konnte wohl nicht fein, daß ihr

dann geschah etwas. Es geschah großen Dinge in der Welt. Eines geb. Jäkel eine Anweisung von und zugleich ein Brief mit einer

und wartete Tag um Tag. Nein, es vergeben werden sollte.

Ein paar Monate vergingen, doch plötzlich und erschreckend wie alle ganz Tages kam an Frau Minna Rudat einer Bank in Berlin über 50 Mark

fremden Marke, es war ein großer Umschlag, darin ein großer Bogen, ganz weiß. Nur wenige Zeilen standen darauf, sie waren nicht geschrieben, sondern sahen aus wie gedruckt. Vielleicht waren sie in ganz wenigen Minuten hingefetzt worden, und doch geschah es, daß sie ein Wunder taten: sie lösten einen zentnerschweren Stein und rollten ihn ins Meer. Dort versank er für immer ...

Damit ist diese Geschichte zu Ende. Denn was dazwischen noch liegt, zwischen den beiden Briefen, zwischen den beiden Welten, das gehört ja

April.

Bon Josef Weinheber.

Der Regen sprüht, die Sonne scheint, Der Knecht, er lacht, die Magd, sie weint. Bom Ktrschbaum flockts, der Kuckuck schreit, Der Rebentrieb hat all noch Zeit.

Ein Farbenbogen steht gespannt. Und nimmer ruhn Gerät und Hand.

Noch dröhn Sankt Georg und Sankt Marf. Die sind schon so, der Blüh viel Args, Wenn aber nur die Frösch nicht schrein, So kann's um Peregrin auch schnein. Was wär' denn das für ein April, Der nicht tun dürfte, was er will.

ersten Rast am Abend, weiter westwärts auf der Straße noch FrfeS> land, da lag er neben der Bibel.

Sie schnitt jedem ihrer Kinder ein Stück davon, ach, es war nur ein winzig kleines Stück von dem großen Rad, es war bei Gott ein Nichts. Aber stand denn nicht geschrieben:Wer im Geringsten untreu ist, der ist auch im Großen untreu?" Und wie sie die Kinder esien sah, gestohlenes Gut aus der Hand der Mutter, da wußte sie: Gott wird mich richten. Gott wird es heimsuchen an meinen Kindern ...

Es war nur ein winzig kleines Stück, das andere gab sie fort. Sie selber hatte keinen Bissen genommen.

So war es geschehen, und mehr war es nicht. Es wog vielleicht nur wie eine Feder auf der großen Waage Gottes. Doch die Frau trug eine Last mit sich durch fast zwanzig Jahre.

Der Strom der Flucht rann dahin durch Tage und Nächte, die Gefahr blieb zurück, es ging in die Sicherheit, aber es war die Fremde. Genossen der Heimat, Gefährten der Not, sie wurden in alle Winde zerstreut.

In fremder Stadt, bei fremden Leuten brachte die Frau ihr Kind zur Welt. Es war ein Junge, er schrie, er war drall und gesund. Die Mutter sah ihn an und weinte: ein Kind ohne Heimat, ein Kind ohne Vater. Eine Mutter, die gestohlen hatte mit dem Kind unterm Herzen. Sie dachte: Gott wird mich strafen. Gott wird ihn mir nehmen ... Aber der Junge lebte.

Es ging durch die langen harten Jahre des Krieges, diese Jahre ohne Herd und ohne Brot. Der Mann im Kriege und viele Wochen kein Wort von Leben oder Sterben, immer wieder Warten und Warten und in Verzweiflung gerungene Hände: Ich habe gestohlen. Gott wird mich strafen. Gott wird ihn mir nehmen ... Aber der Krieg ging zu Ende, und der Mann kam nach Haus.

Das Los dieser Menschen war nicht anders als das von vielen, vielen, die das Schicksal wie sie entwurzelt hatte. Sie waren arm, ohne Habe und Heimat, sie tarnen hierhin und dorthin, sie trieben durch die Jahre in Sorge und Hunger.

Minna Rudat, die Jnstmannsfrau aus Budweitschen wie lange war das her, wie wett lag das fort nie würde sie imstande fein, den Käse zu bezahlen, gestohlen, nein genommen 1914 in Wilhelmsdorf auf der Flucht.

Eines Tages ging die Frau zum Landjäger und zeigte sich an. Es war ihr ernst damit, sie dachte an Gericht und an Gefängnis. Sie wollte es endlich lossein. Doch es geschah, daß der Landjäger sie aus- lachte: Du lieber Gott, vor bald zwanzig Jahren. Um einen Käse im Krieg ... *

Er schickte sie nach Hause, wie sie war, unverstanden und ganz und gar entmutigt.

