Gievennqer Okioberlied.
Von Josef Weinheber.
Torbogen, Tische im Flur.
Rauch zieht, Windlicht brennt.
Oktober, letzte Spur —
Lust vor dem End!
Sag mir, ach sag, wie ich dem Laubfall im Herzen entflieh? Jahrtraum verwittert leis in Melancholie.
Schau, Freund, hinauf, ja, schau dir den schwarzen Himmel an! Das war vor Stunden Blau.
Alles ist Wahn . -.
Wer nicht mehr lachen kann, kann nicht mehr menschlich sein.
Jetzt ist die höchste Zeit: Hauer, schenk ein!
Die heutige deutsche Naturwissenschaft und Medizin.
Von Hans Hartmann.
Ueberall läßt sich heute eine gesteigerte Freude und innere Beteiligung an der Wissenschaft und der Forschung feststellen. In Aufsätzen und im Lichtbild, im Film und in der gruppenweisen Besichtigung wird fast dem ganzen Volke das Reich der Forschung erschlossen. Das führt Millionen und aber Millionen zu jenem großen Staunen, das den Adel unseres Lebens ausmacht; sie wollen immer tiefer eindringen und wenigstens gelegentlich hinter die Dinge sehen. Da hören wir, daß man eine Uhr konstruiert hat, die täglich höchstens eine Zehntausendstel Sekunde vor- oder nachgeht. Wir hörten aus dem Naturforscher- und Aerztetag von einem unserer besten Arsen-Forscher, daß man mit den neuesten Methoden ein Zehntausendstel Milligramm (das ist der zehnmillionste Teil eines Gramms» Arsenik feststellen kann, was für die Aufdeckung von Verbrechen von Bedeutung ist. Oder wir hörten dort, daß man erforscht hat, wie die im Darm entstehenden Gifte, die wir alle haben, durch andere Organe (z. B. Leber und Lunge) entgiftet werden und so ein Ausgleich im Organischen in uns stattfindet, der uns erst ermöglicht zu leben. Oder ein Forscher schildert uns, und wir können es tatsächlich im Wesentlichen verstehen, wie die Physik dahintergekommen ist, daß die Materie aus Wellen besteht.
So könnten wir noch unendlich lange sortfahren und wir wären unserer verblüffenden Wirkung sicher. Es kommt uns aber gar nicht auf eine solche verblüffende Wirkung an — die Verblüffung gehört in die Zauber- vorführungen der Varietes. Wirkliche Erkenntnis der Größe der Forschung, wirkliches Verständnis für ihre großen Leistungen für die Völker auf weite Sicht entsteht nicht aus einer einmaligen neugierigen Beschäftigung mit Naturwissenschaft und Medizin, sondern sie wird nur gewonnen durch eine dauernde Beschäftigung mit ihr. Und dazu Wege zu weisen und somit jene wahrhaft demütige Haltung hervorzurufen, die jeder echte Forscher hat, das ist der Sinn dieser Zeilen.
Wir fragen, wo denn die Naturwissenschaft und Medizin heute steht. Es handelt sich uns um die großen Linien, um ein Stück geschichtlicher Entwicklung, wie sie gerade im deutschen Volke besonders bedeutsam war und ist. Konnten es doch die großen Geister in diesem „Volke der Dichter und Denker" nicht lassen, über aller Einzelforschung das große Ganze immer wieder aufzuspüren. Auf den inneren Zusammenhang kommt es ihnen an, sie wollen sich nicht verlieren in den Einzeltatsachen; freilich wollen sie diese unermüdlich erforschen und die Ergebnisse als ein Stück Wahrheit in Ehrfurcht binnehmen, aber dann greifen sie wieder hoch hinaus ins Weltanschauliche, und Gestalten wie Paracelsus, Goethe, der Dresdener Mediziner und Naturforscher C a r u s , unter dessen Zeichen der Naturforscher- und Aerztetag stand, haben so ein naturwissenschaftlich- medizinisches Weltbild entworfen, das sich in eigener Kritik ständig erneuerte und vervollkommnete.
