Ausgabe 
17.4.1936
 
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Obendrein müßte er nun die Maschine bezahlen und könnte es nicht, denn die Felder trügen nur für ihn, nicht für eine Maschine. Er mußte den Haferfleck verkaufen, nachher den Gaul, der den Hafer fraß, eins ums andere. Und es würde schlechter von Jahr zu Jahr, immer weniger Heu, nur noch halbe Ernten, ein elendes Leben von der Hand in den Mund. Kein Wunder, wenn er es endlich satt bekäme, alles hinwürfe und ginge.

Aber woran läge es denn, es müßte doch einen Grund haben, wenn ihm alles nur so in den Händen zerfiele I Auf den Acker käme es nicht an, ob er sonnseitig oder schattseitig liegt, auch nicht auf die Arbeit selbst oder auf einen besonderen Segen dabei. Aber das alles zusammen, der Bauer und sein Land, sein Haus und Hof, das ist ein einziges lebendes Wesen in Gottes Hand, unzerstörbar im tätigen Wirken, fest auf sich ruhend in seiner Ordnung.

Nein, Gott wird helfen, daß der kleine Adam dieses Geheimnis er­kennt, wenn seine Zeit kommt, mag er nun schwarze oder helle Augen haben.

Das meint auch sein Pate. Auf den kannst du rechnen, sagt er. Was glaubst du, wie der mich in den Bauch getreten hat, als ihm das Wasser über den Schädel lief! Sag, was du willst, es ist viel für sein Alter.

Und es begibt sich dann, daß ein hilfloses Taufkind um eine gute Weile früher den Berg hinauf und nach Haufe kommt als zwei rüstige Väter, ein leiblicher und ein geistiger.

An den Bitt-Tagen vor Christi Himmelfahrt kommen Wallfahrer von weit her aus dem Nachbardors. Sie sind schon am frühen Morgen fort­gegangen mit Gebet und Lobsingen, aber der Weg war lang, die Sonne schritt dem Zug voran am wolkenlosen Himmel, und so wurde es zuletzt eine mühselige Wanderschaft auf der glutheißen Straße. Die Böller stehen lange bereit, Fahnen wehen vom Turm der Kirche, und endlich tauchen die ersten Pilger aus dem Staubgewölk gleich einem Trupp von Landsknechten nach hitziger Schlacht, braun gesengt und schweiß- übergossen unter dem Lanzenwald der blitzenden Kreuzstangen, mit be­kränzten Bildern und dem bunten Tuch der Fahnen darüber.

In der Nähe des Dorfes sammelt der Borbeter noch einmal seine Kräfte und beginnt mit lauter Stimme die Litanei der heiligen Jung­frau, du Zuflucht der Sünder, du Morgenstern! Der Troß rückt lang­sam nach und antwortet ihm kläglich, die Weiber, dampfend und förm­lich gesotten in der schwarzseidenen Rüstung ihrer Röcke und Mieder, und Kinder, weißgekleidete Mädchen, die schon ganz welk und verdurstet an den Händen ihrer Mütter hängen. Gottlob für ein wenig Kühle, für einen einzigen Lusthauch im Schatten der Linde!

Die Wallfahrer lagern eine Weile vor der Kirchmauer, um sich zu sammeln und zu verschnaufen. Es sind fremde Leute, ihr Dorf liegt fünf Gehstunden weit im jenseitigen Tal, das ist schon außerhalb der Welt. Darum haben sie auch ganz andere Bräuche, die Männer tragen grün­gemusterte Strümpfe, und die Frauen stecken das Halstuch nur lose in das Mieder, nicht so schön gefältelt wie im hiesigen Dorf. Und am merkwürdigsten ist, daß sie an jedes zweite Wort einen Seufzer an­hängen, Gott weiß, warum sie das tun, vielleicht gefällt es ihnen so, ihr 'Geblöke. Man sagt, diese Leute hätten überhaupt etwas Abseitiges in ihrer ganzen Art. Einmal seien sie am Borabend der Wallfahrt zwei Stunden weit ins Tal hereingelaufen und wieder heimgekehrt, nur, damit sie am andern Tag nicht so weit zu gehen hätten.

Sie erzählen freilich ihrerseits wieder die Geschichte von den bellenden Hühnern, als habe man hierzulande vor Zeiten versucht, dem Federvieh das Bellen beizubringen, damit der Geier nicht so oft über die Küchlein käme. Die Hühner gaben sich auch Mühe und lernten brav, aber als sie es richtig konnten, liefen sie in blindem Schrecken vor sich selber davon und stoben in alle Winde Daran ist natürlich kein wahres Wort, das wäre ja auch des Teufels, denkt euch bloß, ein bellendes Huhn!

