Ausgabe 
17.8.1936
 
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Sockel der künftigen Sicherheit Preußens, wurde zum Eckstein des Glücks meines Vaterlandes. Denn alle die furchtbaren Schicksalsschlage, denen wir noch entgegenzugehen hatten, wir alle, unser König, unsere Armee, unser Vaterland, konnten nur dadurch jeweilig überwunden, gar manchmal gemeistert und schließlich besiegt werden, daß sich in Hochkirch etwas geoffenbart hatte, das heller scheint als alle Diamanten der Welt und das wertvoller ist als alles Gold dieser Erde.

Als Friedrich starb.

Zum 150. Todestage des großen preußenkönigs am 17. August.

Von Wilhelm B o e ck.

Wenn das Leben eines Königs für den größten Theil der Ein­wohner Europens interessant gewesen ist, so werden es gewiß auch noch die lezten Umstände seines Lebens und die bei seiner Beisezzung an­gestellte Feierlichkeiten sein." So beginnt eine Schrift aus dem Todes­jahre Friedrichs, die sich die Schilderung dieser Vorgänge zur Aufgabe gemacht hat, und besser ließe sich eine solche Betrachtung auch heute nicht rechtfertigen, es sei denn damit, daß der größere geschichtliche Abstand uns die Persönlichkeit des Mannes in ihrer Bedeutung noch besser er­kennen läßt. Allerdings ist selten zu Lebzeiten eines Herrschers und im Augenblick seines Todes sein wahrer Wert so deutlich gefühlt worden; die Welt hielt einen Augenblick den Atem an, um dann zu erfahren, daß Friedrich starb wie jeder Mensch. DieBerlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen" verkündete am 19. August 1786:Vor­gestern, den 17ten August (ein Donnerstag), früh um 3 Uhr endigte sich das große thatenvolle Leben Sr. Majestät, Unseres Allerdurchlauchtigsten, großmächtiasten und allergnädigsten Fürsten und Herrn, Friedrich des Zweyten, Königs von Preußen. Er starb mit der Standhaftigkeit und Gelassenheit eines Weisen, alt 74 Jahr, 6 Monate, 3 Wochen und 3 Tage, an einer Entkräftung, nachdem Seine unvergeßliche Regierung 46 Jahre und drittehalb Monate gedauert hatte. Wenn die allergerechteste Be­wunderung reden will, so macht der allergerechteste Schmerz verstummen. Sein Volk betete Ihn an, Europa suchte Ihm nachzuahmen, die Welt bewunderte Ihn, und die Nachwelt wird erstaunt die Geschichte seiner Thaten kaum glaublich finden. Wenige Könige waren so groß wie Er! Wer Gesühl für Geistesgröße und für Thätigkeit zur Beförderung von Menschenglück hat, wird seinen Namen nicht anders als segnend aus­sprechen; Seine getreuen Unterthanen sprechen ihn jetzt nur noch wei­nend aus."

Friedrichs Tod kam nicht überraschend, weder für ihn noch für fein Volk, aber während er ihm mit klarer Ruhe ins Auge sah, hoffte er doch immer noch, fein Leben verlängern zu können; und im Volke nährte man einen ähnlichen Glauben. Seine letzte Krankheit zeigte sich im Gefolge der Ueberanstrengungen bei den großen schlesischen Ma- nöoern im August 1785, wo der wettergewohnte König fo vom Regen durchnäßt wurde, daß man nachher das Wasser aus seinen Stieseln goß. Vier Wochen später traf ihn ein Schlaganfall, und seitdem verschlimmerte sich sein körperliches Befinden stetig. Karl August von Weimar, Goethes Herzog, der um die Jahreswende in Berlin und Potsdam weilte, schrieb damals an Lavater mit besonderer Hervorhebung der physiognomischen Eigenart des greifen Königs:Ich habe in Potsdam den erstaunlichsten aller Menschen gesehen. Der Anblick des nun veralteten und sich seiner Grube nähernden Königs erklärt viel Unerklärliches." Schon die Herbst- manöver hatte Friedrich nicht mehr persönlich abgehalten, und Berlin konnte ihn in diesem Winter nicht zum Karneval begrüßen. In der schönen Jahreszeit schöpfte er gelegentlich neue Hoffnung und bestieg gar am 4. Juli noch einmal seinen treuenConds" zu einem dreiviertel­stündigen Ritt im Garten von Sanssouci. In den nächsten Wochen ge­wann jedochseine Krankheit, die zehn Männer umgebracht hätte", langsam Macht über den entkräfteten Körper, den die Wassersucht er­griffen hatte. Atembeschwerden nötigten ihn, im Lehnstuhl fitzend zu schlafen, und feine großen Stiefel trug er ausgeschnitten, aber der Geist tat heldenmütig seine Pflicht. Ja, in der letzten Zeit, als er fein Ende nahen fühlte, ließ der König die Minister statt um 6 schon um 4 Uhr früh zu sich kommen, um die ihm vom Tode gewährte Frist besser zu nutzen. So erledigte er auch noch am 15. August sein volles Tages­programm, gab Anweisungen zu einem Manöver für den nächsten Tag mit einer vollkommen richtigen und zweckmäßigen Anwendung auf das Terrain: eine Disposition, die des Siegers bet) Mollwitz würdig war", und beschäftigte sich mit neuen politischen Konstellationen. Bis kurz vor seinem Tode freute er sich darauf, die Schafe, die er aus Spanien zur Blutauffrischung auf den Domänen bestellt hatte, persönlich in Sans­souci begutachten zu können; er sollte ihre verzögerte Ankunft nicht mehr erleben. Erst am 16. nötigte ihn sein Zustand, von der gewohnten Arbeitsregel abzuweichen.

