Hauptstadt bedeutete eine ungewöhnliche Auszeichnung für den noch recht unbekannten Künstler. Der schlichte Schweizer Handwerkersohn zögerte, den Ruf anzunehmen; er fürchtete, sich in dieser anspruchsvollen Umgebung nicht durchsetzen zu können. Als er aber einmal dort war, lebte er sich fo rasch ein und fühlte sich in Dresden so wohl, daß er dieser Stadt bis an fein Lebensende treu blieb und Deutschland somit seine zweite Heimat wurde. . ... „
„Von dieser Zeit an (es war das Jahr 1756) ging es immer glücklich , bekennt Graff von sich selbst. Er erhielt die interessantesten Auftrage, er wurde berühmt. Während eines Aufenthaltes in Berlin lernte er die viel umworbene Tochter seines Landsmannes, des Philosophen Sulzer (in dessen Haus er Lessing im Jahre 1771 porträtierte) kennen und lieben. Und wie alle Wünsche Graffs ohne weitere Schwierigkeiten in Erfüllung gingen, fo hatte er auch hier Glück. Gustchen erwiderte seine Liebe, und Sulzer selbst zögerte nicht, seine Tochter einem Manne zu geben, der auf dem besten Wege war, berühmt zu werden, und vor allem, nach des Schwiegervaters Ausspruch „ein Gemüt besah, das so hell und rein wie ein Frühling war."
Zahlreiche Bilder, die mit zu den schönsten gehören, die der Künstler geschaffen, legen Zeugnis von seinem glücklichen Familienleben ab. Grafs im Kreise seiner Familie, Frau Guste allein, seine Kinder liebevoll beobachtet, der etwa achtjährige Karl Anton (der später Landschaftsmaler wurde) am Tisch sitzend und zeichnend und vor allem das reizende Bild des kleinen Georgs der mit Seifenblasen beschäftigt ist. Trotz wachsenden Wohlstandes lebte Graff, nach einer Schilderung der Malerin Luise Seidler, patriarchalisch einfach: In der Altstadt bewohnte er mit seiner ganzen Familie, fast bis an sein Lebensende, nur ein einziges großes Zimmer, das durch eine spanische Wand geteilt war.
„Erst nach dem Tode seiner Frau — im Jahre 1812 — trennte sich der Künstler schweren Herzens von der ihm so liebgewordenen Behausung und siedelte zu seiner verheirateten Tochter über. Zum ersten Male kommt nun eine Klage über seine Lippen. „Seit einem Jahre bin ich kein glücklicher alter Mann", schrieb er 1813, kurz vor seinem Tode. Die unruhige Kriegszeit, unter der Dresden viel zu leiden hatte, trug auch dazu bei, den bis in fein Alter schaffenden Künstler niedergeschlagen zu machen. Er erwog allen Ernstes, in feine Heimat zurückzukehren. Ehe es dazu kam, starb Graff am 22. Juni 1813.
Von Graffs Bildern find 300 nachweislich erhalten, neben mittelmäßigen Leistungen waren Meisterwerke darunter, wie die Bildnisse Lessings, Sulzers, Chodowieckis, mit dem er eng befreundet war. Bemerkenswert sind auch die Porträts aus der Familie Körners, die ihm nahe stand, und das schöne Bild Bürgers mit den großen dunklen melancholischen Augen. Im Jahre 1785 lernte Graff in Dresden Schiller kennen und es entstand das bekannte Bild, das gewiß zu seinen besten und ähnlichsten gehört. Graff meinte selbst, „den Dichter des Don Carlos in einem günstigen Moment aufgefaßt zu haben", allerdings klagte er, „das war ein unruhiger Geist, der hatte, wie wir sagen kein Sitzfleisch".
Zu den größten Förderern der Graffschen Kunst gehörte em Mann, den Wieland „den ersten Buchhändler der Nation" nannte: Philipp Erasmus Reich in Leipzig. Wohl durch Gleimß Freundschaftstempel angeregt, wünschte freier „Buchhändlerfürst" die Bildnisse bedeutender Zeitgenossen zu einer Galerie vereinigt, zu besitzen. Er beauftragte Graff mit dieser Arbeit, und diesem Umstand ist es zu verdanken, daß wir uns von dem Aussehen und Wesen so vieler berühmter Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts einen Begriff machen können.
Geschichte von der Baffin-Bay.
Von Eberhard Meckel.
Von der Baffin-Bay wußte einer, der vor etlichen Jahren von dort zurückgekehrt war, nachdem er da oben lange als Pelztierjäger gelebt hatte, folgende Geschichte zu berichten:
Etwa zwischen dem 73. und 74. Breitengrad und dem 81. und 76. Grad westlicher Länge liegt die Insel Byliot, vergleichsweise fo groß wie Baden und Württemberg zusammen, aber unter der Unmenge von Inseln dort gering gerechnet, auch kaum der Besiedlung zugänglich — an ein paar Händen ließen sich die Bewohner, Pelztierfänger, Händler und Robbenjäger, herzählen — und teilweise unter ewigem Eis begraben; auch wird das Hinkommen durch Packeis erschwert. Es gibt einen größeren Ort dort, hierzulande wäre er klein, Ponds Jnlet geheißen, der die Verbindung mit der übrigen Welt wahrt.
