Ausgabe 
17.4.1936
 
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Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang (936 Zreitag, den HZ. April Nummer 30

Das Jahr des Herrn

Roman von Karl Heinrich Waggerl

Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig.

6. Fortsetzung.

Der Lehrer behauptet ja auch, der Mond sei eine Kugel. Das möchte noch hingehen, solange er voll ist, aber er hat ja mehrerlei Gestalt, einmal sieht er wie ein Butterhörnchen aus, das andere Mal wie ein mißratener Käse.

Nein, so einfach ist das alles nicht, niemals kommt David mit diesen Rätseln zurecht. Da kauert er in der weiträumigen Nackt, ein Würm­chen, an der Erde festgekrallt, ein winziges Lebewesen mit seinen müh­seligen Gedanken, jeden Augenblick kann es der schwarze Abgrund über ihm verschlingen.

Jetzt glimmen auch am jenseitigen Hang des Tales Feuer auf. David erkennt jedes einzelne, das dort ist in Schütt, dieses bei Brandstatt, und das dritte' erkennt er auch, aber das ist kein Reiffeuer, dieses Licht trennt in der Stube auf Eck. Es kann verschiedene Bedeutung haben, vielleicht kalbt nur eine Kuh so zur Unzeit, die Magd muß wach bleiben, um die Hofleute zu wecken, wenn es so weit ist. Es kann aber auch jemand auf Eck krank liegen. David denkt an Christine, er hat sie schon lange nicht mehr im Dorf gesehen. Die Leute behaupten, es liege nur daran, daß ihr das Mieder zu eng geworden fei, darum käme sie nicht mehr zur Kirche. Aber das ist wohl bloß Geschwätz und Bosheit von den Mägden im Dorf, die können es njd)t mit ansehen, wie schnell Christine ihr Glück gefunden hat. Ja, so etwas käme mancher gelegen, als Magd auf einen Hof zu gehen und nach ein paar Monaten als Braut von Der Kanzel gerufen zu werden. Allein nicht Überall ist der Altbauer io gefügig, daß er zur rechten Zeit von der Tenne fällt, kopfüber in fein Grab.

David kann Christine gut leiden. Als sie noch Kellnerin in der Schenke war, steckte sie ihm oft etwas zu, ein Stück Braten ober einen Kuchen- ceft, und er wusch ihr dafür die Gläser, wenn an Festtagen das Ge­dränge zu arg wurde. Einmal zeigte ihm der junge Bauer einen halben Schilling auf der Hand, den sollte David bekommen, wenn er ihm sagte, wer am Samstag der letzte Gast gewesen fei, der Forstgehilfe viel­leicht? David wollte es genau nehmen und antworten, diesmal sei der Briefträger am längsten geblieben. Aber Christine winkte ihm verstohlen mit den Augen, und später bekam er ein ganzes Silberstück von ihr, weil er so tapfer standgehalten und den Spaß nicht verdorben hatte. Ja, so war Christine, freigebig und schlagfertig, für jeden hatte sie das treffende Wort auf ihrer flinken Zunge.

Daran denkt David jetzt, er hockt noch immer auf dem Schubkarren vor der zerfallenden Glut und betrachtet dieses ferne Licht, wie es blin­zelt und schwankt, geh zu Bett, denkt er schläfrig. Christine, laß die Gläser! Es kommt niemand mehr, das ist nur so ein lumpiger Hahn, Der da kräht, geh zu Bett--

Plötzlich schlägt die Turmuhr, David fährt zusammen und schüttelt sich und schaut umher. Der Morgen graut, es ist merkwürdig rasch hell geworden. Eben brannten da noch Feuer über dem dunklen Tal, glommen Düster und wanderten auf und ab vor Davids schlaftrunkenen Augen, eine Menge Lichter vor dem Fenster des Mädchens, das nicht schlafen gehen mochte. Und nun sind alle erloschen, nur weiße Rauchsaulen Dampfen noch in der wolkigen Dämmerung auf den Feldern. Bitter kalt ist der ziehende Frühwind, David hüpft wie ein lahmer Vogel unter Den Bäumen umher und schlägt mit den Flügeln seiner Decke, um sich warm zu machen, und außerdem hungert ihn auch erbärmlich Das ist Doch ein pflichtvergessenes Geschöpf, die Magd, wird sie wohl endlich aufstehen und Wasser für den Kaffee zufetzen? Die Kühe brüllen im Stall, die Hähne krähen, überall in der Nachbarschaft steigt schon Rauch aus den Schornsteinen, aber ihr ist das einerlei, sie schlaft. Sie begrabt ihr Gewissen unter der Decke, während er, David, bei Frost und Finster­nis die Wache hält und kein Auge zutut, ein braver Soldat, em ver­lorener Posten vor seinem Feuer. .

Das darf man nicht so hingehen lassen, er schickt einen scharfen Pfiff durch die Finger. Die Spatzen fallen von den Bäumen, wenn David so pfeift, aber die Magd rührt das gar nicht. Am Jüngsten Tage wird Gott alle Seelen vor sich versammelt haben, nur eine einzige wird fehlen, und welche? Die Seele der Pfarrmagd, sie allem hat kerne Posaune ^David seufzt und knurrt aus der hohlen Tiefe des Magens, es ist ja schon lichter Tag, man muß der Magd etwas Handfestes in das

Fenster werfen. Aber während er sich bückt, um einen passenden Stein zu suchen, kommt hinter ihm die Magd aus dem Stall und trägt wahr­haftig schon einen Eimer Milch in jeder Hand. David, wie geht das zu?

