zur Rechten geleitete dunkler Wald die breite Bahn des Wassers, und mitten im See tagen, von noch höheren Bäumen überragt, ein paar Inseln. Es war, als ob die Farben hier noch tiefer, kräftiger waren: ein Dorf winkte mit roten Dächern von der Höhe des Ufers herüber, hell von der Sonne beglänzt: der Wald lag tiefdunkel, und über die Kornfelder, die sich bis zum Uferhang hinzogen, ging der leichte Wind, so daß die Schattenwellen in langem, langsamem Zug über das lichte Grün dahinliefen.
Regina atmete tief. „Das ist so schön an dem Land hier, daß alles so weit und groß ist, viel größer als im Reich. Ich war voriges Jahr in Thüringen: ich hab' immer das Gefühl gehabt, ich müßt' auf die Berge rauf, damit ich mal wieder weit sehen könnte. Aber richtig weit, so wie hier, waren auch die Aussichten nicht. Erst in der Rhön, auf der Wafserkuppe wurd's besser. Da zu fliegen ist ebenso schön wie am Predin."
Und dann berichtete sie, daß sie mit einem jungen Vetter, dem Sohn des Wensdorser Onkels, zu den Flugtagen gefahren wäre. Der fei jetzt in Rofsitten; sie hätte ihn am Abend in Nidden getroffen, und sie feien zufammen nach Wensdorf gefahren. Heute abend müßte er aber schon wieder zurück; der Doktor würde ihn infolgedessen wahrscheinlich nicht mehr treffen.
Georg Ebener fühlte, wie er rot wurde. Er warf einen hastigen Blick auf die Schwester; aber die sah ruhig geradeaus, die blanke Fläche des Sees entlang, als ob nicht die leiseste Absicht in ihrer Erzählung läge. Nur fern um die Mundwinkel schien eine ganz kleine Heiterkeit zu zucken. Der Doktor setzte zum Sprechen an, wollte den Faden aufnehmen; da hab sie den Kopf und wies geradeaus: „Sehen Sie, da ist schon Tharden — dort ist die Landungsbrücke."
Eine halbe Stunde später legte der kleine Dampfer an, und sie wanderten unter den riesenhaften hohen Eichenbäumen dahin, die wie ein heiliger Hain mit ihrem noch ganz jungen, rötlich-lichten Grün die Ankommenden empfingen, und weiter den sandigen Weg durch den Wald nach Tharden. Sie saßen auf der Veranda des alten Wirtshauses, und der Doktor holte das versäumte Mittagessen nach, wobei die Schwester sich Vorwürfe machte, daß sie nicht früher daran gedacht hätte. Sie gingen zu dem verwachsenen Thardener See, vorüber an ruhenden, wiederkäuenden Kühen, die mit großen, langsamen Augen groß und ruhig zu ihnen aufsahen. Sie ließen sich eine Weile am Walde in der milden Sonne nieder und kehrten schließlich zum Bärting-See zurück. Ein weidenbestandener Landweg führte vom Bahnhof am Außenrand des schmalen Waldstreifens entlang, der den See hier einfaßte: sie gingen auf dem Fußweg am Rande der hohen Roggenfelder und sahen den See im Licht der sinkenden Sonne durch das Laubgewirr heraufleuchten. Der Duft des Landes war um sie und feine Weite, gleitender Schwalbenflug und das fröhliche Schlagen der Finken — und sie sprachen vom Osten und vom Westen, von ärztlichen Dingen und von dem Professor in Insterburg. Nur von dem, was dem Doktor immer wieder durch den Kopf ging, sprachen sie nicht.
Sie sprachen auch nicht davon, als sie wieder auf dem noch leerer gewordenen Dampfer faßen und in den Hellen Abend fuhren, gegen die Sonne, die schon tiefer über dem Walde hing. Georg Ebener hatte es aufgegeben, sich zu rechtfertigen, solange das Helle Licht des Tages um sie war. Er wartete auf den Abend, von dem er Lösung und Befreiung von dem Druck erhoffte, unter dem er immer noch durch die strahlende Sonnenwelt des Hohen Landes zwischen den Seen fuhr.
Und langsam sank das Licht, lieber dem Duz-Kanal lag schon grüne Dämmerung, und als das Schiff wieder ins Freie kam, brannte über dem Waldhang drüben am andern Ufer des Röthloff-Sees schon die Glut des Abends, in der die Sonne sank. Das Wasser leuchtete in funkelndem Gelb, in bas dunkel die Wellen des Dampfers, des Himmels lichtes Blau spiegelnd, schnitten. Einsamkeit begann zu steigen und dem Land ringsum noch mehr Größe und Stolz und Schönheit zu geben.
