Ausgabe 
17.2.1936
 
Einzelbild herunterladen

Schrecken dann Jtt seinem Staunen, schließlich zu .seinem unsäglichen raSj __'hQE, er qen Süden vorwärts kam, obwohl sein Pferd still stand.

Da tat der Trompeter was er um keinen Preis tun wollte. Er wandte iick um blickte nach Schweden zurück, erkannte, daß sich eine mächtige E^lckolle losaeristen hatte und mit ihm der deutschen Küste zutrieb. Tiefbewegt "hob er"die Trompete und war nun stark genug, seiner Zweiten Heimatmutter Dank und Lebewohl zuzuwinken.

j 2iuf der Eisscholle hat der länger als ein Jahrzehnt m Schweden aeianaen q»haltene deutsche Trompeter die Fahrt heim tn tue Heimat aeSt Da er dies nicht tat, sondern es ihm getan wurde war es deinem Serien keine Flucht, nicht em Bruch des Schweres, den er IN Schweden leistete, sondern Gnade Gottes. Viele Lieder hat er auf dieser Reise geblasen, geistlich-weltliche, kriegerisch-friedliche, der Trompeter aus Pobethen und sein Gesicht kein zweites Mal zmuckgewandt. Ms er Deutschland mit Augen fern am Horizont aufleuchten sah, begann e ein neues Lied, das so anhebt und endet:

Und ließest du die Heimat auch, westwärts gewendet das Gesicht, scheiden kannst dich von Baum und Strauch, von deiner Heimat nicht.

Sie ist in deinem letzten Hauch, ist in dem Blick, der dir zerbricht. Denn ließest du die Heimat auch die Heimat läßt dich nicht."

Bei Rantau, anderthalb Meilen von Pobethen entfernt, ist der Trompeter gelandet und geraden Wegs in fein Heimatdorf geritten. Dort hat er auf den Tag genau so lange gelebt, bis der Monat herum war, den der Tod ihm als letzten des Lebens verkündigt hatte. Sein Roß hat aus keiner deutschen Hand Futter genommen und ist daher bald hernach verendet. Man hat nicht gewagt, einen Kadaver tn dem toten Pferde zu sehen und es wie man doch selbst mit Tieren gewohnt war, die man Jahre lang gehegt und gepflegt hatte zu mancherlei nützlichen Zwecken zu zerstückeln. Das schwedische Roß ist vielmehr in der Nähe des Kirchhofes, auf dem fein letzter Herr, fern Kamerad und Freund ruhte, unbeschädigt mit seinem Sattel und Zaum bestattet worden. Säbel und Trompete des Mannes aber, den die Heimat in der letzten Not nicht verließ, weil er ihr auch in der Fremde unver­brüchlich die Treue hielt, verwahrt man in der Kirche zu Pobethen bis zum heutigen Tage als Heiligtum.

Gchlangenpark.

Von Fritz Reck-Malleczewen.

Ich habe so ungefähr vier oder fünf Schlangenerlebnisse gehabt. Das erste auf einer sehr notablen Hamburger Hochzeit, wo ein alter klappe­riger Tanzlehrer den sehr notablen Brautjungfern und Brautführern ein Menuett und der notabelsten Lady sogar einen Schlangentanz beigebracht hatte, und nachher setzte sich der alte Tanzlehrer versehentlich auf den Python, den man bei Hagenbeck entliehen und nach dem Tanz achtlos auf einen Sessel in der Garderobe gelegt hatte, herauf. Und das weitere können Sie sich denken.

An sich ist ein Python sanft und ungiftig wie ein Regenwurm ... wie aber, mein Herr, käme es denn Ihnen vor, wenn man Sie zuerst in der Garderobe abgeben und bann sich auf Sie heraufsetzen wollte?

Der alte Herr schrie und die notablen Paare mußten den Python (denn diese unheilige Kreatur kann ja nicht loslassen, wenn sie sich erst einmal sestgebissen hat!) ... die notablen Paare also muhten den Python losreihen und bann den alten Tanzlehrer, was wenig festlich ausfah, in eine Waschschüssel mit Lysolwasser fetzen ...

So war bas. Und einmal beim Baden in Beira an der portu­giesisch-afrikanischen Ostküste stand plötzlich vor mir hoch aufgerichtet und mit aufgeblähter Halshaube eine höllenschwarze Ringhalskobra, und ich denke ungern an diese Begegnung zurück. Einmal in Ecuador wurde in meiner Gegenwart ein chinesischer Farmarbeiter von einer riesigen Ekih in die Wade gebissen, und nachher ließen wir die Schlange aus dem Busch treiben und zerflederten sie mit Schrot Nr. 2, und ich habe noch die ausgebrochenen Giftzähne, und die Verwandtschaft ist geneigt zu glauben, es handle sich um hinterlassene Zähne unserer Tante Angelique ...

