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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1956 Montag, den 19. Oktober Nummer 81
Die Halsbandgefchichte
Erzählt von Wilhelm Schäfer
Copyright by Albert LangenxGeorg Müller Verlag, München
2. Fortsetzung.
Der König mußte den abberufenen Gesandten bei seiner Rückkehr in Versailles ungnädig empfangen, weil seine Königin ihm eine Bemerkung nicht vergessen konnte, die in den Hofgemächern mit boshaftem Gelächter herumgegangen war. In einem Geheimbericht an den Minister hatte der Rohan von ihrer Mutter der Kaiserin geschrieben: Ich habe Maria Theresia weinen sehen über die Leiden der bedrängten Polen; doch diese Fürstin hält in der einen Hand das Taschentuch, die Tränen abzutrocknen, und mit der anderen Hand faßt sie das Schwert, um als dritte Teilhaberin dabei zu sein. Durch eine Bosheit des Ministers war diese Stelle aus dem Geheimbericht der Dubarry verraten worden, die ihn an einem ihrer Abende dem höhnischen Gelächter zum besten gab, so daß die Marie Antoinette, damals noch Dauphine, glauben mußte, daß der Rohan mit der Dubarry im Briefwechsel stände, um die Tugend ihrer Mutter dem Spott des sittenlosen Hofes von Versailles preiszugeben.
Seit diesem Brief war ihr der Prinz von Rohan verhaßt wie eine Kröte. Es gelang ihm nicht mehr, ein Wort an sie zu richten; und weil der König sich mit den Jahren so willig von seiner Königin regieren ließ, wie seine Vorfahren es nur von ihren Maitressen geduldet hatten: sah sich der Kardinal, um dessen Witz und Gaben seit seiner Jugend die größten Hoffnungen schmeichelten, als Fürstbischof zu Straßburg zwar nicht vom Hof verbannt, jedoch in allem Einfluß unterbunden. Auch als er gegen den Willen der Königin durch die geheimen Mächte der Familie Rohan- Soubise Groh-Almosenier von Frankreich wurde, empfing die Königin ihn nicht, wie es bei einem andern mit diesem Amt verbunden gewesen wäre. Er hielt zwar glänzend Hof in seinem neugebauten Schloß in Zabern, wo selten jemand daran dachte, daß über seiner Herrlichkeit auch noch ein König war; doch gab es Schmeichler, die ihn daran erinnerten, daß er die Stellung habe, darin der Richelieu, der Mazarin und Fleury ganz Frankreich mitsamt dem König ihrer Zeit beherrschten. Die Stellung und den Geist, nur daß die blonde Tochter Oesterreichs ihm entgegenstand, die so die streng verschlossene Tür von seinen Wünschen darstellte. Und weil diese Tür nicht häßlich, sondern eine Frau von noch nicht dreißig Jahren war, schön und bezaubernd und voll von jenem Geist der Natürlichkeit, der seit Rousseau die Empfindungen der guten Welt beherrschte, und weil er auf seiner glänzenden Laufbahn nirgends eines Sieges so sicher gewesen war wie bei den Frauen, wo sich die Schönheit seiner männlichen Erscheinung mit dem Zauber der geistlichen Gewänder vereinigte, so gab es für den Rohan« nur ein Ziel: Einmal mit der Königin allein zu sprechen, um danach schon das.©einige zu tun, was ihm neben dem gutmütig steifen König kein großes Kunststück schien.
Er hatte seinen Sekretären schon den Plan diktiert, nach dem er Frankreich glücklich machen wollte; und nur die Schuldenlast trotz seinem Amt als Groh-Almosenier stand so zur Wirklichkeit im Widerspruch wie diese Staatsreformen auf dem Papier. So war es kein frischer und kein tätiger Geist, an den die La Motte geriet, und auch der freche Spötter und freie Lebemann der Wiener Gesandtschaft längst nicht mehr. Er hatte es im Glanz auf allen Wegen versucht, nun waren ihm im Dunkel auch die Winkel recht. Die Schulden wollte ihm der Cagliostro mit seinem Stein der Weisen lösen. Der half sich durch mit üppigen Verheißungen; die Gräfin Valois-La Motte war kühn genug, sie zu erfüllen.
