Ausgabe 
19.6.1936
 
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Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1956

Zreitag. -en 19. Juni

Nummer 46

Oie Fahrt nach öer Ahnfrau

Erzählung von Paul Fechter

Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

2. Fortsetzung.

Da war der Siebenjährige Krieg, und wir hatten die Russen hier", erwiderte der Pfarrer.Da wird's 'n bißchen unruhig. Aber sie sind doch mehr im Süden durchgezogen, Mohrungen weiht du, Herder; hier wird's erst nachher, 1812, schlimm."

Der Arzt hatte das merkwürdige Gefühl, daß ihm die preußische Geschichte auf einmal ganz nah auf den Leib rückte. Er suchte seine Urgroßmutter, und die Russen, die Katharina gegen den Alten Fritz geschickt hatte, die Franzosen Napoleons machten ihm dabei Unbequem­lichkeiten. Komisch, wie lange olles nachwirkte! In Berlin merkte man das gar nicht so.

Hast du denn Platz?" fragte er, auf das Angebot des Pfarrers zurückkommend. Der nickte; er fei allein, er hätte drüben mit einem Amtsbruder etwas zu besprechen. Das dauere aber nicht lange, und er könne ihm wohl behilflich sein, nachher einmal auf dem Evangelischen Pfarramt nachzufragen. Natürlich nur, falls er Wert darauf lege.

Der Doktor Ebener legte Wert darauf, und sie verabschiedeten sich bis zum nächsten Tag. Der Pfarrer nahm eine elektrische Bahn, Georg Ebener ging ins Hotel, versuchte zu schlafen, konnte nicht; die Straße, der helle Sonnenschein störten ihn. So erhob er sich bald wieder, nahm Hut und Baedeker, wechselte beim Portier einiges Danziger Geld ein und ver­handelte zwei Minuten später mit einem Chauffeur über den Preis einer Fahrt nach Oliva.

Der Mann lachte.Fer Ihn' mach's billig ich hab' Ihn' ja heit morgen herjebracht", sagte er behaglich. Der Doktor Ebener wunderte sich, daß er den Mann auch nicht gleich wiederkannt hatte; der Chauffeur fragte, ob er nach Oliva oder nach Zoppot fahren sollt'. Der Doktor aber bezwang sich und fuhr nur nach Oliva.

Bor dem Schloß blühten in leuchtender Pracht Stiefmütterchen und späte Vergißmeinnicht. Der Park lag frühlingsgrün und still; die schmale zarte Fassade der Klosterkirche mit den beiden Türmchen an den Seiten ragte hell ins klare Licht. Bei den Wassern im Park dachte Ebener immer, sie müßten überlaufen, so hoch standen sie in ihrem Becken. Aber sie blieben und spiegelten den Himmel und die Zweige der Bäume, obwohl noch überall die hellbraunen Knospenhüllen der Blätter auf ihrer Oberfläche und am Rande schwammen.

Einmal sah er von fern einen dunkelblauen Streifen See durch einen Durchblick herüberschimmern. Wieder spürte er die Lockung, hinzufahren und zu suchen. Aber dann gab er sich einen ärgerlichen Ruck und wanderte weiter, um das Schloß herum, um das Kloster mit dem weiten, Hellen Hof. Er tat seine Pflicht als Fremder und war doch nicht bei der Sache. Er sagte Friede von Oliva 1660 und versuchte sich vorzustellen, daß hier viel­leicht einmal Gustav Adolf oder Karl XII. oder gar der Große Kurfürst gewesen wären. Der Baedeker verriet nichts von ihrer Anwesenheit, und der Doktor besah sich ein bißchen ungläubig die Helle Frühsommerwelt ringsumher. Sie sah so gänzlich ungeschichtlich und lebendig aus; er über­legte einen Augenblick, ob es wohl damals hier auch schon so gewesen war. Die Gebäude waren alt, standen zum Teil wenigstens wohl schon zu jener Zeit. Vieles war sicher umgebaut; vielleicht hatte es den Park noch gar nicht gegeben oder er sah ganz anders aus. Die Bäume hier waren höchstens hundert Jahre alt, konnten in ihrer Jugend vielleicht Napoleon gesehen haben, aber sicher nicht den Schwedenkönig oder gar den Großen Kurfürsten.

Er versuchte sich oorzustellen, wie es ausgesehen hatte, als er zuletzt vor bald dreißig Jahren hier gewesen war. Aber die Erinnerung ließ ihn im Stich. Er besann sich auf das Schloß und die Wasser; ob die Bäume kleiner gewesen waren, wußte er nicht. Er stellte schließlich fest, daß das auch ganz gleichgültig sei, und beschloß, den Karlsberg zu ersteigen. Er entsann sich, daß die Aussicht einst den Vater entzückt hatte.

Der sandige Weg war nicht schwer zu finden und viel kürzer, als er gedacht hatte. Nur zu rasch hatte er die Höhe mit dem Aussichtsturm erreicht, stieg empor und sah nun hinüber über das hügelige Land und die weite Ebene^nach der fernen See, die lockend herüberblaute, und nach der andern Seite in die lichtgrllnen Buchenwälder am Hang der Höhen, die sich nach Danzig hinüberschwangen. lieber den Baumwipfeln schwebte zartrosig im Duft der Turmstumpf von Sankt Marien. Das Bild in der durchsichtigen Juniklarheit des Hohen Sommertages war bezaubernd: aber Doktor Ebener stand davor mit derselben Sachlichkeit, die er vor

einem zu entfernenden Blinddarm empfand. Es war schön; aber es fehlte ihm etwas.

