eigentlich nicht mehr hierher. Und was jenen Mann angeht, der seinen Bries wahrscheinlich im Büro in die Maschine diktierte, so steht es so, daß wir nicht viel von ihm wissen. Wir wissen eigentlich nur, daß er einmal ein ostpreußischer Landmann war und ein deutscher Soldat. Doch das ist lange her. Wir kennen die Geschichte seiner Wanderung nicht Vielleicht ist auch sie ein Buch der Not, des Kampfes und des Verzichtes.

Eine Stimme kam zu ihm übers Meer, eine arme, leise Stimme, die verloren und seltsam klang in dem brausenden Konzert jener Welt. Doch sie kam aus der Jugend, sie kam aus dem Land des Herzens, sie sprach von Wiese und Feld und Hof, von Mittagläuten und Feierabend; sie sprach von heimkehrenden Gespannen, von klappernden Holzpantoffeln und klappernden Milchkannen; von dem Mond hoch über der Scheune, auf der das Storchennest war. Sie sang ein längstoergessenes, schlichtes Lied, das Lied des alten Landmannes an seinen Sohn:Ueb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab ..."

In dem Brief an die Jnstmannsfrau aus Budweitschen da stand ganz zuletzt:Grüßen Sie meine Heimat ..."

Freude.

(Unbekannter Dichter des Barock.) Hüpft ein Vögelein, singt mir zu: Freudei holde Freudei Kuß und Sang, ein Paradeis Aus dem grünen frischen Reis Unter Blüten, rot und weiß, Auf der grünen Heide.

Flieht ein Bächlein, rauscht mir zu: Freudei holde Freude!

Muntre Schwätzer lustig ziehn In die Wiesen saftig grün, Oder wo die Sträucher blühn An der grünen Heide.

Fliegt ein Bienlein, summt mir zu: Freudei holde Freude!

Hohes Fest und süßes Mahl, Honigblüten ohne Zahl, Duft im warmen Sonnenstrahl Auf der grünen Heide.

Tanzt ein Mädchen, lacht mir zu: Freude! holde Freude!

Ostertag, so licht und warm.

Bachgemurmel, Bienenschwarm, Vogelsang, und Arm in Arm Tanz aus grüner Heide.

Giovanni Battista ZZergolese.

5 u m roo. Todestage des Musikers.

Von Hermann Ohrenschall.

Wohl kein Tonsetzer der Welt ist gleichzeitig mit soviel überschweng­licher Begeisterung als auch mit härtester, vernichtender Kritik über­schüttet worden wie Pergoiese. Als Schöpfer einer neuen Kunstrichtung wurde er von den einen gepriesen, als Stümper und Nichtkönner von den anderen verspottet. Aber dieser Tadel ist völlig ungerechtfertigt. Denn dem jungen begabten Musiker lag nichts ferner als Uebertreibung und Heuchelei. Seine zarte Seele und sein kranker Körper brachten nicht die Kraft freudiger, sieghafter Lebensbejahung auf. Deshalb findet sich in allen seinen Werken ein gewisser Gleichklang, eine müde Resignation und ein stiller Verzicht auf ein machtvolles, kämpferisches Leben. Er war wohl von einem starken Ehrgeiz erfüllt, der ja die Triebkraft jeder künstlerischen Weiterentwicklung ist; aber er war auch wieder rasch ent­mutigt, wenn harte Kritiken seine Werke verdammten. Die vielen Ent­täuschungen zermürbten zu schnell den schwachen Körper, in dem schon seit srühefter Kindheit die Keime der Schwindsucht steckten. Die ver­nichtende Ablehnung, die seine letzte OperOlimpiade" erfuhr, trug be­sonders zu seinem plötzlichen Tode bei.

Giovanni Battista Pergolese wurde am 3. Januar 1710 in Jest in der Mark Ankona als Sohn vornehmer Eltern geboren. Frühzeitig offenbarten sich die musikalischen Talente des Knaben, so daß er bereits mit 7 Jahren auf das Konservatorium nach Neapel kam. Hier wurde er von berühmten Meistern seiner Zeit, Domenico de Matteis, Francesco Durante, Francesco Feo und Gaetano Greco, einem der Begründer der neapolitanischen Schule, unterrichtet.

