Ausgabe 
19.10.1936
 
Einzelbild herunterladen

Geheimsitzungen abends im Hotel Straßburg zugegen war, wurde sie nicht müde von zufälligen Worten, Seufzern und Bedenken zu berichten, die mehr als. ihre blaubeschnittenen Billets das Herz der Königin verrieten.

Sie wußte freilich, warum die feinen Schriftzüge das Herz der Königin nicht gut verraten konnten; denn wenn sie manchmal erst gegen Mitter­nacht aus diesen Geheimsitzungen kam, wurde sie zwar in Verklei­dung von ihrem Sekretär, dem Retaux de Billette, erwartet, der sie nach Hause brachte. Der war ein ehemaliger Kamerad von ihrem Grafen, ein schlanker Kerl mit blondem Haar, darin von seinem lustigen Leben schon die Silberfäden glänzten. Er sang nicht nur zur Laute und konnte Verse deklamieren, er vermochte auch eine schöne Hand zu schreiben, die zierlich wie von einer Dame war. Ihm hatte die Gräfin all die blau­beschnittenen Billets der Königin diktiert, und auf nichts anderem als auf seinen gekräuselten Federzügen führte der schmale Weg, den der Kardinal so schwindelfrei zu gehen glaubte.

Als aber mit der Sommerhitze die Briefe der Königin so reif geworden waren, daß sich der Rohan mit der verheißenen Audienz nicht länger hin­trösten ließ, da hätte der Retaux de Billette noch mehr als seine schrift- gewandten Hände von einer Dame haben müssen, wenn nicht die Vor­sehung wie das die Gräfin nannte, die jeden Morgen ihre Messe hörte ein Wesen in ihren Kreis getrieben hätte, das den Retaux in allen anderen Stücken der Weiblichkeit ergänzen konnte. Während nämlich di« Gräfin mit ihrem blonden Sekretär beschäftigt war, nicht nur die Briefe der Königin zu schreiben, und während andere Dinge in der Rue Neuve- Saint-Gilles getrieben wurden, die weniger der Zukunft als der Gegen­wart zu dienen hatten: ließ sich der Graf auf allen Straßen leichtsinnig gehen, wo er ein heimliches Vergnügen erhoffen konnte. So fand er sich im Palais Royal mit einer Nicole Leguay zusammen, die eigentlich Mo­distin, doch lieber ohne Stellung war. Sie gefiel ihm nicht einmal sonder­lich mit ihrem schlanken Körper, doch fand er sie der Königin so ähnlich, besonders nach dem Bildnis der Vigee Lebrun, das damals im Salon zu sehe» war, daß er sie seiner Frau zuführte. Die war sehr liebevoll mit die­sem Mädchen und machte aus den versetzten Stücken ihres eigenen Namens Valois eine Gräfin Oliva aus ihr, damit sie selber als Vertraute einer Königin mit der Person verkehren konnte. Lud sie auch häufig ein, und weil die Nicole zwar hoch und hübsch gewachsen, in anderen Dingen als die der Liebe aber reichlich dumm und unerfahren war, gelang es ihrer Ueberredungskunft sehr bald, sie zu geheimnisvollen Diensten der Königin bereit zu sehen.

So konnte die La Motte dem Kardinal in einem andeutungsvollen Billett verheißen, daß die Königin aus Rücksicht auf Breteuil und seinen Anhang beim König den Umschwung ihrer Gefühle noch eine Zeit ver­leugnen müsse, daß sie ihm aber das Unrecht der vergangenen acht Jahre durch eine heimliche Zusammenkunft im Park zu Versailles vergelten wollte. Und eines Nachmittags, Anfang August, war ihr Theater so vor­bereitet, daß sie den ungeduldigen Rohan an seine lang Überlegte Rolle lassen konnte. Sie fuhr im eigenen Wagen am Hotel de Strasbourg vor und ließ sich förmlicher als sonst anmelden, trat auch dem Kardinal in schwarzen Kleidern mit einer Haltung entgegen, darin sich die Gefährlich­keit von ihrer Botschaft mit der Würde einer allerhöchsten Angelegenheit vorzüglich mischte: er würde heute abend um zehn Uhr von einem ver­trauten Kammerdiener unter der Treppe der hundert Stufen am Park erwartet werden. Durch seinen sicher schreitenden Erfolg war dem Rohan das Selbstbewußtsein seiner jungen Jahre schon wieder so zurückgekommen, daß er die blasse Haltung der Gräfin mit einer scherzhaft frechen Hand­bewegung abwehren konnte, feinen Triumph spöttisch verbergend: sie brauche nicht zu fürchten, daß schon in dieser Nacht der Thron von Frank­reich umgeworfen würde. Wie er bann ernster und in einer geheimnisvollen Gebärde vom Cagliostro rasch hinzufügte: käme alles, wie es die hohen Geister von Anfang angeordnet hätten. Worauf die Gräfin, der diese Sicherheit nicht paßte, wie betend ihre kleinen Hände zu ihm hob, indessen ihr eine Träne nach der andern über das blasse Gesicht hinunter lief: Wenn böse Folgen aus diesem Abend kämen, und wenn nicht alles so geriete, wie er es dächte: so möge er niemals vergessen, daß nur die grenzenlose Dankbarkeit ihr diesen gefährlichen Vermittlerdienst aufnötigen konnte.