Sie ließ in Andeutungen, vom weiblichen Instinkt genau erwogen, den Kardinal durchblicken, daß ihre Beziehungen zum Hofe sich günstiger gestalteten. Sie wußte im Gespräch beiläufig Erlebnisse mitzuteilen mit Einzelheiten, die sie im Augenblick erfand und die der Rohan, seit so vielen Jahren vorn Hofe getrennt, nicht leicht nachprüfen konnte. Nachdem sie ihm allmählich das Vertrauen beigebracht hatte, daß die Königin sie durch die kleinen Gemächer ohne Etikette empfinge, was bei der Neigung Marie Antoinettes der La Motte nicht als der ersten widerfahren wäre: machte es sich ganz von selbst, daß er sie bat, gelegentlich und nicht auffällig feinen Namen anzubringen.
Es war im selben Zimmer, wo die Beschwörungen des Cagliostro abgehalten wurden; der Kardinal, der unterdessen ein Fünfziger und schon in den Beinen ein wenig taub geworden war, sah wieder in dem hohen Stuhl. Er hatte seine Bitte gewandt und scherzend vorgebracht; sie aber, die darauf gewartet hatte, sah betreten vor sich hin und sagte, ihre Fingerspitzen prüfend: das sei bereits geschehen. Als sich die Königin in Güte nach ihrem bisherigen Leben erkundigt hätte, da habe sie von ihrer Reise zur Marquise von Boulainvilliers gesprochen und wie der Kardinal in
Zabern sie gnädig ausgenommen und ihr Schicksal zum zweitenmal gewendet habe.
Und die Königin? fragte der Kardinal, der sich kaum noch in der lässigen Haltung seiner geistlichen Gewänder zu halten vermochte und mit beiden Händen die Lehnen fester hielt.
Die Königin schwieg, sagte die La Motte, indem sie sich erhob und wie in peinlicher Erinnerung stehen blieb. Da Eure Eminenz mich fragen, verbietet mir die Dankbarkeit zu schweigen: (£5 schien ihr ungewohnt und auch nicht angenehm, diesen Namen in einer so guten Handlung zu erfahren. So unversöhnlich schien sie, dah ich fürchten muhte, meine eigene Angelegenheit durch den Namen — der mir teuer ist — gefährdet zu sehen.
Nach diesem Geständnis blieb sie schweigend stehen, hob dann die Augen zu einem scheuen Blick; und als sie dabei die Augen des Kardinals auf sich gerichtet fühlte, hingen sich ihre Blicke für einen Augenblick so ineinander, daß sie überwältigt von der Trauer, ihrem Wohltäter diesen Schmerz antun zu müssen, aufschluchzend zu ihm lies und vor ihm auf den Knien liegend ihr tränenbeftrömtes Angesicht mit den Händen bedeckte, wie wenn sie selber dem Kardinal die Gunst der Königin genommen hätte. Als er durch diesen Ausbruch gerührt feine weiche Hand in der gewohnten segnenden Gebärde über sie hin streckte, griff sie leidenschaftlich danach und bedeckte sie mit Küssen, unter Schluchzen stammelnd, daß sie durch eigene Not verwirrt unwürdig genug gewesen sei, mit keinem Wort für ihren Wohltäter einzutreten. Sie roiffe nun, von einem Himmelsblitz erleuchtet, warum das Schicksal ihre unwürdige Person zur Königin geleitet habe: sie wolle fortab in Demut ein Werkzeug des Himmels fein, den edlen Staatsmann für fein Volk auf feinen Platz zu stellen!