Zuerst erhielt Pergolese eine gründliche Ausbildung im Violinspiel. Der junge Geiger erregte durch selbsterfonnene Modulationen ganz neuer Art bald die Aufmerksamkeit seiner Lehrer. Er wurde daraushin sofort in die Kompositionsklasse ausgenommen, wo er eine ernste theoretische Schulung im Kontrapunkt bekam. Noch während der Schülerzeit erschien fein erstes größeres Werk, einDramma sacra", das reichen Beifall fand. Die begeisterte Aufnahme dieses und der folgenden Oratorien machte alle Kunstliebhaber auf ihn aufmerksam und verschaffte ihm einige wohlhabende Schutzpatrone. Besonders der Gunst des Principe

Stigliana hatte Pergolese es zu verdanken, daß sich ihm die Pforten des Theaters öffneten.

In feinen ersten Werken folgte er noch ganz den Grundsätzen seiner Lehrer und der Schule, der er angehörte. Bald aber ging er eigene Wege. Er hob die Fülle der Stimmen durch eine reiche Begleitung und selbständige Führung der Bässe und übertrug sogar auf die kirch­lichen Kompositionen einen gewissen dramatischen Ausdruck. Er be­reicherte das Orchester durch bis dahin im Orchester nicht gebräuchliche Instrumente und gab den Kantilenen einen leidenschaftlichen Schwung. So erwarb er sich die Achtung aller großen Zeitgenossen Und doch brachten ihm die Aufführungen seiner nächsten OpernLa Sallustia" undRecimero" nicht dm erhofften Erfolg. Verärgert wandte sich Per- golefe von der Bühne ab und komponierte eine große Reihe kammer­musikalischer und kirchlicher Werke, die sich durch veredelte Melodie und Wohlklang von denen seiner Zeitgenossen abhoben Als im Jahre 1731 Neapel von einem Erdbeben, das in der Umgebung großes Unheil an­gerichtet hatte, ziemlich verschont geblieben war, erhielt Pergolese vom Magistrat der Stadt den ehrenvollen Auftrag, die F e st m e s s e für den Dankgottesdienst zu schreiben. Es wurde feine berühmte Messe für 2 fünfftimmige Chöre und 2 Orchester. Sie verbreitete feinen Ruhm durch ganz Italien. Wer einmal dem Theater verfallen ist, kann sich von ihm nicht wieder losreißen. Der Erfolg seiner geistlichen Kompositionen ermutigte Pergolese zu immer neuem Schaffen. 1731 folgten Schlag auf Schlag feine damals bedeutendsten Kompositionen, darunter viele Opern, die heute alle vergessen sind. Den Jubel aller Zeitgenossen brachte ihm fein zweiaktiges LustspielLa serva padrona' (Die gebieterische Magd) ein. Diese kleine Oper ist ein Muster ihrer Art voll ewiger Jugendfrische und feinster Komik. Noch heute zieht sie uns mit ihren reizenden Melodien in ihren Bann. Kurz nach ihrer Uraufführung trat sie ihren Siegeszug durch Frankreich, England und Deutschland an. Wie groß ihre Beliebtheit war, geht daraus hervor, daß in der Folge­zeit eine Unmenge Nachahmungen und Bearbeitungen entstanden, und noch heutzutage erscheint sie in immer neuer Ausmachung aus der Bühne. Der Erfolg dieses Werkes war der Höhepunkt im Leben und Schaffen Pergolefes.