Als Friedrich an diesem Tage dem Kommandanten von Potsdam die Parole geben wollte, versagte ihm die Stimme; doch immer noch besaß sein Auge die fesselnde Lebendigkeit. Gegen Abend wurde er so schwach, daß der ihn behandelnde Dr. Selle durch einen Boten, der ein Pferd zuschanden ritt, aus Berlin gerufen wurde. Nachts um 11 Uhr erwachte der Kranke und bestimmte, haß er um 4 Uhr geweckt sein wolle; um 2.20 Uhr war er tot. Ein treuer Bedienter hielt während der letzten Stunden den Körper des Schlafenden umfangen, um ein Ueberfinfen zu verhindern.Das Physische des Königs war ebenso außerordentlich als sein Moralisches", urteilte sein Arzt, außer dem sich der Minister von Herzberg, Generalleutnant von Görz und zwei Kammerhusaren, die hauptsächlichsten Gesellschafter der letzten Zeit, am Sterbelager befanden. Friedrich der Große starb in seinem Schlafzimmer in Sanssouci, dessen Dekoration von Hoppenhaupt uns in dem Kupferstich von Bock über­liefert ist. (Den Raum ließ noch im Sterbejahr der Nachfolger, Friedrich Wilhelm II., durch Erdmannsdorf für sich umgeftalten.) Dem Sterbenden vor Augen stand auf dem Kamin die Bülte seines großen Vorbildes, des philosopbilchen Kaisers Marc Aurel. Außer dem im Hintergrund des Stiches sichtbaren Schrank hat sich namentlich der Sterbestuhl des

großen Königs erhalten,ein sehr breiter, sogenannter Ottomane-Stuhl, weih lakiert, mit ausgeblasster grüner Leinwand bezogen"; zunächst im Besitz der Prinzessin Amalie, der Schwester Friedrichs, die ihn in ihrem Palais in der Wilhelmstraße verwahrte, wurde er auf Befehl Friedrich Wilhelms IV. wieder im Sterbezimmer ausgestellt. Die kostbarste Religuie jener Stunde ist indes die ergreifende Totenmaske Friedrichs, die der Potsdamer Bildhauer Johann Eckstein gleich am frühen Morgen des 17. abgenommen hat. Schon längst vorher hatte der Thronfolger ihre Anfertigung dem Herzog Karl August von Weimar versprochen, und sie gehört in der Tat zu den wertvöllsten menschlichen Dokumenten über­haupt:Der Monarch war, ungeachtet seiner langen Krankheit, gar nicht verstellt, außer daß die rechte Wange sehr eingefallen war. Seine ruhige unverzogene Miene zeigte, daß er im Bewußtseyn, alle seine Pflichten als König und Landesvater bis auf den letzten Augenblick im ganzen Umfange erfüllt zu haben, sanft entschlafen war."

Bald nachdem der große König verschieden war, traf Friedrich Wilhelm II. an feinem Lager ein; dann bettete man den Entschlafenen im benachbartenKonzertzimmer" auf ein Feldbett. Dort lag er einige Zeit in feinen schlichten Kleidern, eine Kopfbedeckung war mit einer Serviette um das Sinn befestigt, und zwei Lakaien hielten mit grünen Zweigen die Fliegen von dem Gesicht des Toten fern. Der spätere König Friedrich Wilhelm III., damals ein junger Prinz, der uns eine Schilderung dieser Stunden hinterlassen hat, bemerkt besonders, daß die Bedienten und Pagen des verstorbenen Königs alle einen ehrlich betrübten Eindruck machten. Später wurde die Leiche von Feldscheren gewaschen und in samtene Staatskleider gekleidet; doch folgen wir nun dem Kirchenbuch der Hof- und Garnisonkirche in Potsdam:Noch an dem nämlichen Tage Abends gegen 9 Uhr wurde die hohe Leiche vom Schloß Sans­souci nach Potsdam auf das Schloß (Stadtschloß) gebracht, und am folgenden Tage den 18. August um 8 Uhr Abends geschah die Beisetzung in der Hof- und Garnisonkirche. An der Kirchthüre gingen die beiden ersten Prediger der Kirche, Hofprediger Dannberger reformierter Seite und der Feldpropst Kletschke der hohen Leiche entgegen. Der eichene Sarg wurde von 12 Unteroffizieren von dem mit 8 Schimmeln be­spannten Leichenwagen gehoben und in die Kirche getragen, während der Organist Petzold aus gedämpfter Orgel den ChoralDein find wir Gott in Ewigkeit" spielte." Am Vormittag hatte derselbe Organist auf dem bekannten Glockenspiel der Kirche, das feine stündlichen Melodien aussetzte,Alle Menschen müssen sterben" über die schweigende Stadt erklingen lassen. Indessen drängten sich im Stadtschloß die stummen Be­sucher, die meist aus Berlin herübergekommen waren, um den Alten Fritz zum letztenmal zu sehen. Diesen einen Tag über war er in seinem ehemaligen gelben Audienzzimmer im weich gepolsterten Sarge ausgestellt.Man hat bemerkt, daß der König wohl nie so sanft geruht hätte, als er es nun, da er tobt ist, thut, denn es ist zu erinnern, daß der hochfelige König bei Lebzeiten allezeit auf Madratzen gelegen, hat und daß diese Kissen, so im Sarge liegen, außerordentlich sanft sind." Vor dem Sarg lagen auf einem Taburett nur der Krückstock, den nachher bei der Leichenfeier der neue König trug, und der durch Napoleon leider abhanden gekommene Degen Friedrichs.