Von diesem Ort war vor ungefähr 35 Jahren ein Mann in nördlicher Richtung ausgezogen, den man eines langen Bartes wegen gemeinhin nur unter „bärtiger Bill" kannte. Einen anderen Namen oder feine Herkunft wußte man nicht, und das war dort auch gar nicht nötig, denn Namen ober Herkunft spielen um so weniger eine Rolle, je mehr es angesichts oft unmenschlicher Lebensverhältnisse, Härte unb Desonber- heit ber Natur darauf ankommt, seinen Mann zu stehen. Deshalb fanden und finden sich gerade an solchen abgelegenen Plätzen ost Leute zusammen, die Namen und Herkunft nicht mehr brauchen ober auch nicht mehr haben wollen. Ob der bärtige Bill einer von den letzteren gewesen, läßt sich nicht mehr nachprüfen und ist auch für die Geschichte nicht wichtig; er zog also aus, in der üblichen Ausrüstung, die man für den Pelztierfang braucht, aber er war nicht allein, fonbem führte noch eine Frau bei sich, bie er sich mitgebracht hatte, ob als feine eigene, das ist auch gleich — und weil Frauen da oben eine Seltenheit sind, nannte man ihn auch noch zuweilen den „bärtigen Bill mit der Frau". Beide mochten gleichaltrig fein, und wenn man für jeden damals das Alter von dreißig Jahren annimmt, dann kommt man wohl hin.
So war also, wie gejagt, der „bärtige Bill mit der Frau" in die Einsamkeit gezogen, wohin, das wußte keiner, und darüber machte sich auch keiner irgendwelche Gedanken. Es genügte, daß Bill durch 35 Jahre hindurch wie übrigens alle, die gleich ihm in ber ewigen Einöde der
Jagd nachgingen, fedes Jahr ein-, zweimal mit dem Hundefchlitten nach Ponds Jnlet kam, feinen gewonnenen Vorrat an Fellen einzutaufchen gegen Lebensmittel, Munition, Petroleum und andere Dinge, bie man eben fo braucht. Das Bemerkenswerte jedoch war, daß er die Frau niemals mitbrachte, und wenn man ihn nach ihr fragte, dann nickte er wohl mit dem Kopf und sagte auch etwas, was man so deuten konnte, es ginge gut, aber sonst erfuhr man nichts. Er redete überhaupt nicht viel, was man versteht, wenn man weiß, daß von der Nähe des Großen Eises und der fast immerwährenden Dämmerung unb Mitternacht bie Menschen, oft bis zum Verlernen der Sprache, schweigsam werden. Unb deshalb fand niemand etwas an ber Einsilbigkeit des „bärtigen Bill mit der Frau", unb es hätte sich auch nach den ungeschriebenen Gesetzen bart oben jeder gehütet, weiter in ihn zu bringen — wie ja keiner dem andern mit Fragen nachhing, hatte doch jeder genug damit zu tun, in dieser Gegend mit diesem Leben und sich selbst auf eigene Weife fertig zu werden.
Bis ein Jahr verging, währenddessen sich Bill nicht mehr in Ponds Jnlet sehen ließ. Ein Jahr ist eine gute Zeit, ein Jahr darf man getrost zuwarten, und wenn bann nach einem weiteren halben Jahr sich einer, der sonst immer mit gewisser Regelmäßigkeit sich einzustellen pflegte, noch nichts von sich hören ließ, dann kann man sich langsam darum kümmern, sich ber in vielen Fällen noch verwendbaren Hinterlassenschaft des Betreffenden anzunehmen. Deshalb machten sich ein paar Männer, die einige Erfahrung im Suchen nach Vermißten hatten und auch dabei schon öfters zu guten Gewehren, noch brauchbaren Lebensrnitteln, Kleidern und Fellvorräten gekommen waren, auf, den bärtigen Bill mit ber Frau, bie wohl den Weg allein zurück nicht wußten, zu finden.
Nun ist es dort oben nicht fo, als müßten die Sucher nun kreuz und quer durch bie Insel ziehen, wie wenn sie in Württemberg und Baden einen suchen sollten, und er kann am Oberrhein bei Dettingen sein, im Schwäbischen bei Saulgau, im Bauland bei Urphar ober mitten im Schwarzwald, sondern da gibt es ja nur verhältnismäßig wenige Punkte, wo sich Menschen Überhaupt halten können, und an einer solchen Stelle, fünfzig Kilometer von Cap Hay, stießen sie auf bas Lager von Bill. Der Mann tag vor dem Zelt, schon hoch von Schnee zugeweht, aber ba- durch erhalten, als wäre er noch nicht lange tot, und er war es boch sicher schon ein Jahr. Nicht einmal bie schweifenden Eisbären hatten das Lager gesucht unb die Leiche angefreffen, unb auch sonst war bort alles wohlgeordnet, weswegen sich bie Sucher auf die Beute freuten.