Der Fritz, der Kleinste von den Kindern, der damals auf der Flucht geboren wurde, war nun neunzehn Jahre alt, ein großer Kerl, gesund und tüchtig, Gott hat ihn leben lassen. Die Mutter sah ihn an, Tag um Tag. Er wußte von nichts, er war unbeschwert, vielleicht konnte der Fritz ihr helfen.

Er wollte über Land, Arbeit suchen, und die Mutter schickte ihn. Sie suchte die letzten Groschen zusammen, ach, es war zu wenig, es reichte nicht ... Sie sagte:Fahr mit dem Zug, soweit du kommst. Und dann mußt du zu Fuß ... Es ist weit, es ist bis hinter ©erbauen. Es heißt Wilhelmsdorf. Da ist eine Meierei. Und da frag nach dem Herrn. Und dann sag ihm: die Mutter ist hier mal was schuldig geblieben im Krieg. Sag, du möchtest dafür arbeiten, umsonst, bis es bezahlt ist. Sag, es war ein Käse ..."

Doch der Fritz kam wieder, sie hatten ihn nicht brauchen können. Die Meierei, die war gar nicht mehr. Da war jetzt eine Gastwirtschaft und ein Laden. Der Herr, dem die Meierei vor dem Kriege gehört hatte, der war schon lange fort, weiß Gott, wo er war.

Aber der Gastwirt, der ein freundlicher Mann war und dem Fritz zu essen gab, auch noch Zehrung auf den Weg, der hatte jenen wohl gekannt, er wußte den Namen und schrieb ihn auf. Er sagte, der wäre im Krieg Offizier gewesen, und es gäbe eine Stelle in Königsberg, die heiße Deutscher Offizierbund. Vielleicht wüßten sie da Bescheid.

Die Frau Minna Rudat setzte sich hin und schrieb einen Brief, es war ein langer Brief, und es war ein mühsames Werk, sie brauchte viele Tage dazu. Darin stand die Geschichte der Flucht, und die Geschichte des Käses und die Geschichte von fast zwanzig Jahren Gewissensqual..

Es war eine seltsame Sache mit diesem Brief. Er wurde aufs Ungewisse in die Welt hinausgeschickt, es war sehr zweifelhaft um ihn bestellt.

Er blieb zuerst lange Zett liegen, man wußte nicht, was man mit ihm machen sollte; er irrte bann wochenlang umher, er reifte weit, weit, er zog übers Meer, er manberte fast um bie halbe Erbe. Cs war nicht abzusehen, was es mit ihm werben sollte. Aber vielleicht war ihm eine Senbung guerteilt von ber großen Kraft, bie bie Wege ber Menschen lenkt. Er kam schließlich boch ans Ziel. Er lag eines Morgens unter einem Dutzenb anberer Briefe auf eines Mannes Schreibtisch in einer großen, lauten Stadt in Amerika.

In einem Dorf tief in Ostpreußen saß eine arme CanbarbeiterfraS

Sie Last.

(Eine Geschichte aus Ostpreußen.

Von Gertrub Papenbick.

Wieviel wiegt ein Tilsiter Käse, gewogen auf ber großen Waage der Meierei? Neun bis zehn Pfund, nicht mehr. Wieviel wiegt die Last einer Tat auf dem Herzen eines Menschen durch mehr als neunzehn Jahre?

Diese Geschichte beginnt 1914, in den ersten Wochen des großen Krieges. Durch das ostpreußische Land rollte die große Woge der Flucht. Und hinter ihr ging Haus und Habe in Flammen auf, erlosch der Sinn des Lebens, versank fern und unrettbar die Heimat. Angst erfüUte den Tag und durchgrauste die Nacht, Angst ftah das Herz und fraß das Gewissen, Angst war das Gesicht der Welt, das die Menschen dahinttieb aus einem Wege, ber ohne Ziel unb ohne Hoffnung war. Die Lanbstraße würbe Herb und Tisch unb Bett für bas friedliche Volk ber Scholle, das von einem ungeheuren Schicksal losgeriffen unb verweht worden war in den Tagen, da auf den Feldern das Korn zur Ernte stand.

