foq beinahe durstig die Luft ein, in der schon d Linden und fernem Holunder und zugleich
Papier, saßen zwei Männer und suchten die blassen Spuren, die der Schicksalsweg einer Frau hinterlassen hatte, von der niemand mehr wußte, obwohl nur drei kurze Generationen sie von dem Urenkel trennten, der hier saß und ihr.sein Dasein verdankte.
Der Doktor sand es bald nicht sonderlich interessant, immer neue Wiebes und Preuschhosfs und Dycks und Krauses oder zur Abwechslung einmal Hildebrandts aus ihrer wohlverdienten Ruhe aufzustöbern, die sie dort in den dicken Bänden mit ihren Eheliebsten aus den Stämmen der Enß und Wiens und Bollerthuns und wieder Krauses oder Kuhns vereinte. Er überflog die Seiten nur noch und empfand in Gedanken bereits so etwas wie Genugtuung, wenn er sich die berechtigten Borwürfe vorstellte, die er dem Brüderchen machen würde, das ihn auf diese unnütze Fahrt geschickt hatte. Da hob plötzlich der Pfarrer Malletke den Kopf und sagte: „Komm mal her."
Der Doktor gehorchte, der Pfarrer drückte seinen Finger mitten auf eine braungesleckte Seite mit vielen sauberen, verblaßten Schriftreihen in der Schreibweise längst verschollener Jahrzehnte — und als Georg näher hinsah, stand da wirklich klar und deutlich der Name Regina Katharina Müller.
„Meinst du?" fragte er zweifelnd.
„Gib mal deine Danziger Papiere", sagte der Pfarrer — und dann verglich er und nickte. „Das Geburtsdatum stimmt. Den 15. März 1760 — in Insterburg."
„Und das andere?" fragte der Doktor gedankenlos.
Der Pfarrer hob für einen Moment den Blick zu ihm auf. „Das steht nur hier: gestorben am 14. September 1797 dahier, siebenunddreißig Jahre alt."
Der Doktor schwieg ein Weilchen. „Möglich ist es ja", sagte er langsam. „Aber ob es die Rechte ist?"
Der andere hob leicht die Schultern. „Schwer zu sagen. Die Ueberein- stimmung des Namens und des Geburtsdatums spricht dafür; Insterburg spricht dagegen."
„Wieso?" fragte erstaunt der Arzt. „Das ist doch nicht so weit."
Der Pfarrer Malletke lächelte: „Heut nicht, aber damals. Damals war Ostpreußen Ausland für Danzig wie für Marienburg, wenn auch bet der Hochzeit das Land hier schon preußisch war. Wann haben die beiden geheiratet?" . ,_QO _
Der Doktor sah in seinen Danziger Papieren nach. „1782 am 1. Sep- tcTnbcr
1782", sagte der Pfarrer. „Da erschien, glaube ich, die Kritik der reinen Vernunft. 1772 wird das hier preußisch — bis aus Danzig. Danzig bleibt Ausland."
Ein Weilchen herrschte Schweigen, nur unterbrochen durch das lange, zornige Hupen zweier Autos, das sich lächerlich mit dem heftigen Blöken einiger Hümmel mischte. Dann hob Malletke wieder an: „Em junges Mad- chen aus Insterburg heiratet in Danzig einen dortigen Schiffsreeder und stirbt nach fünfzehnjähriger Ehe — die — zeig mal — laut Kirchenbuch mit vier Kindern gesegnet ist, in Marienburg, also jenseits der Grenze. Dein Urgroßvater hat sie überlebt?"
Ebener suchte einen zweiten Zettel hervor und sah nach. „Bis 1815", bestätigte er.
Der Pfarrer blickte versonnen durch das Fenster in den blauen Mittagshimmel über den besonnten roten Dächern. „Etwas ungewöhnlich ist s , sagte er langsam.
Der einarmige Gehilse hatte interessiert zugehört. Jetzt räusperte er sich „Na kennt' nich am End' die junge Frau auf ’ner Reis krank ,e- worden sint?" wagte er zu dem Pfarrer hinüber zu bemerken. Der schüttelte den Kopf: „Nein, Herr Koslowski, dann hätt' man sie bestimmt nach Danzig zu dem Herrn zurückgebracht. Sie hat sicher schon hier gelebt — wahrscheinlich ohne ihn", setzte er vorsichtig hinzu.
„Aber wo kam sie her?" fragte Georg Ebener mit einem Klang von stärkerer Beteiligung in der Stimme.
„Aus Jnsterburch", sagte Herr Koslowski, erstaunt über soviel Begriffsstutzigkeit eines studierten Mannes.
„Das weih ich", sagte der Doktor kurz; „aber wer waren ihre Eltern?
