Jahr wollten fit In beiden Fällen heiraten. Siddy, an deren kürzeren Schritt sich ihr Liebhaber noch nicht gewöhnt hatte, so daß sie bald trippeln bald weit ausholen muhte, Siddy war so rührend schön in ihrem stillen Hineinhören in die Dinge, die ihr noch fremd waren und doch ihre Zukunst und ihr Glück in sich bargen, und sie war so köstlich ernst und überlegen, wenn sie zwischenhinein mir etwas erklärte, — und ich dachte derweil an lauter Bubenpossen und Narretei.
Ich blieb auch zunächst grundoergnügt. Anfangs oft mit dem Paare zusammen, merkte ich bald, daß ein Dritter überslüfsig sei, und folgte daher hren Aussorderungen seltener, überlieh das Zusammentreffen dem Zu- all und beschränkte mich daraus, den Freund wie bis dahin zu beuchen, wenn ich ihn allein muhte, und mit Siddy Gras nach der Gelegenheit zu verkehren wie in Kinderzeiten. Und dieser Verkehr war wieder ganz der alte, unbesangen vertraute. Wenn sie meine Schwestern besuchte, was in dieser Zeit der Wichtigkeiten sehr häufig geschah, so versäumte sie nie mehr, meine Zimmertüre zu öffnen, mich zu begrüßen und das Neueste zu berichten; wenn ich ausging, so trat ich meistens noch in das Nebenhaus, um ein paar flinke Worte mit ihr zu wechseln. Sahen wir einander im Garten, so hob sie die dafür eingerichtete Latte aus dem Zaun, schlüpfte wie als Kind schon herüber und hielt mir die Leiter beim Obstpflücken, oder ich half ihr drüben beim Bohnenbrechen. Oester noch lehnten wir uns von veiden Seiten nebeneinander aus den Zaun und plauderten. Oder vielmehr wir scherzten, wir neckten einander, trieben Possen.
Das war alles sehr harmlos, aber manchmal doch übertrieben von einer zutappenden Aufgeregtheit, die uns wohl plötzlich bewußt wurde, so daß wir in alberner Ueberraschtheit vor einander stehen blieben und uns ein wenig schämten Wir fühlten, daß wir uns nicht so auslassen würden, wenn nicht Siddy eben eine verlobte Braut wäre Diese Braut- schast machte uns sicher. Siddy war ja einige Jahre jünger als ich und noch ein halbes Kind, und es hatte den Anschein, als müßte sie sich sür den plötzlich über sie gekommenen Ernst durch kindisches Tollen ent- schädigen. So überließen wir uns unserer Unbesonnenheit ohne Arg. Wohl entging mir nicht, daß dieser Verkehr ansing, mich von der Arbeit abzuhalten, daß ich träumerisch auf meinem Studierzimmer bin und her ging, daß ich droben unzufrieden war und allsort ins Haus hinabhorchte ober in den Nachbargarten hinüberfpähte; — aber was war denn dabei, wenn ich nebenher auch ein bißchen für Siddy schwärmte, sür die Braut meines Freundes, dem ich sie doch aufrichtig von Herzen gönnte. Und war sie denn nicht mein Spielkarnerädlein von ihren ersten Schühchen an!
Wie es in dieser Zeit mit ihr stand, ob sie sich bloß vergaß ober ob sie vielleicht auch bewußt aus ber Sicherheit heraus ein wenig mit bem Feuer spielte, bas weiß ich nicht. Ich jebenfalls, keines bösen Willens mir bewußt, ließ mich treiben in bem klaren Gefühle, bah ich in einigen Wochen nach Bern ziehen unb bas Spiel bann ein Enbe haben werbe. Uebrigens scheuten ober verstellten wir uns vor Albiez nicht im min- beften, unb er spottete wohl gutmütig unb sagte, wir seien wie zwei junge hunbe, bie immer herumtollen unb herumtapsen müssen. Unb so wenig über bas doch lustig anzusehenbe Spiel junger hunbe zu sagen ist, so wenig kann ich von unsern Albernheiten erzählen.