Wo aber war die Frau? Von ihr war zunächst nichts zu entdecken, bis man beim Durchstöbern des Lagers und feiner Umgebung auf einen großen, sargähnlichen, glasklaren Eisblock kam, in dem, ein unerwarteter Fund, eine menschliche Gestalt eingeeift war: Es war die ber Frau, angetan mit ihren Pelzgewänbern wie im gewöhnlichen Leben. Unb bie Männer sahen, daß ihr Gesicht noch jung war, ob wohl man billig vermuten burften, daß es äußerlich gealtert wäre mit dem des Mannes. Und einer unter den Männern, ber die Frau damals vor 35 Jahren von Ponds Jnlet nach Norden hatte ausziehen sehen, konnte sich noch an ihr Gesicht erinnern und sagte, was durch das Cis zu erkennen wäre, bas wäre das gleiche unverändert wie seinerzeit.
Das war nun freilich ein Rätsel, aber nicht für lange, denn dann tarnen bie Finber dahin überein, daß die Frau schon bald, nachdem ber „bärtige Bill" mit ihr nordwärts gegangen war, gestorben sein müsse, und nach ihrem Tode habe sie ber Mann ein geeist und in biefer Weise bei sich gehalten, als lebe sie noch unb wäre nur einmal schnell hinter einer Glaswand, durch die es atlerbings kein Zurück mehr gab, ein- geschlafen. So und nicht anders mußte es gewesen fein, denn wie wäre sonst bie Leiche der Frau fo bewahrt geblieben, wie bie Männer sie nun sahen, und auch von feineren Zügen und Gliedern als gewöhnlich die nach Tran und Fett riechenden Weiber der Robbenfänger und Jäger auszuweisen hatten, und von denen sie gleichwohl doch alle träumten. Und nachträglich beneideten sie noch den „bärtigen Bill", und es regte sich aus ihren verschütteten Herzen das Verlangen, sie wäre wieder lebendig.
Aber warum hatte Bill nie etwas davon gesagt, daß sie gestorben war? Der Tote, ber über dreißig Jahre geschwiegen hatte, gab jetzt darüber auch keine Auskunft mehr. Ob er sie so geliebt, ihre Gestalt daher vor dem Verfall hatte bewahren wollen, ob er ihr Sterben, nach welchem niemand fragte, warum es fo früh und ob es jäh ober still, gewaltsam, schwer ober leicht vor sich gegangen, durch Jahrzehnte hindurch in Nacht, Kälte und Eis und Einsamkeit mit sich allein abmachen mußte, von der Gefährtin ja nur durch eine kleine Schicht gefrorenen Wassers getrennt — ober ob er sich um das übliche Totentrinken, bei dem er dem Brauch nach in Ponds Jnlet viel hätte ausgeben und durch Jahre noch bie Schulden davon hätte abtragen müssen, drücken wollte, zu dieser Meinung neigte nur einer von den Findern, mit dem der „bärtige Bill" wegen Geldsachen einmal zusammen geraten war. Die anderen aber neigten zur ersteren Ansicht, wenn gleich so etwas in ihrem Kreis noch nie vorgekommen und ihnen auch sonst unbekannt war.
Doch hielten sie dafür, als beratschlagt wurde, was mit den Toten geschehen solle, sie zusammenzutun. So eisten sie den „bärtigen Bill" gleichfalls ein und fügten den Block mit feiner Leiche an den der Frau; es war ein merkwürdiges Bild für sie, die beiden nebeneinander zu sehen, gleich alt und durch viele Zeit getrennt, in der Jugend ber eine verblieben, ber andere vom schweren Leben unb Alter beschattet unb ausgezehrt. Ja, es ergriff bie Männer, denen ber Tob fönst nichts galt und denen ein Aufhebens darum fremd war, sogar ein Schauder bei der Vorstellung, baß ein Lebendiger so lange neben einem sichtbaren Toten gehaust habe, und wie es wohl gewesen sein müsse. Und da sie kein Grab schaufeln konnten, schoben sie, ehe sie die Hinterlassenschaften, unter denen keinerlei Papiere waren, zu sich nahmen unb nach Ponds Jnlet zurückkehrten, den doppelten Cisblock weit hinaus aufs Packeis und überließen ihn ber Drift, bie bie namenlose unb seltsame Fracht schon irgendwohin führen würde, wo es für sie gut war.
^verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck und Derlag: Drühl'fche Tkniveriitäts-Duch- und Eteindruckerei,2k. Lange, Gießen.