Es war der La Motte gar nicht sicher, daß der Abend geriet: die Wache konnte sie aufspüren, trotz dem dunklen Neumond, den sie für ihre Szene abgewartet hatte, oder die Oliva im letzten Augenblick versagen, wo sie bemerkte, daß sie die Königin in einer ernsthaften Liebesszene spielen mußte. Denn während sich die Gräfin des Kardinals durch ihre echt ge­spielte Angst auch für den Mißerfolg versicherte, lag wohlverpackt im Wagen schon das Kostüm, darin sie ihm die Sehnsucht seiner Jahre er­füllen wollte. Es war nach dem Porträt der Frau Lebrun gemacht, das durch die Einfachheit, Batist und Musselin statt Seide, für die Damen des Hofes und auch der Stadt Paris aufregend gewesen war. Cs war nicht angeprobt, damit die Oliva nicht schwatzen konnte; doch paßte es vortreff­lich, als sie es der erstaunten Nicole am Abend in Versailles angezogen: Vollkommen die Königin, nur jünger und ein bißchen schöner! beteuerte ber Graf und ließ sich scherzhaft vor ihr nieder auf die Knie. Dann aßen sie ein feierliches Abendmahl im Haufe de la Motte. Die ganz verschüch­terte Nicole bekam vom besten Burgunderwein zu trinken; nicht viel, doch so, daß sie ihn warm im Blute spüren mußte.

Erst als es draußen dunkel und still geworden war, verließen sie das Haus, schon auf der Treppe nur noch flüsternd. Cs war schon eine der berbstdimklen Nächte, wie sie der hohe Sommer haben kann. Aus der Fülle vielfach geballter Wolken war am späten Nachmittag ein rascher Regen niedergeraufcht, davon die Tropfen noch an den Blättern hingen; auch war es herbstlich kühl und so windstill, daß die schwere Sommerlast der Bäume schwarz und stumm unter dem kaum erhellten Himmel stand. Sie kamen unbemerkt, nun kaum noch flüsternd, am linken Flügel des Schlosses auf die Terrasse und hinunter in den Park zum Venusboskett, wo sie die Dunkelheit der Bäume ganz umfing, fo daß der Retaux, der sie hier als der vertraute Kammerdiener der Königin in einem Laubengang er­wartete, nur zögernd sich versichern konnte, ob sie es waren, um danach mit der ©räfin rasch den langen und gebogenen Laubengang zurückzueilen,

dem Kardinal sein Stichwort anzubrlngen. Der wartete schon lange in Ungeduld, als ihm der schwarze Kammerdiener mit einer schweigenden Verbeugung nahte. Die Gräfin war halbwegs in einer Nische zurück­geblieben; sie trat ihnen plötzlich in den Weg, nur flüsternd aber auf­geregten Atems: Madame und die Gräfin Artois wären leider der Königin in den Park gefolgt; sie könne ihn nur wenige Minuten sehen; doch seien sie o lange ungestört, bis sie zu warnen käme.

Der Prinz Rohan ging nicht zum erstenmal zur Nacht auf solchen Wegen; er kannte auch die Tücken des letzten Augenblicks und daß hier nur die kälteste Geduld zum heißen Ziele führt. Die Hand am Degen unterm Mantel ging er den Laubengang zu Ende, wo sich das helle Kleid einer hohen Gestalt vom dunklen Buschwerk bewegungslos abhob. Er kannte sie genau, die schlanke Haltung seiner Königin, und kannte auch das Kleid, weil er vielmals prüfend vor dem Bildnis im Salon gestanden hatte. Die La Motte war lautlos verschwunden, er winkte auch dem Kam­merdiener, zurückzubleiben, verbeugte sich sehr tief und ging auf einen Seufzer rasch zu ihr, den Saum des weißen Gewandes ehrfurchtsvoll ge­beugt zu küssen. Noch war ihm das Geräusch von seinen Schritten im nassen Kies im Ohr, da hörte er sie schon, sich gütig zu ihm neigend: Wir dürfen hoffen, daß die Vergangenheit vergessen wird. So war der Kardinal Rohan am Ziel; er richtete sich auf, so schlank und rasch wie in den jungen Jahren, und sah nun erst, daß sie ihm eine Rose bot mit ihrer leuchtenden langen Hand. Da griff er zu und griff die Finger mit, sank lautlos in die Knie, die Hand mit Küssen überdeckend.

Darüber sprang die Gräfin ängstlich herzu: Schnell fort! Madame und die Gräfin Artois. Er spürte, wie seiner Königin der Schrecken in die Hände fuhr, vernahm den Seufzer, mit dem sie einen Augenblick von Sinnen fast zu Boden sank. So hielt er für Sekunden das Glück von Frankreich zitternd in den Armen; bis er durch dunkle Gänge unentdeckt den Platz verlassen hate, den die Franzosen bis auf den heutigen Tag das Boskett der Königin" benennen.

