Nummer 89
Montag, den 16. November
Jahrgang 1936
SietzenerKnnilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
/S Geschichte einer Liebe ^7 IvlvVl VI von Knut Hamsun
Copyright by Albert Langen^Georg Müller Verlag,München
3. Fortsetzung.
Er reiste nicht. Verschiedenes hielt ihn auf, er hatte einige Angelegenheiten zu ordnen, etwas zu kaufen, etwas zu bezahlen, es wurde Morgen und Abend. Er taumelte wie sinnlos umher. ,
Schließlich läutete er beim Kammerherrn an. War Victoria da?
Victoria machte Besorgungen.
Er erklärt, daß sie aus demselben Ort seien, Fräulein Victoria und er, tzr hätte sie nur begrüßen wollen, wenn sie dagewesen wäre, hatte sich erlaubt sie zu begrüßen. Er wollte eine Nachricht nach Hause senden. Gut.
Dann ging er in die Stadt. Vielleicht konnte er sie treffen, sie entdecken sie saß vielleicht in einem Wagen. Bis zum Abend wanderte er umher. Dor dem Theater sah er sie, er grüßte, lächelte und grüßte, und sie beantwortete seinen Gruß. Er wollte zu ihr treten, es waren nur einige Schritte — da sieht er, daß sie nicht allein ist, Otto ist bei ihr, der Sohn des Kammerherrn; er war in Leutnantsuniform.
Johannes dachte: Vielleicht gibt sie mir jetzt einen Wink, ein kleines Zeichen mit den Augen? r..
Sie eilte ins Theater, rot, mit gesenktem Kopf, als wollte sie sich ver- ^Vielleicht konnte er sie drinnen sehen? Er nahm ein Billet und ging
kannte die Loge des Kammerherrn, jawohl, diese reichen Menschen hatten eine Loge. Da saß sie in all ihrer Herrlichkeit und blickte sich um. Sah sie ihn an? v r , . „
Als der Akt zu Ende war, lauerte er ihr draußen auf dem Gang auf. Er grüßte wieder; ein wenig erstaunt sah sie ihn an und nickte.
Dort drinnen kannst du Wasser bekommen, sagte Otto und deutete nQC©te gingen vorbei. Johannes sah ihnen nach. Eine seltsame Dämmerung legte sich vor seine Augen. Alle diese Menschen um ihn waren ärgerlich auf ihn und stießen ihn; mechanisch bat er um Entschuldigung und blieb stehen. Dort verschwand sie.
Als sie zurück kam, verbeugte er sich tief vor ihr und sagte: Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein ...
Das ist Johannes, jagte sie vorstellend. Kennst du ihn wieder?
Otto antwortete und sah ihn blinzelnd an.
Sie wollen vermutlich wissen, wie es daheim steht, fuhr sie fort, und ihr Antlitz war schön und ruhig. Ich weiß es wirklich nicht, aber es geht sicher gut. Ausgezeichnet. Ich werde die Müllersleute grüßen.
Danke. Reisen Sie bald, gnädiges Fräulein?
In den nächsten Tagen. Ja, ich werde sie grüßen. Sie nickte und 6in$Bieber sah Johannes ihr nach, bis sie verschwunden war, dann begab er sich hinaus. Eine ewige Wanderung, ein schwerer und trauriger Gang, Straße auf, Straße ab, schlug die Zeit tot. Um zehn Uhr stand er vor des Kammerherrn Haus und wartete. Jetzt war das Theater bald zu Ende, jetzt mußte sie kommen. Er konnte vielleicht den Wagenschlag ötssnen, den Hut abnehmen, den Wagenschlag öffnen und sich bis zur Erde verbeugen.
Endlich, eine halbe Stunde später, kam sie. Konnte er dort bei der Türe stehenbleiben und sich wiederum in Erinnerung bringen? Er eilte die Straße hinauf und sah sich nicht um. Er hörte, wie das Tor ausging, wie der Wagen hineinfuhr und das Tor wieder zugeschlagen wurde, da kehrte er um. Jetzt ging er eine Stunde lang vor dem Haus aus und ab. Er wartete auf niemand und hatte hier nichts zu tun. Plötzlich wird das Tor von innen geöffnet und Victoria tritt auf die Straße hinaus. Sie ist ohne Hut und hat nur einen Schal um die Schultern geworfen. Halb ängstlich, halb verlegen lächelt sie und fragt als Anfang:
Gehen Sie hier umher und denken?
Nein, antwortet er. Ob ich denke? Nein, ich gehe hier bloß so.
Ich sah Sie hier außen auf und ab gehen, und da wollte ich ... ich sah Sie von meinem Fenster aus. Ich muß gleich wieder hinein.
Dank, weil Sie kamen, Victoria. Vor kurzem war ich so verzweifelt, und jetzt ist es vorbei. Entschuldigen Sie, daß ich Sie im Theater grüßte; leider habe ich auch hier beim Kammerherrn nach Ihnen gefragt, ich wollte Sie treffen und erfahren, was Sie meinten, was Ihre Meinung ist.
Ja, sagte sie, das wissen Sie doch. Ich sagte vorgestern so viel, daß Sie es nicht mißverstehen konnten.
Ich bin immer noch gleich unsicher.
