Ausgabe 
18.5.1936
 
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er sah Petrus an und den großen Augusttn, die Reihen der Bischöfe und Päpste musterte er, und auch die Geringeren hinterwärts, die Kloster­brüder und die Armen im Geiste.

Ja, und dann lächelte der Herr und war ihnen allen gleich gut. Allerheiligen" schrieb er aus den leeren Platz im Kalender ...

Der andere Tag aber ist den armen Seelen zugedacht, die der Welt noch näher sind, der mühseligen Erde, in der ihre Leiber ruhen. An diesem Morgen liest der Pfarrer dreimal die Messe, und vielleicht ist es wahr, dah Gott am Allerseelentag einen Engel in das Fegefeuer schickt, damit er die Flammen lösche, ein einziges Mal im ganzen Jahr. Dann kommen sie zur Erde zurück und schweben über den bekränzten Hügeln, ein Licht findet jede, ein paar Blumen und einen Wasserkrug, mag sie auch sonst schon lange verwaist und vergessen sein.

Es zieht ein seltsamer Geruch über die Gräber, ein süßlicher Duft von Kerzenrauch und welkem Laub, das der Wind über die Mauer streut. Man geht mit anderen Leuten umher und liest dann und wann einen Namen von den Kreuzen, ja, du! denkt man, und taucht den Finger in das kalte Wasser, um ein Kreuz zu schlagen. Und plötzlich hat man ein Gesicht vor Augen, eine längst vergessene Begebenheit. Es ist Nacht, man steht auf einer Brücke und findet ein Streichholz an, und da sieht man dieses Gesicht im gelben Feuerschein. Nichts weiter, die Pfelfe brennt wieder, man schwenkt die Hand, grüße die Schwester, sagt man, und geht weiter. Später hat man sich gewiß noch ost getroffen, vielleicht war das Gesicht ganz anders, als er starb, nicht mehr so jung und fröhlich. Aber von dem ganzen Menschen ist einem nichts geblieben als dieses flüchtige Bild, dieser winzige Augenblick seines Da eins, und der hier liegt, ist ein anderer, den kennt man nicht.

Anderswo trifft man eine Frau, die vor einem Grabhügel kniet und Blumen in die Erde steckt, es soll vielleicht ein Name werden oder ein Herz aus bunten Strohblumen. Man hat selbst niemand aus dem Fried­hof, darum läuft man eben nur so herum und macht sich Gedanken und schaut den Leuten zu, wie sie Blumen in die Erde stecken.

Liegt hier der Deine? sagt man zu dieser Frau und denkt, dah sie ja schon weißhaarig ist. Da kann es doch kein Herz sein, dieses Blumen­zeichen aus dem Hügel?

Ja, der Meine, antwortet sie nach einer langen Weile und wendet sich wieder ihrer einfältigen Arbeit zu. Einmal wischt sie sich die Nase, und dann sieht man plötzlich einen Tropfen an ihrem Kinn hängen, er fällt herab und sammelt sich von neuem, ein schwerer, glänzender Tropfen. Und plötzlich erinnert man sich, dah man nicht nach ihrem Mann hätte fragen sollen. Die ganze traurige Geschichte fällt einem wieder ein. Er war Holzknecht, am Tag vor der Hochzeit warf ihn der Blochschlitten an die Wand. Die Frau ist also eigentlich ein Mädchen, es kommt nur von der langen Zeit, dah ihre Haare weih und ihre Finger welk geworden sind. Dem Toten macht das nichts aus, er hat doch jedes Jahr ein blühendes Herz auf seinem Hügel.

Man drückt sich zur Seite und sucht nach einem Grab, vor dem nie­mand kniet und weint, es gibt solche. Lorenz Tagwerker steht auf einem Kreuz: Fuhrknecht. Ruhe sanft.

Gut. Den nimmt man also an Bruders Statt. Sucht ein paar verlorene Blüten auf dem Weg für ihn zusammen und betet ein Vaterunser, so gut man es kann. Ach ja, traurig ist das, es sind der Toten so viele. Meilensteine sind die Kreuze, Wegzeichen im eigenen Leben, man kann es Jahr für Jahr von den Taseln ablesen. Eine Weile steht man auch vor dem Beinhaus und betrachtet die Schädel an der Wand, wie ähnlich sie einander sind. Fröhlich der eine mit seinen blanken Zähnen, der andere ein bißchen schief und gelb, aber sonst nicht sehr verschieden, ein Mann und ein Mädchen. Jedem ist ein Kreuz auf die Stirn gemalt, der Name und das Sterbejahr, so aufrichtig sind die Toten. Im Leben hatte man es weniger leicht, aus ihren Gesichtern zu lesen. Aber sie lagen ja auch lange genug, bis endlich das Fleisch zerfiel, in dem die Lüge sitzt.

