GichenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1956 Hreitag, den 17. Januar Nummer 5
Der Laufen.
Erzählung von Emil Strauß
Copyright 1930 by Albert Langen / Georg Müller Verlag, München
1. Fortsetzung.
Ich sah nach der Uhr und bemerkte: ,Die haben uns zur rechten Zeit an die Luft gesetzt, jetzt kommen wir noch bequem auf den Zug.'
Er antwortete nicht, und da mich sein Benehmen überhaupt unsicher (gemacht hatte, so schwieg ich auch, und wir gingen eine ganze Strecke tumm nebeneinander hin, er mitten auf der Straße, ich ein paar Schritte seitlich am Straßenrand.
Plötzlich blieb er stehen und rief mir mit scharfem Tone zu:
.Mein Herr, wie kommen Sie eigentlich dazu, immer neben mir herzulaufen!'
Ich war natürlich etwas überrascht und sagte:
,Ja — was ist denn los, auf einmal?'
.Fühlen Sie denn nicht, daß mir das lästig werden muß!' fuhr er fort. .Das ist ja geradezu zudringlich, — verzeihen Sie das harte Wort! — Aber ich kenne Sie ja gar nicht. Wer sind Sie denn überhaupt?' Er blickte mich so fremd und feindlich an, daß ich merkte, eine Berufung auf unsere Freundschaft sei zwecklos, und so widerstand es mir ein wenig, meinen Namen zu sagen. Mein Zögern reizte ihn, er trat einen kleinen Schritt näher, bohrte seinen Blick in den meinen und fuhr fort: .Wollen Sie sich nun entschließen, mich allein zu lassen? Oder — muß ich mir Platz machen?' Er wiegte feine herabhängenden Fäuste wie versuchend ein wenig auf und ab. Ehe ich antworten konnte, setzte er hinzu: .Sind Sie Student?' Als ich bejahte, sagte er in leichterem Tone: .Dann bitte ich um Ihre Karte!' und griff nach seiner Brusttasche. Ich zog zwar auch mein Notizbuch; aber, als er sich mit seiner Karte in der Hand wieder zu mir wandte, erwiderte ich:
.Bedauere, ich habe keine Karte.' Darauf richtig einzugehen, auch nur aus Rücksicht aus seinen Zustand, war gegen mein Gefühl.
.Darf ich aushelsen?' fragte er höflich und reichte mir eine der feintgen. Als ich mein Blei zur Hand nahm, fuhr mir durch den Sinn, einen falschen Namen anzugeben, und ich kritzelte aus die Rückseite seiner Karte: .Melchior Müller, stuck, phil., Güdingen.' Indem ich ihm meine Karte gab und seine empfing, beobachtete ich ihn erwartungsvoll. Er hielt die Karte gegen das Mondlicht, las, lupfte leicht, doch förmlich den Hut, — und ich tat dasselbe.
Dann eilte ich mit großen Schritten voran. Aus dem Bahnhof ging er noch einmal an mir vorbei ohne mich zu erkennen. Und am andern Tag wußte er nicht, wie er aus dem Wirtshause heraus- und heim- gekommen sei. Ich sagte es ihm auch nicht.
Dies war das einzige Mal, daß ich ein gebändigtes und verdecktes Temperament bei ihm ausbrechen sah: denn er trank immer sehr mäßig. Bon seinen Bundesbrüdern erfuhr ich später ähnliche und ernstere Geschichten, doch nur aus seinem ersten Studienjahr; nachdem er seine Schwäche kennengelernt hatte, gewöhnte er sich daran, wenig zu trinken. An dem Hallauer Tag aber war ihm, indem wir von Ort zu Ort wanderten, Besuche machten, einkehrten, immer wieder mit andern zusammensaßen und redeten, wohl, wie es so geht, nicht bewußt geworden, wieviel er trank.
Bald darauf zog ich mit ihm nach Heidelberg, und es war für mich ausgelassenes Füchslein, dem die studentische Freiheit und die Pfälzer Lustigkeit alle Riegel und Zügel lösten, eine große Wohltat, den älteren Freund zu besitzen, der fest auf sein Ziel hinsah, heiter und gleichmäßig arbeitete und mich, sobald ich zu ihm trat, mit wissenschaftlichen Fragen einnafjm. Er baute also sein Staatsexamen und feinen Doktor und verbrachte bann, wie auch ich, das folgende Sommerfemester wieder in Heidelberg, und zwar als Affiftent in einer Klinik.
Am Ende des Semesters machte ich mit einigen Bundesbrüdern eine Rundreise nach verschiedenen andern Universitäten, so zum Abschied; denn ich gedachte, im Winter eine Schweizer Universität zu besuchen und erst in den klinischen Semestern nach Deutschland zurückzukehren.
Spät im August kam ich nach Hause. Am Bahnhof erwartete mich Freund Albiez und hatte ein zierliches, hellgekleidetes Geschöpf am Arm, das mir bekannt schien; aber es hielt den Kopf gesenkt, und ich konnte aus der Ferne das Gesicht unter dem großrandigen Strohhut nicht sehen. Alle Wetter, dachte ich, hat der sich zu guter Letzt auch noch einen Schah vom Neckar mitgebradjt! Wer kann sie nur fein? Freudig erregt trat ich auf die beiden zu, blieb aber einige Schritte vor ihnen plötzlich stehen, als das Mädchen nach mir aufschaute und mich mit wohlbekannten, dunklen Augen anlachte, während zugleich eine tiefe Röte ihr braut* licfjes Gesicht durchglühte.