1735 wurde er mit der Komposition der Karneoalsoper für Rom beauftragt. Es wurde die Opera seriaOlimpiade". In Rom aber hatte sich schon seit den ersten Erfolgen des jungen Komponisten eine ihm feind­liche Partei gebildet, die ihm seine Erfolge neidete und seine Werke mit vernichtender Kritik überschüttete. Die neuen Wege, die er beschritt, waren für die meisten seiner Zeitgenossen unverständlich. Sie erkannten nicht den Weg in die Zukunft, den dieser junge Musiker mit klarer Hand vor­zeichnete. Als dieOlimpiade" bei ihrer Uraufführung einen vollen Miß­erfolg erlebte, war damit auch das Schicksal des Komponisten besiegelt. Ein 'Mitschüler Pergoleses, Egidio Duni, der mit seiner Karnevalsoper den Vogel abschoß, obgleich sie weit unter derOlimpiade" steht, sagte zu Pergolese:Mein Freund, in deinen Werken sind so viele Detailschön­heiten, die man bei der Lektüre oder als Kammermusik gewiß heraus- hören würde, die man aber auf dem Theater nicht gewahr wird. Für einen großen Raum gehören große Noten." Besser kann die Oper nicht charakterisiert werden. Die Schönheiten der Partitur gehen in einem großen Hause vollständig verloren. Pergolese war im letzten und tiefsten Sinn eben doch nicht der geborene Dramatiker, sondern seine großen Leistungen lagen auf dem Gebiete der Kammer- und Kirchenmusik.

Nach dieser Niederlage war Pergoleses Ehrgeiz aufs Schwerste verletzt. Er ertrug diese Demütigung nicht. Krank und müde kehrte er nach Neapel zurück. Die Aerzte, die das kritische Stadium seiner Krankheit erkannten, schickten ihn sofort in die berühmten Bäder von Pozzuoli am Golf von Bajä, wo die letzte Hoffnung aus Heilung feiner fast zerstörten Lunge war. Hier vollendete der dahinsiechende Musiker sein Meisterwerk, das zugleich sein Schwanengesang wurde: das8 t a b a t mafer. Er fühlte, daß sein Leben sich rasch dem Ende näherte und gab sich mit letzter Kraft dieser Komposition hin. Den Auftrag dazu hatte er von der Brüderfchast S. Luigi di Palazzo in der Kirche S. Maria di Loretta erhalten und auch schon das vereinbarte Honorar von zehn Dukaten im voraus dafür be­kommen, da er in sehr ärmlichen Verhältnissen lebte. Sein Lehrer Feo besuchte ihn in diesen letzten Tagen und erkannte mit Schrecken, daß Pergoleses Tage gezählt waren. Er flehte ihn an, sich doch zu schonen und nicht seine schwachen Kräfte an diesem Werke zu verströmen. Per­golese lächelte schmerzlich:O teurer Lehrer, ich habe, um zu Ende damit zu kommen, keine Zeit zu verlieren". Unsäglich schwer rang Pergolese mit diesem Stoss. Es wird erzählt, der kranke Musiker sei stundenlang durch die Straßen der Stadt geirrt und habe nach Melodien gesucht, bis er eine weinende arme Frau antraf, die ihm auf fein Drängen erzählte, daß ihr Mann eben unschuldig hingerichtet würde. Er geleitete die Unglückliche in ihr halbzerfallenes Haus, wo auf einem Strohhaufen zwei kleine frierende Kinder hockten, die der Mutter jammernd die Arme entgegen» streckten. Da fällt die Frau auf die Knie nieder, drückt die beiden Kinder an sich und singt mit zarter, (elfer Stimme ein Wiegenliedchen. Wie ein Engelsgesang aus einer anderen Welt klingt es dem erschütterten Jüng­ling. In feiner Seele bricht es wie ein Silberguell auf und strömt und wogt in himmlischen Melodien. Weinend eilt er nach Hause und schreibt und schreibt, und Seiten füllen sich auf Seiten ...

Als Feo am 16. April 1736 wieder nach Pozzuoli kam, um feinen kranken Schüler zu besuchen, fand er das Werk vollendet, aber auch das Leben des jungen Meisters. Nur 26 Jahre umfaßte es. Die sterblichen Ueberrefte wurden in aller Stille in der Kathedrale S. Trocolo zu Pozzuoli beigefetzt. Später wurde ihm von feinen Verehrern eine marmorne Ge­denktafel gefetzt. Und was die Menschheit dem genialen Musiker bisher versagt hatte, das brachte sie nun feinen Werken in überreichen Maßen entgegen, freilich zu spät. Und noch heute erfreuen wir uns feiner herrlichen Musik, wie sie in feinerLa serva padrona ober imStabat mafer erklingt.

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