Versuchen wir, eine Hauvtlinie in der inneren Entwicklung dieses Weltbildes herauszuarbeiten. Wir werden feinen heutigen Stand recht gut begreifen, wenn wir einmal die „romantische" Naturwissenschaft und Medizin vor etwa hundert und mehr Jahren zum Vergleiche heranziehen. Damals war eine Zeit, die auch nach einer Verbindung von wissenschaftlicher und Volksmedizin suchte, ganz so wie es die heutige tut. Damals erkannten lcköpferische Geister die Gefahr, die in einer Ueberspezialisierung der Wissenschaft liegt: sie wird volksfremd. Das Volk findet aus seinem Lebensgefühl heraus und da es noch näher und unmittelbarer zur Natur steht als der Mann des Laboratoriums, oft das Richtige. Heilpflanzen, von denen auf dem Naturforscher- und Aerztetag viel die Rede war, bestimmte Methoden der Naturheilkunde, eine „biologische" Auffassung der Krankheit und der Hüloorgänge sind tief verwurzelt im Empfinden des Volkes. Und es ist ein Ehrenzeichen für unsere Wissenschaft, daß sie das heute keineswegs ablehnt, sondern die Verbindung wieder sucht. Jeder weiß z. B., welches Aussehen es erregte, als der berühmte Chirurg Bier, der sich um wahrhaft naturphilosophische Erkenntnis müht, anfing, Erkältungen mit einem Tropfen Jod auf ein Glas Wasser zu heilen. Homöopathie? — fragten viele, erleichtert oder bestürzt. Ja und nein, lautet die Antwort. Bier wollte d-nnit keineswegs eine einzelne medizinische „Richtung" bevorzugen, aber er wollte zeigen, daß die Wissenschaft nicht engstirnig ist und Halt macht vor neuen Ideen, sondern sie wird alles prüfen und, wie es im Spruch" heißt, „das Gute behalten" (nicht nur das Beste, wie meist fälschlich ’if'ert wird).
Diesem Ziele dient heute unter anderem das Rudolf-Heß-Krankenhaus in Dresden, dos gerade die wirklichen Forscher gerne besuchen; denn sie sehen dort, wie vorurteilslos man an alle Krankheiten herangeht, wie
‘•Öetanttr ertlich: Dr. Hans Tbvrtot. — Druck und Derlag: Brühl
Naturheilkundige und sogenannte „Schulmediziner" dort einträchtig Zusammenarbeiten, um — nicht den Interessen einer Richtung oder einer bestimmten Arzneimittelindustrie zu dienen, sondern dem ganzen Volke und seiner körperlich-seelischen Erneuerung. Die Homöopathie ist dort nicht vertreten, sondern wird aus dem Gedanken der Arbeitsteilung dem homöopathischen Krankenhaus in Stuttgart überlassen. Aber das, was wir heute mit Recht die „biologische Medizin" nennen, wird dort von allen, welcher „Richtung" sie auch angehören mögen, klar erkannt. Und da schließt sich auch der Chirurg nicht aus, der eine eigene Abteilung leitet; denn es wäre ein großes Vorurteil und würde zur Charlatanerie führen, wenn man dächte, man könnte Knochenbrüche und Blinddarmentzündungen immer ohne Chirurgie heilen. Die Hilfe, die uns heute gerade von der Naturheilkunde gegen alle Art von Wunderdoktoren kommt, ist nicht zu unterschätzen und gibt dem heutigen medizinischen Weltbild jenen Ernst und jene Tiefe, wie sie unbedingt in eine Zeit passen, wo ein Volk die ganzen Grundlagen seines Lebens neu legt.
Wollen wir nun erkennen, wie sich diese biologische Richtung in Naturwissenschaft und Medizin heute von jener vor hundert Jahren unterscheidet, die damals weiteste Kreise unseres Volkes erfaßt hatte, so müssen wir zunächst folgendes im Auge behalten. Es gab damals zwei Haupt- ftrömungen: die eine war zwar genial, verlor sich doch in mystische Spekulationen, verstand Paracelsus und die Alten falsch und verlor den Zusammenhang mit der Wirklichkeit. Die andere, die an die Namen Goethe, Hufeland, Carus geknüpft ist und heute ihre Auferstehung feiert, trug dagegen die Keime einer schönen zukünftigen Entwicklung in sich.
Ein paar Bilder: Novalis, der große deutsche Dichter, hat zweifellos tiefe Erkenntnisse neuer Art über Natur und Medizin besessen. Seine Fragmente zur Naturwissenschaft und Medizin sind für den, der sie recht zu lesen weiß, eine Fundgrube der Erkenntnis. Aber in seinen Ergebnissen verirrte er sich doch ins Krankhafte. Er ist mit schuld an den Lehrsätzen jener sogenannten naturhistorischen Schule, wonach die Krankheit zu einem selbständigen Wesen werde, das auf dem Menschen wie ein Parasit hauste, erzeugt und geboren wurde, in der Narbe seinen Leichnam hinterließ, sich wie eine Blume fortpflanzte, und was dergleichen mehr behauptet wurde.