Da nannte die Schwester Regina auf einmal den Namen des Pfarrers Malletke. Ihr Bruder aus Zoppot hätte ihn getroffen. „Sie waren doch jetzt auch in Danzig bei ihm", fetzte sie harmlos hinzu.
Der Doktor zuckte zusammen und sah sie fragend an. Sie hielt seinen Blick fest, wurde ein klein wenig rot — es konnte auch von der Sonne kommen — und sagte dann mit einem Lächeln: „Er hat mir doch alles geschrieben:
Da war Georg Ebener, als glühe die Sonne drüben noch einmal so hell auf, aus strahle der nahe Wald allen Glanz von Frühling und Sommxr und Herbst auf einmal in das sinkende Licht des Iunitags. Er wollte reden und war doch klug genug, nur vorsichtig feine Hand auf eine schmale, feste andere Hand zu legen, die neben ihm auf der Bank ruhte, und statt der Worte ein Paar Augen zu suchen, die in ihrem ruhigen, offenen Blick alle Schönheit des Tages und der Welt für ihn noch einmal viel schöner spiegelten.
„Nun brauche ich nicht mehr nach Danzig zum Jüngsten Gericht", sagte die Schwester, als sie durch den kühlen Schatten der abendlichen Insel glitten. „Die Ahnfrau Regina hat ihre Ruhe und der Pfarrer auch."
„Wieso der Pfarrer?"
Sie lachte: „Er schrieb, er hätte auch etwas gutzumachen für seine Vorfahren. Seine Urgroßmutter habe doch um den Irrtum des alten Johann Benedikt Ebener gewußt, und daß es ein Irrtum war, und habe nichts getan, um Regina Katharina Müller zu helfen. Da müsse er nun versuchen, fo gut er’s könnte, der heutigen Regina zu helfen. Darum hätte er geschrieben, und darum hätte er — ach was — dich hcrgeschickt."
*
Die „Preußen" machte vorn Zoppoter Seesteg los. Regina Müller stand am Land in der ersten Reihe, Georg Ebener stand oben auf dem Schiff und sah hinab in ihre Augen. „In acht Tagen", rief er. Sie nickte mit einem schönen, strahlenden Gesicht, ohne alle Falten in der Stirn. Langsam glitt der Dampfer vom Land, langsam wurde der Abstand zwischen den beiden größer und größer. Sie regten sich nicht,
standen Blick in Blick, als ob sie miteinander verbunden wären und als ob es keine Trennung für sie gäbe.
Als das Schiff zu wenden begann, blieb Regina noch eine Weile ruhig stehen, winkte nicht, sondern nickte, ohne den Blick von ihm zu lösen, ein paarmal leicht mit dem Kopfe. Erst als sie feine Augen verlor und nicht wieder fassen konnte, wandte sie sich langsam ab und verschwand in der Menge.
Der Mann auf dem Schiss suchte noch lange die Helle Gestalt am Steg — mit erheblich anderen Gefühlen als damals, da er von Nidden abfuhr und, solange er konnte, den weißen Vorhang des Eckfensters mit den Augen festhielt Als er nichts Einzelnes mehr unterscheiden konnte, löste er seinen Blick vom Steg und nahm Abschied vom Lande, von den besonnten Höhen über der Bucht, die blaß im Nachmittagslicht standen, von dem schmalen Küstenstreif auf Danzig und die Nehrung zu, der in Hellen Farben rings um den kleinen, im Blau ver- schwebenden Stumpf der Marienkirche lag — von der See, die sich ostwärts dunkel ins Freie weitete. Ein einsamer Dampfer zog fern mit lang hinwehender Rauchfahne nordwärts, auf Riga, auf Stockholm, auf Helsingfors zu. Der Doktor folgte ihm mit den Augen; da schob sich vom Lande her ein kleines Boot in fein Blickfeld. Es war ein Motorboot, das hell von der Sonne beschienen weitab von dem Dampfer durch das Blau des Wassers glitt — und auf einmal war ihm, als schwebte hinter dem Boot, über die Wellen tanzend, der Schimmer einer leichten Gestalt. Es mochte nur ein Widerschein des Lichts über der See fein, ein Blitzen über dem weißen Auffchäumen des Wassers, wenn das Boot schneller anzog; wie eine Vision zog es dahin, fern über die See, und Georg Ebener folgte ihm mit feinem Blick und mit feiner ganzen Seele, obwohl er als Mediziner gar nicht an eine Seele glaubte. In feinen Ohren klang der Iubelruf des Morgens, mit dem ihn das Land hier am Tor des neuen Lebens zuerst gegrüßt hatte, klang die Erinnerung an feinen eigenen Ruf in Brandung und Sturm, in dem er feine tote, alte Welt von sich geworfen hatte. Die beiden Rufe gingen in einen zusammen, der wie ein sehnsüchtiger Klang über dem Rauschen der Wellen und dem dunkeln Herztakt des Schisses blieb, während fern und klein das helle Boot im Spätnachmittagslicht über der See entschwebte.
