Nummer 5H
Hreitag, den 17. Juli
Jahrgang 1956
ein- ihn. ver- und
Karl, der Kutscher, nickte, lüstete seinen Hut und fuhr mit ländlich eleganter Wendung ab. Zehn Minuten später saßen sie aus dem Schiffchen, das außer ihnen nur nach die obere Klasse einer Mädchenschule samt Lehrerin, ein paar alte Herren mit grünen Lodenkragen und ein halbes Dutzend Marktfrauen beherbergte, und fuhren unter der Straßenbrücke hindurch zwischen grünbebuschten hohen Ufern den schmalen Kanal entlang, der aus dem hinter ihnen versinkenden See von Maldeuten in den Röthloss-See hinübersührte.
Georg Ebener saß auf seinem Platz vorn an der Spitze des Schisses und hatte immer noch ein Traumgefühl. Er war gekommen, gutzumachen, und es war offenbar nichts mehr gutzumachen. Er wollte mit ihr reden, und sie redete mit ifjm; er wollte erklären; sie schien keiner Erklärung zu bedürfen. Sie erzählte, wie schön Wensdors sei, mit dem alten Herrenhaus dicht am See und dem großen Garten, der schon mehr ein Park sei und gleich in den hohen Buchenwald überginge. Jeden Morgen ginge sie zuerst schwimmen, und dann Helse sie im Haus; nachmittags könnten sie ausreiten oder auch spazierengehen in-den Groß-Bestendorfer Wald, oder hinüberfahren nach Mohrungen in das alte Nest, wo der Herder neben der Schule steht — o ja, und an den Narjensee, wo die guten Maränen herkämen. Es würde ihm sicher gefallen. Das Oberland sei so schön, mindestens so schön wie Masuren, von dem immer alle Leute redeten.
Der Doktor Ebener hörte mit noch mehr Traumgefühl, daß die Schwester Regina ihn offenbar bereits als Gast in ihr Urlaubsleben schloß. Das Hütte ihn noch in Nidden beglückt; jetzt beunruhigte es Sie verhielt sich vollkommen anders, als er es erwartet hatte; das wirrte ihn so, daß er endlich einen Anlauf nahm, sich zu ihr wandte stockend begann, er sei ihr über sein Verhalten eine Erklärung
Oie Fahrt nach der Ahnfrau
Erzählung von Paul Fechter
Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
(Schluß.)
Gerade vor dem roten Bahnhofsgebäude machte der Zug halt. Georg Ebener stieg aus, fand nach längerem Suchen einen Mann mit einer Mülle die offenbar die Stelle der Uniform vertrat, und brachte ihn nach einigem Zureden dahin, ihm seinen Koffer zum Aufbewahren abzunehmen. Dann verließ er das Stationshaus. Draußen hielt em ländlicher Kut ch- roaaen- er ging an den Pferdeköpfen vorüber um ihn herum und and sich plötzlich vor der Schwester Regina, die, von den Tieren gedeckt, neben dem Wagen stand, als hätte sie auf ihn gewartet.
Sie streckte ihm die Hand hin und fragte nach feinem Gepäck. Er zückte den eben erworbenen Schein: sie gab ihn dein Kutscher, der langsam damit im Bahnhof verschwand. Als er mit dem Koffer nnebertam, äußerte er ernst: „Jejeben hab' 'ch ihn aber mischt — fer die fünf Minuten!
Die Schwester Regina hatte die Zwischenzeit benutzt, um dem immer noch zu jeder Aktivität unsähigen Doktor Ebener die Möglichkeiten zu entwickeln, die vor ihnen lagen. Sie könnten, so sagte sie, mit dem Wagen jetzt nach Groß-Wensdorf fahren; das dauerte etwa drei Viertelstunden; dann waren sie unter der Obhut von Onkel und Tante, und in Gesellschaft von allem, was fonst noch da wäre. Dagegen wäre nichts einzuwenden; in einer Viertelstunde aber tarne auch das Thardener Schift, das heute gerade ginge. Mit dem könnten sie über den Rothloff-See nach Tharden fahren, nachmittags wieder zurück und sich von Karl — dieses war der Kutscher, der inzwischen stumm auf feinen Bock zuruckgeklettert war — von hier nach Wensdorf abholen lassen. Sie wolle ihn ,a, wenn er müde sei, nicht verschleppen; aber der Tag und die Fahrt seien so schön, und sie sühre so gerne Dampfer.
