Himmlischer Giern.
Von Eleonore Lorenz.
Dunkel die Nächte, es funkelt kein Stern, dicht quillt der Nebel, das Licht ist fern.
Aber in stiller, in heimlicher Zeit trägt eine Blüte die Ewigkeit —
Seliges Kindlein, himmlischer Stern, der uns gegeben von Gott dem Herrn, leuchtest durch dunkle nachtschwere Zeit, leitest die Müden zur Ewigkeit,
weckst in den Herzen, die traurig sind, ewige Sehnsucht, himmlisches Kind.
Dunkel die Nächte, doch glänzt ein Stern — Christrosenschimmer aus Gott dem Herrn.
Carl Maria von Weber.
Zu feinem 150. Geburtstage am 18. Dezember.
Von Hermann Ohrenschall.
Was Mozart begonnen, Beethoven weitergeführt, hat Weber vollendete die Schöpfung der deutschen Oper. Längst ist der „Freischütz" selbstverständlicher Besitz des deutschen Volkes geworden. Wo man von deutscher Musik spricht, muh man Weber an erster Stelle nennen. Er war so völlig von deutschem Geiste erfüllt, daß er alles Fremde bis auf den Tod haßte. Mit aller Energie strebte er danach, das deutsche Opernschaffen von den ausländischen, besonders den italienischen Einflüssen zu befreien und eine heimatverbundene deutsche Dolksoper zu gründen. Das fühlte er als seine innerste Berufung. Und mit dem „Freischütz" gelang ihm der große Wurf. Hier drang er hinab bis zu den tiefsten Wurzeln und heiligsten Quelle deutschen Volkstums: dem Märchen und der Sage. Aus ihnen schöpfte er seine Melodien, echte Volksweisen, die nur aus einem deutschen Gemüte fließen konnten. Somit wurde er auch gleichzeitig der Begründer der r o m a n - tischenOperin Deutschland. 'Die strenge klassische Form Mozarts und Beethovens wurde aufgelöst. Die freie, seelisch verseinerte Kunstgestaltung trat an Stelle formgebundenen Schaffens. Das Lied verdrängte die Arie. Die bisher so stumme und doch so wundervolle Welt der heimatlichen Natur, des Waldes, der Täler, der Berge, wird mit all ihrem Zauber der Kunst erschlossen. Damit sind die beiden wesentlichsten Züge W-bcr- scher Eigenart und Musik genannt. Er war der deutsche Romantiker. Und deshalb müssen wir ihn lieben, weil er zu unserer Seele spricht, weil er aus unserer Seele spricht.
Als am 18. Dezember 1786 dem Eutiner Stadtmusikus Franz Anton von Weber in zweiter Ehe sein neuntes Kind, Carl Maria Friedrich Ernst, geboren wurde, stand es bei dem ehrgeizigen Vater sest, daß er aus seinem Jüngsten ein Wunderkind machen würde. Hemmungslos, erfüllt von einer alles überwuibernden Abenteuerlust und Musikleiden- schaft, die. um ihrer Erfüllung Genüge zu tun, selbst nicht vor brutalen und zweifelhaften Mitteln zurückscheute, führte Franz Anton von Weber ein unstetes, oft von bitterster Not geplagtes Wanderleben mit seiner Familie. Alle Stellungen und Posten, die er innehatte, gingen ihm nach kurzer Zeit wieder verloren, weil er seine Beziehungen nur zu egoistischen Spekulationen ausnutzte. Selbst die Erziehung seiner Kinder opferte er seinem Wahn, zu Glanz und Erfolg zu gelangen. So verlief des schwächlichen, zarten Knaben Carl Marias Jugend völlig freudlos. Er kannte keine Heimat, keine Ordnung, keine liebevolle Pflege, da die sorgende Mutter srüh starb, keine Freiheit, aber auch keine segnende Gebundenheit, sondern nur harten strengen Unterricht in Musik, bei dem es auch sehr oft böse Schläge setzte. Aber selbst die barbarischen Erziehungsmethoden des Vaters machten aus dem scheinbar völlig unmusikalischen Knaben kein Wunderkind. Sein Stiefbruder Fridolin schlug ihn einmal im Zorn mit dem Geigenbogen aus die Finger und schrie ihn an: „Carl, du kannst vielleicht alles werden, aber ein Musiker wirst du nimmermehr!" Die einzigen Hellen Augenblicke seines Lebens waren die Stunden, wo er allein auf der Bühne spielen konnte. Sein Vater hatte eine eigene Theatertruppe ausgemacht und zog mit ihr von Ort zu Ort. Und wenn die Bühne nach den Proben leerstand, dann schlich sich der kleine Karl heimlich auf die Bretter, kleidete sich in die Gewänder der Schauspieler und lebte nun sein eigenes Traumleben in einer glücklicheren Welt.
