„Wie lange haben wir uns eigentlich nicht mehr gesehen?" fragt Ferdinand, obwohl er es ungefähr weiß.
„Als du das letzte Mal in Nürnberg warft", sagt Richard, ungläubig lächelnd, „das war vor anderthalb Jahren."
Anderthalb Jahre, denkt Ferdinand, und so wird er plötzlich vor eine Rechenschaft gestellt. Eine lange Zeit, wie habe ich sie verbracht, wo ist sie hingekommen? Unwiederbringlich. So gehen also doch die Jahre herum, und da er noch jung ist, denkt er, daß das Leben noch viele anderhalb Jahre haben wird, und jetzt ist er mit einem Freund zusammen, und diese Stunden zählen mehr, sind unendlich erhöht, in den Schmerzen des Abholens geboren. Eine wilde, schwärmerische Freude erfaßt ihn, jetzt werden sie sich endlich wieder einmal erzählen, wozu man in Briefen nicht die Zeit und nicht die Geduld hat, jetzt werden sie vom Leben reden, wie es mit ihnen umgegangen ist, was es ihnen geschenkt und geraubt, gespendet und entrissen, zugeteilt und abgerungen hat, und sie werden kein Blatt vor den Mund nehmen und sich gar nichts vormachen, nichts beschönigen und nichts verschweigen. Und da es sich so geborgen und heimelig hier sitzen läßt, werden sie jetzt noch ein Glas frisches Bier mit einem schönen, dicken, weißen Schaum drauf trinken.
„Wart' noch einen Augenblick mit dem Bestellen", sagt Richard, „ich hab' dir nämlich etwas aus Nürnberg mitgebracht." Er beugt sich zu dem großen braunen Koffer hinab, läßt die beiden Schnappscharniere springen und wühlt dann eine Weile in Wäschestücken und Anzügen herum, bis er einen in Papier eingeschlagenen schweren Gegenstand zum Borschein bringt.
Ferdinand löst die Hülle und hält einen mattgrauen, steinernen Maß- krug in der Hand. Das ist eine wirkliche Ueberraschung. Er dankt dem Freund herzlich, streicht mit der Hand über die glatte Fläche des irdenen, glasierten Kruges, und die frühen, beschwingten Münchener Jahre fallen ihm ein, die Sommerabyide auf den Bierkellern draußen an der Theresien- wiese, unter dem dichten, würzigen Laub der mächtigen Kastanien, die unwiederbringlichen Jahre der verlorenen Hoffnungen und der vergessenen Xrüume —, dann gibt er den Krug an den Wirt weiter, wo er gespült und bis zum Rande mit frischem Bier gefüllt wird. Und nun trinken sie beide aus dem Krug, aus dem das Bier milder und duftiger schmeckt, ihre Wangen röten sich, ihre Gedanken werden lebhafter und ihre Zungen, nun ist ihr Wiedersehen feierlich besiegelt, die Ankunft des Freundes glorreich beendet, er ist nun endgültig abgeholt und ausgenommen worden.
Vier Tage oder fünf wird er bleiben, und dann werden sie eines Nachmittags wieder auf jenem Bahnsteig stehen, die Uhr wird vorrücken, dort wo der Löwenzahn blüht und die Geleise in die Ferne lausen, und dann wird das Donnern des Zuges in der Luft sein—, aber daran wird Ferdinand jetzt nicht denken, sondern er wird den Koffer wieder tragen und den Freund endlich nach Hause bringen, wo seine Frau mit dem dampfenden Kaffee und der frischen, knusperigen Obsttorte schon lange auf sie wartet.
60 Jahre Boyreucher Festpreis.
Bon Herbert Günther.
In diesem Jahre finden die Bayreuther Festspiele mit Rücksicht auf die XI. Olympischen Spiele in zwei Abschnitten vom 19. bis 30. Juli und vom 18. bis 31. August statt. Zur Aufführung kommen „Lohengrin", „Parsifal" und „Der Ring des Nibelungen".
In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts reichte Richard Wagner als Hofkapellmeister zu Dresden dem sächsischen Ministerium eine Denkschrift über die künstlerische Reorganisation des Theaters ein. In seiner anschließenden Schweizer Verbannung will seine Schrift „Ein Theater in Zürich" reformatorisch wirken. Inzwischen ist ihm im damals üblichen Schlendrian des alltäglichen Opernbetriebes bereits der Fest- spielgedanke gekommen. 1850 schreibt Wagner schon an Uhlig, wenn er 10 000 Taler hätte, würde er „auf einer schönen Wiese bei der Stadt von Brett und Balken ein rohes Theater" nach seinem Plan Herstellen — nur mit Dekoration und Maschinen für den „Siegfried". Orchester und Publikum sollen aus ganz Deutschland geladen werden, „und ist alles in gehöriger Ordnung, so lasse ich dann unter diesen Umständen drei Aufführungen des „Siegfried" in einer Woche stattfinden: nach der dritten wird das Theater eingerissen und meine Partitur verbrannt. Den Leuten, denen die Sache gefallen hat, sage ich dann: nun macht's auch sol Wollen sie auch von mir wieder einmal etwas Neues hören, so jage ich aber: schießt ihr das Geld zusammen!"
