Sonnenuntergang.

Von Friedrich Hölderlin.

Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mir Bon aller deiner Wonne; denn eben ist's, Daß ich gelauscht, wie, goldner Töne

Voll, der entzückende Sonnenjüngling

Sein Abendlied auf himmlifcher Leier spielt; Es tönten rings die Wälder und Hügel nach. Doch fern ist er zu frommen Völkern, Die noch ihn ehren, hinweggegangen.

Oer zwölfte der Schillschen Offiziere.

Von Friedrich Wencker-Wildberg.

Am 28. April 1809 eröffnete der preußische Major Ferdinand von Schill auf eigene Faust den Krieg gegen den mächtigen Franzosenkaiser.

Es war ein tollkühnes Unternehmen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt war, denn der großen Armee Napoleons, der über halb Europa gebot, konnte Schill nur das 2. Brandenburgische Husaren­regiment entgegenstellen, das, durch Freiwillige verstärkt, im Höchstfälle 2000 Mann zählte. Ohne jede Unterstützung durch die Regierung, ja sogar ohne Wissen seiner Vorgesetzten versuchte der tapfere Major die Bevölkerung Norddeutschlands zur Erhebung gegen die französische Fremdherrschaft aufzurufen und der gegen Oesterreich im Felde stehenden Armee Napoleons in den Rücken zu fallen.

Schill hatte in den unter französischer Herrschaft stehenden preußischen und westfälischen Garnisonen zahlreiche Mitverschworene, die aber leider nicht nach einem einheitlichen Plan handelten, sondern nach eigenem Gutdünken losschlugen. Alle diese Anschläge, die mit unzureichenden Kräften ausgeführt wurden, wie die Erhebung des Leutnants von Hirsch­feld in Madeburg, der Ueberfüll Kattes auf Stendal, und Dörnbergs Aufstand gegen JerSme in Kassel, wurden von den französischen Garni­sonen mühelos unterdrückt, bevor Schill überhaupt eingreifen konnte.

Als er endlich mit feinen Husaren erschien, war bereits alles verraten und der Feind auf feiner Hut. So blieb dem Freiheitskämpfer nichts übrig, als in nördlicher Richtung auszuweichen und sich nach der Ostsee durchzuschlagen. Das gelang ihm auch; etwa tausend Franzosen und Westfalen, die ihm den Weg verlegen wollten, wurden bei Dodendorf geschlagen, und am 24. Mai sprengte Schill die Besatzung von Stralsund, die sich ihm entgegenstellte, bei Dammgarten auseinander. Tags darauf konnte er die nur noch von fünfzig franzöfifchen Artilleristen verteidigte Festung besetzen. Statt sich aber auf die im Hafen liegenden englischen Schisse zu flüchten, beging Schill den taktischen Fehler, sich in Stral­sund zu verschanzen. Er sand hier zwar annähernd 500 Geschütze und reichlichen Munitionsvorrat, doch fehlte es an ausgebildeten Mann­schaften. Und schon war General Gratien mit 5000 Mann von Wismar her im Anmarsch! Am 31. Mai war Stralsund vom Feind eingeschlossen, am frühen Morgen fetzte der Angriff auf das Kniepertor ein wenige Stunden später war das Schicksal der kleinen Heldenschar entschieden. Auf der Fährstraße stieß Schill mit Holländern und Dänen zusammen; unter ihren Kugeln und Säbeln starb er den Heldentod. Nur etwa 400 Mann seiner Truppe gelang es, sich unter Führung des Leutnants von Brünnow nach Warnemünde durchzuschlagen und auf englische Schiffe zu entkommen. Der Rest mußte die Waffen strecken es waren noch 557 Mann und 12 Offiziere. Von den Gefangenen wurden 14, die westfälische Untertanen waren, sofort erschossen, die übrigen wurden zu langjähriger Zwangsarbeit verurteilt und nach Brest, Cherbourg und Toulon gebrächt, wo sie mit Schwerverbrechern am Ausbau der Hafen­anlagen Mitarbeiten mußten. . ,,

lieber die Bestrafung der Offiziere wurde noch kein Entschluß gefaßt; man wartete erst di5 Befehle Napoleons ab. Vorläufig wurden sie in der Festung Montmedy interniert. Unterdessen traf aus Schönbrunn die Order des Kaisers ein:Die Offiziere der Schillschen Bande sind vor ein Kriegsgericht zu stellen. Machen Sie ihnen einen regelrechten Prozeß und lassen Sie sie ,evec 6clat erschießen", schrieb er an den Kriegsminister Clarke.