Am Tag nach seiner Rückkehr lud der Doktor Ebener den Leutnant Ebener abends zu Gast. Er ries auch seine Schwester an, die, mit einem Bankier verheiratet, in Dahlem lebte und - die er oft lange Zeit nicht sah, weil die Verschiedenheit der Arbeit und der Lebensformen Begegnungen erschwerte. Sie versprach zu kommen; ihr Mann fei verreist, und sie freute sich, wieder einmal feststellen zu können, daß der Herr Bruder noch am Leben sei.
Georg Ebener fand sich etwas vor der festgesetzten Zeit ein, besprach Speisenfolge und Weine mit dem Kellner, und als die Geschwister kamen, setzte er ihnen ein Mahl vor, kredenzte ihnen einen Wein, der den jugendlichen Vertreter der Reichswehr ausblicken und die Frage stellen ließ, was in aller Welt denn Besonderes geschehen sei. Die Schwester, dem Alter nach zwischen den Brüdern stehend, lächelte nur.
Georg Ebener schwieg, aß und trank. Dann erst berichtete er von der erfolgreichen Ahnensuche und fügte etwas knapper und nicht mit allen Einzelheiten eine Schilderung der weiteren Ereignisse und Ergebnisse seiner Fahrt hinzu.
„Also dazu bist du nach Ostland geritten", sagte der Leutnant.
Georg Ebener lachte. „Dazu eigentlich nicht. Du hast ja selbst energisch zugeredet — wegen der richtigen Urgroßmutter."
Die Schwester überging die Urahne: sie wollte mehr von Regina Müller, ihrem Aussehen und Wesen, ihrer Familie erfahren. Der Doktor zückte eine Photographie, der er mitgenommen hatte, und berichtete. Der Leutnant machte seine jungen Zwischenbemerkungen; es ergab sich jene durch Spannungen nicht getrübte Atmosphäre des Zusammenseins, wie sie sich nur zwischen Geschwistern sehr verschiedener Lebenskreise zu entwickeln pflegt. Es waren außer ihnen nur wenige Gäste in der andern Hälfte des Raumes: die Rosen, die der Doktor für die Schwester mitgebracht hatte, standen auf dem Tisch und mischten ihren leichten Duft in den Zigarettenrauch des Leutnants. Das Gespräch glitt, vom Wein gehoben, leicht über den menschlichen Dingen dahin, ohne die Bereiche des allgemeinen Lebens zu verlassen.
„Nun ist also das Rätsel der Ahnfrau gelöst", sagte der Leutnant nach einem Schweigen, das unbemerkt aufgestiegen war.
Der Doktor lächelter „Und das des Ahnherrn auch. Die heutige Ahnensuche hat für die Vergangenheit entschieden ihr Gutes."
Der Leutnant fragte, ob er damit meine, daß durch fo eine nachträgliche Aufklärung etwas wie Ordnung auch in die fchon weit zurückliegenden Familienverhältnisse käme. Georg Ebener nickte: Ja, so wäre es wohl. Dieses Aufhellen und Feststellen fei beinahe so etwas wie eine nachträgliche Lösung alter Verwirrungen und damit eine Art von Erlösung der Ahnen.
„Dann hast du also mit dem, was du dort im Osten erlebt und von dort mitgebracht hast, die alten Herrschaften von der Last ihrer Sünden befreit und fromm zur ewigen Ruhe gebracht?" lachte der Leutnant.
Der Doktor nickte: Das könne wohl sein.
Die Schwester aber roch nachdenklich an der Rose, die sie neben ihrem Gedeck behalten hatte: „Meinst du das wirklich?"
Georg Ebener sah erstaunt auf. Gewiß meine er das.
Sie betrachtete versonnen die Blüte, die sie in der Hand hielt. Das Licht fiel auf ihr dunkles Haar, durch das sich da und dort schon ein paar graue Fäden zogen. Dann hob sie den Blick zu ihm: „Glaubst du nicht, daß auch die Alten ihr Leben mit seinen Nöten und Schwierigkeiten leben mußten, um dir zu helfen — sozusagen um dich und das Mädchen zu erlösen?"