Ich blieb also stehen, blickte bewundernd ooft einem zum andern und sagte:
.Herr Gott, sieh dein Volk an! Es sind lauter Zigeuner.' Dann schüttelte ich ihnen herzlich die Hände. Das Mädchen aber gab mir noch, scherzhaft schmollend, einige Schläge mit dem Zeigefinger auf meine Hand und sprach:
,Du bist auch nicht mehr wert als die andern! Alle wundern sich darüber, daß ich mich verlobe! Wieso denn? Das ist doch zu arg! Von dir aber hätte ich was anderes erwartet!' Im Grunde war sie von der alb meinen Ueberraschung sehr erfreut.
.Ich bin wirklich maßlos Überrascht', erwiderte ich; .aber nicht, wie du meinst, sondern darüber, daß mir nicht schon längst aufgegangen ist, wie ausgesucht ihr zwei zu einander paßt! Ihr habt es gut gemacht! Ihr könnt mir's glauben; denn ich kenne euch. — Siddy!. setzte ich hinzu, .du bist ja freilich noch ein Mammenkind! — Was ein Strumpf ist, erkennt sie nämlich erst, wenn der Fuß drlnsteckt! Und für die Trauung und Unterschrift — da ist nun nicht zu helfen! — Kind, dafür wirst du doch noch lernen müssen, drei Kreuze zu machen!'
lieber meine Anspielung errötend rief sie:
.Und ich rate dir, laß dir das Haar schneiden, ehe du zu uns ins Haus kommst!"
Also mein Nachbarskind, meine Spielgefährtin und Jugendfreundin, die in unserem Haus und Garten so daheim war wie im eigenen, und wie Übrigens auch ich in dem ihrigen, Siddy Graf war die Braut meines Freundes Ludwig Albiez! Und sie machten ein Paar, das sich sehen lassen konnte. Sie war kleiner als er, biegsam, lebhaft, von natürlicher Anmut. Man konnte sie sich als kleinstädtische Hausfrau und Mutter vieler Kinder denken, die diesem Dasein jede mögliche Schönheit bewahrt hätte, man war aber auch sicher, daß sie als Frau eines Gelehrten oder eines repräsentierenden Beamten an ihrer Stelle sein würde. Sie hatte zwar in der Schule nicht gelernt, doch war sie empfänglich, ja, begierig auf alles, was das Leben brachte, und kam nie feinen Anforderungen gegenüber in Verlegenheit. Ich bewunderte die Liebeswahl meines Freundes, dem alles so wohl geriet, ohne daß er im mindesten ein Schlauer, ein Streber, ein Berechner gewesen wäre, und es schien mir nur feinem Reinlichkeitsbedürfnis zu entsprechen, daß er es klug vermieden hatte, auf diesem Eroberungszuge den Verdacht oder die Ahnung selbst der nächsten Angehörigen zu erregen.
Ich freute mich über diese Verlobung wahrhaftig ohne jede Spur von Neid. Gewiß war ich in den Jahren und auch dazu angetan, Liebesgedanken zu haben, schönen Mädchen nachzulaufen und wo es anging, den Hof zu machen; aber diese liebliche Siddy Graf hatte sich noch nie in meine Träume eingeschlichen. Wenn gesunde Buben mit herzhaften Mädchen aufwachfen, so sind ihnen die Mädel nicht viel anders als Kameraden, die langes Haar und Röcke tragen, schlecht rennen und schlecht werfen können. Nun kommt die Zeit, wo das Mädchen seine Knabenhaftigkeit verliert, und kriegt man im herkömmlichen Spiel und Treiben so ein Wesen zu fassen, so hat man plötzlich ein unruhiges Gewissen, da man inne wird, daß so ein Arm etwas anderes geworden ist, voll, elastisch, nicht mehr jenes dünne Ding aus Knochen und Muskelsträngen. Man hat mit einemmal das Gefühl, der Arm fei fremdes Eigentum, von dem man die Hand lassen müsse wie von so vielen lieblichen Dingen, man wird mißtrauisch, unsicher, etwas scheu Man überläßt die Freundin mehr der Schwester und zieht sich instinktiv soweit zurück, daß das gute Einvernehmen keinen Schaden leidet. Die ersten Schritte auf dem Glatteis der Liebe tut man überhaupt womöglich nicht unter den Augen der Eltern und Schwestern, man schweift etwas in die Ferne, und wenn es nur die nächste Straße ist, und verwogt sich lieber vor fremden Mädchen als vor alten Freundinnen, von denen uns die Vertrautheit zu dieser Zeit wie eine Kluft trennt. Mir wenigstens war es mit Siddy so ergangen. Unser Verkehr war längst ein klein wenig förmlich geworden ich hatte mich bet einer etwas steifen Aufmerksamkeit für sie wohlbefunden.
Wie sie nun am Arme ihres Verlobten neben mir dahinschritt, vom Bahnhof der Brücke zu, da ward mir plötzlich bewußt, daß wir eben bei unserer Begrüßung ganz in der derb herzlichen Unbefangenheit früherer Jahre miteinander gesprochen hatten und während ich den Albiez ausfragte, freute ich mich unsäglich darüber, daß Siddy und ich den alten Ton wiedergefunden hatten, und nahm mir vor, dabei zu bleiben; am liebsten hätte ich sie bei der Hand gefaßt, dem Herrn da weggerissen und wäre mit ihr die Straße hinunter und rote der Blitz an den Zöllern vorbei über die Brücke nach Hause gerannt! Albiez wandelte frei und gemessen, als wäre er schon zehn Jahre verheiratet, mit seiner Braut des Weges und sprach davon, daß er den Winter in Wien zubringen werde, um die Spitäler und Kliniken kennenzulernen — es war zu Ende der sechziger Jahre, und der süddeutsche Arzt ging noch nach Wien — und daß sich bei diesem Aufenthalte entscheiden müßte, ob er praktischer Arzt werde ober die Universitätslaufbahn einfchlage; übers


