gekommen und eilte weiter, und sie hatte keinen Schirm, obwohl der Regen herabströmte. Er holte sie ein, sah sie an und ging vorbei. Wie fein und jung sie war! Sie wurde naß, sie erkältete sich, und er wagte nicht, sich ihr zu nähern. Da klappte er seinen Regenschirm zu, damit sie nicht allein naß werden sollte. Als er nach Hause kam, war es Mitternacht vorbei.
Auf seinem Tisch lag ein Brief, eine Karte, es war eine Einladung. Seiers würden sich freuen, wenn er morgen abend zu ihnen käme. Er würde bekannte Leute treffen, unter anderem — könnte er das erraten — Victoria — das Schloßfräulein. Freundliche Grüße.
Er schlief auf seinem Stuhl ein. Ein paar Stunden darauf erwachte er und fror. Halb wach, halb schlafend, von Kälteschauern geschüttelt, müde von des Tages Mißgeschick, setzte er sich an den Tisch und wollte die Karte beantworten, diese Einladung, die er nicht anzunehmen gedachte.
Er schrieb seine Antwort und wollte sie in den Briefkasten bringen. Plötzlich kommt ihm der Gedanke, daß auch Victoria eingeladen war. Ja so, sie hatte nichts davon zu ihm gesagt, sie hatte gesürchtet, er würde kommen, sie wollte ihn draußen unter den fremden Menschen los sein.
Er zerreißt seinen Brief, schreibt einen neuen und dankt, ja, er würde kommen. Eine innere Heftigkeit läßt seine Hand zittern, eine eigenartige frohe Bitterkeit erfaßt ihn. Weshalb solle er nicht hingehen? Weshalb sollte er sich verbergen? Basta.
Seine ungestüme Gemlltserregung geht mit ihm durch. Mit einem Ruck reiht er eine Handvoll Blätter von seinem Wandkalender ab und versetzt sich eine Woche weiter vor in der Zeit. Er bildet sich ein, daß er über irgend etwas stoh ist, über alle Maßen entzückt ist, er will diese Stunde genießen, will eine Pfeife anzünden, sich hinsetzen und sich freuen. Die Pfeife ist nicht in Ordnung, vergebens sucht er nach einem Messer, einem Pfeifenputzer, und nimmt plötzlich den einen Zeiger der Uhr im Winkel herunter, um die Pfeife damit zu reinigen. Es tut ihm gut, diese Zerstörung anzusehen, sie bringt ihn innerlich zum Lachen, und er späht umher, ob er noch sonst etwas zerstören könnte.
Die Zeit vergeht. Schließlich wirft er sich vollständig angezogen in seinen nassen Kleidern aufs Bett und schläft ein.
Als er erwachte, war der Tag weit vorgeschritten. Es regnete immer noch, die Straße war naß. Sein Kopf war ganz wirr, Bruchstücke der Träume aus dem Schlafe vermischten sich mit den Erlebnissen des gestrigen Tages; er verspürte kein Fieber, im Gegenteil, seine Hitze hatte sich gelegt, ein Gefühl der Kühle umfing ihn, als sei er die ganze Nacht durch einen schwülen Wald gewandert und befände sich jetzt in der Nähe eines Sees.
Es topft, der Postbote bringt ihm einen Brief. Er öffnet ihn, sieht ihn an, lieft ihn und kann ihn nur schwer verstehen. Der Brief war von Victoria, ein Zettel, ein halber Bogen! Sie habe vergessen, ihm zu erzählen, haß sie heute abend zu Seiers gehe, sie möchte ihn dort treffen, sie wolle ihm eine bessere Erklärung geben, wolle ihn bitten, sie zu vergessen, es wie ein Mann zu tragen. Entschuldigen Sie das schlechte Papier, freundliche Grüße.
Er ging in die Stadt, speiste, ging wieder heim und schrieb endlich eine Absage an Seiers, er könne nicht kommen, möchte aber gerne ein anderes Mal kommen dürfen, vielleicht morgen abend.
Diesen Brief sandte er durch einen Boten.
V.
Jetzt kam der Herbst, Victoria war heimgereist, und die kleine abgelegene Straße lag wie früher mit ihren Häusern und ihrer Stille da. In Johannes' Zimmer brannte nachts ein Licht. Es wurde am Abend mit den Sternen angezündet und bei Tagesgrauen ausgelöscht. Er arbeitete und kämpft«, er schrieb an seinem großen Buch.
Wochen und Monate vergingen; er war allein und suchte niemand auf, zu Seiers kam er nicht mehr. Ost trieb seine Phantasie ein böses Spiel mit chm und streute in fein Buch nicht dazugehörige Einfälle, die er später wieder ausstreichen und ausmerzen muhte. Das hielt ihn sehr auf. Ein plötzlicher Lärm in der Stille der Nacht, das Rumpeln eines Wagens auf der Straße konnte feinen Gedanken einen Stoß versetzen und sie aus ihrer Bahn werfen:
Achtung! Weicht dem Wagen aus!
