Ausgabe 
17.8.1936
 
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Rampe und das zum Paradezimmer führende Audienzzünmer, das Friedrich früher einmal als Speisezimmer gedient hatte, waren schwarz ausqeschlagen und geschmückt; hier defilierten am 7. und 8. wieder un- abfehdare Reihen an den sterblichen Resten des Monarchen vorbei. Hier versammelten sich auch am folgenden Tage die Teilnehmer des Trauer- 3Uqe5 Sobald der Sarg vor dem Marmorsaal auf den Wagen ge­hoben wurde, erwiesen die im Lustgarten aufgestellten Truppen dem toten Herrscher die kriegerischen Ehren. Unmittelbar vor dem Sarg, über dem ein großer Himmel getragen wurde, gingen die Minister mit den Kronin ignien, dahinter folgten der Generalleutnant von Moellendorf mit dem Reichspanier und Friedrich Wilhelm II. Der ganze Weg bis zur Kirche war mit schwarzem Tuch belegt und von vielen Tausenden von Zuschauern gesäumt, von denen die Glücklicheren gerne 10 Taler für em Fenster gezahlt hatten; 60 000 Fremde wurden in diesen 3 Tagen m Potsdam geschätzt. Auch in der Garnisonkirche waren große Vor­bereitungen getroffen worden; Den schwarz ausgeschlagenen Raum hatte der bekannte Rode mit gemalten Sinnbildern nach Ideen von Rammler geschmückt, wahrend der Sarg von einem eigens errichteten kleinen Rundtempel ausgenommen wurde, der dieVergötterung" des Königs andeuten sollte 4870 Lampen und 558 Wachskerzen, teils auf 21 Kron­leuchtern, erhellten die Kirche zur Feier, in deren Mittelpunkt eine lateinische Trauerkantats stand; ihr Dichter war der Friedrich in seiner letzten Zeit nahestehende Marquis von Lucchesini, Komponist und Diri­gent in einer Person war der Kapellmeister Reichardt, dem Benda als Leiter des 70 Mann starken Orchesters und der Chordirektor Lehmann zur Seite standen. Die Kroninsignien als Zeichen der königlichen Ge­walt blieben vor der Gruft zurück, indes vor den Türen 24 Sechs- pfünderkanonen und viele Gewehrläufe mit insgesamt 794 Schüssen über den weiten Lustgarten hin dem Helden nachriefen. Anschließend wurde im Schloß von 600 Gedecken gespeist; der künstlerische Leiter Gontard erhielt ein Ehrengeschenk von 1000 Talern.

Auch Friedrichs Aufnahme im Jenseits, feine dortige Begegnung mit verstorbenen Freunden, Vorfahren und großen Mannern der Ver­gangenheit beschäftigte lebhaft die Phantasie der Zeitgenossen. Sie wird in verschiedener Weise ausgemalt. Da bittet z. B. der gestrenge Soldaten- köniq dem Sohne ab, daß er ihm nicht so viel zugetraut,indem ich mich selbst über meinen gehegten Zweifel entblöde", während der Große Kiirfürst Friedrichs Feldzüge sachlich mit ihm erörtert. Sein an Fried­rich Wilhelm I. gerichtetes WortIhr Sohn hat mehr getan als wir alle!" nimmt Bezug auf Friedrichs ähnlichen Ausspruch gelegentlich der Oeffnung des Sarges des Großen Kurfürsten bei feiner Ueberfufjrung in den neuen Dom am Lustgarten. Die Begrüßung mit Alexander dem Großen steht im Zeichen einer besonderen Kollegialität, des gemeinsamen Beinamens wegen. Arm in Arm mit den alten Freunden Kayserlmg und Quintus Jcilius zieht Friedrich sich schließlich von der großen Ge­sellschaft zurück. Einer anderen Lesung zufolge läßt er gleich nach der Ankunft im Elysium seinen Vorfahren seine Werke überreichen, und zwar bezeichnenderweise dem Großen Kurfürsten die geschichtlichen Me­moiren seines Hauses, Friedrich I. dieWerke des Philosophen von Sanssouci", seinem Vater die militärischen Schriften. Dem Zeitgeschmack entsprechend wird der Vorgang seines Todes in die Verstellungen der antiken Götterwelt gekleidet: Ungern entschließt sich die Parze Atropos, diesen Lebensfaden abzuschneiden.Dennoch aber nur allmählig mit einer gewandten Stirne, und mit zupfender Hand, zerschnitt sie endlich den Faden, wodurch die Welt verlohr, was die Götter um sich wissen walten. Run entzog sich der strebende Geist seinem zeitlichen Eingehülle, und gelangte an diejenige Ueberfafjrt, wo der, sonst ganz gleichgültige Charon, stracks beym ersten Anblick, seine Gondel mit Palmen schmückte, und in einer aufmerksamen Bewunderung der Vor­züge eines so sonderbar ausgezeichneten, und mit vier Genien umgebenen Uebergängers, die sanfte Stille des itzt sich aber in etwas blähenden Styks durchruderte, bis an die heiligen Ufer."

