Eichener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 98
Freitag, den l8. Dezember
Jahrgang 1956
pageien zeterten
Natur nach nichts mit der Weltwirtschaft zu tun hatten. Aber weder erschoß er sich, noch schaffte er sich mit Gas oder Wasser aus dem Dasein, auch schluckte er kein Schlangengift, worüber er vielmehr manche Geschichte zu erzählen wußte — er blieb bei seinen grünen Hustenbonbons, öie bewährten sich. Sein Husten hielt sich in Grenzen. Auch Frau Trockenhut tat sich nichts zuleide, wenn sie auch Sorgen genug hatte und an ihrer Krankheit litt. Die Ladentür ging seltener auf, und wenn jemand hereinkam, war es ein Bettler oder ein Kunde, der ein nicht zusagendes Weihnachtsgeschenk umtauschen wollte, wenn sich Frau Trockenhut in ihrer Gutmütigkeit noch im Februar bereitfand.
verlieh, und sie waren, .
Aufmerksam ließ Klick seine Augen „
Laden umherschweifen. Ein Verhör der Papageien hätte sicherlich am raschesten Aufklärung gebracht, überlegte er, könnten bloß die Vögel mehr schwatzen als ihre paar eingetrichterten Wortfolgen. Er setzte eine Miene auf wie ein Inspektor von Scotland Yard, dem berühmten Londoner Polizeiamt. Die Käfigtllr war offen. Der Affe hatte sich an dem Gestell herabgeschwungen, folgerte der angehende Detektiv. Sah man irgendwo Fingerabdrücke, Haare? Er beschnupperte Leisten und Bretter. Roch es
nach Affe? Es roch.
„Man sollte ihn durch den Rundfunk als vermißt melden lassenI , sagte Ali.
„Nein!", rief der Onkel. „Schweigen, man muß schweigen, sonst kommt mir noch die Polizei aus den Hals — die Leute sind ängstlich.'
Klick hatte sich auf den Bauch gelegt und untersuchte den Fußboden.
Durch die Hintertür muß er entwischt sein", sagte der Tierhändler. „Eh wir uns aber auf die Suche begeben, liebe Kinder, wollen wir noch ein Hustenbonbon nehmen, draußen zieht es schauerlich. Die Grippe geht um. Man wird bald die Schulen schließen."
Er hielt ihnen die wohlbekannte Blechdose hin, und jedes bediente sich daraus.
„Hoffentlich werden die Schulen geschloffen!", wünschte Klick. „Dann hätte man genügend Zeit für die Affenjagd."
„Man müßte ein Fernrohr haben!", meinte der Hustenonkel.
„Einen Augenblick, bitte!", rief der grüne Papagei.
Klick schob sein Bonbon im Mund hin und her, ein Zeichen scharfen Nachdenkens.
„Wer hat die Käfigtür geöffnet? Wer hat sie nicht zugemacht? , fronte er.
Der fiustenonkel schloß die Ladentllr und hängte gegen die Scheibe ein Pappschild, darauf gedruckt stand: Vorübergehend geschlossen!
„Ich glaube, ich bin's gewesen ...", bekannte der Onkel kleinlaut und verlegen ^hüstelnd. „Hab Pong die Zehennägel geputzt ... Dann kam jemand und taufte Wasserpflanzen ..."
Ein kurzer Kriegsrat wurde gehalten. Der Hustenonkel wünschte, alle sollten zusammenbleiben, von einem gemeinsamen Angriff auf den Aus- reißer versprach er sich am ehesten einen Erfolg. Doch Klick war anderer Meinung. , ,,
„Getrennt marschieren!", schlug er vor. „Cinkreisen, erwischen.
Im Geist hatte er ihn bereits. Die Papageien brachen in unverschämtes Gelächter aus.
„Dummer Kerl, dummer Kerl!", höhnte Ricka.
Die Finken zwitscherten, die Sperlinge schlugen Krach, der Husarenstar pfiff wie ein Soldat. Vor Aufregung dröhnte der Laden. Selbst die Fische in den Wasserbehältern wurden unruhig.
„Erwischen, los!", rief der Hustenonkel, klemmte den grünen Regenschirm unter den Arm und wollte zur Hintertür hinaus.
„Was willst du mit dem Schirm?", fragte Klick. „Laß doch den Schirm da!"
„Ohne Schirm tue ich keinen Schritt", erwiderte der Onkel. „Ich bin einmal in Hamburg elend naß geworden. Seitdem habe ich meinen
Aber das Wetter ist doch wunderbar", entgegnete Klick.
Bist du Wetterprophet, bist du ein Laubfrosch?", versetzte der regenscheue Mann. „Dem Wetter in der Webergasse trau ich nicht. Ich bin hier nicht in Buenos Aires. Sieh dir doch die Grünen bu an!"
Er deutete auf die Laubfrösche in den Gläsern. Die Wetterfrosche hockten unten.
„Gut!", sagte Klick. „Los!" .