In Wien ersuhr Carl Maria endlich den ersten systematischen Musikunterricht durch Michael Haydn, einen Bruder des großen Joses, und
durch den außerordentlich tüchtigen Abt Georg Joses Vogler. Beide erkannten sofort die geniale Begaoung des Knaben und süyrten chn zu seinem eigentlichen Gebiet, der dramatischen Musik. Und nun geschah das Wunder. Aus Empfehlung Voglers wurde der kaum Achtzehnjährige 1804 zum Operndirektor nach Breslau berufen. Zum erstenmal zeigte sich hier sein Überragendes Organisationstalent'. Die Breslauer Oper erlebte unter seiner Leitung eine Zeit höchster Blüte. Aber sein feuriges Temperament, sein selbstbewußtes Auftreten brachten ihn bald in Konflikt mit der Theaterverwaltung. Rasch entschlossen legte er 1806 sein Amt nieder.
Köstlich war die Zeit beim Herzog Eugen von Württemberg in Karlsruhe in Schlesien. Der musikbegeisterte Fürst hatte hier ein Theater errichten lassen und ein ausgezeichnetes Orchester zusammengerufen. Sorglos, in heiterer Schaffensfreude lebte Carl Maria hier als Musikintendant des Herzogs seinen Neigungen und Wünschen. Seine zwei entzückenden Symphonien und das Hornkonzert legen Zeugnis ab von dem Glück jener Tage. Nur zu bald nahm dieses idyllische Leben ein plötzliches Ende, als 1806 die Kriegssurie üher deutsches Land hereinbrach und der zum Heer einberufene Herzog Kapelle und Theater auflösen muhte
In trostloser Lage, völlig verarmt, unternahm Carl Maria Kunst- reifen, um sein Leben nur in aller Notdurft fristen zu können, bis er endlich in Stuttgart beim Herzog Ludwig von Württemberg eine Stelle als dessen Sekretär fand. Webers Dienstpflichten ließen ihm reichlich Zeit, seinen Privatinteressen nachzugehen. Er schloß sich fröhlichen, kunstbegeisterten Kreisen an und geriet in ein recht lockeres Leben. Das leichtsinnige Leben riß ihn in feinen Strudel, und hemmungslos gab er sich den Vergnügungen hin. Ungehindert brach das unselige Erbteil der Zuchtlosigkeit feines Vaters aus ihm hervor. Die erste Frau, die bedeutungsvoll in fein Leben eintrat, die Sängerin Gretchen Lang, führte ihn bis an den Rand des Verderbens. Ihretwegen stürzte er sich in Schulden über Schulden. Und als sein Vater im April 1809 ganz unerwartet in Stuttgart eintraf, vermehrten sich nur die Nöte des jungen Carl Maria. Um die Schulden zu decken, war dem Vater jedes Mittel recht, und er scheute nicht vor Bestechung und Unterschlagung im Namen seines Sohnes zurück.
Cs war am 9. Februar 1910. Carl Maria stand auf dem Orchefterpult und dirigierte gerade feine Oper „Silvana". Da entstand plötzlich eine Unruhe im Parkett. Militär erschien, wie ein Blitzstrahl durchfuhr Carl Maria die Wahrheit. Er wurde auf Befehl des Königs Friedrich verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Zwei Wochen wurde er in strengstem Gewahrsam gehalten. Ein Verhör jagte das andere. Aber Carl Maria blieb standhaft. Kein Wort der Anklage traf feinen Vater, der schwere Versehlungen begangen hatte. Der König war schonungsvoll genug und verurteilte beide Weber wegen hoher Schulden zu dauernder Landesverweisung. Unter starker militärischer Bedeckung wurden sie bis an die Grenze gebracht. Aus dem verschwenderischen, leichtsinnigen Jüngling aber war ein reifer Mann geworden, den die harten Gefängnistage endlich zu seinem wahren Ich hatten gelangen lassen.