Oer Diamant des Radschah.

Von Robert Louis Stevenson.

Copyright by Verlag Albert Langen/Georg Müller, München.

(Schluß.)

Ihre Bitte ist gewährt", antwortete der Prinz.

Eure Hoheit", fuhr der Diktator fort,haben Herrn Serymgeour Ihren Freund genannt. Glauben Sie mir, wenn ich gewußt hätte, daß er solcher Ehre gewürdigt wird, so hätte ich ihn mit entsprechender Achtung behandelt."

In ihren Worten liegt eine geschickte Frage", sagte der Prinz;aber dies wird Ihnen nichts nützen. Sie haben meine Befehle vernommen; Sie würden unumstößlich fein, selbst wenn ich diesen Herren heute abend zum allerersten Male gesehen hätte!"

Eure Hoheit haben meine Meinung mit gewohntem Scharfsinn er­kannt", antwortete Vandeleur.Noch eins: ich habe unglücklicherweise die Polizei auf die Spur des Herrn Serymgeour unter der Anschuldigung eines Diebstahls gebracht; soll ich die Anklage zurückziehen oder aufrecht erhalten?"

Das haben Sie mit sich selber auszumachen", antwortete Florizel. Die Frage geht Ihr Gewissen und die Gesetze dieses Landes an. Geben Sie mir meinen Hut; und Sie, Herr Rolles, geben Sie mir meinen Stock, und folgen Sie mir. Fräulein Vandeleur, ich wünsche Ihnen guten Abend. Ich nehme an", sagte er zum alten Vandeleur,daß x>hr Still­schweigen rückhaltlose Zustimmung bebeütet."

Ich kann nichts besseres tun", antwortete der alte Herr;ich werde mich fügen; aber ich erkläre Ihnen offen heraus, ich weiche nur der @eSie find alt", sagte der Prinz;aber das Alter ist für Sünder kein Vorteil, Är Alter ist weniger weife, als die Jugend anderer. Fordern

Sie mich nicht heraus; Sie könnten finden, daß Ich härter bin, als Si» geglaubt haben. Es ist das erstemal, daß ich im Bösen Ihren Weg gekreuzt habe, geben Sie acht, lassen Sie es das letztemal (ein!"

Mit diesen Worten winkte Florizel dem jungen Geistlichen, ihm zu folgen, verließ das Zimmer und schritt der Gartenpforte zu. Der Dik­tator folgte ihm mit einer Kerze und öffnete wieder die vielen Riegel und Schlosser, durch die er sich gegen Eindringlinge zu schützen suchte.

Da jetzt Ihre Tochter nicht mehr zugegen ist", sagte der Prinz, in­dem er sich auf der Stelle umdrehte,so lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich Ihre Drohungen verstehe. Sie brauchen nur Ihre Hand zu er­heben, und Sie werden sofort unrettbar verloren sein."

Der Diktator antwortete nicht; als aber der Prinz ihm den Rücken wandte, machte er eine Gebärde der Drohung und wahnsinniger Wut. Im nächsten Augenblick schlüpfte er um eine Straßenecke und lief im schnellsten Schritt zur nächsten Droschken-Haltestelle.

*

Hier schließt die Erzählung von dem Hause mit den grünen Läden. Nur noch ein Abenteuer, und wir sind fertig mit dem Diamanten des Radschahs. Dieses letzte Glied in der Kette ist unter den Einwohnern Bagdads bekannt als:

Das Abenteuer des Prinzen Florizel und des Geheimpolizisten.

Prinz Florizel ging mit Herrn Rolles bis an die Tür eines kleinen Gasthofes, in welchem der letztere wohnte. Sie sprachen viel miteinander, und der Geistliche wurde durch die Vorwürfe des Prinzen, in denen Strenge und liebevolles Mitleid sich mischten, mehr als einmal zu Tränen gerührt.

