An einen Freund.
Mil Uebersendung eines allen Buches.
Von Eduard Mörike.
Jüngst ich in eines Kaufherrn Kram Ein Pfund Tabak zu holen tarn. Die Ladendirne, jung und frifch, Befcheidentlich stund Hinterm Tisch Und wog mir in bedächtiger Ruh Mein braun, süß duftend Kräutlein zu; Derweilen schaut' ich gähnend stumm So rings mich im Gewölbe! um: Da lag am Boden nächst zur Hand, Wurmstichig, alt, ein Foliant, Dergleichen wohl zum Packen und Wickeln Die Krämer blätterweis zerstückeln. Mit Andacht grüßt' ich allsogleich Hans Sachsens holde Musenstreich'. O schade um so viel edle Reim'! So goldner Weisheit Honigseim In Staub verschütt'tl Wer mag es sehn. Dem es nicht sollt' zu Herzen gehn!
„Schön's Mägdlein", rief ich, „ach und ei! Verkauft mir die Schnurrpfeiferei!" Sie lächelt spötttsch vor sich hin, Ob ich auch wohl bei Sinnen bin?
„Das ist ja Schund, Herr, mit Vergunst, Doch, steht's Euch an, habt Jhr's umsunst!" Ich sagt' ihr Dankes Ueberfluh: Hätt' gern gedankt mit einem Kuh; Schleppt' meinen Schatz heim unterm Arm, Und gleich drauf los, weil ich noch warm. Da war denn viel und allerlei: Im got'fchen Schnitt, Mythologei, Komedi, Tragedi dazu, Wacker versohlt nach'm Baurenschuh. Mit Wundern las ich, was er red't Von einem Dänenprinz Amlet.
Run ich mich sattsam durchgewühlt, Sinnend das Werk in Händen hielt, Gedacht' ich dein zumal und meint' Der Fund wär just für solchen Freund. Ein fromm Gemüt oft liebt und ehrt, Was vor der Welt nicht Hellers wert.
Oer Trompeter aus pobethen.
Von Hans Franck.
In der Kirche zu Pobethen — gelegen nahe der Ostseeküste des ehe- inaligen deutschen Ordenslandes — wird neben den heiligen Geräten eine Trompete und ein Säbel aufbewahrt. Die gehörten einstmals einem deutschen Kriegsmanne, welcher sowohl durch Anfeuerung der Kameraden mit kraftvollen Klängen seines Instrumentes, wie durch todmutiges Dreinschlagen dem Lande, das ihn geboren und gebildet hatte, manches Jahr tapfer diente. Eines Tages aber wurde er von den Schweden gefangen genommen und über das Meer mitgeführt.
Er hatte es gut im Feindeslande, der Trompeter aus Pobethen. Man wies ihn — nachdem er fein Kriegerwort gegeben hatte, in keiner Weise Schweden zu schaden, auch niemals einen Fluchtversuch zu machen — einem Großbauern an der jenseitigen Ostseeküste zu, daß er diesem durch Arbeiten auf dem Felde dienstbar sei. Der Trompeter, da er die Landbestellung aus seiner Jugendzeit her von Grund auf kannte und ein fleißiger, ordentlicher Kerl war, wurde seinem Herrn unentbehrlich. Anfänglich hielt der ihn als Knecht. Sehr bald aber ließ er ihn nach eigenem Willen und eigener Einsicht arbeiten, setzte ihn — den Fremden — über seine Leute, machte ihn zum Verwalter und gewann sich schließlich einen Freund an ihm, mit dem er von nichts lieber sprach, als von den für Schweden ruhmvoll verlaufenen Kämpfen in Deutschland, aus denen er — von der Hand des Trompeters — eine rote stirnnarbe über die Ostsee zurückbrachte.
Er hatte es gut in Schweden, der deutsche Trompeter. Und wurde doch seines Lebens nicht mehr froh. Sein Herr schenkte ihm zur Ermunterung eines der Pferde. Er möge, sagte er, wenn die Arbeit getan wäre, reiten so oft er wolle, so lange er wolle, wohin er wolle. „So oft ch will — ja", sagte der Trompeter. „Solange ich will — auch möglich. Aber wohin ich will — das stimmt nicht. Denn zu jenem Land, wohin gu reiten sich einzig für mich lohnt, kann ich und darf ich mich niemals sufmachen. Das wißt Ihr, Herr. Und hättet darum das Letzte besser nicht gesagt." Der Bauer schwieg. Denn ihm war bewußt geworden, daß der ehemalige Trompeter an einer unheilbaren Krankheit litt: Am Heimweh.
Der deutsche Kriegsmann ritt in jenem Lande, darin er sich nicht «Is Gefangener, sondern als Gast fühlte, viel mit dem geschenkten Roß irntjer. Er schloß sich vor den Schönheiten von Feld und Wald, Fluß
und See und Meer nicht zu. Trost aber, soweit dar heimwehkranke Herz sich trösten ließ, brachte ihm nicht sein Pserd, obwohl es ihm bald zum Kameraden wurde, sondern seine Trompete. Mit ber ging er immer wieder zum Strand, oft Abend für Abend, setzte sich nieder und blies — das Gesicht gen Süden gekehrt, Schweden im Rücken — Lied auf Lied. Als in der ersten Zeit jemand feinen Dienstgeber fragte: Was der deutsche Mann denn eigenllich immerfort blase? lautete die Antwort: „Deutschland bläst er!"
Da der Trompeter aus Pobethen länger als ein Jahrzehnt seinem schwedischen Herrn gedient hatte, sagte er zu ihm an einem Novemberabend: „lieber Nacht war er bei mir."