Der Widerhall der Todesnachricht war ungeheuer. Schon um 6 Uhr früh gelangte die Botschaft nach Berlin, wo sogleich die Tore für 24 Stunden geschlossen und die Truppen auf den neuen Herrscher ver­eidigt wurden. Mit den knappen WortenDie ganze Stadt ist wie vor den Kopf geschlagen" gibt der Kupferstecher Chodowiecki der allgemeinen Stimmung Ausdruck, und Mirabeau, der letzte Fremde, den Friedrich empfangen hatte, leiht dem großen Moment die schonen Worte:Einer der größten Charaktere, die 'je auf dem Throne gesessen haben, ist zer­brochen, mit ihm eine der schönsten Formen, die die Natur je geschaffen hat." Alle Geschäfte ruhen, jede kriegerische und geistliche Musik schweigt; nur die Glocken läuten 6 Wochen lang täglich eine Stunde.Alles liegt im tiefen, schwarzen Trauer verhüllt; Trommeln, Pciucken und Trom­peten erftummen, die sonst liebliche Saiten schweigen, die Orchester sind zugeschlossen; nur allein die Glocken lassen täglich durch den kläg­lichen Todtenschall in unsren Ohren ertönen jenes aus dem Klaglied Jerm. 5 V. 16. Die Krone unseres Hauptes ist abgefallen." Von allen Kanzeln wirb die Trauerbotschaft verlesen und zur Gedächtnisrede das Textwort aus dem 1. Buch der Chronik gestellt:Ich habe dir einen Namen gemacht, gleich wie einem von den Großen, die berühmt sind auf Erden." Abgesandte und Kuriere tragen die Kunde in die Welt hin­aus, der Wiener Bote bringt sie unter Lebensgefahr über die Donau, da das Hochwasser die Brücke zerstört hat. Befreundete Höfe, auch der mit Friedrich einst verfehdete sächsische, legen Trauer an, und ein alter schwäbischer Bauer macht seinem Herzen mit dem Seufzer Luft:Sich mein Gott, wer wird nun die Welt regieren?" Der Direktor der Ber­liner Sternwarte, Bode, benennt ein GestirnFriedrichs Ehre" nach dem Verewigten.Sein Tod hat ganz Europa in Bewegung gesetzt; und Staatsmänner, Geschichtsschreiber, Dichter beschäftigt. In Spanien hat man Ihn besungen; in Italien bereits eine weitläufige Lebensbeschrei­bung von ihm angekündigt. Die Englischen Blätter sind voll von Ihm; sie liefern Biographien oder einzelne Züge von Ihm, und Gedichte, die besser sind, als manche, die Ihm die Deutfthen Musen nachgesungen haben!"

Kaum war die schlichte Beisetzung in der Garnisonkirche vorüber, so begannen die Vorbereitungen zu dem feierlichen Leichenbegängnis, das auf den 9. September festgesetzt und für dessen Verlauf am 3. ein ge­drucktesReglement" herausgegeben wurde. Nach Gontards Entwürfen wurde derselbe Raum im Stadtschloß, in dem der tote König ausgestellt gewesen war, alsParadezimmer" hergerichtet, violett mit silbernen Tressen ausgeschlagen und darin einCastrum doloris aus einem ovalen Thronhimmel und zwei Obelisken aufgebaut. Dort wurde nun der Zinnsarg, der von dem französischen Zinngießer Michaud in Berlin gefertigt und in den der eichene hineingestellt worden war, noch ein­mal gezeigt, geschmückt mit dem Reichshelm und umgeben von den übrigen Kroninsignien, die unter Geleit von 30 Mann Gardedukorps am 6. nach Potsdam gebracht wurden. Auch der Marmorsaal an der