Ich habe mein »ben verpfuscht", sagte er schließlich. ..Helfen Sie mir, sagen Sie mir, was ich tun soll. Ich besitze leider weder die Tu­genden eines Prinzen, noch die Geschicklichkeit eines Verbrechers.

Weil Sie jetzt demütig sind", sagte der Prinz,so befehle ich nicht länger; die Reuigen haben es mit Gott zu tun, nicht mit durften. 2Iber wenn Sie sich von mir wollen raten lassen: gehen Sie als Kolonist nach Australien, suchen Sie körperliche Arbeit im Freien, vergessen Sie, daß Sie jemals ein Geistlicher waren und daß Ihre Augen jemals diesen verfluchten Stein erblickt haben."

Ein verfluchter Stein fürwahr!" antwortete Rolles.Wo ist er jetzt? Welch neues Unheil soll er der Menschheit zufügen?"

Er wird kein Boses mehr tun", antwortete der Prinz;er be­findet sich in meiner Tasche. Und daß ich Ihnen ^es sage , setzte er in gütigem Tone hinzu,wird Ihnen zeigen, daß ich Vertrauen in Ihre Reue setze, so jung Sie noch ist."

Gestatten Sie mir, Ihnen die Hand zu drückens bat Rolles.

Nein", antwortete Prinz Florizel,noch nicht."

Der Ton, in welchem er diese letzten Worte sprach, sprach beutlich genug zum jungen Geistlichen. Als der Prinz ihn verlassen hatte, stand er noch mehrere Minuten vor der Haustüre, folgte mit seinen Augen der sich entfernenden Gestalt und slehte den Segen des Himmels auf einen Menschen herab, der ein so trefflicher Ratgeber war.

Mehrere Stunden lang wanderte der Prinz einsam durch menschenleere Straßen. Er war voll von Sorgen: was sollte er mit dem Diamanten machen? Sollte er ihn dem Eigentümer zuruckgeben, d-rnach einer Meinung dieses köstlichen Besitztums unwürdig war? Oder sollte er einen kühnen Entschluß fassen und den Unglücksstein em für allemal aus dem Bereich der Menschheit entfernen? Dieses Problem war zu MtP,erig- um sich im Handumdrehen entscheiden zu lassen. In der Art, wie der Diamant in seine Hand gekommen war, erkannte er em offenbares Walten der Vorsehung; und als er das Kleinod aus seiner Tasche hervorzog und im Scheine einer Straßenlaterne betrachtete, da bracyte die Große und der wunderbare Glanz des Steines ihn mehr und mehr zu der lieber» zeugung, daß dieser Diamant eine unheilvolle Gefahr für die ganze Welt sei. , ,.tl .. .

Sott helfe mir! dachte er bei sich selber; wenn ich noch öfter diesen Diamanten ansehe, wird auch mich nach ihm gelüsten!

Obwohl er immer noch nicht zu einem Entschluß gekommen war lenkte er seine Schritte zu dem kleinen, aber eleganten Palais an der Seine das feit Jahrhunderten feiner königlichen Familie gehört hatte. Das Wappen von Bohemia ist über der Vorfcchrt und auf den hohen Kaminen eingemeißelt; die Vorübergehenden erblicken einen grunenj)of, worin die köstlichsten Blumen wachsen, und einen Storch den einzigen in 7anz Paris der den ganzen Tag auf dem Dache steht und .mmerzu einen Haufen von Gaffern anzieht.

Würdevolle Bediente gehen hin und her, und von Zeit zu Zeit werden die großen Torflügel geöffnet und ein Wagen rollt unter den Schwibbogen hindurch.

Aus vielen Gründen war dieses Haus dem Herzen des Prinzen Florizel besonders teuer; niemals näherte er sich ihm, ohne jenes Gefühl bes Daheimfeins zu genießen, das die Großen der Erde in ihrem Leben so selten haben. Und besonders an diesem Abend erbliche er nut auf­richtiger Erleichterung und Beftiedigung das hohe Dach und die freund­lich Hellen Fenster seines kleinen Palastes.

Als er sich der Gartenpforte näherte, durch die er stets emtrat. wenn er allein war, kam ein Mann aus dem Schatten hervor und stellte sich mit einer tiefen Verbeugung dem Prinzen in den Weg.

Ich habe die Ehre, Prinz Florizel von Bohemia zu sehen?" sagte der Mann. . ,, _.

Das ist mein Titel", antwortete der Prinz.Was wünschen Sie von

Ich bin Beamter der Geheimpolizei und habe Eurer Hoheit diesen Bries vom Herrn Polizeipräfekten zu überreichen."