Georg Ebener war jetzt so weit Herr seiner selbst, daß er ihr mit einer gewissen Haltung folgen konnte. Er verstand dies alles nicht: statt einer Gekränkten und eines Reuigen standen sich hier eine offenbar höchst Fröhliche und ein Mann gegenüber, der eine Situation, wie es schien, völlig falsch gesehen hatte. Er hatte sich vor dem Wiedersehen und dem Bereinigen der Lage gefürchtet: die Lage, die er sand, verwirrte ihn vollends, machte ihn unsicher und von neuem mißtrauisch, so daß er, als sie schwieg, zunächst auch die Antwort vergaß.
Dann aber glitt die Wolke, in deren Schatten sie bis jetzt gestanden hatten, vorüber: helle Sonne traf sie, und die Landschaft leuchtete strahlend auf. Ein Streifen des Samrodt-Sees blinkte im Licht, und em kleines weißes Schiffchen tauchte auf feiner blauen Fläche auf. Rechnens Augen sahen ihn fast bittend an; da sagte er stockend, es wäre bann wohl bas beste, sie führen mit bem Dampfer, und ber Wagen nähme nur bas Gepäck mit.
Weiter kam er nicht. Sie legte ihre Hanb auf feinen Arm, sah ihn freundlich an und schüttelte den Kopf. „Später, nicht jetzt. Bitte.'
Das verstand er wieder nicht; aber er sah ihre Augen, und was darin vorging, gab ihm etwas Sicherheit. Er fühlte den Druck ihrer Hand, und das war, als ob sie das Heute bet dem Heimweg durch den abendlichen Wald anknüpfen und was dazwischen lag, auswischen wollte. Alles, was er an jenem Abend empfunden hatte, brach durch das Wirrfal ber letzten Tage. Er atmete tief auf unb empfanb eine Erleichterung wie als Junge, wenn er merkte, bah ber erwartete mütterliche Zorn über irgenbelne Untat längst verraucht war.
Vor ihnen öffnete sich ber See. Bäume hingen von beiben Seiten über ben Kanal, ein grünes, schattendes Tor bilbenb, durch das hell die Fläche des Wassers blinkte. Ein paar Augenblicke später versank die schattige Welt hinter ihnen, und der große Raum voll Licht und Weite nahm sie auf. Eine Insel, von hohen Bäumen bestanden, glitt an ihnen vorüber; Felder zogen sich lichtgrün schimmernd dis an das Ufer hinab; erst in ber Ferne vor ihnen säumte Buchenwald, hell in ber Sonne leuchtend, ben heiteren See, ber sich zwischen ber hügeligen Einsamkeit seiner schwingenben Ufer in bie schweigenbe Tiefe bes sommerlichen Lcmbes zog.
Das Rauschen bes Wassers hinter bem kleinen Schiff zog mit ihnen; zuweilen klang von oben bas verwehte Singen einer Lerche. Zur Rechten glitzerte bas Wasser unter ber Sonne, zur Linken lag bie Lanbschast in ber schönen, satten unb frischen Farbigkeit bes östlichen Sommers, ßanb, bas noch ßanb, unberührt unb ungeformt unter feinem eigenen Gesetz für sich bahinlebte.