Bon wem stammte sie ab?" , ,
Der Pfarrer spielte mit dem Bleistift: „Das kannst du höchstens in Insterburg 'rauskriegen — wenn wir einmal annehmen wollen, daß dies wirklich deine Ahnfrau ist." ,
Er schlug in dem alten Kirchenbuch, das er -immer noch ausgeschlagen vor sich hatte eine Seite um und las wie in Gedanken weiter, als suche er noch etwas, und auf einmal stieß fein Finger wieder auf dos gebräunte Papier, und er sah den einstigen Schulgefährten von neuem an: „Es ist ziemlich sicher, daß es deine Urgroßmutter ist."
„Wieso?" fragte der Doktor und suchte mit seinem Blick die Stelle, wo des Pfarrers Finger hielt.
Malletke beugte sich über das Papier. „Hat dein Großvater einen Bruder mit dem Bornamen Johann Friedrich Benedikt gehabt?"
Georg Ebener zog wieder ein anderes Papier hervor und schüttelte den Kopf. Hier wären vier Kinder verzeichnet, aber keines dieses Namens. Der Pfarrer aber sagte: „Hier im Kirchenbuch ist ein Knabe Johann Friedrich Benedikt Ebener eingetragen, der im zarten Alter von vier Monaten am 1. Oktober 1797 gestorben ist."
„Aber auf der vorigen Seite stand doch Regina Katharina Müller", sagte der Doktor, „das müßte dann doch auch Ebener heißen, wenn die beiden zusammengehören sollten."
Herr Koslowski nickte zustimmend; der Pfarrer aber lächelte ein kleines, etwas melancholisches Lächeln. „Es gibt manchmal Situationen im Leben, gab sie auch damals schon, da wollen die Frauen den Namen des Mannes, den sie selbst einmal trugen, nicht mehr hören."
(Fortsetzung folgt.)
Gefühl da ginge es in eine fremde Welt, beinahe schon ins Russische hinein. Breit, einsam, melancholisch kam der mächtige Strom hell herangerollt. Größe und Verlassenheit waren über ihm; der Doktor mußte an die Donau denken unten auf dem Balkan, über der auch die Weiden flimmerten wie die da drüben am Weichseldamm. Bloß damals war Winter gewesen und Rauhreif, als sie bei Semendria ^übergingen; hier lag Sonne und leuchtender Sommer über dem Land, und doch kroch die erste Weite der Fremde heran, die erste Einsamkeit des Ostens, der an diesem Strom anhub.
Georg Ebener wandte den Blick zurück zur See, in die prangende Junifarbigkeit, horchte auf das rasche Glucksen der Wellen unter dem schrägen Bug der Fähre und sog beinahe durstig die Lust ein, in der schon ein erster Duft von Korn und Linden und fernem Holunder und zugleich noch ein letzter Rest von der kühlen Frische des Frühlings war. Dieser Osten war ihm lieber, den andern ließ er ohne Bedauern und ohne hinzusehen hinter sich.
Drüben, jenseits der Weichsel, fuhren sie noch eine Strecke weiter ostwärts, am Rand der beginnenden Nehrung, deren Sandhöhen seltsam mit dem fruchtbaren Reichtum des bis an ihren Fuß Heranstromenden Deltalandes zusammenklang. Sie fuhren so weit, daß das hohe Lied von Elbing schon klarer aus dem lichten Nebel des Morgens zu wachsen begann, unter dem es lag. Dann sprach der Pfarrer kurz mit dem Wagenlenker; der nickte, sagte: „Ich mein, gleich über Tiegenhofs", und bog nach links ein, die Richtung nach Süden, dem Licht entgegen, nehmend.
Kornfelder im leicht violett getönten Grün des Roggens vor der Blüte, satte Wiesen mit schwerem, reglosem schwarzweihen Vieh, behäbige Gehöfte mit großen Wohnhäusern und weitausladenden Stallungen glitten vorüber. Immer wieder mußten sie breite, bewegungslose Wasserarme kreuzen, meist mit Fähren, neben denen aber oft neue eiserne Brücken, noch rot leuchtend, im Bau waren. Seltsame Namen standen an den Tafeln der Ortsschilder: die Landschaft, aus der noch eben der erste Schauer des östlichen Raumes gestiegen war, bekam etwas Westliches, holländisch Breites, Wohlhabendes. Und als sie bald darauf mit leichtem Holpern durch die schmalen Gassen einer kleinen, lauten Stadt rollten: auf einmal lief ihre Straße am linken Ufer eines breiten, trägen Flusses dahin, im Schatten hoher, behäbiger Bäume, die auch das Wasser überdachten, zur Linken lagen lauter kleine, einstöckige, rote, blaue, gelbe, rosa Häuschen mit weißen Lauben vor dem Eingang, zierlich, sauber, verschlafen und spielerisch in das langsame Wasser des Flusses jenseits der Straße blickend — da sagte der Doktor erstaunt: „Das' ja Saardamm." Der Pfarrer nickte mit einem Lächeln: „Es is aber bloß Tiegenhoff."