Wie dem auch fein mag, sie sind ein fröhliches Volk, die Nachbarn, der Dorfplatz quillt über von Lärm und buntem Gedränge. Pater Jo- bannes hält ihnen die Predigt in der Kirche, aber für den Anfang fruchtet es nicht viel, wenn er von Buße und Einkehr spricht. Die Leute stehen unter der Tür und hören eine Weile zu, ja, es ist wahr, man sollte die ganze Welt verachten, alle ihre Freuden, und nur an den Himmel denken. In Sack und Asche sollte man gehen, nicht in Seide, ihr Weiber, sondern mit einem Strick um den Hals, wie der heilige Bischof von Mailand zur Zeit der schwarzen Pest. Denn das Leben währt nur kurz mit seinen Plagen, und wer verdammt ist, brennt in Ewigkeit, das sind goldene Worte!

Der ist nicht übel, sagen die Leute, euer Pater! Da kannst du hören, was du bist: ein Gefäß des Unrates!

Aber Gott ist langmütig, er wird noch eine Weile zusehen und nicht gleich Pech und Schwefel schicken, das bedenkt der Pater vielleicht, zu wenig. Es bleibt noch Zeit für einen Krug Vier in der Schenke und für ein Gespräch über den Zaun. So, dann seid ihr also zuftieden mit dem Futter? Wir auch, wir mähen nächste Woche. Aber das Korn steht hier schöner, drüben war Hagel.

Hagel, sagt der Mann im Garten, ja, das ist schlimm. Da kannst du nichts oagegen tun, mein Freund, wenn dir die Schloßen kommen. Im vorigen Jahr, sagte er, und das ist eine lange Geschichte von einem fürchterlichen Unwetter und von acht Schafen, denen der Blitz die Wolle abschor, wie ich dir sage, rein herunter bis auf die Haut!

Die kleinen Mädchen bekommen ihr Naschwerk bei Agathe im Laden, da werden auch Spitzen besehen und Stoffe befühlt, es ist alles sündhaft teuer, und am Ende geht es doch nicht ohne ein Stück Schürzenzeug. Dann aber auch noch eine Rolle Tabak für den Mann, um des Friedens willen.

Draußen auf dem Kirchplatz haben die Buben ihr Wesen, da führt David das Wort. Er glüht gerade Kohlen im Rauchfaß an.

Bei uns ist das von Silber, sagt einer aus der Reihe, wir haben ein silbernes Rauchfaß mit vier Ketten.

Ach? Ein silbernes, ein einziges? Soll ich dir etwas zeigen, du Grindkopfi Unser« Rauchfässer der Reihe nach, die goldenen und die

mit den Edelsteinen, oder die Kelche und die Meßkännchen und die Monstranzen und das ganze Gewölbe voll unter deinen Füßen?

Zeig es doch!

Ja, dir, so einem Gewächs! Da muß der Bischof kommen, verstehst und selbst der muß den Verstand zusammennehmen. Ein ganzer Tag geht hin, und da ist er nicht einmal mit den kleineren Leuchtern fertig.

Zählt er sie?

Ja, jedes Jahr. Sie gehören Unserer Lieben Frau. Einmal wurde einer von den Leuchtern gestohl--,, er verschwand einfach, und was geschah?

Nun, was?

Die Jungfrau stieg selbst aus der Nische und ging drei Nächte lang mit dem andern Licht in der Hand durch das Dorf, um den Dieb zu suchen, und in der dritten Nacht fand sie ihn. Sie tat ihm gar kein Leid an, nein, die Mutter Gottes trat nur in seine Kammer, während er schlief, und zündete bas Licht auf dem gestohlenen Leuchter an. Dann ging sie wieder, stand in der Nische und wartete. Aber von Stund an brannte das Licht immerfort, der Dieb wachte davon auf und erschrak. Er blies es an, da» half nicht. Er goß Wasser daraus, es brannte nur noch heller, und so stark, daß die Leute vor seinem Haus zusammen­liefen. Was ist das für ein Licht? sagten sie. Was für ein Leuchter, es ist doch nicht der gestohlene? Zuletzt mußte der Dieb feine Schande bekennen, er mußte mit dem brennenden Licht durch das ganze Dorf zur Kirche gehen, ja, und bann hatte bie Mutter Gottes ihren Leuchter roieber.

Unb ber Dieb? Was geschah mit bem?

Weiß ich nicht, sagt Davib überdrüssig. Frag ihn. Wenn er so alt ist, wie du dumm bist, du Knirps, bann lebt er noch.

Selber bumm, sagt ber Knirps. Uederhaupt ist das gar nichts, ein Leuchter unb solches Zeug. Unser Einsiebler, sagt er, der kann Wasser riechen unb schatzgraben.