Weshalb? Weshalb sollte man sich eigentlich vor diesem Wagen in acht nehmen? Er rollte vorbei, jetzt ist er vielleicht an der Ecke. Vielleicht steht dort ein Mann ohne Mantel, ohne Mütze, er steht vornübergebeugt da und hält dem Wagen seinen Kopf entgegen, er will überfahren, unwiderruflich zermalmt, getötet werden. Der Mann will sterben, das ist seine Sache. Er knöpft die Knöpfe an seinem Hemd nicht mehr zu, und er hat aufgehört, des Morgens seine Stiefel zuzuschnüren, er läßt alles offen, seine Brust ist nackt und mager; er wird sterben ... Ein Mann lag in den letzten Zügen, er schrieb einen Brief an einen Freund, einen Zettel, eine kleine Bitte. Der Mann starb, und er hinterließ diefen Brief. Der trug Datum und Ueberschrift, war mit großen und kleinen Buchstaben geschrieben, obwohl der Mann, als er ihn schrieb, in einer Stunde sterben sollte. Das war so merkwürdig. Er hatte auch den gewöhnlichen Schnörkel unter seinen Namen gemacht, und eine Stunde danach war er tot ... Es gab noch einen anderen Mann. Er liegt allein in einem kleinen holzgetäfelten und blau gestrichenen Zimmer. Was weiter? Nichts. In der ganzen weiten Welt ist er der, der jetzt sterben soll. Das beschöstigt ihn; er denkt daran, bis er erschöpft ist. Er sieht, daß es Abend ist, daß die Uhr auf acht Uhr zeigt, und er begreift nicht, warum sie nicht schlägt. Die Uhr schlägt nicht. Noch dazu ist es einige Minuten über acht, und sie tickt weiter, aher sie schlägt nicht. Armer Mann, sein Gehirn hat bereits angefangen zu schlafen, die Uhr hat geschlagen, und er hat es nicht gemerkt. Da durchlöchert er das Bild seiner Mutter an der Wand, — was soll er noch mit diesem Bild, und warum soll es ganz [ein, wenn er fortgeht? Sein müder Blick fällt aus den Blumentopf aus dem Tisch, und er streckt die Hand aus und zieht langsam und nachdenklich den großen Blumentopf herunter,
so daß er zerbricht. Warum soll er dort stehen und ganz fein? Dann wirft er feine Zigarettenspitze aus Bernstein zum Fenster hinaus. Was soll er noch damit? Es schien ihm so einleuchtend, daß sie nach ihm nicht mehr dazuliegen brauchte. Und nach einer Woche war der Mann tot ...
Johannes steht auf und geht im Zimmer auf und ab. Der Nachbar nebenan erwacht, sein Schnarchen hört auf, und man vernimmt ein Seufzen, ein gequältes Stöhnen. Johannes geht auf den Zehen zum Tisch hin und setzt sich wieder. Draußen vor seinem Fenster rauscht der Wind in den Pappeln und läßt ihn erschauern. Die alten Pappeln sind ihres Laubes beraubt und gleichen traurigen Mißgebilden; einige knorrige Aeste schlagen an die Hauswand und erzeugen einen knackenden Laut, wie eine Holzmaschine, ein zersprungenes Stampfwerk, das geht und geht.
Er sieht auf feine Papiere nieder und lieft. Jawohl, feine Phantasie hat ihn wieder irregeführt. Er hat nichts mit dem Tod und mit einem vorbeifahrenden Wagen zu schaffen. Er schreibt von einem Garten, von einem grünen und üppigen Garten in seiner Heimat, von dem Schloßgarten, davon schreibt er. Tot und eingeschneit liegt er nun da, aber trotzdem schreibt er über ihn, und es herrscht dort durchaus nicht Winter und Schnee, sondern Frühling und Dust und milde Winde, und es ist Abend. Der Teich unten liegt still und tief, wie ein See aus Blei; die Fliederbüsche duften, Hecke neben Hecke steht mit Knospen und grünen Blättern da, und die Luft ist so still, daß man den Birkhahn auf der anderen Seite der Bucht balzen hört. Auf einem der Wege im Garten steht Victoria, sie ist allein, weißgekleidet, zwanzig Sommer alt. Da steht sie. Ihre Gestalt ist höher als die höchsten Rosenbüsche, sie sieht zum .Wasser hinüber, zu den Wäldern, zu den schlafenden Bergen in der Ferne; sie sieht aus wie eine weihe Seele mitten in dem grünen Garten. Unten vom Weg hört man Schritte, sie geht ein wenig vor, hinunter zu dem versteckten Lusthaus, stützt sich mit den Ellbogen auf die Mauer und sicht hinab. Der Mann unten auf dem Weg nimmt feinen Hut ab, senkt ihn beinahe bis zur Erde und grüßt. Sie nickt zurück. Der Mann sieht sich um, niemand ist in der Nähe, der ihn erspähen könnte, und er macht einige Schritte auf die Mauer zu. Da weicht sie zurück und ruft: Nein, nein! Sie wehrt ihm auch mit der Hand ab. Victoria, sagt er, es war ewig wahr, was Sie einmal sagten, ich hätte es mir nicht einbilden sollen, denn es ist unmöglich. Ja, antwortet sie, aber was wollen Sie bann? Er ist ihr ganz nahe gekommen, nur die Mauer trennt ihn von ihr, und seine Antwort lautet: Was ich will? Sehen Sie, ich will nur eine Minute hier stehen. Es ist zum letztenmal. Ich will Ihnen so nahe wie möglich sein; jetzt stehe ich nicht weit von Ihnen entfernt! Sie schweigt. So vergeht die Minute. Gute Nacht, sagt er und zieht den Hut beinah wieder bis zur Erde. Gute Nacht, antwortet sie. Und er geht, ohne sich umzublicken ...