Versuchen wir aber, den richtigen Kern herauszuschälen, so kommen wir recht bald in jene klareren Gefilde des Geistes wie bei Goethe, Hufeland und Carus. Die Krankheit" ist stark vom Seelischen beeinflußt. Heute wird keiner mehr bestreiten, daß es — aus rein seelischen Gründen — eine Flucht in die Krankheit gibt. Und der Mediziner, der das nicht weih und ohne Berücksichtigung des Seelischen rein mechanisch die Krankheit heilen will, der paßt mehr in die rein materialistisch-mechanistische Auffassung zwischen etwa 1850 und 1910, aber nicht mehr in unsere Tage; denn er muß wissen, daß erst die seelische Störung behoben werden muß, weil sie sonst der körperlichen Krankheit immer neuen Nahrungszufluh gibt.
Diese richtige Grundidee wurde vor hundert Jahren auch in anderer Weise Übersteigert. Der naturphilosophische Mediziner Schubert (geft. 1860) hat durch sein aufsehenerregendes Buch „Ansicht von der Nachtseite der Naturwissenschaft" die größten Geister wie Heinrich von Kleist („Kötchen von Heilbronn") ober die Brüder Schlegel ober E. Th. A. Hoffmann beeinflußt. Andere wollten unmittelbar mit der Religion heilen. Der Münchener Professor der inneren Medizin, Ringseis, wendet sich mit Entrüstung gegen die, welche in den Einzelvorgängen des Körpers, in der Entstehung und Heilung von Krankheiten das unmittelbare Walten Gottes leugnen. Die Krankheit ist durch den Sündenfall in die Welt gekommen; daher sollen sich Art und Kranker, ehe die Behandlung beginnt, mit den Heilmitteln der Kirche entfünbigen lassen. Wenn wir heute fast alle nicht mehr so denken können, so sehen wir doch den inneren Kern einer solchen Auffassung: das Geistige und Seelische wirkt bei allen Krankheits- und Heilvorgängen stark mit. Der Wille, gesund zu werden, der Glaube, daß man es schaffen wird — freilich geleitet von den wissenschaftlich gebildeten Aerzten, das Vertrauen zum Arzte und seiner „Kunst" helfen zusammen zum Erfolge.
Wir haben mittlerweile einen gewissen Abstand vom deutschen Naturforscher- und Aerztetag gewonnen, der, seit 1822 eine Heerschau deutscher Wissenschaft, nun alle zwei Jahre der Oeffentlichkeit kund tut, wo die Forschung steht. Von den etwa 400 Vorträgen in Dresden, die dieses Jahr gehalten worden sind und die alle ihren Wert für die große Gesamt- anschauung von Natur und Krankheit oder für die Einzelerkenntnis hatten, bleiben im Rückblick die Leitlinien bestehen, das, was wirklich fördernd für unser Volk ist und was in sein wissenschaftliches Gedankengut eingehen darf. Die großen Mediziner wie Sauerbruch ober von Bergmann waren sich barin einig unb sprachen es wie alle anberen immer roieber aus: es müssen „Heilkunbe" und „Heilkunst" zusammenwirken. Je strenger wissenschaftlich ber Arzt gerichtet ist, mit je genaueren Methoben er die geheimsten Vorgänge, Vitamin-, Hormonstoffwechsel, Viruskrankheiten usw. untersucht, besto mehr weiß er, baß zur „Kunde" die „Kunst" hinzutreten muß, die verantwortliche menschliche Haltung, die seinem Tun erst die rechte Würde und Weihe unb ben Einsatz für bie Erneuerung des Volkes gibt.
Das physikalische Weltbild hat seit der Entdeckung der Quantentheorie durch Max Planck entscheidende Wandlungen erfahren. Es scheint sich zunächst alles aufzulösen. Wir wissen nicht mehr, was Materie, was ein Atom, was ein naturwissenschaftlicher Vorgang ist, wenigstens wissen wir es nicht mehr in der Form des naiven Bewußtseins, wie es noch Haeckel hatte und wie es natürlich auch zunächst das Empfinden eines jeden von uns ist. Aber je mehr die Erkenntnis der physikalischen Tatsachen in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit wächst, desto mehr gelangen wir zu neuen Grunberkenntnissen über Welt unb Leben. Einer der bekanntesten Forscher wie Max Hartmann hat in seinem großen grunblegenben Vortrag in Bresben mit allen Mitteln bes Denkens unb der Einzelforschung nachgewiesen, daß die Grundlagen der exakten Forschung weiter bestehen und daß wir hassen dürfen, auf dieser Grundlage eine wirklich lebensnahe Naturwissenschaft unb Medizin zu erhalten.
'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