Die Idee des Festspiels gewinnt festere Form durch die Entstehung des „Ringes des Nibelunge n", mit dem sie unlösbar zusammenhängt. Ende 1851 kündigt Wagner in seiner „Mitteilung an meine Freunde" öffentlich seine Absicht an, „an einem eigens dazu bestimmten Feste mit einem Vorabende jene drei Dramen nebst dem Vorspiele aufzuführen". Und 1852 teilt er Liszt mit: „Ich kann mir unter meiner Zuhörerschaft nur eine Versammlung von Freunden denken, die zu dem Zwecke des Bekanntwerdens mit meinem Werke eigens irgendwo zusammenkommen, am liebsten in irgendeiner schönen Einöde, fern von dem Qualm und dem Jndustriegeruche unserer städtischen Zivilisation".
In Weimar versucht Franz Liszt, seinem Freunde dieses Festtheater zu schaffen, in München danach König Ludwig II. Dort vereitelt es der Hof, hier die Bürgerschaft. 1863 muß Wagner sich zur öffentlichen Ausgabe des „Ringes" entschließen. Sein Vorwort bezeichnet genau die Eigenschaften der Festspiel-Aufführung von später: die sommerliche Spielzeit mit Wiederholungen, der amphitheatralische Zuschauer- raum, das verdeckte Orchester, das übrigens endlich eine Forderung
Goethes erfüllt, der „durch die mechanischen Bemühungen und durch die notdürftigen, immer seltsamen Gebärden der Jnstrumentenspieler so sehr zerstreut und verwirrt" wurde. Mitwirkende wie Zuschauer sollen, unbeansprucht durch irgendeine andere Beschäftigung, zur Andacht gestimmt werden.
1870 besinnt sich Wagner auf eine Wanderfahrt, die seine Schritte 1835 durch das Fichtelgebirge nach Bayreuth lenkte. Frau Cosima — nach langen Kämpfen ihm gerade angetraut — ahnt eine besondere Bedeutung hinter dieser Erinnerung, liest mit Wagner sogleich nach, was im Lexikon über Bayreuth steht, und sie bedenken alle Möglichkeiten. 1871 besucht Wagner zweimal die Markgrafen-Residenz im Herzen Frankens. Verhandlungen mit den Behörden verlausen günstig, und auf dem grünen Hügel über der Stadt spricht der Meister seinen Entschluß aus: „Nirgendwo anders, denn hier".
Ende April 1872 übersiedelt Familie Wagner nach Bayreuth. Sommers wohnt sie in einem kleinen Hotel beim nahen Schlößchen Fantaisie, winters an der Dammallee. Am 22. Mai 1872, Wagners 59. Geburtstage, findet die Grundsteinlegung des Festspiel- hauses statt, gekrönt durch eine Aufführung von Beethovens IX. Symphonie in dem prachtvollen barocken Opernhaus unter* Wagners Leitung. Zu dieser Zeit ist weder das Spiel gesichert, noch der „Ring" vollendet. 1874 kann Wagner in sein Haus Wanfried einziehen, das ihm König Ludwig II. baute. 1875 beginnen die Proben mit einer bis dahin ungekannten Besetzung von 70 Saiteninstrumenten, nachdem ihm das Unternehmen noch 1874 gescheitert schien.
Vom 13. bis 17. August 1876 endlich wurden die Bayreuther Festspiele mit dem „Ring des Nibelungen" eröffnet. Eine Gedenktafel in Form eines marmornen Theaterzettels verewigt am Festspielhaus die Namen der Hauptdarsteller. Am Schluß der erst 1874 beendeten, „im Vertrauen auf den deutschen Geist entworfenen" „Götterdämmerung" erwidert Wagner die begeisterten Rufe mit einer kleinen Ansprache: „Ihrer Gunst und den grenzenlosen Bemühungen der Mitwirkenden, meiner Künstler, verdanken Sie diese Tat. Sie haben jetzt gesehen, was wir können: nun ist es an Ihnen, zu wollen. Und wenn Sie wollen, so haben wir eine Kunst". Alle Zuschauer, nicht zuletzt Kaiser Wilhelm I. und König Ludwig von Bayern, waren erschüttert. Die Presse zeigte sich nach wie vor größtenteils ablehnend, ja feindselig und höhnisch.
