Er sagt zunächst nichts; endlich kommt über seine Lippen: „Es ist gut." Braoa ist aus den Wagen gestiegen, hat die Uhr hochgehoben, betrachtet; er fragt neugierig: „Aber, Tromba, Sie sind doch ein Teufelskerl! Wie haben Sie das nur gleich wieder fertiggebracht!" Tromba strahlt. „Die Polizei hat ihre Geheimnisse, Herr Stadtrichter", erwidert er. „Die Uhr ist da, meine Pflicht ist erfüllt."
Wie Matta das nächste Mal zum Fußkuß zugelassen wird, sagt der Heilige Vater zu ihm: „Ei, ei, Matta, du bist der, dem die Spitzbuben die schöne Uhr gestohlen haben! Wenn wir Tromba nicht hätten! Ja, ja, Tromba ist ein geschickter Mann, Tromba versteht seine Sache!"
Guter 3W.
Von Theodor Fontane. An einem Sonntagmorgen, da nimm den Wanderstab, es fallen deine Sorgen wie Nebel von dir ab.
Des Himmels heitere Bläue lacht dir ins Herz hinein, und schließt, wie Gottes Treue, mit seinem Dach dich ein.
Rings Blüten nur und Triebe und Halme von Segen schwer, dir ist, als zöge die Liebe des Weges nebenher.
So heimisch alles klinget, als wie im Vaterhaus, und über die Lerche schwinget die Seele sich hinaus.
Wir bauen ein Lager am Kochelsee.
Von Fritz Reck-Malleczewen.
Wir haben zwei Zelte, wir haben ein Boot, wir haben ein Motorrad, wir haben auch Seil und Kletterschuhe. Wir haben vor der Nase den See und können direkt aus den Schlafsäcken ins kristallene Wasser springen, und haben für sanfte Fahrten die Loisach und die Isar bis München abwärts. Wir haben, wenn es etwas wilder zugehen soll, die obere Loisach, und wir fahren dann bis Garmisch und setzen dort das Boot ein und sausen durch Stromschnelle und Floßgasse zurück zu unserem stillen Bergsee und zu unserem Camp.
Wenn es aber drei Tage auf die Zelte getrommelt hat und vom Karwendel durch die Schlangengänge der obersten Jfar Hochwasser prescht, dann fahren wir hinauf bis Mittenwald und setzen das Boot in den Wildfluß, der dort oben eigentlich nur ein ungebärtiger Bach ist. Und sausen einen ganzen Tag talwärts durch Wildwasser, die mit dreißig Stundenkilometer durch ihr Bette brüllen, zwängen uns in dieser Geschwindigkeit durch meterbreite Passagen zwischen alten Brückenpfeilern und durch die gottlosen Stromschnellen bei Vorderriß. Und müssen hie und da, wo das Wasser plötzlich allzu flach wird, hinaus aus dem Boot und müssen das Schiffchen mit der Hand navigieren und müssen mit einem Salto wieder hinein, weil gleich unten eine Stromschnelle tobt, und müssen hinwegreiten über meterhohe Gischtberge und hindurch durch glasgrüne Wassermauern ...
Und tauchen auf wie ein Kork und müssen blitzschnell das Boot herumwersen und sehn, wie wir die nächste der brüllenden Strommühlen bestehn ...
Faltbootfahren ist keine Gelegenheit zur Schopenhauer-Lektüre, über Wildwäfser gehn ist so schön und so kühn und erfordert so raschen Entschluß, wie der Ritt hinter Hunden.
Man muß eben nur die richtigen Gewässer haben ... *
Wir haben den Platz uns durch Drahtverhaue gesichert, wir hängen an den Drähten unsere Wäsche auf und freuen uns der alten Herren, die jenseits des Verhaues stehn und uns anstarren wie Menagerietiere. „Schlafen Sie denn die ganze Nacht im Zelt? „No Sir, nur die halbe, in der zweiten lesen wir im Koran." „Und was machen Sie denn, wenn es regnet?"
„Dann sitzen wir da und meinen."