Aber es waren wirkliche Giftzähne, und der Chinese starb in vier Stunden einen schweren Tod. Und der kleine Zuluboy, der in meiner Gegenwart am Grunde eines Kanalisationsschachtes von einer Mamba ins Handgelenk gebißen wurde, der starb in zwanzig Minuten einen noch viel schwereren ...

Dann bin ich in Nordafrika im Zelt in den Bedkandhills aufgewacht von einem penetranten Moschusgestank, und draußen fchien grell der Mond, und im Grunde der nahen Kiesgrube räkelte es und regte sich wie ein riesiger Bottich voll Krebse. Und schürfte mit Hornringen auL Kies und Stein und umwand sich ekelhaft und war ein einziger Klum­pen von Mokassinschlangen, und als ich mitten hineinschiehen wollte, da rissen mir die Boys das Gewehr fort und warnten mich und meinten, die Mokolsin werden Rache nehmen und mich verfolgen und selbst noch auf dem Dampfer mich zu erreichen wissen. Ich weiß nicht, ob diese Boys recht hatten, ich weih nur, daß jedes Land samt seiner Kreatur seine bunten Geheimnisse hat, und daß man sehr gut daran tut, diese Geheimnisse zu respektieren und sie auf keinen Fall herauszufordern. Was aber die Stadt Port Elisabeth an der Südküste von Afrika an­geht, so fordert sie um so mehr heraus durch eine Türkenkälte, die man doppelt emvsindet, weil man aus den großen Backöfen von Zentralafrika kommt und Fieber hat und am liebsten sich den ganzen Tag in der

beiden Badewanne kochen ließe. Port Elisabeth aber hat einen Schlangen- park und unter den Passagieren der großen Postdampfer ist berjenige, der ihn nicht besucht, anstößiger als ein Mann der sich s ein,allen ließe, eine Trapistinnen-Domina mitGnädiges Fraulein anzureden. Item wir gingen alle zum Schlangenpark hinauf, ich auch und auch A G Ziesemer war von der Partie. A. G. Ziesemer war eine brünette Dreißigerin, sie war in Port Amelia eingestiegen und war Meisterin im Anzetteln von Bordintrigen, sie bekam von Zeit zu Zeit hysterische Anfälle und veranstaltete mit ihrem jeweiligen Seladon tn diesem Zu­stande pathetische Schreiduette; ich bin nie dahinter gekommen, ob sie o,zusagen .real existent und aus Fleisch und Blut oder nur eine Luft- piegelunq und eine Vision aus Strinöberg war, und außerdem hatte ich was allgemein akzeptiert wurde, ihren Namen aus A. G. Ziesemer (schätze .Amely Gustava) in .Ziesemer 21. G. umgewandelt, weil sie immer solchen Stab von Anbetern um sich versammelt hatte und weil sie ...

Aber das gehört nicht hierher. .

Port Elisabeth, Schlangenpark. Rund herum war eine vier Fuß hohe Mauer, dann kam ein Graben voll feister Wasserpflanzen, dann kam der Rasen mit den Schlangen und in der Mitte der Schlangenwärter Johannes. Der Schlangenwärter Johannes ist ein Basutoboy, er trägt hohe Ledergamaschen und dicke Lederhandschuhe und handhabt in diesem Kostüm die Giftschlangen wie der Metzger die Blut- und Leberwürste, er ist weltbekannt und der meistphotographierte Mann aus Südafrika, und die Amerikanerinnen zückten schon den Kodak. Auf dem Rasen wohnen in kleinen Zementbacköfen die Schlangen, und wenn der Wärter Jo­hannes mit dem Stock dagegen böllert, dann fahren sie heraus und zischen wütend wie ein angebohrter Autoreifen. Eine grüne Mamba, die wie ein Smaragd leuchtet, junge Shopstekker, so kurz wie ein Damen- federhalter und so giftig wie eine ältliche Suffragette, feiste kurze Puff­ottern, die sich zu Mannesschenkeldicke blähen können, und wenn sie auf den Autostraßen sich sonnen und man überfährt sie, denn zerplatzen sie mit dem Knall von aufgeblasenen Papiertüten. A. G. Ziesemer schaut und möchte sie von ihrem sicheren Stand aus mit dem Schirm pieken oder mit Steinen werfen. Das darf sie aber nicht, dieses Mal darf sie solche Dinge nicht treiben.

