, daß ich es tat. Ich ging ins Postamt und rief nach Konstanz hinüber, ob ich Herrn Dr. von Scholz sprechen könne. Man fragte nach meinem Namen, ich muhte warten, es hieß, der Herr Doktor sei im Garten. Dann hörte ich die mir unbekannte Stimme Wilhelm von Scholzens, die mit einer so vollendeten Liebenswürdigkeit zu mir herüberkam, daß ich noch am Nachmittag der Einladung folgte und hinüberfuhr.
Von der Stadt selbst sahen wir nichts. Die große Fähre hatte uns über den See gesetzt, sie landete in der Nähe der Stadt, und jetzt hatte ich nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als Seeheim zu suchen, wo Wilhelm von Scholz wohnt. Ich wußte nicht, daß die Besitzung aus seines Vaters, des ehemaligen bismarckschen Finanzministers Zeiten so yeißt. Ich suchte einen Vorort dieses Namens und fand ihn nicht, bis der Irrtum geklärt war, und ich weit draußen vor der Stadt, immer nach der Uferstraße entlang fahrend, ein großes Villenhaus nach dem andern, so ungefähr für das richtige hielt. Und doch fand ich aus einem besseren Instinkt heraus das rechte. Vom Haus war nichts zu sehen, an die Straße stieß nur der alte große Park. Aber das Tor stand weit offen, im Gegensatz zu den anderen an der Straße. Hier konnte nur ein Dichter wohnen. Wir fuhren hinein und tief hinunter in den Park. Wir hielten
vor der Gartenfront eines schloßartigen Hauses. Hier mußte der Dichter wohnen. Beim Eintritt in die Halle war es klar. Wir wurden bereits erwartet und nach oben geführt.
Wenn man plaudernd an der Seite Wilhelm von Scholzens durch das große Haus, über die schattigen Wege des rückwärts gelegenen Parks und durch den gepflegten Ziergarten vorn am sonnigen Ufer des Sees einherschreitet, dann fühlt man sich nicht nur dem noblen Geist des Hausherrn, der wohltuenden Gelassenheit seiner weltmännischen Art aufs angenehmste verbunden. Man spürt vielmehr schon bald, wie sehr hier ein Sohn auf dem Erbe des Vaters selbst zum Schöpfer seines Besitzes geworden ist. Nicht allein, daß jeder Wohnraum die Kennzeichen einer künstlerischen Freude an Musik und Malerei verrät, daß an den Wänden der Halle und der Wendeltreppen die Erinerungen seiner dramatischen Welterfolge, Bühnenbilder und Bühnenzettel in deutscher, türkischer, italienischer, englischer und japanischer Sprache zu finden sind, nein, dieser Dichter war immer, auch auf den Stationen seines jetzt über sechzigjährigen Lebensweges mit seinem Herzen am Bodensee zu Hause. Das spürt man an seine« Liebe zu allem, was ihn hier umgibt, man hört es aus der inwendigen Musikalität seiner Dichtungen heraus, die um ein starkes klingendes Naturgefühl reicher sind, als es bei den Werken verwandter Dichterart der Fall ist, die, gleich ihm aus einem idealistischen, man möchte fast sagen, klassischen Geist heraus zu schaffen gewohnt ist.
Die Terrasse über dem See, die sich aus den Räumen des ersten Stockwerks herauslöst und wie ein Lugaus über Gärten und Wasser gleichsam schwebend verharrt, ist der schönste Platz, an dem ich bisher einen deutschen Dichter habe sinnen und träumen gesehen. Unten, durch den besonnten Garten, spaziert Schritt für Schritt, ganz in sich gekehrt, die alte Exzellenz, die Mutter des Dichters, die heute bereits über neunzig Jahre alt ist. Sie schaut einen Augenblick herauf, der Dichter spricht von seiner Mutter, ein paar Worte nur. Sie genügen, um das unausgesprochene Glück dieser Gemeinschaft zu verstehen, in der das ganze Haus hier lebt.