Die Hintertür führte durch einen dunklen Flur auf den viereckigen, kahlen Hof, wo sich der Packraum des Tierhändlers befand und sein
Klick aus dem Spielzeugladen
Roman für das große und kleine Volk
Von Friedrich Schnack
Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig
3. Fortsetzung.
Tag und Nacht hielten die Staatsmänner Rat, was zu tun sei, um die Ausgaben der Völker zu verringern und die Einnahmen zu steigern. Es kam nichts Gescheites dabei heraus, wie Klick der Zeitung entnahm. Mancher Bankleiter, der die ewigen Geldgeschichten satt hatte, brachte sich um, Zündholz- und Schweinekönige erschossen sich, und die amerikanischen Kaugummi-Milliardäre nahmen statt Kaugummi Schlangengift zu sich ober sonst etwas, bas ihnen auch nicht gut bekam. Selbst ber Hustenonkel spürte, baß Vögel und Goldfische nicht mehr so begehrt waren wie früher, obwohl sie nichts von ihrer Schönheit eingebllßt und ihrer ach nichts mit der Weltwirtschaft zu tun hatten. Aber weder r sich, noch schaffte er sich mit Gas ober Wasser aus bem Dasein,
Hustenonkel, schnell ein Bonbon nehmend, weil es im Hausflur zog. „Haben Sie vielleicht einen Affen gesehen?"
„Aber Onkel, der Schnllrsenkelmann ist doch blind!", mahnte Ali.
„Du lieber Himmel!", versetzte der Onkel.
Nein, erwiderte ber Schnürsenkelmann; er habe keinen Assen gesehen. Er sehe alles mit bem Gefühl. Aber vielleicht gäbe es Affen in ber Bären- fchenke. Es sei allerbings noch etwas früh am Tage. „Zwei Paar zehn Pfennig!", setzte er hinzu. „Feinste Ware, unzerreißbar."
„Hätten wir Pong!", rief ber Hustenonkel und zog die beiden Freunde mit fort.
Sie eilten in den Laden.
„Ob ihn vielleicht gar jemand entführt hat, weil er Lösegeld von dir erpressen möchte?", befürchtete Ali. Tante Mittwoch hatte ihr vor einigen Tagen eine Geschichte von einer amerikanischen Kindesentführung vor
gelesen.
Der Hustenonkel hustete, wie ein verstopftes Lachen klang es. Die Papageien zeterten. Sie hatten wohl beobachtet, wie Pong das Gefängnis , ihm die Freiheit mißgönnend, zornig.
klick feine Augen in dem engen und etwas düsteren
Das Radio war längst eingerichtet und fünfte. Klick hörte Konzerte, Vorträge, Hörspiele, Opernübertragungen und dummes Zeug. Der Apparat war der Zauberkasten des höheren Lebens: Schule, Hochschule, Welt, Leben, Wettkampf, Unterhaltung — alles in einem.
Noch immer hatte er die Wollmütze nicht gefunden, das Erinnerungsstück an die geliebte Mutter und den Kassenschrank der beiden Lose. Viele Wege hätte er damals noch getan, zweimal war er im Städtischen Fundamt gewesen, gern hätte er sie wiedergehabt. Zwar arbeitete Ali fleißig an der Ersatzmütze. aber ehe die fertig war, kam der Sommer, und dann brauchte er sie nicht mehr.
Du läufst immer ohne Mütze, Klick", sagte der Hustenonkel. „Das kann nicht gesund fein. Wirst dir noch das Haar erfrieren. Erfrorenes Haar bricht ab ..."
Es war nur gut, daß der Vater den Verlust der Kopfbedeckung noch nicht bemerkt hatte.
Dann ereianete sich das Abenteuer mit dem Affen Pong. Es war am zehnten März, Klick schrieb den Tag in sein Notizbuch, und den Vorfall dazu. Der Hustenonkel verließ in höchster Aufregung seinen Laden, haftete, den grünen, verschossenen Regenschirm in der Hand, mochte der Tag auch klar sein und keine drohende Wolke am Himmel der Webergasse stehn, schräg herüber; und am fiauseingang der Nummer elf, wo der blinde Schnürsenkelmann seine Ware d->n L-uien hinhielt, stieß er auf Klick, der mit feiner Freundin aus dem Hausflur trat.
„Ach (Sott, ach Gott!", jammerte der Tierhändler, „was macht man nur?" Sein Gesicht war bleich, und aufgeregt zuckte der Regenschirm.
„Was ist denn los?", fragte Klick, über den zappligen Mann ver- n)uvS,rt.
finden die Goldfische einander aufgefressen oder hat der Papagei der Schildkröte die Augen ausgehackt?, dachte er.
„Pong ift verschwunden ... der Affe ist entflohn ..."
E-schi-ocken fuhr Ali mit der fianb gegen die Livpen. Klick zog ein scharfes Gesicht, wie es die Detektive in den Filmen schneiden. Das war eine Sache! Angellren-ch dachte er nach.
„Er wird gewiß sämtliche Gardinen in der Nachbarschaft berunter- reißen", wehklagte der Hustenonkel. „Er klettert so gern. Das Biest, der Schake. der Hund!"
Gafllob, dachte Ali, daß wir keine Gardinen haben.
„Verschwunden, sagst du?", fragte Klick, aus seiner Brüterei auffahrend. „Verschwunden!", rief der Onkel.
Der Regenschirm fuchtelte, man starrte einander an.
Der blinde Schnürsenkelmann machte sich heran und hielt bem Hustenonkel seine Senkel unter bie Nase. Er meinte, Käufer seien gekommen.
„Zwei Paar zehn Pfennig!", bot er an. „Hab Weib unb Kind zu Hause..."
„Unb mir fehlt Pong! Was soll ich mit Schnürsenkeln!", krächzte ber