Reden wir nicht mehr davon. Ich habe genug gesagt, ich habe viel zu viel gesagt, und ich tue Ihnen jetzt weh. Ich liebe Sie, ich log vorgestern nicht und ich lüge auch jetzt nicht; aber es gibt so vieles, das uns trennt. Ich schätze Sie sehr, spreche gern mit Ihnen, lieber mit Ihnen, als mit jemand anderem, aber ... Ja, ich wage nicht länger hier stehen zu bleiben, man kann uns von den Fenstern aus sehen. Johannes, es gibt so viele Gründe, die Sie nicht kennen, und Sie dürfen mich nicht mehr bitten, zu sagen, was ich meine. Ich habe Tag und Nacht daran gedacht; ich meine, was ich gesagt habe, aber es ist unmöglich?
Was ist unmöglich?
Das Ganze. Alles. Hören Sie, Johannes, ersparen Sie es mir, stolz für uns beide zu sein.
Jawohl. Gut, ich will es Ihnen ersparen! Aber dann haben Sie mich also vorgestern zum Narren gehalten. Es ging so zu, Sie trafen mich auf der Straße und waren in guter Stimmung, und da ...
Sie wandte sich um und wollte gehen.
Habe ich etwas Unrechtes getan? fragte er. Sein Gesicht war bleich und unkenntlich. Ich meine, wodurch verscherzte ich Ihre ... Habe ich in diesen zwei Tagen und zwei Nächten etwas verbrochen?
Nein, das ist es nicht. Ich habe nur darüber nachgedacht; haben Sie das nicht? Es war die ganze Zeit unmöglich, wissen Sie. Ich schätze Sie, halte viel auf Sie ...
Und achte Sie.
Sie sieht ihn an, sein Lächeln kränkt sie, und sie fährt heftiger fort:
Mein Gott, begreifen Sie denn nicht selbst, daß mein Vater es Ihnen abschlagen würde? Warum zwingen Sie mich, das zu sagen? Sie wissen es selbst. Wozu hätte es geführt? Habe ich nicht recht?
Pause.
Ja, antwortet er.
Außerdem, fährt sie fort, es gibt so viele Gründe ... Nein, Sie dürfen mir wirklich nicht wieder ins Theater nachkommen, ich hatte Angst vor Ihnen. Das dürfen Sie nie wieder tun.
Nein, sagt er.
Sie nimmt feine Hand.
Können Sie nicht auf einige Zeit nach Hause kommen? Ich würde mich sehr darüber freuen. Wie warm Ihre Hand ist; ich friere. Nein, jetzt muh ich gehen. Gute Nacht.
Gute Nacht, antwortet er.
Kalt und grau dehnte sich die Straße in die Stadt hinauf aus, sie glich einem Gürtel aus Sand, einem ewigen Weg. Er stteß auf einen Jungen, der alte verwelkte Rosen verkaufte; er rief ihn an, nahm eine Rose, gab dem Jungen ein winziges Fünfkronenstück in Gold, ein Geschenk, und ging weiter. Kurz danach sah er eine Gruppe von Kindern, die bei einem Tor spielten. Ein Junge von zehn Jahren sitzt still da und sieht zu; er hat alte blaue Augen, die dem Spiel folgen, hohle Wangen und ein viereckiges Kinn, und auf dem Kopf trägt er eine Leinenmütze. Es war das Futter einer Mütze. Dieses Kind trug eine Perücke, eine Haarkrankheit hatte diesen Kops für immer entstellt. Auch seine Seele war vielleicht ganz verwelkt.
All das beobachtete er, obwohl er keine klare Vorstellung davon hatte, in welchem Teil der Stadt er sich befand, oder wohin er ging. Es fing auch an zu regnen, er fühlte es nicht und spannte seinen Schirm nicht auf, obwohl er ihn den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte.
Als er schließlich an einen Platz mit Bänken kam, ging er hin und setzte sich. Es regnete immer mehr. Ohne es zu wissen, spannte er den Schirm auf und blieb sitzen. Nach kurzer Zeit überfiel ihn eine unüberwindliche Schläfrigkeit, fein Gehirn lag wie im Nebel, er schloß die Augen und fing an zu nicken und zu schlafen.
Eine Weile später erwachte er durch die Stimmen einiger Vorübergehenden, die laut sprachen. Er stand auf und ging weiter. Sein Gehirn war klarer geworden, er entsann sich dessen, was geschehen war; aller Ereignisse, sogar des Knaben, dem er fünf Kronen für eine Rose gegeben hätte, erinnerte er sich. Er stellte sich das Entzücken des kleinen Herrn vor, wenn er nun diese wunderbare Münze unter seinen Schillingen sand und sah, daß es nicht ein Fünfundzwanzigörestück war, sondern ein Füns- kronenstück in Gold. Gott mit dir!
Und die andern Kinder waren vielleicht vom Regen vertrieben und spielten im Torweg weiter, hüpften ins Paradies, spielten mit Kugeln. Und der entstellte zehnjährige Greis sah da und sah zu. Wer weiß, vielleicht freute er sich über irgend etwas, vielleicht hatte er eine Puppe in feiner Kammer im Hinterhof, einen Hampelmann, einen Kasperl. Vielleicht hatte er nicht alles im Leben verloren, vielleicht gab es eine Hoffnung in feiner welken Seele.
Eine feine schlanke Dame taucht vor ihm auf. Er zuckt zusammen, hüll inne. Nein, er kannte sie nicht. Sie war aus einer Seitenstraße