Stunde um Stunde verrinnt, man merkt es kaum. Dieser Fleck Erde ist so schön, daß die Zeit keinen Sinn und keine Gewalt mehr über uns hat. Der Dichter sitzt jetzt im Profil gegen den hellen Horizont des Sees und der langsam sinkenden Dämmerung. Ich sah Wilhelm von Scholz heute zum erstenmal und bewundere dies: über der naturhaften, erdverbundenen Schwerkraft seines Wesens sitzt der geistreiche Kopf von scharfem, mächtigem Profil. Von hier strahlt ein blitzendes blaues Auge Energien aus, die von der Art eines bewegten, leidenschaftlichen Charakters künden. Dieser Kopf verrät eine innere Leuchtkraft und Intensität des Willens, die alles übrige in den Schatten stellt.
Wenn das Gespräch auf lebendige Fragen unseres heutigen literarischen Lebens kommt, dann spürt man sofort, wie jung dieser mehr als sechzig- jährige Mann im Grunde ist, wie nahe er selbst dem Geist unseres heutigen Denkens war, als er zu schaffen begann in einer Zeit, die ganz und gar noch nicht von der Ueberlegenheit des Geistes über die Materie und der Seele über die Selbstherrlichkeit der aufbegehrenden Realitäten wie Technik und Fortschritt überzeugt war. Dieser Glauben an die Macht des Geistes und aller inwendigen Daseinskräfte hat den Weg dieses Dichters über Mystik und dramatische Metaphysik geführt, wie feine frühen Tragödien und späteren Dramen „Der Wettlauf mit dem Schatten" und „Die gläserne Frau" es zeigen. Und der Dichter machte noch in einem seiner jüngsten Werke vor den Fragen „Zufall oder Schicksal" nicht halt, die zuweilen an das Letzte und Unbegreifliche rühren, was als Rätsel des Lebens den Menschen gestellt werden kann. Die Vollendung dieses aus inneren Quellen gespeisten Schaffens hat Wilhelm van Scholz in feinem großen „Perpetu a"- Roman erreicht, der mit einer Romantik des Glaubens an das Geheimnisreich der Seele und mit einer klassischen Kunst der Form zugleich uns ausgestattet erscheint. Und es ist so vielsagend dabei zu bemerken, daß Scholz nicht ein einziges Wort über sein eigenes Schaffen spricht. Wir standen in seiner Bibliothek, und da geschah es wohl, daß er mit behutsamer Liebe eine japanische Ausgabe seiner bekanntesten Dramen zur Hand nahm und sie zeigte. Und das auch mit Recht. Es ist uns Deutschen nicht im entferntesten der Weltraum geistiger Expansion geboten., wie sie den englischen, selbst den ftanzösischen Schriftstellern zuteil wird. Es geht uns mithin einigermaßen an, wenn die dramatische Kunst eines deutschen Dichters bis in den fernsten Osten der Welt lebendig ist.
Der Abend ist gekommen, wir müssen gehen, weil die Höflichkeit es gebietet, aber man läßt uns nicht fort. Wir fitzen wieder auf der Terrasse und genießen den unbegreiflichen Zauber der Welt über diesem See. Längst sind die gegenüberliegenden Ufer versunken. Ein Vorhang aus undurch- sichtbarem Licht gehoben, ist über dem Wasser niedergegangen. Wo Himmel und See sich begegnen, läuft wie eine ferne (Erinnerung eine blaugraue Dämmerung. Violette Wolkenschiffe fegeln verloren am Himmel. Immer dichter werden die Schleier. Die Wirklichkeit wird unter unseren Augen zum Traum. (Eine Stimme spricht, sie kommt wie von weither und spricht Verse, Gleichnisse über Unaussprechliches. Es ist die Stimme Wilhelm von Scholzens, der neben mir sitzt, und schweigend lauscht wie ich selbst. Es ist seine Stimme, die von einer Grammophonplatte herüberkommt. Technik die Ursache, und Magie, unheimliche Magie in solcher Stunde die Wirkung. Wer weiß die Grenzen, die Zusammenhänge des Möglichen im Leben zu deuten?
Cs wird sehr spät, ehe die herzliche Gastfreundschaft des Dichters uns entläßt. Nach Minuten zählt die Zeit, die uns bis zur letzten Fähre über den See verbleibt. Wir eilen davon und scheuchen ein Liebespaar auf, das im Dunkel des Parks nahe beim offenen Tore genistet hatte. Als wir auf dem Fährschiff find, fällt die Kette hinter uns nieder. Dann rauschen die dunklen Wasser auf. Von fern leuchtet ein weißes Licht. Es muß unser Meersburg sein.