Weg ist er. Im Ernst, alter Herr, wir schlafen in unseren Schlafsäcken auf den ausgepumpten Gummimatratzen wahrscheinlich besser als du mit den siebenerlei Schlafmitteln im Nachtkastl. Wir haben ein großes Wohnzelt für uns, und es ist eigentlich kein Zelt mehr, sondern beinahe schon eine Kathedrale, und eigentlich müßte man an den Wänden einen Haussegen aufhängen und Geranien ans Fenster stellen ...
Wir haben auch noch ein zweites Zelt, und das zweite, das ist Kleiderkammer, Vorratsraum, Fremdenzimmer. Wir haben den Platz sauber bestreut mit Uferkies, wir haben den Herd mit Steinen eingefaßt, wir lassen abends unsere Feuerfanale weit über den See leuchten und sehn am Himmel das große Theater der sommerlichen Sterne sich drehn und hören zu, wie der Bär der Spica eine kleine Nachtmusik im Sphärenton singt ...
Wir haben, versteht sich, einen fabelhaften Benzinkocher; es gibt: junge Erbsen mit frischen Kartoffeln, spanische Eier (in Olivenöl' mit Zwiebeln gebraten), Scallopini (Kalbschnitzel in Olivenöl mit etwas laragona und Oel und Pfifferlingen). Campleben züchtet Kochkünstler.
Derantwvrtlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl
Wenn Gäste kommen (und die kommen oft) und wenn ich Geburtstag habe, gibt's Filet am Spieß, über Buchenfcheitfeuer geröstet.
Geburtstag habe ich oft.
Am liebsten jeden Morgen.
Schön ist jeder Tag, an dem du mir was schenkst, Marie Louise.
Der Tag, seit Monaten schon, ist: Feuerwachen, Schwimmen, Frühstücken, Bogenschießen, Arbeiten.
Essen, Schlafen, Schwimmen, Bootfahren, Motorfahren.
„Wann schaffen Sie sich mal einen Wagen an?"
„Wenn ich zweihundert Jahre alt bin, Sir."
Der Tag ist: Feuerholzsammeln, Einkaufenfahren nach Kochel, Ausgescholtenwerden, weil man vergessen hat, Jmi für die Kochtöpfe einzuhandeln. Im übrigen: am Feuer zwei Pfeifen rauchen, Geschichten erzählen, Schlafen.
Wieder ein neuer Tag
Manchmal mit den Mischmeistern in Altjoch Tarock, manchmal ein bißchen Kletterei im Karwendel. An der Praxmarerkar-Nordwand blieb vor dreißig Jahren mein Freund Melzer ans Innsbruck. Im oktober- lichen Wettersturz, im plötzlich einfallenden Schneesturm jämmerlich erfroren. Angeseilt in einem üblen Kamin, zwanzig Meter unterhalb des Gipfels ... oben und auf der anderen Seite, wo der Praxmarer ein Kuhberg ist, warteten die Mädels und riefen ... Und keiner antwortete. Und nachher suchte man jahrelang nach dem Toten. Dreißig Jahre her, Freunde, Frauen, Jugendtage. Die Bühne leert sich langsam.
Manchmal beginnt ein eisiger Luftzug zu wehn von der leeren, leeren Bühne. —
*
Wie lange eigentlich Hausen wir schon hier? Zwei Monate oder drei, ich rechne nicht mehr. Maisonne mit Glast und Kuckucksruf, Johannistag mit Leuchtkäfern und fernen Feuern, Hundskage mit der Vorahnung des Abstieges.
Das Land wird gelb und ernteträchtig, das Jahr wird müde und satt, manchmal im seltsam glasklaren und smaragdenen Morgenlicht, sieht über der spiegelnden Bucht der Herbst und am Südhimmel nach Mitternacht schon der blitzende Orion. Wieder ein Jahr. Es ist gut so. —
Unruhe im Dorf, ein Notabler, der von Schlehdorf mit dem Rade nach Joch fuhr, ist samt feinem Gefährt über die dreißig Meter hohe Wand in den See gestürzt. Heute fischten sie nach ihm, finden natürlich nichts. Auf der Bergseite ist der See abgrundtief, wühlt sich, wie Ortskundige behaupten, in allerhand Höhlen und Klüfte hinein mit seinen geheimnisvollen, aus der Tiefe aufsteigenden Strömungen.