Die Gesamtkosten sollten durch 1000 Patronatscheine zu je 300 Talern aufgebracht werden. Allein es ergab sich ein Defizit von 160 000 Mark. Um es zu decken, mußte Wagner, ganz gegen die ursprüngliche Absicht, seinen „Ring" den Theatern freigeben. In Bayreuth konnte er erst wieder volle 20 Jahre später erscheinen. Unendliche Schwierigkeiten waren überwunden. Der Kampf ging weiter.
Wagner beschäftigte vor allem „die ewige Sorge dem Unzureichenden gegenüber". Die materiellen Hemmungen verhinderten eine schnelle Korrektur des bisher noch Unvollkommenen, das er mit voller Deutlichkeit sah. Erst 1882 sollten sich die Tore des Festspielhauses wieder öffnen, und zwar für den inzwischen entstandenen „Parsifal". Wieder muhte sich der Meister seine Künstler von allen Theatern zusammensuchen und sie in Eile für diese besondere Bayreuther Aufgabe umformen. Die erhoffte „Schicke", auf der sich die Fortführung der Festspiele aufbauen sollte, war nicht zu verwirklichen gewesen. „Noch sind wir erst in der Ausbildung des neuen Stils begriffen", hatte Wagner 1876 erkannt. Jetzt konnte er immerhin schon „von der Wirkung einer Weihe sprechen, welche frei über alles sich ergoß". Die Welt verfolgte das Ungemeine weiter mit Haß. Als jedoch im Jahre darauf die von Wagner ungeratene Wiederholung des „Parsifal" zur Gedächtnisfeier für ihn wurde, beugte sie sich.
Wagner hatte bei der letzten „Parsifal"-Aufführung 1882, wie im Vorgefühl seines Heimgangs, Abschied genommen: im 3. Akt bestieg er plötzlich das Pult und leitete den Abend zu Ende... Als er 1883 starb, trat Cosima aus dem Schatten und nahm die Festspiele in ihre sicheren Hände. 1884 wurde noch einmal „Parsifal" angesetzt. 1886 lauschte eine winzige Gemeinde von nur 300 Zuschauern in dem Raum, der 1700 Personen faßt, zum erstenmal „T r i st a n und I s o l d e". Für das deutsche Volk, für die ganze Welt existierte Bayreuth noch so gut wie gar nicht", sagte damals Chamberlain. Cosima Wagner war unbeirrbar. Mal für Mal fügte sie dem „Parsifal" eines der anderen Wagner- schen Werke an — von den reifsten wie „Meistersinger" und „Tannhäuser" bis zum „Lohengrin" und „Fliegenden Holländer". So hat sie Bayreuth den ganzen Wagner erschlossen, getreu dem Vermächtnis des Meisters. Von 1899 ab vereinigten sich regelmäßig „Parsifal", der „Ring" und jeweils ein anderes seiner Musikdramen in den Festspielen.
Cosima Wagner wurde die Bewahrerin Bayreuths. 1908 mußte sie wegen schwerer dauernder Erkrankung ausscheiden, und ihr Sohn Siegfried übernahm die Leitung. 1914 brachte das Freiwerden des bisher Bayreuth vorbehaltetien „Parsifal" für alle Bühnen dem Festspiel die Gefahr einer Einbuße. Dann begann der Weltkrieg. Mitten in den Festwochen brach er aus; Trommelwirbel überdröhnten die Geigen — alles stob auseinander. Erst ein volles Jahrzehnt später, 1924, öffneten sich Bayreuths Pforten wieder. 1930 wurden Cosima und Siegfried Wagner in die Ewigkeit abberufen. Wieder übernahm eine Frau die Zügel: Siegfrieds Witwe Winifred Wagner.
Das Haus auf dem Feftsplelhügel, von dem Wagner einst mit Stolz sagte, es sei einzig, und niemand könne es ihm nachbauen, hat allen Stürmen der Zeiten standgehalten. Seit 1933 aber ist ihm ein spürbar neues Blüten beschieden. Statt einzelner Patrone oder Stipendiaten wallfahrtet heute das ganze Volk dorthin. An feiner Spitze der Führer, der gleich 1933 die Zeit fand, einem ganzen Zyklus von sechs Vorstellungen beizuwohnen. Adolf Hitler fördert Bayreuth wie niemand zuvor. So ist es eine schöne Fügung, daß 1936 eine Neueinstudierung des „Lohengrin" bringt, dem er einen entscheidenden künstlerischen Jugendeindruck verdankt.
verantwortlich: l)r. HansThyriot. — Druck und Derlag: Brühl'fche Univerf itäts-Buch» und Steindruckerei. 2L Lange, Gießen.