Eines Tages nun hatte sie vor bem Mittagessen noch Blumen geschnitten unb in einem schönen roten Glase auf ben weißen Tisch ber Laube gestellt, wo auf bes Bräutigams Anregung ber Kaffee genommen würbe. Dann trat sie zu mir an ben Zaun, über ben hinweg ich ihr zugefchaut hatte. Sie stutzte sich, bie hänbe zusammenfügenb, mit beiben Unterarmen auf bie ben Zaun oben schließenbe Querleiste, ich lehnte auf ber anbern Seite neben ihr. Sie hatte ein kleines blasses Röslein zwischen ben weihen Zähnen unb bewegte es beim Plaubern hin unb her. Die Rosasarbe ber Blüte hob sich zart von ber kräftigen Röte ihrer zierlichen, vollen Lippen wie von ber heißbraunen Gesichtsfarbe ab unb gab ihr einen ungemein irischen Reiz. Ich sah eine Weile zu, wie bas Röslein von rechts nach links im Gesicht roanberte, sich halb unter bas Näschen erhob, bas alsdann ben Duft einsog, balb auch über bas runb herausgewölbte Kinn herabhing, unb wie bie Zähne aus bem Stiel herumbissen, unb sagte bann, inbem ich bie hohle hanb hinhielt:
.Mir bas Röschen!'
.Wozu!' erwiberte sie unb roanbte ben Kopf ausweichend beiseite.
,Zum Andenken!' sprach ich, ganz ohne Ueberlegung.
4jum Andenken —?' wiederholte sie, mich scharf ansehend, unb nahm bas Röslein aus bem Munbe.
.Gewiß!' antwortete ich mit etwas bewegter Stimme. .Wir haben bich |a boch nicht mehr lange/
.Aber bas Röschen ist nichts!' sagte sie. .Morgen fallen bie Blätter ab Nein, ich werbe bir was Rechtes geben, — ich werbe dir was machen!' Sie ließ nachfinnenb bie Augen umgehen, unb ihr feiner Mund ftanb halbgeöffnet, kinblich, baß bie Zähne schimmerten.
Da erschien mir bieser Munb als bas schönste unb köstlichste Gut auf ber Welt, ich trat vor Sibby, legte bie Hänbe fest auf ihre Schultern unb sprach:
.Ich weiß, was! Einen Kuh gibst bu mir zum Andenken — zum Abschied — wie bu mir früher einen gegeben hast, wenn ich aus ben Ferien roieber nach Aarau fuhr!' Nicht ganz ehrlich hatte ich bies rasch zur Ueberrumpelung hinzugesetzt, unb ohne weiteres hielt ich bie sich Auf- richlenbe fest unb küßte sie. Unb sie küßte mich mit Straft roieber.
Kaum hatte ich sie aber losgelösten und stand etwas beschämt unb mir selbst überflüssig vor ihr, ba atmete sie plötzlich gewaltsam auf, blickte mir erschrocken in bie Augen, warb tiefrot unb sagte leise:
.Das mar Unrecht/
.Unrecht —?!' wieberholte ich unwillig, .Unrecht? Wieso?!'
,3a!' erwiberte sie bestimmt, .Unrecht! Denn bas bars Ludwig nicht wissen!'
.Ja, roae ist denn —?!' fragte ich. .Hier über ben Gartenzaun, wo wir aus Euerem Hau», aus unserem Haus, von der ganzen Nachbarschaft gesehen werben können, haben wir alten Freunde, — saft Geschwister! — uns einen Kuß gegeben!"
Sie ließ, ohne sich zu bewegen, ihren Blick über die ihr sichtbaren Fenster wandern und schüttelte wie verständnislos ben Kopf.
.Das will ich bem Albiez gerne sagen! fuhr ich fort, ,da bin ich ganz ruhig. Er ist doch ein vernünftiger Mensch/
,Du sagst nichts! Wenn er es erfahren darf, bann bin ich bie nächste. Aber ich glaube, — er darf es nicht erfahren Da kennst bu ihn schlecht: bas erträgt er nicht! — Unb er hat recht!' setzte sie plötzlich roieber er» rötenb unb mit zornigen Augen hinzu. .Ich mürbe es auch nicht ertragen, baß er andere Mädchen küßte.'
Mir war recht unbehaglich zumute, ein bißchen gebemütigt, säst als hätte ich gestohlen; boch bezwang ich meinen Merger unb sagte be- \Sber Kinb, so sagen wir eben nichts bavon! Dann ist ber Katze gestreut. Denke nicht mehr daran!'
(Schluß folgt.)
War es nicht —
Von Ruth Schaumann.
War es nicht, als ich in schmaler Wiege Müd vom Werden schwang, Daß bie Magb auf unsres Hauses Stiege Deinen Namen sang?
War es nicht, ich ging, .ein Kind, zur Mühle Durch bes Mittags Schlaf, Daß mich, Tropfen unsichtbarer Kühle, Schon bein Schotten traf?