*
Nachts geht Föhn.
Föhn geht und ich kann nicht schlafen, und eine tolle Geschichte fällt mir ein, die mir ein baltischer Bekannter als Augenzeuge des Tatbestandes erzählt hat. Im japanischen Krieg, zwischen Mukden und dem Friedensschluß biwakiert er mit feiner Kompanie dicht bei einem Chinesen- dorf, fein Bursche kommt und meldet, daß die Chinesen im Dorf einen der ihren lebendig begraben wollen. B. also reitet ins Dorf hinüber, fragt nach, stellt folgendes fest: der fast hundertjährige Dorfschulze ist so altersmatt, daß er die Gemeindegeschäfte nicht mehr führen kann, sterben kann er nicht, abdanken darf er nach chinesischem Gesetz nicht — folglich beschließt bas Dorf, daß er in freiem Entschluß sich als tot zu betrachten habe, und daß man ihn in allen Ehren lebendig begraben werde. B. reitet vor bas Gern einbehaus, finbet inmitten aller gebühren- ben Zeremonien ben Alten im offenen Lacksarg aufgebahrt, bart liegt er unb rührt sich nicht, ist aber burchaus lebendig. „Hast du denn nicht Angst?" fragt B. Ach ja, gewiß hat er Angst, sieht aber ein, daß es wohl so sein muß; die Gemeinde habe es so beschlossen, abdanken könne man nicht, folglich müsse es so sein. B. schaudert, kann aber, da ein Korpsbefehl den russischen Truppen jede Einmischung in die Angelegenheiten der Zivilbevölkerung strenge untersagt, nichts machen. Reitet zu seinen Leuten zurück, erfährt am nächsten Tage, daß der Alte, unter dem Klagegeschrei der trauernden Gemeinde begraben worden sei ...
Tolle Geschichte. Der Bayer schüttelt in solchen Fällen den Kopf, sagt „Sach gibt’s" und geht zur Tagesordnung über ...
Unsereins kann nicht schlafen.
Föhn geht, zerrt gewaltig an den Zeltoerankerungen.
Ein Toter liegt, gar nicht weit von unserem friedlichen Biwakplatz, in dem tiefen, tiefen See.
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Es war aber nur ein kleines Intermezzo mit Donner und Blitz, es war noch nicht der große Wechsel zum Sommerende.
Neuer Tag ist da, Sonne ist wieder da, Leben ist da. Geschwommen, gefrühstückt, hinausgerudert, bis vor die Hotelterrasse, wo Generaldirektoren streng und beinahe tadelnd ihre Rumpsteaks ansehn, wenn sie sie verspeisen ... lange im Boot gelegen, in ckll dem Sonnenglast und zu- geschaut, wie gurkhafarbene und tobattene und zinnoberrote Wagen die Kefselbergstraße zum Walchensee hinauffahren. Deutsche, Engländer, Franzosen, Italiener, die wie Heldentenöre fahren, Knickerbockerdubis, die mit stahlhartem Blick Caraceiola mimen, wasferstoffsuperoxydiertes Frollein mit niegelnagelneuem Führerschein, das sämtliche Kurven verkehrt nimmt. „Was, mein Fräulein, werden Sie tun, wenn an Ihrem Wagen der Unierdrucksörderer versagt?" — „Dann, mein Herr, werde ich mich neben den Wagen setzen und solange bitterlich meinen, bis ein Kavalier kommt und mir hilft." Recht hat sie. Alte Herren, in deren Vollbärten Bienen summen, haben den Ernst des Lebens und die „Sachlichkeit" erfunden, während doch ringsum in der Natur lauter grober Unfug getrieben wird und die Propheten der Sachlichkeit Lügen gestraft werden ...
Hell wie ein Aquamarin ist der See und auf den Zeltplatz prasselt Spätsommer-Sonne, unb prolongiert ist noch einmal der Wechsel zum murrdaxigen Herbst ...
'sche Aniversitäts-Duch. und Steinbruderei, A. Lange, Gießen.