Der Rohan sah in ihrem Ausbruch, den sie mit Tränen und himmlischem Augenaufschlag erleuchtete, entzückt die Zaubermächte des Cagliostro wirken" der ihm die günstige Wendung angedeutet hatte. Soviel hochmögenden Verwandten er damit nachgegangen war, keiner war derart zur Königin gekommen, wie diese zierliche Person, die ihm die Artigkeiten flüchtiger Stunden in Zabern mit so grenzenloser Dankbarkeit vergalt. Er beeilte sich, dem Cagliostro diesen Vorfall mitzuteilen, der sich sogleich feurig begeistert mit stärkeren Beschwörungen mühte, das ersehnte Ziel heran zu zwingen; während die La Motte die kaum gewonnene Gnade der Königin riskierte, um dem Himmel für seinen Fürstbischof zu dienen. So verwirkten ihre Hände das Geschick des Kardinals, dessen Bildnis aus gefchnit-- tenem Elfenbein noch immer von schönen Damen und auch Herren in Wien getragen wurde, indessen er im Lehnstuhl sitzend aus den Beschwörungen des Cagliostro und ihrer Dankbarkeit den Sonnenaufgang von Versailles erwartete.
Im Mai schon konnte ihm die Gräfin melden — sie stürzte ihm vor Freude fast zu Füßen — daß sie lange von ihm und seiner Güte zur Königin habe sprechen dürfen. Bald konnte sie ihm Briefe zeigen, zierliche Billetts auf weißem geripptem Papier mit blauem Schnitt von der Königin an sie geschrieben, worin ein paarmal fein Name zwar nebensächlich, doch mit Achtung genannt war. Und eines Tages stand die behende Gestalt der kleinen Gräfin vor ihm und strahlte ihn an aus ihren blauen Augen und kräuselte die Lippen übermütig, daß ihr die Raubtierzähne blinkten:
Ich bin beauftragt, Eminenz, Sie um Ihre schriftliche Rechtfertigung zu bitten!
Mehr konnte sich der Kardinal zunächst nicyt wünschen; er war ein Meister, wenn es die Worte zu setzen galt; schwankend zwischen Ungeduld und Sorgfalt wurde eine Darstellung seiner unwandelbaren Verehrung der schönsten und besten Königin zu Papier gebracht, worin er seine Unschuld an dem Hohn der Dubarry behauptete und auch mit viel Augenscheinlichkeit bewies. Der Cagliostro weissagte hohes Glück in nächster Nähe; nach wenigen Tagen überbrachte ihm die Gräfin ein Billett, diesmal mit Goldschnitt: Ich habe Ihren Brief gelesen; ich bin glücklich, Sie nicht mehr schuldig zu wissen. Nur kann ich eine Audienz noch nicht gewähren. Wenn die Verhältnisse eine solche einmal gestatten, werde ich Sie benachrichtigen!
Der Rohan wußte, daß sein Feind Breteuil, der Hausminister, die Königin fast ganz in Händen hatte, so daß sie ihrem Herzen nur langsam und mit Vorsicht folgen konnte. Er schrieb ihr auf den Rat der Gräfin einen zweiten Brief in Dankbarkeit und Geduld. Weil der durch ihre Mühe nicht ohne Antwort blieb, vermittelte die Zwischenirägerei der La Motte dem Rohan einen Briefwechsel mit der Königin, darin er alles, was er in den fünfzig Jahren feines Lebens an Geschmeidigkeit der Worte und Maß der Gefühle gelernt hatte, in stetiger Steigerung anzubringen wußte. Darüber ließen auch die Antwortbriefe der Königin mehr Temperament durch die kühlen Sätze fließen, so daß der Kardinal nach der nutzlosen Verbitterung vieler Jahre sich endlich elegant und sicher trotz seiner schon ergrauten Haare mit jugendlichem Wagemut den Weg beschreiten sah, auf dem fefa Ehrgeiz allein das Ziel erreichen konnte. Der Cagliostro prophezeite eine Zeit der weisen Güte, die unter feiner Herrschaft sich von Frankreich über die Welt ausbreiten würde. Und wenn die Gräfin bei den