Was hatte er mit dem Tod zu schaffen? Er knüllt das beschriebene Papier zusammen und wirst es in den Ofen. Dort liegen auch noch andere beschriebene Papiere, die verbrannt werden sollen, lauter flüchtige Einfälle seiner Phantasie, die mit ihm durchgegangen war. Und er schreibt wieder von dem Mann unten auf dem Weg, einem wandernden Herrn, der grüßte und Lebewohl sagte, als feine Minute um war. Und im Garten blieb ein junges Mädchen zurück, sie war weiß gekleidet und zwanzig Sommer alt. Sie wollte ihn nicht haben; nein, wohl. Aber er hatte an der Mauer gestanden, hinter der sie lebte. So nahe war er ihr einmal gewesen.
Wieder vergehen Wochen und Monate; und der Frühling kam. Der Schnee war schon fort, weit draußen im Weltraum rauschte es von der Sonne bis zum Monde wie von befreiten Wassern. Die Schwalben waren gekommen, und im Wald außerhalb der Stadt erwachte ein munteres Leben von allerhand hüpfenden Tieren und Vögeln mit fremder Sprache. Ein frischer und süßlicher Geruch drang aus der Erde.
Seine Arbeit hat den ganzen Winter gedauert. Wie ein Aufgesang hatten die trockenen Aeste der Pappeln Tag und Nacht an seiner Hauswand gescharrt; jetzt war der Frühling gekommen, die Stürme waren vorbei und das Stampfwerk hatte aufgehört.
Er öffnet das Fenster und sieht hinaus, die Straße ist schon ruhig, obwohl es noch nicht Mitternacht ist, die Sterne blitzen an dem wolkenlosen Himmel, alles deutet darauf, daß es morgen ein warmer und heller Tag wird. Er hört die Geräusche aus der Stadt, die sich mit dem ewigen Rauschen in der Ferne vermischen. Plötzlich gellt eine Lokomotivepfeife, es ist das Signal des Nachtzuges; es klingt wie ein einzelner Hahnenruf in der stillen Nacht. Jetzt ist die Zeit der Arbeit da, dieser Pfiff war ihm den ganzen Winter hindurch wie eine Botschaft gewesen.
Und er schließt das Fenster und setzt sich wieder an den Tisch. Er wirft die Bücher, in denen er gelesen hat, zur Seite und holte die Papiere hervor. Er ergreift die Feder.
Jetzt ist seine große Arbeit beinahe fertig. Nur ein Schlußkapitel fehlt noch, ein Gruß wie von einem fortfegelnbcn Schiff, und er hat es bereits im Kopf:
In einem Gasthaus am Wege sitzt ein Herr, er ist auf der Durchreise und fährt weit, weit hinaus in die Welt. Haar und Bart sind grau, und viele Jahre find über ihn hingegangen; aber er ist immer noch groß und stark und kaum so alt, wie er aussieht. Draußen steht fein Wagen. Die Pferde ruhen aus, der Kutscher ist luftig und vergnügt: denn er hat Wein und Essen von dem Fremden bekommen. Als der Herr seinen Namen eingeschrieben hat, erkennt ihn der Wirt, verbeugt sich tief vor ihm und erweist ihm viele Ehre. Wer lebt jetzt auf dem Schloß? fragt der Herr. Der Wirt antwortet: Der Kapitän, er ist sehr reich; die gnädige Frau ist gütig gegen alle. Gegen alle? fragt der Herr sich selbst und lächelt seltsam, auch gegen mich? Und der Herr schickt sich an, etwas auf ein Papier zu schreiben, und als er damit fertig ist, überlieft er es, es ist ein Gedicht, schwer und ruhig, aber mit vielen bitteren Worten. Dann aber zerreißt er das Papier in Stücke, und er bleibt sitzen und reiht das Papier in immer noch kleinere Stücke.
(Fortfetzung folgt.)