War es nicht, baß jener Schmied, der alte. Himmlischen Befehl empfing: Hartes Gold zu leichtem Kreis entfalte!
Deinen, meinen Ring!
War nicht alles, was nun ist, gegossen Für das Herz von einem neuen Stern? Ach, mein Mund, von deinem zugefchlossen. Schweigt so gern.
Vom eignen Leben.
Von Joses Ponten.
Wir sind zweimal ba: einmal aus unserem Geschlechte, bann in unserer Person. Es ist oft schwer zu sagen, in welcher von beiden Formungen mehr.
Wie es mit dem Verhältnis in meinem Fall steht, weih ich nicht genau. Vielleicht weih es niemand von seinem Fall, vielleicht bedarf es, damit es gewußt werde, des Abstandes ber fremben Person ober — bes Tobes.
Versuchen will ich, von mir selbst vor mich selbst ein Bilb aus Gegebenem unb Bekanntem hinzustellen, bas vielleicht manchen Vorwurf auf sich lenken wirb, nicht aber ben ber Willkür.
Einmal im Leben bürste sich wohl jeher bie Frage stellen: Wer bist bu eigentlich? Heute wirb vielen zur Aufgabe gemacht, klipp und klar auszusagen, wer sie, rein natürlich und kreatürlich gesehen, sind — für die Beantwortung einer solchen Frage wollen wir ein Musterstück zu entwerfen versuchen.
Wer sich vor die schwierige Aufgabe gestellt sieht, ein Bild von sich zu zeichnen, der wird natürlich zuerst an Vater und Mutter denken, an die Großeltern, die er aber selten alle vier bewußt gesehen hat und im günstigsten Fall noch an ein paar Ureltern. Meine Familie, sowohl nach der Vater- wie nach der Mutterseite, war ihrer selbst kaum bewußt und hielt sich nicht für ausgezeichnet im Volke, dessen Gemeinschaftsleben, -schlaf und -tob sie mitlebte, unauffällig unb fast namenlos.
So habe ich von meinen Vorfahren persönlich nicht mehr gekannt als vier Menschen, bie Eltern unb bie Großmütter (bie Großväter starben in meiner dumpfen Kinbheitszeit), und habe von den Ureltern nur einiges Unsichere gewußt. Ich pflegte zu sagen, ich stamme einfach vom Volke ab.
Alle Menschen Haden im großen ganzen gleich viel Vorfahren, nur nicht gleich viel benennbare. „Ahnen haben" heißt, sagen können, wie sie hießen.
Jeder Mensch steht an der Spitze einer Menschenpyramide, jede Menschenfolge ist eine Schicht darin Die Steine in diesen Schichten werden nach unten hin bald sehr dunkel, unbenennbar und unerkennbar, und ber Fuß ber Pyramibe verschwinbet In einem Dunkel, bas „Volk " heißt.
Was nun bas Wissen um unseren gegebenen Fall angeht, so fällt erst in ber sechsten Menschensolge ein weiblicher Name aus, in ber siebenten aber tun es schon bie Namen von Mitgliebern von acht Paaren, in ber achten unb neunten finb nur noch je sünsunbzwanzig Paare bekannt, in ber zehnten aber vierzehn einzelne Personen, in ber elften deren noch acht Und so taucht bie Pyramibe mit ungeraber Abgrenzung in bie Nacht. Die fprlngenbe Linie entspringt ber Zeit um 1600, in ber wir alle am meisten Ahnen haben sollen, was bebeutet, bah bie von einzelnen in bieser Zeit überlieferte Erbmasse bie bünnfte ist. Darüber hinaus aber verengt sich ber Zahlenkörper, d h. bie Vorsahren werben mehr unb mehr miteinanber verroanbt, bie Erbmasse verbickt sich roieber.
Da lernen mir von ben fünfzehn Mannern bis zur fünften Geschlechts- folge kennen: neun Ackerer unh sechs Handwerker, wobei jedoch zu bedenken ist, daß Bauernwesen und Handmerkertum nicht genau zu trennen sind Denn nach Feierabend ober zur Winterzeit wirb jeder Bauer mehr ober weniger ein Hanbwerker. Drei von ihnen finb außerbem Fuhrleute, b h. sie haben eigenes Gefährt, und wenn es zwischen Hof und Feld nichts zu fahren gibt, so fahren sie als fleißige Leute anderer Leute Sachen unb Kram zwischen ben Dörfern unb in bie Stabte. So war ber mütterliche Großvater, ein lanbeigencr Bauer mit Hof, zugleich, bevor