Bald danach stieg zum erstenmal fern und blaß die Silhouette auf, die der Doktor schon lange unbewußt gesucht hatte — das kleine, nur wenig über dem Horizont ragende bläuliche Viereck, aus dessen Mitte sich zierlich ein Türmchen hob. Und kurz nach elf Uhr hielten sie auf dem hohen Damm von Kalthof, und drüben, jenseits der Nogat lag, gegen . das Licht noch großer und wuchtiger wirkend, die Marienburg, das Herz des Landes um den Strom, und vor der Brücke stand ein Mann in grüner Uniform und verlangte ihre Päffe zu sehen und fragte nach dem Gepäck. Der Paß des Pfarrers fah ganz anders aus als der des Doktors, obwohl sie die gleiche Schulbank gedrückt hatten, und der Strom da unten, über den sie fo oft auf der alten Schiffbrücke dort nebenbei gelaufen waren, war jetzt eine Grenze geworden.
Der Doktor machte, als der Wagen langsam über die Gitterbrücke rollte, ein finsteres Gesicht. „Wenn man das nie erlebt hat, denkt man sich das gar nicht so, mit Paß und Zoll und all dem Zeug", sagte er grollend zu dem Psarrer. Der nickte: „Wir sind es schon gewöhnt; aber schön ist's nicht."
„Hat die Nogat immer so wenig Strom gehabt?", fragte Georg Ebener und wies auf den ruhigen, feeartigen Spiegel des Flusses hinab. Sein Begleiter lachte: „Sie haben sie doch reguliert, schon vor zwanzig Jahren. Die Nogat ist unten an der Montaner Spitze durch ein Wehr abgesperrt; die Wasser gehen nur noch die Weichsel entlang. Nach Jahrhunderten haben die Danziger noch einmal in dem alten Wasserkrieg gesiegt, als der Sieg keinen Sinn mehr hatte. Die Nogat ist tot — es gibt auch kein Hochwasser, keine Ueberschwemmungen mehr."
„Schade", sagte der Doktor.
„Du bist ein Gemüt", meinte der Pfarrer; aber der andere wehrte ab: „So meine ich's nicht. Es war früher lebendiger, und bann ist wieder ein Faktor ausgeschaltet, der bevölkerungsregulierend wirkte."
Der Pfarrer verzichtete auf eine Antwort.
Sie stellten den Wagen auf einen Parkplatz und suchten zuerst den Pfarrer Krause auf, um dessentwillen die Fahrt unternommen war. Er war ein schmaler, alter Herr, der lebhaft über die viele Arbeit klagte, die die neuerwachte Ahnenneugier ihm bereite, fo daß der Doktor schon darauf verzichten wollte, nach Regina Katharina Müller zu fragen. Aber der Pfarrer Malletke schien feinen Amtsbruder zu kennen. Er nahm von feiner im voraus ablehnenden Haltung keine Notiz, brachte seinerseits das Anliegen Ebeners vor und erreichte damit, daß der alte Herr, lediglich einen melancholischen Seitenblick auf den Mann mit der so schwer zu enträtselnden Ahnfrau werfend, seinen Strohhut ergriff, durch eine vorsichtig geöffnete Tür ein paar erklärende Worte in ein Nebenzimmer fallen ließ und dann führend seinen gepflegten weißen Spitzbart über die Straße hinüber zum Pfarramt trug. Dort führte er die Fremden bei seinem einarmigen Helfer ein und übertrug ihr Anliegen in eine diesem würdigen rothaarigen Mann verständliche Sprache. Dann lächelte er teils milde, teils müde Abschied und kehrte eilig wieder über die Straße in feine Privatgemächer zurück.
Der Pfarrer Malletke hatte sehr bald aus feiner Kenntnis der östlichen Volksseele eine direkte Beziehung zu dem Kirchenbeamten Koslowski gesunden, und nach kurzer Frist hatten sie die Folianten der Zeit, um die es sich handelte, aus einem großen Tisch vor sich. Der Pfarrer blätterte, der Doktor blätterte; Herr Koslowski sah zu. Draußen lag der helle Sonnenschein; Wagen rollten rumpelnd und ratternd über das holprige Kopf- vflaster; bann unb wann brüllte eine Kuh. Drinnen stieg verschollene Orb- nung verschollener Jahrhunberte mit leichtem Moderbust aus gebräuntem