Jahre des Suchens und des Lernens führten ihn über Karlsruhe, Darmstadt, München, Weimar, Dresden und Berlin nach Prag, wo ihm 1813 die Leitung der Oper angetragen wurde. Er verzichtete auf feine großen Künstlerpläne, die ihn nach Italien und Paris führen sollten, und zwang seinen freien Künstlergeist in das harte Joch der Pflicht, um «„bald meine Schulden als braver Kerl abzahlen zu können", wie er in feinem Tagebuche schreibt. Und dieses Opfer wurde ein Segen für ihn. Die Prager Oper, die nahe am Verfall war, mußte neugestaltet werden. Und was Weber in jungen Jahren in Breslau so glückverheißend begonnen hatte, das führte er hier zu höchster Meisterschaft: die Organisation eines Opernbetriebes. Webers Dirigentenzeit ist eine der glanzvollsten Perioden der Prager Operngeschichte.
In Prag traten wieder Frauen entscheidend in sein Leben. Therese B r u n e 11 i war eine Schauspielerin, die in einer unbefriedigenden Ehe mit einem Tänzer lebte. Webers Liehe zu dieser dämonischen Frau war eine einzige Leidenszeit. Mit Eifersucht und unsinniger Launenhaftigkeit verbitterte sie ihm das Leben. Seine alles beherrschenden Gefühle für sie benutzte sie nur zur Spielerei und trieb ihn manchmal bis an die Grenze des Wahnsinns. Carl Marias Briefe und Tagebücher aus dieser Zeit sind erschütternde Zeugnisse seiner Dual.
Aus solcher Not konnte ihn nur reine Liebe erlösen. Sie sollte ihm in Karoline Brandt erblühen, die am 1. Januar 1814 von Weber für sein Ensemble verpflichtet wurde. Sie gehörte zu den entzückendsten Erscheinungen der deutschen Opernbühne. Sie lebte mit ihrer Mutter in vornehmer Zurückgezogenheit, und als Weber einmal durch dienstliche Obliegenheiten in die wundervoll harmonische Häuslichkeit eintrat, fühlte er bald seine wahre Neigung entschieden. Unsäglich schwere Kämpfe kostete die Lossagung von der Brunetti, die ihrer schlichten Nebenbuhlerin nicht weichen wollte. Aber auch Karoline konnte sich nicht entschließen, Weber das Jawort zu geben, zumal er an eine eheliche Verbindung den Verzicht auf die Bühnenlaufbahn knüpfte. Auf alle seine Briefe — herrlichste Zeugnisse einer großen, edlen Liebe — hatte Karoline nur zögernde Antworten Mehrmals kam es fast bis zum Bruch zwischen ihnen. Als er am 15. Januar 1816 die entscheidende Frage tat, erhielt er eine Absage: sie wollten einander in Freundschaft verbunden bleiben.
Der Verzweiflung nahe, kehrt er nach Prag zurück und sieht am ersten Abend das geliebte Mädchen in all ihrem unwiderstehlichen Zauber auf der Bühne wieder. Nun erfüllt sich endlich das Geschick dieser beiden Menschen. Jetzt erst erkennt Karoline ihre wahre Liebe und willigt in die Ehe, die sich zu einer wundervollen Harmonie gestalten sollte. Karoline gab ihrem Gatten endlich die langersehnte Häuslichkeit. Aus ihrer hingehenden Liebe schöpfte er immer neue Kraft und Freude, lieber olle Erdenschwere hinweg führte sie seine Seele zu strahlenden Höhen und trug so reichen Anteil an seinen Meisterwerken, die nun während der glücklichsten Zeit seines Lebens entstanden: „Der Freischütz", Euryanthe", „Oberon". Mit ihnen begann der Siegeszug der deutschen Oper. Als bei der Uraufführung des „Freischütz" in Berlin am 18. Januar 1821 der Hof fernblieb und die Anhänger der Italiener em<- Derfchwörung gegen das Werk geplant hatten, war es die Jugend, dic