Am 16. September erschienen vor dem Kriegsgericht in Wesel elf von den angeklagten zwölf Offizieren. Ihr Schicksal, von Napoleon im voraus bestimmt, ist bekannt: noch am selben Tage Verhandlung und Urteils­verkündung hatten nur zwei Stunden gedauert wurden sie auf den Wällen vor der Zitadelle erschossen.

Der Zwölfte, der dem Märtyrertod seiner Kameraden entronnen war, lag unterdessen noch schwerverwundet im Lazarett zu Montmedy und war nicht transportfähig. Das war der damals 24jährige Leutnant Heinrich Ferdinand von Wedel, ein Vetter der beiden Brüder Karl und Albert von Wedel, die an der Seite ihrer Kameraden in Wefel erschossen worden waren. Ferdinand von Wedel hatte bereits bei Auerstädt mit­gekämpft und war, obwohl schwerverwundet, der Gefangenschaft durch die Flucht nach Dänemark entronnen. Jetzt rettete ihm eine zweite schwere Verwundung das Leben. Wedel wurde zwar ebenfalls zum Tode verurteilt, jedoch von Napoleon zu lebenslänglicher Galeerenstrafe begnadigt. In Cherbourg, wo er viele feiner Waffengefährten wiedersah, wurde er gemeinsam mit einem preußischen Unteroffizier an die Kette geschmiedet. Jeden Morgen mußten die Gefangenen durch die Stadt zu ihrem Arbeitsplatz am Hafen marschieren, und abends kehrten sie aus demselben Wege in den Bagno zurück. Hier wurde der französische Hafenbeamte de la Chetardie auf den blonden jungen Mann aufmerksam, dessen stolze Haltung und edle Züge so auffallend von den Verbrecher­typen der übrigen Sträflinge abstachen. Chetardie erkundigte sich nach dem Offizier, und bald stellte sich heraus, daß der Beamte ein Verwandter der Berliner Refugiöfamilie Gabein war, deren Sohn sich als Kamerad Wedels unter den Erschossenen von Wesel befand. Chetardie verwandte sich bei dem Gefängniskommandanten für Wedel, der daraufhin von der entehrenden Kette befreit und statt mit Erdarbeiten als Schreiber und

Dolmetscher beschäftigt wurde. Der Franzose vermittelte auch den Bries» wechsel mit Wedels Eltern, die in banger Sorge um das.Schicksal ihres Sohnes waren. Ein Begnadigungsgesuch, das die Familie, von Wedel anläßlich der Geburt des Königs von Rom an Napoleon richtete, blieb zunächst erfolglos, jedoch erhielt Ferdinand von Wedel kurz vor Beginn des Feldzuges gegen Rußland auf Fürbitte Friedrich Wilhelms III., die Freiheit wieder, nachdem er zwei Jahre im Bagno von Cherbourg zugebracht hatte. Er sollte bald Gelegenheit finden, für sich und feine unglücklichen Kameraden Rache zu nehmen. Als Rittmeister und Ches der neuen Garde-Kosaken-Eskadron nahm Wedel ruhmvollen Antett an den Befreiungskriegen. Am 26. Mai 1813, feinem 28. Geburtstag, errang er sich in der siegreichen Schlacht bei Heynau das Eiserne Kreuz; bei Leipzig war er auch dabei, und dann folgte er der preußischen Armee auf die Schlachtfelder Frankreichs. Nach Waterloo zog er zum zweiten­mal als Sieger in der Hauptstadt des gestürzten Welteroberers ein.

Tage des Friedens und der Ruhe folgten auf die stürmische Kriegs­zeit. Wedel, der 1834 die Gräfin Charlotte Pückier geheiratet hatte, wurde Divisionskommandeur in Bromberg, wo er sich 1848 bei der Niederwerfung des polnischen Aufstandes auszeichnete, der bereits auf preußisches Gebiet übergegriffen hatte.

Zum Generaladjutanten des Königs und zum General der Kaval­lerie befördert, kam Wedel schließlich als Gouverneur in die Festung Luxemburg, die bis 1866 zum deutschen Bundesgebiet geörte. Hier konnte er am 15. April 1856 sein 60jähriges Dienstjubiläum feiern, das sogar von der denPreußen" sonst nicht gerade allzu freundlich gesinnten Bevölkerung festlich begangen wurde. Wenige Wochen zuvor hatte er den am 31. Januar geborenen Sohn feines Adjutanten Bruno von Francois aus der Taufe gehoben der kleine Hermann von Frangois hat feinem Taufpaten alle Ehre gemacht: er ist der aus dem Weltkriege ruhmvoll bekannte General geworden.