Der Einsiebler? Wer ist bas?

Nun, so ein heiliger Mann, wie ftüher bie Propheten. Er lebt im Wald in einer Höhle, ganz allein, eben ein Einsiedler.

Und was tut er da?

Nichts, er betet. Manchmal sucht er sich Wurzeln ober Schwämme, unb wenn er gar keine mehr finbet, bann läutet er mit seiner Glocke, damit ihm jemand Brot an den Weg bringt.

So. Und er kann Wasser riechen, sagst du?

Ja, weil er so heilig ist. Aber er tut es nicht gern, nur wenn man ihn sehr bittet. Dann geht er mit einer Rutengabel über die Felder, und wo die Rute zuckt, da ist eine Quelle in der Erde, da kannst du immer einen Brunnen ausmachen. Einmal hat er mit dieser Rute auch einen Schatz gesunden, lauter Silbertaler in einem Topf. Aber er mochte sie gar nicht, sie sind verflucht, sagte er.

Warum war der Schatz verflucht?

Weiß ich nicht, sagt der Knirps. Frag ihn!

Aber David hat keine Lust mehr zu streiten. Das hat ihn aus dem Sattel gehoben: ein Einsiedler, und so heilig, daß er Wasser riechen kann!

Indessen ist bie Vesper vorbei, das Gepränge und der ganze heitere Tag. Die Gäste verlieren sich allmählich, noch von weither hört man ihre Ruse und ihr Gelächter auf dem Weg. Einigen ist die Fröhlichkeit zu Kopf gestiegen, es war zuviel an Bier und Schnaps und Würzwein. Sie rumoren noch eine Weile im Dorf herum, selig beschwingt oder kopfüber auf den Zäunen hängend. Andere führen reumütige Gespräche mit ber Brunnensäule, verachte mich nicht, Nachbar, sei ein Christ! Ich bin besoffen, verstehst bu, durch und durch, aber ein gutes Herz habe ich, Nachbar, ich bin ein guter Mensch ...

Und bann verschwindet das gute Herz in ber Dämmerung, ein schwankendes Laternenlicht.

Spät in der Nacht gibt es noch irgendwo im Häuserschatten einen blitzschnellen Kampf, halblaute Flüche und sausende Hiebe in der Dunkelheit. Jemand keucht und springt über den Zaun, eine Fensterstange klirrt, und bann ist es roieber still.

Das Dorf schläft ein, die müde Herde ber Häuser. Der Nachtroind geht um auf bem leeren Platz, bas Wasser rauscht. Monb unb Sterne ziehen über das Tal unb hüten den Frieden.

Der Sommer reift heran, die drangvolle Zeit. Nur noch ein paar Tage, ein verläßliches Zeichen für gutes Wetter, unb man wird mit ber Heumahd beginnen. Die Gärten füllen sich mit bem üppigen Blattfleisch bes Gemüses, mit blaugeabertem Kohl unb gekräuseltem Salat, auf hoben Stecken flattern die bunten Ranken der Bohnen im Wind. Es quillt aus den Fenstern von heiteren Farben, Fuchsien blühen, brennrote Nelken an langen Stielen. Solche Nelken tragen die Burschen am Hut unb bie Mädchen am Mieder, und sie sind alle gleich rot. solang die Liebe im Dorf umgeht, man weiß nicht, von welchem Fenster sie stammen. Auch bie Schwalben sinb wieder da, sie nisten im Flur und sind den ganzen Tag unterwegs mit ihrer Behendigkeit und ihrem zuttaulichen Geschwätz.

David muß wieder Kinder hüten unb Wasser in ben Garten schleppen, ihm ist keinen Augenblick Ruhe gegönnt, aber seine Gedanken geben trotzdem wunderliche Wege. Er denkt an den Einsiedler, der von Gott vor allen Menschen ausgezeichnet wurde, unb warum? Weil er im Walde haust und von Schwämmen lebt Und selbst bas nimmt er nicht sehr genau, er läutet ja mit feiner Glocke, wenn es ihn einmal verbrietst, immer nur Wurzeln zu kauen. Das ist nichts Unmenschliches, denkt David, er selbst hat jedenfalls fchon schwierigere Prüfungen bestanden. 0 Gott, unb vielleicht ist er längst mit ähnlichen Gnaden begabt, vielleicht kann er Ichon Wasser riechen und schatzgraben und wußte es nur bisher nicht. Sicher ist es so. im ganzen Haus ruft iebermann nach ihm, wenn e:n Groschen verloren geht, unb David findet ihn unfehlbar.

(Fortsetzung folgt.)