V.

Obwohl die Gräfin de la Motte längst größere Geschäfte machte, hatte sie nicht aufgehört, in klug bemessenen Zwischenräumen vom Groß- Almofenier bescheidene Zuschüsse zu verlangen. Für diese Gänge hatte sie den Pater Loth von den Minimenbrüdern abgerichtet, bei dem sie jeden Morgen nach der Sitte hoher Damen die Messe hörte, und der allittählich ihr Verwalter und Sekretär der niederen Angelegenheiten, Dienstboten und Lieferanten geworden war. Seitdem der Rohan die erschrockene Königin im Arm gehalten hatte, löste ihn der Retaux de Billette, als Sekretär intimer Angelegenheiten, vielfach ab; nur die Gänge zum Hotel de Strasbourg blieben dem Pater Loth. Die Königin bedurfte für eine unverschuldet in Not geratene adlige Familie, wie die Gräfin mit einem Anflug von Humor ihrem Retaux diktierte fünfzigtaufend Livres und wandte sich vertraulich, wie sie nun endlich durfte, an den Groß-Almofenier. Der hatte den Stein der Weisen noch nicht in Händen, obwohl der Caglio- stro ihm schon in Zabem vor seinen Augen fünftausend Livres zurecht- geschmolzen hatte und ihn derartig weiter schmelzend zum reichsten Fürsten von Europa machen wollte. So mußte er sich noch einmal an feinen Juden Cerf-Ber in Nancy wenden, der bis dahin den Stein der Weisen mit feinem Schachergold ersetzen mußte. Er ließ ihm durch feinen Getreuen Planta das Billett der Königin und einen wichtigen Schutz feiner Glaubens­genossen aus dieser Gefälligkeit verheißen.

Nachdem der adligen Familie so reichlich aus der unverschuldeten Not geholfen war, hielt es die Königin der Rue-Saint-Gilles in ihrem blau- beschnittenen Dankbillett für wichtig, daß sich der Kardinal für einige Zeit entferne: damit feine Rückkehr nach Paris die Gelegenheit ergebe, ihn öffentlich bei Hof in allen Ehren anzunehmen. Kaum war ber folgsame Rohan in Straßburg, wohin ihn die Rose der Oliva als ein vertrocknetes Sinnbild begleitete, als bei den La Mattes der erste Wohlstand feine be­scheidenen Atemzüge tat. Alte Schulden wurden bezahlt, um einmal größere zu machen, Geschirr und Möbel aufgebessert; und wo die kleine Gräfin in reicherer Kleidung auftrat, war stets die geheimnisvolle Erklä­rung zur Hand, daß ihre Lage sich durch die Wohltaten der Königin gebessert habe, was ihr seit den Tagen ber kostspieligen Polignac bie meisten glauben konnten. Doch versäumte sie nicht, gleichzeitig nach Strafe» bürg wehleidig von Schwierigkeiten zu berichten, in denen sie sich selber mit' den Zinsen für bie früher geliehenen fünftaufenb Livres befände, wofür er Bürge geworden wäre. Der Rohan war aufs neue gerührt, daß diese Gräfin, bie zum Werkzeug großer Dinge geworden war, in mißlichen Verhältnissen leben mußte. Er übernahm bie kleine Summe auf feine eigenen Schulben und bedauerte, in einem Brief an sie, daß er ihr feine Dankbarkeit nicht größer bartun könnte. Sie selber bedauerte das: sie hatte unterdesien in Var-sur-Aube ein großes Haus gekauft und hätte ihre Landsleute gern schon fetzt mit einer schönen Einrichtung und einem glanz­vollen Einzug verblüfft. So mußte sie sich damit auf günstigere Zeiten vertrösten; freilich kaum in der Ahnung, daß ihr der Winter die schon bringen würde.

Aus ber bebenklichen Wirtschaft in der Rue Neuve-Saint-Gilles war mit der steigenden Gunst der Königin ein beliebter Salon der handfesten Lebewelt geworden. Offiziere, die mit einer schadhaften Stelle entlassen waren; Anwälte, die noch auf eine faulige Stelle am Gesellfchaftskörper warteten; reiche Provinzler, bie bei Hof nach Abel suchten, und solche vom alten Adel, denen das Land zu dürr und dünn geworden war; vor allem aber Spieler, kühne und verwegene Kerle: das waren die Leute, bie sich abends nach den Irrfahrten des Tages bei ber La Motte wie auf einer Insel ber Gestrandeten zusammenfanben. Unter ihnen machte ein jpnger Anwalt namens ßaporte, dem es nicht anders glücken wollte, Geschäfte mit ber Gräfin. Dem fuhr es eines Tages im November burch ben Sinn er hatte einen Bries ber Königin bei ihr gesehen und wußte, baß sie gut beim Rohan ftanb daß bie ßa Mott« durch ihren Einfluß vielleicht den Juwelieren Boehmers mit ihrem Halsband zur Hilfe kommen könnte.

(Fortsetzung folgt.)