Die glänzendste Genugtuung, die dem deutschen Freiheitskämpfer und ehemaligen französischen Galeerensträfling zuteil wurde, war sein Besuch am Hofe Napoleons III., wohin er 1855 als außerordentlicher Gesandter Friedrich Wilhelm IV. geschickt wurde. Die Garden präsentierten, die Trommeln schlugen den Generalmarsch, als der alte Offizier Schills die Ehrentreppe emporftieg und der Kaiser ihm in der Dianengalerie das Kommandeurkreuz der Ehrenlegion anheftete. Erst am 1. Juli 1860 trat Wedel in den Ruhestand. Am 20. Januar 1861 wohnte er noch der Krönung Wilhelms I., des späteren Kaisers, bei. Zwei Tage darauf, am 22. Januar 1861, ein halbes Jahrhundert nach den elf Kameraden von Wesel, starb auch der Zwölfte.

Oer Bildnismaler Anion Graff.

Zu seinem 200. Geburtslage am 18. November.

Von Margarete von Olfers.

Mein Vater war ein Zinngießer, dessen Handwerk ich auch erlernen sollte. Allein die Freude, die ich von klein auf hatte, Bilder zu sehen, erregte in mir den Wunsch, Maler zu werden." So beginnt die Selbst­biographie Anton Graffs, dessen künstlerischer Begabung wir die besten und lebensvollsten Porträts vieler bedeutender Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts verdanken, ja, der am Schluß seines Lebens die erstaun­liche Zahl von 1655 Bildnissen und 322 Zeichnungen erreicht hatte. Der kindliche Wunsch des Knaben hatte sich also erfüllt und als erfolgreich bewiesen. Daß der talentvolle Junge die Künstlerlaufbahn ergreifen durfte, verdankt er den Bemühungen eines kunstliebenden Pfarrers, der den Vater Hans Georg Graff, ehrsamen Zinngieher in Winterthur, bewog, den Sohn auf eine Kunstschule seiner Heimatstadt zu schicken. So kam Anton Graff zu dem Maler Schellenberg, man kann wohl sagen in die Lehre", und überflügelte seinen Meister sehr rasch.

Eine lustige Geschichte, ein richtiger Jungenstreich, der zugleich aber auch ein Beweis seines routinierten Könnens auf malerischem Gebiet ist, wird von ihm aus dieser Lehrzeit berichtet: Schellenberg war Rathaus- meister und hatte seinen Sitz auf dem Rathaus. Als Anton Graff eines Tages im Vorraum des Rathaussaales auf feinen Lehrer warten mußte, kam er aus lauter Langeweile auf den Einfall, die Haken, an denen die Herren ihre Baretts aufzuhängen pflegten, herauszuschrauben und nächt­licherweile durch gemalte zu ersetzen das wußte er ebenso täuschend zu machen wie jener Künstler der Antike, an dessen gemalten Beeren Die Vögel gepickt haben sollen. In Winterthur waren die Angeführten die Ratsherren, denen zu allgemeinem Staunen bei der nächsten Sitzung die rasch aufgehängten Baretts sämtlich zu Boden fielen.

Mit zwanzig Jahren hatte Graff in der Heimat ausgelernt und zog, aufs Veste empfohlen, zu weiteren Studien nach Augsburg. Dort war er schön bald als Porträtmaler in den wohlhabenden Bürgerkreisen so be­liebt, daß er den Neid der anderen Maler erregte. Er solle, so verlangten sie von ihm, entweder zu malen aufhören oder die Stadt verlassen. Zu malen aufhören?! Ebensogut hätten die freundlichen Kollegen von Graff verlangen können, daß er aufhöre zu atmen ...

Er trennte sich also schweren Herzens von der ihm liebgemorbenen Stadt und ging nach Ansbach. Auch dort war ihm das Glück in gewissem Sinne günstig. Die verwitwete Markgräfin, die Schwester Friedrichs des Großen, beauftragte ihn, ein Bild des Königs zu kopieren. Diese Kopie fand so großen Beifall, daß es Bestellungen ohne Ende gab. jeden Tag mußte er eine anfertigen.Aber", so heißt es in der Selbstbiographie, immer schlechte Kopien machen ist nicht der rechte Weg zur Kunst" Ueberhaupt fürchtete Graff in dem behaglich geruhsamen Leben der kleinen Residenz, in der er reichlich verwöhnt wurde, zu versanden. So kehrte er zunächst in feine Heimat zurück.

Inzwischen war in Dresden auf Anregung des Kunsthistorikers und Mäzens Christian Ludwig von Hagedorn eine Kunstakademie ge­gründet worden, für die ein Porträtmaler gesucht wurde. Hagedorn hatte von Graff gehört, sich eines feiner Bilder kommen lassen und bot ihm, entzückt und rasch entschlossen, die Stelle an der Akademie gegen ein Ge­halt von 400 Taler jährlich und 100 Taler Reisekosten an. Die Berufung nach der durch Kunstpflege, Pracht und Prunk berühmten fächsischen