Im Wassergraben, mit dem schmalen Kopf auf einem Lotosblatt liegt, schwarzgeid wie ein Feuersalamander, eine zwei Meter lange Wasser­schlange, eine Babunotter prunkt zinnoberrot und pfefserminzschnapsgrun an den Mustern eines neuen Axminterteppichs ... Sandvipern find da in ganzen Büscheln und hie und da wohl auch jenes eigentlich nicht hier­her gehörige und in diesen Schlangengarten verpflanzte schwarz und weiß und rot geringelte Schlänglein, das als .german klag bekannt und nicht länger als ein Finger und doch der gewisse Tod ist. Vor den Girls aber mit den hennarot geschminkten Knopflochmündern zeigt der Wärter Johannes jetzt eine riesige, unter dem Gabelstock gebändigte Mamba und erzählt Schauergeschichten von ihr, wahre und erdichtete. Die schwarze Mamba aber ist wirklich unter all diesen Bestien der leib­haftige Satan, sie kann vier Meter lang werden und ist schneller als ein Foxterrier und angriffslustiger als ein Ehescheidungsanwalt. Sie ist so gewaltig stark, daß sie ihre Opfer niederrennt, sie tyrannisiert mit ihren Giftsängen ganze Landschaften, sie tötet in zehn Minuten unter unsäglichen Qualen, und was ihr an Schrecken noch fehlt, das fügt der Bafuto Johannes dieser Urmutter alles Bösen noch hinzu. Ein Farmer aus der Umgebung von East London verschwindet, und ein Jahr später findet man fein Skelett mit einem gekritzelten Zettel, daß die Mamba ihn geholt habe. Ein Regiment übender Natalmiliz muß ihretwegen um­kehren, weil die wütenden Reptilien die ganzen Karsthänge der Water­berge sozusagen besetzt halten, einem Hochzeitsreisenden wird in einem Hotelzimmer seine junge Frau von der Mamba gemordet, er findet sie starr und tot. Die letzte Geschichte glaube ich nicht, sie klingt nach Orpheus und Euridike und nach großer Oper, sie ist erfunden für diese Flanner, die ringsum an der Mauer lehnen und auf die schwarze Mamba und den schwarzen Wärter Johannes sehn und im Stillen dar­auf warten, daß sie ihn nun doch noch beißt und daß hier für einen Schilling noch eine kleine nette Sensation serviert wird.

Was also ist unnützlicher und böser, der Flapper ober die Mamba? Vor mir quillt es aus Erdspalten und Steinlücken, es wiegt sich und bläht sich und bewacht ekelhafte pergamentene Eier und tnäult sich um Baumäste und läßt sich auf die karminrote harte Erde fallen mit einem dumpfen animalischen Laut, der speiübel macht. Und hebt aus den bunten Ringen das giftgeschwollene Schlangenhaupt und betrachtet den Menschen mit den leeren Blicken des Hades, mit Blicken, die um die eigene Bösartigkeit trauern mögen. Von den Kreuzottern sagte mir ein alter Dorfschullehrer, der meine ersten Schreib- und Leseversuche be­treute, sie seien bestimmt, aus der alten Erde die bösen Säfte zu saugen, und müßten sie in sich tragen als Ausgestoßene Gottes. Ach ja, ich "weiß schon, was die Biologen darauf zu sagen hätten. Aber die Biologen haben schon manches gesagt und vorbeigeschossen an mantb-m Geheimnis. Also, mein Herr, wer ist böser und unnützer: der Flapper oder die Mamba? Wer ist giftiger: die Ringhalskobra ober A. G. Zie­semer? Ich weiß es nicht. Wissen Sie es?

A. G. Ziesemer, bauerhaft und symbolisch wie bie Gabunotter, wird fortfahren, zu heiraten, sich scheiben zu lassen, bie Menschen burchein- anber zu bringen, bie Mannsdilber abzustoßen und bie Männchen mit ihren Bedürfnissen nach .Usfrejungen hinter sich her zu schleppen, sie wirb Strinbbergszenen arrangieren unb bie Verzweiflung aller sein, bie mit ihr auf einem Castel-Dampfer vierzehn Tage lang zusammen eingesperrt sinb auf einen kleinen Raum, wo man ihr nicht ausweichen kann. Ja, so ist es. Wenn sie von einem Reptil angefallen wirb, bann wird bas ärztliche Bulletin also lauten: .Eine schwarze Mamba hatte das Unglück, A G. Ziesemer zu beißen. Das Befinden ber Schlange, bie allgemeine Teilnahme erweckt, ist ben Umftänben entsprechen!» ernst, wenn auch nicht ganz hoffnungslos ...'

"eraniwr rtUch: vr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Drühl'fche Universitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.