Georg Ebener empfanb allmählich bies Gleiten burch bie frembe Welt wie ein Glück, bas zum erstenmal zu ihm kam. Was schwer war, war hinter ihm versunken; ber Rest lag auf bem Bahnhof in Malbeuten. Er faß in ber warmen Junisonne, bie nur zuweilen eine flüchtig gleitenbe Wolke für Augenblicke verhüllte; er fuhr über ben schweigenden See, bem kein Haus, kein Schiff, kein Boot feine Unberührtheit nahm. Neben ihm saß das Mädchen, hinter dem er diese letzten Tage mit einem schlechten Gewissen hergefahren war, und wollte nichts von feinem schlechten Gewissen hören. Zuweilen lächelte sie, wies auf einen Raubvogel über dem Wald, auf einen weißbefleckten Reiherhorst hoch im Wipfel eines Baumes; es war, als hätten sie, obwohl getrennt, in diesen Tagen soviel neue, gemeinsame Vergangenheit erworben, daß sie sogar schon miteinander schweigen konnten. Einmal wandte sie sich lebhaft zu ihm: das hätte sie fast vergessen — sie hätte inzwischen festgestellt, daß die Urgroßmutter Regina tatsächlich in Insterburg und nicht in Neidenburg geboren sei: die Eltern wären gerade zu einer Hochzeit unterwegs gewesen. Das stimmte also.
Georg Ebener mußte eine ganze Weile Nachdenken, so sehr war ihm Regina Katharina hinter Regina Müller verschwunden. Erst bann bebanfte er sich: es tarn ihm kaum zum Bewußtsein, baß er eigentlich um biefer Auskunft willen seine ganze Reise unternommen hatte.
Nach einer Weile bog ber kleine Dampfer scharf nach links auf bas Walbufer zu. Der Doktor suchte eine Anlegestelle ober eine Einfahrt: er fanb beibe nicht. Erst als sie bicht an ber Wand des Waldes waren, tat sich ein schmaler Wasserweg, kaum breiter als der Dampfer, auf, in den das Schiffchen langsam hineinfuhr. Aus dem Hellen Tag tarnen sie in grünes Dämmern; Buchen überwölbten die Fahrstraße, Büsche neigten sich von den Seiten bis fast auf ben Dampfer: sie fuhren mitten burch ben Walb, mit bem Gefühl, baß bas Schift hier eigentlich gar nichts zu suchen hätte.
Die Schwester Regina unterrichtete ben Doktor Ebener bahin, baß bies ber Duz-Kanal sei. Seine Frage, woher ber seltsame Name tarne, wußte sie nicht zu beantworten. Aber ber Kapitän bes Schiffes machte gleich barauf wenigstens ben Versuch einer Deutung. Er hielt ber Mäbchentlasse einen lauten Vortrag, biefer Kanal hieße barum ber Duz-Kanal, weil, solange man auf ihm fahre, alle Passagiere bes Schiffes sich buzen müßten. Sie sollten nur bei ihm ben Anfang machen: er heiße Emil unb wolle gern wissen, wie ihre Frau ßehrerin heiße.
Die Mäbchen schrien vor Vergnügen burrfjeinanber, unb bie Lehrerin würbe rot. , t ,
„Also sag, wie heißt bu?" roanbte ber junge blonbe Mensch sich grinfenb birett an sie. Die Mäbchen schrien noch lauter; als bie Lehrerin roieber feine Antwort gab, tlang von hinten eine hohe, ein bißchen scharfe Stimme: „Martha heißt se."
„Also Martha", lachte ber Schifssführer breit unb behaglich, „sag mal, Martha, wie alt bist bu eigentlich?" ,,, _.
Der Doktor Ebener verzog bas Gesicht; er liebte so etwas nicht. Die Schwester aber lachte; bas sei nicht böse gemeint, unb bie Leute hätten immer ihren Spaß an ber Kanalfahrt. Außerbem sei es gleich zu Ende, sobald sie roieber im Freien wären.
Es bauerte nicht lange, ba blieb ber Walb ebenso plötzlich, wie er begonnen hatte, zurück — ein neuer See tat sich auf, ber Bcirting-See. Seine Ufer waren noch freier als die bes schmaleren Rökhlofs-Sees; nur
Siebener ^amilieiiblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