Es zog in langen rinnenden Ketten nordwärts und westwärts, es drängte weiter und weiter, es nahm kein Ende, Wagen hinter Wagen, bepackt mit Habsrat, mit Mensch und Tier. Sie hatten mit sich ein wenig Mehl in den Züchen, die letzten Kartoffeln im Sack, eine Speck­seite und ein Brot. Wovon sollten sie leben, wenn bas verzehrt war?

Es ging durch Städte und Dörfer, verlassen und tot, es zog dahin auf Spuren der Zerstörung. Es gab ein Halt um ein gebrochenes Rad, um eine gebärende Frau ober um einen Toten Es mürbe Rast gemacht, um die Kühe zu melken, um zu essen unb zu schlafen. Man fällte Holz im fremben Wald, man machte ein Feuer auf fremdem Grund. Man zog Kartoffeln und Rüben aus frembem Acker, man trieb das Vieh auf bie Weibe, die niemand gehörte. Es gab kein Recht mehr als bas ber Not!

So konnte es geschehen, daß die Jnstmannsftau Minna Rudat einen Tilsiter Käse stahl.

Dieser Käse war nur ein winziges verlorenes Sandkorn damals in jener Zeit, du lieber Gott, es war vielleicht gar nicht wert, daß man ein Wort darüber verlor. Zu alledem war es keineswegs der einzige Käse, der in unrechtmäßige Hände kam. Aber er hatte vor andern fein Gewicht unb feine Bebeutung in ber Welt, man bars ihn nicht ver­schweigen noch unterschlagen.

Da kam jener Flüchtlingszug, drei Tage und zwei Nächte unter­wegs von der Grenze durch das Dorf Wilhelmsdorf, wo sich die große Meierei befand. Wem gehörte die Meierei? Niemand, sicherlich. Wer hatte hier etwas zu sagen? es war keiner da ... unb als man dort hinkam, müde, zerschlagen und hungrig, da war schon die Haupt­arbeit geleistet. Die Keller waren gestürmt, bie großen Rollen mit Käse waren herausgeschleppt unb ausgebrochen. Die gelben, bieten Käselaibe, runb wie Näber, lagen aufgetürmt auf bem Hof, sie rollten in ben Staub, sie blieben liegen hier unb bort. Niemanb gehörten sie, man brauchte sie nur zu nehmen.

Die junge Frau Minna Rabat, geborene Jäkel, sie war aus Bub- weitschen in der Goldaper Gegend zu Hause. Drei Tage und zwei Nächte mit ben andern auf einem Leiterwagen, drei kleine Kinder, fünf, vier und zwei Jahre alt, und das vierte unterwegs. Der Mann war im Felde, am dritten Tag hatte er fortgemußt, weiß Gott wohin, es kam keine Nachricht die Russen kamen, wer weiß, wo er war, vielleicht war er schon tot ...

Als der Zug ins Stocken geriet auf ber Dorfstraße von Wilhelmsdorf, da stieg sie vom Wagen und ging mit dem Eimer nach Wasser. Auf dem Hof der Meierei war vielleicht eine Pumpe.

Sie hatte es nicht gewollt, gewiß nicht. Sie war ehrbarer Leute Kind, sie war eine fromme' ff rau, die aus der verlorenen Heimat die Bibel mitnahm und im Stroh unterm Sitz verbarg. Sie hatte noch nie etwas Unrechtes getan. Sie tat es, ohne zu denken. Da lagen die Käse in Haufen, unb bie Menschen waren barüber her. Arme Menschen, sie waren in Not. Sie ftanb unb sah zu. Aber bann stieß einer sie auf- munternb in bie Seite!Na, junge Frau, man ran ..." Sie trat näher unb bückte sich unb ging wie eine Schlafwanblerin vom Hof, in ber Rechten ben Eimer, in Dem linken Arm einen Käse. Sie ging bamit die Dorfstraße hinauf, bis sie zu ihren Kinbern kam, bie an ber leeren Wagendeichsel spielten.Mutter, was ist das?" fragten die Großen. Die abgesträngten Pferde rupften am Straßenrand geduldig das arme, trockene Gras. Die Frau gab den Kindern zu trinken und lieh auch die

Pferde saufen. Sie ftanb still babei, sie sprach kein Wort.

Man weiß nicht, wie es kam. Vielleicht, wenn sie ihn nach hinten

gepackt hätte zum Mehl unb zu ben Kartoffeln, so wäre biefer Käse

unb feine Geschichte untergegangen in ber Flut jener Zeit wie so manche anbere Tat ber Not unb Verzweiflung. Aber als sie ihn vorholte bei der