Trink deinen Kaffee in der Küche, sagt sie, und dann schlaf in Gottes Namen wieder! Nur nicht im Schubkarren, fügt sie hinzu, den brauche ich!

*

Am andern Tag zeigt es sich, warum der Bauer auf Eck zur Nacht­zeit Licht in der Stube brennen mußte. Die Hebamme bringt ein Kind zur Taufe, einen Knaben.

Ja, Christine hat geboren, darum war ihr das Mieder zu eng ge­worden. Es überfiel sie ganz unerwartet, denn das Kind kam um zwei Monate zu früh, so wie die Mutter rechnet. Aber bann brachte sie doch ein ordentliches Mannsbild an den Tag, durchaus wohlgeraten nach Maß und Gewicht, ist das nicht merkwürdig?

Die Hebamme bettet das Kind in der Pfarrküche auf den Tisch und verschnauft ein wenig, solange der Bauer noch unterwegs ist, um den Paten zu holen. Was meint ihr, wen er wohl bringen wird, den Forst- gehilfen doch nicht? Der Knabe hat dunkle Augen, seht her, und auch das Haar ist dunkel, oh, oh! Da muß sich die Mutter einmal versehen haben, sie selbst ist ja blond, fast noch ein wenig heller als der Bauer, von der Nase nicht zu reden, die das Kind hat. Gab es jemals so eine Nase auf Eck?

Aber gleichviel, krumm oder gerade, dem Vater gefällt das Kind. So sind die Männer. Wenn es nur kräht und Hand und Fuß hat, dann geraten sie schon außer Rand und Band, als sei es vorher noch keinem so gut gelungen. Auch der Pate lobt das Kind, der gefällige Nachbar, ja, es blinzelt schon und schreit, es hat zweimal fünf Finger an den Händchen, das ist alles richtig und in Ordnung. Man muß es noch einmal trockenlegen, dann wird ihm das Bündel auf den Arm gehoben, mit Gottes Hilfe trägt er es vor sich her und bringt es unbeschädigt in die Kirche.

Der Pfarrer deckt den Taufstein ab, die uralte Schale, aus einem einzigen Block gehauen. Er tritt unter das Tor und begrüßt das Men­schenkind im Haus des Herrn, legt ihm ein Salzkorn der Weisheit auf die Zunge und benetzt die Deffnungen der Sinne mit Speichel, wie der Meister den Blinden und Taubstummen getan hat, als er sie heilte. Das Kind roiberfagt dem Teufel und allen feinen Werken, aber die Drangsal des Lebens wird es herzhaft hinnehmen, wie der Herr es fügt und will

Und der Pfarrer nennt den Namenlosen Adam, das ist: aus Erde gemacht, er salbt ihn mit heiligem Del und gießt ihm das Wasser des Jordan über den Scheitel

Adam weiß nicht, wie ihm geschieht. Vielleicht wird der winzige Funken Lebens in seinen schwarzen Augen schnell wieder verlöschen. Vielleicht aber wird sich das Dunkel klären, er wird heranwachsen und verstehen, daß er Adam ist, ein Mensch, Sohn eines Bauern. Und auch die Dinge werden ihn durch diesen Namen für ihren Herrn erkennen. Stube und Haus werden ihm allmählich vertraut fein, dann die Tiere, die Felder umher, die Arbeit und ihr stetiger Fluß im Wechsel der Jahres­zeiten. Eines Tages wird er selbst das erste Werkzeug in die Hand nehmen, es wird ein Rechen fein, eine Senfe, der Vater wird ihm zeigen, wie man die Senfe führen muß. Adam wird feine Freude haben, wenn bas Futter saftig auf ben Wiesen steht, Sorge wirb ihn brücken, wenn ber Schnee in ben halbreifen Weizen fällt, und im andern Früh­jahr wird er trotzdem das Pflügen versuchen.

Ja, Gott gebe, daß es so kommt, daß diese dunklen Augen nicht weniger gelassen und geduldig auf der Erde ruhen und niemals den Blick von ihr lösen, die den Vatersnamen trägt. Einmal könnten sie plötzlich innewerden, wie weit die Welt ist, wie eintönig das Triebwerk bes bäuerischen Gebens, unb baß braußen in ber Frembe blefes Leben leichter unb gefälliger ist. Abam würbe ja nicht sogleich alles verlassen und auf und davon gehen, wenigstens anfangs noch nicht. Er finge nur an, sich aus dem ganzen Gefüge der Arbeit zu lösen, der Last zu ent­rinnen, die er plötzlich fühlte. Zeit möchte er gewinnen, ein paar freie Stunden. Darum hielte er es mit dem Fortschritt und brächte Maschinen auf den Hof, am Futterschneiden und am Heuwenden ersparte er eine Unmenge Zeit.

Allein die Felder sind an das Werkzeug gewöhnt, nicht an Maschinen, ober wie bas sonst Zusammenhängen mag. Die Maschine roenbete ja bas Futter gut, aber ber Bauer mähte bafür schlecht, er müßte auch eine Mähmaschine haben, natürlich verbrösse es ihn, so viele Stunben mit biefer langweiligen Arbeit zu oergeuben. Unb wenn es soweit wäre, bann gebe es immer noch keine Maschine, die ihm das Dach deckte, den Stall räumte ober bie Zäune flickte, es blieben hunbert Hanbgrisfe zu tun, unb keiner freute ihn mehr. Das Leben hätte er nicht satt, oh, keines­wegs, nur bie Arbeit, die gehörte nicht zum Leben, meinte er.