Den ganzen Abend hindurch ist der Friedhof belebt und bunt wie ein Garten. Um die Dämmerzeit werden Oellampen angezündet und Papier­tüten um die Kerzen gefaltet, damit sie nicht zu früh verlöschen. Es dunkelt schnell. Zuletzt ist der Wind allein zwischen den Kreuzen, da sucht er herum und betastet die welken Kränze. Nebel zieht von den Feldern herein, feuchte Kälte. Da und dort zuckt ein Licht, flackert hell auf und erlischt. Die Stunde der Gnade ist vorüber. Und plötzlich kreischt das Gittertor laut in den Angeln. Klirrend schlägt es zu, als sei da jemand hinausgegangen, der Gärtner des Herrn, der Tod.

*

Der Tod geht aus und wandert durch das Dorf, sein Schritt raschelt im Laub, sein grauer Mantel weht im Wind. Ungesundes Wetter, meinen die Leute im Armenhaus und husten hohl aus der Brust, aber es ist gar nicht das Wetter, es ist der Tod, der jeden anfühlt und an der Schulter rüttelt. Dann legt sich so ein alter Mensch plötzlich zum Sterben nieder, wo es ihn gerade trifft, die Weiber vom Spinnrad weg, die Männer auf der Hausbank ober irgendwo unterwegs auf den bereiften Feldern. Der Pfarrer kommt und beeilt sich mit der Wegzehrung, er denkt, daß er leichte Arbeit haben wird. So etwas lehnt sich nicht mehr auf, zweifelt und klagt nicht mehr, so ein Häufchen Knochen unter der flachen Decke. Allein es kann vorkommen, daß gerade ein solcher Mensch unglaublich zäh und widerspenstig ist, er klammert die Finger um den Bettladen und will die Hände nicht falten, nein, mit aller Kraft stemmt er sich in die Kissen zurück. Um Christi willen, bittet der Pfarrer, nimm doch Bernunst an! Und während er noch redet, stirbt ihm der Mensch unter den Augen weg, mit einem einzigen, unerwarteten Ruck.

Der 'Pfarrer läuft verstört in die Kirche und betet für die ungetröstete Seele Er kannte doch diesen Menschen seit vielen Jahren, nie hatte er ein sauberes Hemd auf dem Leibe, man hielt ihn in der ganzen Gegend wie die liebe Annut selbst, so hieß er ja auch einfach der Arme. Und nun rammen die Schwestern in den Pfarrhof und bringen einen Strumpf rc ' Geld, einen großen Schatz von Silberstücken, den sanden sie unter dem Röcken des Toten.

Ja, die Leute im Armenhaus sind ein wunderliches Volk, voll dunkler Regungen, wie Kinder, und zuweilen auch gefährlich. David erinnert sich

an einen, den sie Daker Jakob nannten. Der Hemmte ihn einmal zwischen die Kniee und fing an, ihn zu kitzeln. Anfangs war es nur Spaß, David lachte und schrie aus vollem Halse, aber Vater Jakob lachte nicht. Er stierte vor sich hin und griff nur um fo heftiger zu, je mehr fein Opfer sich wehrte und wand. David war wirklich schon ganz blau und halb erstickt, als ihm die Schwester endlich zu Hilfe kam.

Jetzt ist er solchen Spielen längst entwachsen, auch Vater Jakob liegt in seiner Grube und kann niemand mehr zu Tode kitzeln. David verträgt sich gut mit den alten Leuten, oft schlichtet er ihr kindisches Gezänk, oder er führt lange Gespräche mit ihnen.

Mutter Gertraud, bist du immer schon blind gewesen?

Ja, immer.

Und kannst du gar nichts sehen, die Sonne auch nicht, Mutter Gertraud?

Nein. Die Sonne nicht. Aber die heilige Jungfrau sehe ich.

Wie ist sie denn?

Warm, David. Ganz warm und lind, so, wie es im Fruh,ahr auf der Hausbank ist. Ihr Gewand riecht nach Honig, es rauscht leise und streicht einem über das Gesicht, wenn sie vorübergeht, und immer flüstert sie, Jesus Jesus!

Das ist ja der Wind, was du meinst.

Nein, das ist die Mutter Gottes.

Manche wissen gut Bescheid in schwierigen und geheimen Dingen, was die Wetterzeichen betrifft, die Heilkräuter gegen allerlei Gebrechen, den Einfluß des Mondes und der Gestirne. Im Krebs, sagen sie, im Zeichen des Krebses darfst du dir niemals die Haare schneiden, sonst kann es geschehen, daß sie verkehrt wachsen, einwärts in das Gehirn, verstehst du, und dann gehst du am Hitzschlag zugrunde, natürlich, weil du den ganzen Schädel voller Wolle hast. Der Steinbock wiederum ist für das Kartenspiel günstig, die in diesem Zeichen geboren sind, haben Glück im Spiel. Denn der Steinbock ist ein waghalsiges Tier und außerdem das einzige, das nicht nur geradeaus, sondern auch um di« Ecke schauen kann, die Jäger wissen es. .