So stieg er hinab, suchte von neuem seinen Chauffeur, der hoffnungs­voll gewartet hatte, und fuhr wirklich nach Zoppot. Er wanderte durch die Anlagen, über deren Blumenbeeten das nachmittägliche Konzert blechern flimmerte; er ging zum Strand, auf den Steg, wanderte zwischen den wenigen Strandkörben hindurch, die sich schon ins Freie gewagt hatten umsonst. Er früh und mißlaunig zu Abend, wobei er sehnsüchtig an das Mittagessen mit dem Pfarrer dachte; dann kaufte er sich eine Karte für das Kasino und beschloß, sein Glück wenigstens im Spiel zu versuchen. Er kam sich dabei sogar beinahe etwas mondän vor, bis er oben im Spielsaal zwischen den quadrierten Tischen stand, an denen er den vielbesungenen Beruf des Croupiers zum erstenmal in Wirklichkeit, nicht nur im Film erlebte. Er wechselte wie die andern bei einem stummen Mädchen einen Zehnguldenschein, sah ein Weilchen lernend zu und begann bann, ohne zu wissen warum, wie die andern die einzelnen Guldenstücke teils in die Gevierte, teils auf ihre Grenzlinien und deren Schnittpunkte, zu setzen. Er sah die alten Damen, die da vorgebeugt um den Tisch saßen und ihren Guldenstllcken sehnsüchtig nachblickten, sah die jungen Männer mit den östlichen Physiognomien, hörte polnische Worte und andere fremde Idiome und das Ganze wirkte in der rauchig schwebenden Luft mit den großen Kronleuchtern auf einmal nicht mehr mondän. Er gewann zehn Gulden und verlor sie wieder, ging an einen andern Tisch, wo ihn eine stark parfümierte, hochblonde Dame so lange interessierte, bis sie mit dem Croupier, der gelangweilt, mechanisch, ohne hinzusehen, auch ihr Geldhäufchen zu sich heranharkte, Streit anfing. Da wanderte er in den Nebenraum, in dem der Bakkarattisch stand, und nun wurde die Sache interessanter. Dort saßen lauter alte Männer mit richtigen Spielgesichtern schweigend um den Tisch; der Croupier oder wie man ihn hier nennen mochte, machte wunderbar geschickt alle mög­lichen Manipulationen mit Karten und Geld; vor jedem der Spieler lag ein Haufen zerknüllter Scheine und Fünfguldenstücke, und alles ging unter sozusagen wissenschaftlichem Schweigen, nur mit geheimnisvollen Rusen des Kasinomannes vor sich, der die Leitung hatte. Auf einmal zerriß die Ruhe: irgend etroas erregte die alten Herren sie schnatterten plötzlich böse und zornig wie zerraufte Vögel in lauter fremden Sprachen durch- und gegeneinander: der Croupier blieb wie ein ägyptisches Monu­ment unbeweglich sitzen: dann sprangen sie alle auf und schossen wie auf Kommando eilig rauchend nach allen Seiten auseinander.

Und da kam es dem Doktor Ebener plötzlich zum Bewußtsein, daß er hier auf deutschem Boden stand und doch kaum ein Wort Deutsch hörte: daß eine fremde Welt sich fremd und seltsam angetan hatte, und auf einmal wußte er, wie vieles sich geändert hatte, seit er zuletzt hier gewesen war. Nicht nur die Bäume waren gewachsen; die ganze Welt um die blaue Bucht, über der draußen der silberne Frühsommermond leuch­tete, hatte neue, fremde, makabre Züge bekommen. Ihm war, als ob er plötzlich wieder wie einst als Stabsarzt in einer der Städte des Krieges oben hinter der Front stand; er war hier ebenso sremd wie dort. Er zerdrückte seine Zigarre, warf noch einen Blick aus dem schon abendlich leeren Cafe hinaus durch die blauen Fenster auf den verlassenen Seesteg und seine flimmernden Bogenlampen, über denen der helle Himmel der Juninacht und der seltsam mitten im Raum schwebende silberne Mond hingen. Dann ging er.

Gegen neun Uhr früh hielt der Wagen mit dem Pfarrer am Danziger Hof; eine Viertelstunde später fuhren sie über die Mottlaubrücke die breite Straße durch Langgarten mit seinen immer niedriger werdenden Häu­sern auf Bohnsack zu. Der Morgen war blau wie der des vergangenen Tages: der leichte Dunst, der über dem Werder lag, löste sich zusehends, und als sie bald darauf an den Strom herankamen und unter den hohen Bäumen auf dem Damm entlangsuhren, war der Tag so silbern klar, daß die völlig ungetrübte Farbigkeit der Welt fast weh tat. Glasklar tag die Ferne über der Weichsel auf Danzig zu, glasklar standen die Höhen über Praust: als sie über die erste Fähre fuhren auf die zierlichen bunten Hänschen und die lustige Fachwerkkirche von Bohnsack zu, die leuchtend vor dem Dunkel des Kiefernwaldes stand, hatte der Doktor das Gefühl, die Welt noch nie so rot und blau und grün und unverwischt erlebt zu haben wie hier.

Die zweite Fähre nahm sie auf: sie kreuzten den Durchstich, den eigentlichen Strom. Am Wagen lehnend fuhren sie hinüber; lichtblau lag über der Mündung des breiten Wassers die See. Ein Dampfer, der gerade die Bucht verließ, war in seiner Kleinheit mit Masten, Farben und Schornstein so deutlich, daß sie sich über seine Größe nicht einigen konnten. Der Doktor taxierte ihn auf einen kleinen Küstendampfer; der Pfarrer, der die See und das östliche Seelicht im Juni kannte, lachte nur.

Nach Süden zu flimmerte die Weichsel hell im Sonnenschein. Die Dämme, das flache Land zu beiden Seiten, Bäume, Gehöfte standen farblos wie helle Silhouetten im Licht. Georg Ebener hatte plötzlich das