„Wer?" fragte der Bauer.
„Der nur zweimal im Leben kommt: Zuerst, wenn er verkündet, daß er uns demnächst abholen wird, und zu zweit, wenn er sein Wort wahrmacht."
„Unsinn! Ein Dutzend Mal und öfter kommt der Tod zu den Menschen, eh er nicht wieder weggeht." —
„Noch einen Monat hat er mir gegeben."
„Und —?" , „
„Und darum wollte ich Euch sagen, Herr: Ich reite morgen fort.
„Muß ich dich daran erinnern —?"
„Daß ich nicht fliehen darf? Ist unnötig. Ich reite nicht in ein anderes Land. Aber, daß ich mich freien Willens zu jener Welt, aufmache, die wir Himmel nennen, verwehrt mein Schwur mir nicht."
„Was foll das bedeuten?"
„Ich reite morgen auf die Ostsee hinaus. Südwärts."
„Wenn es auch früher und härter gefroren hat, als sich irgendeiner im Kirchspiel erinnert, zugefroren ist die Ostsee nicht. Nach Deutschland —"
„Wofür haltet Ihr mich!" fiel der Trompeter seinem Herrn ins Wort. Ich will nicht, was ich nicht darf: nach Deutschland reiten. Traut Ihr mir zu, daß ich einen Kriegerschwur breche? Nicht nach drüben reite ich. Sondern nach droben. Begreift mich doch!"
Der Bauer begriff und schwieg.
Der Heimwehkranke wiederholte: „Ich reite morgen auf die Ostsee hinaus. Südwärts. Immerfort nach Süden."
„Du wirft einbrechen."
„Das weiß ich."
„Wirst ertrinken!"
„Das will ich "
Um das Pferd, fuhr der Trompeter fort, fei es allerdings schade. Aber zu Fuß könne er, da er fein ganzes Leben lang dem Tode entgegengeritten wäre, diesen Weg nicht machen. Er habe vom Lohn soviel Geld erspart, daß sein Herr sich dafür zehn Pferde kaufen könne. Nein, nicht das Geld ablehnen! Wenn der treue Gaul ihm auch geschenkt sei. — Alles was er in Schweden empfangen hätte, habe er stets als Lehen betrachtet. Einverstanden also? — Gut. Das Meer sei erbarmungsvoll.
Es werde feine Leiche nach Deutschland tragen, daß er in deutscher Erde fein letztes Lager finde. Wenn es aber wider Erwarten mißgünstig fei und ihn nach Schweden zurückbringe, dann falle fein Herr ihn am Strande verbrennen und die Asche dem Wasier überantworten. Denn in schwedischer Erde, in der Erde eines fremden Landes, eines Landes, gegen das er mit feinem Säbel gefochten habe, könne und wolle er nicht bis zum Jüngsten Tage schlafen. Sein Herr dürfe diese Worte nicht mißverstehen. Keine Silbe sage er damit gegen Schweden, das an ihm gleich einer zweiten Mutter gehandelt hätte. Gleich einer Mutter! Aber doch: wie die'zweite, nicht wie die erste Heimatmutter, die ihn geboren und gebildet, getränkt und genährt habe Jahr um Jahr. Ob der Herr ihm die Hand darauf gäbe, daß er feinen Leib verbrennen und die Asche ins Meer werfen werde, wenn die Ostsee seinen toten Körper nach Schweden zurück, und nicht — wie er inständig hoffe — nach Deutschland hinüber trage. Zwei Hände, nicht die eines Schweden und eines Deutschen, nicht die eines Herrn und feines Untergebenen, zwei Kriegerhände fanden sich zum Gelöbnis.
Am andern Morgen stieg der von den Schweden gefangene Trompeter aus Pobethen in feine sorgsam aufbewahrte deutsche Soldatenmontur hinein, umgürtete sich mit dem Säbel, nahm seine Trompete von der Wand herunter, holte das geschenkte Roß aus dem Stall, bestieg es, setzte sein Instrument an, blies und ritt — mit südwärts gerichtetem Blick — auf das Eis der Ostsee hinaus.
Jener Choral, den der Trompeter als erstes erklingen ließ, hebt an:
„Herr Jesu Christ, mein Lebens Licht, Mein höchster Trost und Zuversicht, Auf Erden bin ich nur ein Gast, Und drückt mich schwer der Sünden Last
Ich hab vor mir eine schwere Reis' Zu dir ins himmlisch Paradeis;
Da ist mein rechtes Vaterland, Darauf du dein Blut hast gewandt.
Zu reifen ist mein Herze matt. Der Leib gar wenig Kräfte hat; Allein mein Seele schreit in mir: Herr, hol mich heim, nimm mich zu dir!"
Alle vierzehn Verse blies, indessen er sie inwendig mitsprach, der Trompeter. So sehr gab er sich an das Lied hin — an Weise und Wort — so ganz war er dieses Lied, daß er nichts von dem vernahm, was um ihn vorging. Er gewahrte nicht, daß sein Pferd plötzlich still- stand. Er hörte nicht, wie es hinter feinem Rücken bonnerartig krachte. Die Augen des südwärts gerichteten Gesichtes zum Himmel gekehrt. Mit seinem Gehör nicht mehr auf Erden, das Herz bereits nach drüben geworfen, hinüber in die andere Welt, blies er das Lied, dessen A und O I lautete: „Herr, hol mich heim!" Als der Trompeter am Schluß des I Gesanges im Irdischen wieder erwachte, sah er — anfangs zu seinem