Ja, und überhaupt gibt es gegen jedes liebel in der Welt ein Mittel, das ihm abhilft, man muh es nur kennen.

Als der Herr den Adam und die Eva aus dem Paradies verstoßen hatte, war der Teufel eilig hinterher und streute Unheil aus. Wenn die Menschen schon im Glück so schwach gewesen waren, dachte er, dann werden sie im Unglück noch viel leichter fallen. Und der himmlische Vater in feinem Zorn ließ es zu, er mochte die Wett gar nicht mehr ansehen, so verleidet war ihm alles.

Aber wie der Mensch eben ist, den Leuten war das Unglück heilsam. Sie besannen sich und widerstanden dem Teufel und feinen Schlichen, es währte gar nicht lange, da zog der erste Gerechte in den Himmel ein. Gott der Herr ließ ihn vor sich treten und betrachtete ihn lange. Wer bist du? fragte er den gerechten Mann.

Ein Kohlbrenner, sagt er.

So. Und wie kommt es, daß du fo verschwitzt und zerrauft bist, fo voll Beulen und Wunden?

Ja Herr, sagte der gerechte Kohlbrenner, das kann nicht anders fein, in deiner Welt ist der Teufel los. Nichts als Domen und Disteln und Fußangeln dazwischen, da muß einer zusehen und die Haut daran geben, bis er dich findet.

Sucht ihr mich denn? fragte Gott.

Freilich Vater, aber es ist schwer. Und nun fing der Gerechte an, dem Herrn die Welt zu beschreiben. Du machst dir feinen Begriff, sagte er, was man alles auszuftehen hat. Köhler find ein wenig einfältig und grob, aber stark im Glauben. Die Arbeit wäre nicht das Aergste, meinte er, der Schweiß und die Sorge um das Brot, das ließe sich tragen. Allem viele feien ja schwach von Natur, zart und anfällig, die habe der Teufel besonders im Auge mit seinen Plagen an Leib und Seele, und da sei es ein Jammer, das anzusehen, wie sie aus einer Heimsuchung in die andere gerieten, und niemand könne ihnen Helsen aus brüderlicher Liebe. Denn alle Tugenden wüchsen wieder auf der steinigen Erde, nur eine nicht, die schönste nicht: Barmherzigkeit. ,

Und bas rührte nun den lieben Gott, weil der Kohlbrenner so sagte: aus Bruderliebe. Er griff hinter sich in den Schatz seiner Gnaden, und bann schickte er den gerechten Mann auf die Wett zurück, damit er die Gnaden ausftreue, denen zum Trost und zur Hilfe, die guten Killens finb.

Der gerechte Kohlbrenner machte sich bann auch mit Eifer ans Werk, in feiner Einfalt dachte er dem Teufel einen Streich zu spielen und alles wohl zu verstecken, damit der Böse nicht dahinterkäme und die Gottesgabe verdürbe. Unter allen Kräutern wählte er die unscheinbarsten und verlieh ihnen heilende Kräfte, dem Wegerich geo-n die Schwindsitcht, der Schaf- aarbe gegen hitziges Fieber, während Arnika die Wunden kühlt und schließt Du befahl er dem Schnittlauch, du krümmst dich, solang im Frühjahr noch Schnee und Fröste drohen, damit die Leute keinen Unsegen in den Gärten haben. Ihr aber, Schwalben und Häher, ihr zeigt das Wetter an, grobes und gutes, denn das Wetter ist eine schlimme Ver­suchung, was das Lästern und Fluchen betrifft. Er lehrte auch die Winde, Mühlen zu treiben, und die Gewässer, Schifte zu tragen, baß bi« Menschen in ihrer Dürftigkeit eine Hilfe hätten und nicht verzagen müßten. Und so bedachte er alles in (einem Kops, nur eines nicht: wie die Menschen bas finden sollten, was selbst der Teufel nicht roch. Darum, weil die Einfalt klug sein wollte, haben wir noch heute unsere liebe Not, Drangsal und Plagen. Manches haben wir ja mit den Jahren mühsam an den Tag gebracht, gescheite Leute suchen und suchen in aller Welt und sind nicht wenig stolz, wenn ihre Gelehrsamkeit etwas wiederfindet, was der Kohl­brenner versteckt hat. Ader das meiste bleibt uns noch lange verborgen, vielleicht für immer. Nur die Kohlbrenner wisien Bescheid, und das wundert keinen, der den Hergang kennt.

David erfährt allerlei von den alten Leuten, einige sind weit herum- getommen, Daker Thomas zum Beispiel, der mit dem schiefen Hals. Dor Jahren wanderte er einmal zu Fuß in die große Stadt, er war Soldat gewesen, und nun war der Kaiser gestorben, da wollte er ihm die letzte Ehre nicht fchuldig bleiben.

(Fortsetzung folgt.)