Oer psiüqer.
Von Friedrich Bischoff*.
Die Städte rauchen an den Horizonten, Das Land ruht braun und brach. Den Winden, die im Schlehengrund sich sonnten, Schwingt eine erste Schwalbe nach.
Der Bauer pflügt in die erwachte Erd« Das junge, starke Licht, Er wandert neben seinem magern Pferde Mit weltverwunschenem Gesicht.
Die Züge schmettern aus den Städten, Er treibt mit stillem Schritt.
Ein Weihrauchduft aus weihen Wintermetten Weht segnend mit.
Das Riemzeug klirrt an seinem Pferde, Die Welt erglüht im Lerchenton, Er lauscht und pflügt die ewige Muttererde Als ihr getreuer Sohn.
Er sieht ihn lang, am Abend spät, noch schreiten. Verdunkelt, riesig, fern, Und in die aufgebrochenen schwarzen Schollenbreiten Fällt fruchtbar Stern aus Stern.
Leopold von Dessau als Kriedensfürst.
Von FriedrichvonOppeln-Bronikowski s-.
Dieser Aufsatz bildet ein Kapitel in dem bei der Akademischen Verlagsgesellschast Athenaion m. b. H., Potsdam, erschienenen Bänvchen „Der alte Dessaus r". Eine Studie seines Lebens und Wirkens. Von Dr. Friedrich von Oppeln- Bronikowski.
Wir werfen einen Blick auf die andere Seite von Leopolds Begabung, die wirtschaftliche, die sich schon im Kriege entwickelte und in den langen nachsolgcnden Friedensjahren zur vollen Entfaltung kam. Auch hierin begegnete er sich mit dem künstigen Soldatenkönig und ward zum Vorbild für ihn. Er selbst datierte den Beginn seiner wirtschaftlichen Tätigkeit in das Jahr 1698, wo er die Regierung seines Fürstentums antrat. Dann führte ihn der Erbfolgekrieg nach Süddeutschland und Oberitalien, der Provence und Flandern. Mit Hellen Augen sah der junge Kriegsmann sich in der Welt um. In Oberitalien wie in Flandern lernte er Kanäle und Deichbauten, aber auch den Gartenbau kennen, in Süd- deutschland den Obstbau, und diese Künste verpflanzte er in seine Heimat, wie die Kreuzfahrer einst den Kunstsleih des Orients nach dem Norden mitgebracht hatten. Vor allem ging er aufs Praktische. Er führte große Meliorationen und Entsumpfungen durch, ließ 1706 bis 1708 den Kapen- graben zur Entwässerung der Gegend von Oranienbaum, 1707 bis 1708 einen Elbdeich anlegen. Er betrieb Pferde- und Maultierzucht, schuf in Dessau eine Neustadt am rechten Muldeufer, erbaute zahlreiche Kirchen und Dörfer und schenkte seinen Untertanen für 180 000 Taler Holz, Steine und Mörtel zum Häuserbau. Eine Wohltat für sie war auch die Herabsetzung der Gerichtsporteln und die Abkürzung der Prozehdauer. Aber auch die feineren Lebensgenüsse wurden kultiviert. Den Gartenbau förderte Leopold in seinem Lande derart, daß er seinem Freund Friedrich Wilhelm im Januar frischen Spargel schicken konnten, „etwas sehr Rohres". Selbst das Schöne und Gefällige fehlte nicht, denn er legte für teures Geld eine große Orangerie an.
Am liebsten wäre er Alleinbesitzer aller dessamschen Landguter geworden. Man hat ihm das Auskaufen feines Adels schwer verdacht; nach einem Stichelwort seines Feindes Grumbkow hätte es in seinem Lande „nur noch Juden und Bettler" gegeben. Tatsächlich hat er den Ertrag seiner Güter fast verzehnfacht und dadurch der Landeskultur einen Aufschwung gegeben, den sie durch den alten Schlendrian des verschuldeten Adels nie erlangt hätte. Allerdings hat Leopold die Güterankäufe bisweilen mit unlauteren Mitteln erzwungen. Doch hat er sie nicht aus Mitteln der Landeseinnahme bestritten, sondern, wie er in seiner Selbstbiographie rühmt, „für mein Geld, welches ich auher Landes als Soldat erhalten habe, durch Erfvarnisfe und immerwährenden Fleiß' . Seine Absicht dabei war sowohl wirtschaftlich wie politisch; er wollte die kargen Einkünfte seines Kammerguts erhöhen und zugleich seine Stellung gegenüber den Ständen stärken, deren Mitregierung ihm als Mann der Autorität und des Gehorsams besonders unbequem dünkte. Indem er sie auskaufte, wurde er sie am besten los. Mit den Einkünften aus seinen Gütern bestritt er dann wieder die schon geschilderten Meliorationen und Bauten in Stadt und Land und den Ankauf großer Güter in Ostpreußen, aber auch das gewaltige Jagdrevier, das er sich bis ins Brandenburgische und Kursächsische hinein schuf. Wirkliche Kosten bereitete ihm fteilich nur seine Jägerei, denn die ostpreuhischen Güter warfen bald 9 bis 11 Prozent jährlich ab.
Seine Jagd übertraf die seines Freundes, des Soldatenkonigs, beträchtlich. Für diesen war er Vorbild und Orakel in allen Jagdfragen. Der Potsdamer Tiergarten wurde nach dem Muster des Dessauer eingerichtet; ja der sparsame König erbat sich aus Leopolds Meute alte, ausgediente Hunde, da sie für ihn noch gut genug wären. Dafür schenkte er ihm, als er seinen Tod nahen fühlte, 70 feiner besten Hunde, „well ich in dieser Welt ausgejagt habe". Für Leopold wie für den Soldatenkönig war die Jagd eine Leidenschaft und eine Schule des Krieges. „Die Jagd halte vor meine Gesundheit bester als Stahl" (sein Leibarzt), schrieb
* Dieses Gedicht entnehmen wir dem „Volksbuch deutscher Gedichte": „Das Deutsche Herz" — Herausgegeben von Rudolf Stirbt. Es enthält 300 der schönsten Gedichte vom Mittelalter bis in unsere Tage. (Ganzleinenband 2,85 Mark. Verlag Ullstein, Berlin.)
er 1732. „Vivat Doktor Leopold!" Für Leopold fteilich ist sie gefährlicher geworden als seine Feldzüge, denn aus all seinen Schlachten und Belagerungen ist er bis auf die Schramme bei Douai (1710) wie durch ein Wunder unversehrt zurückgekehrt, aber häufig hatte er Jagdunfälle und mehrmals wurde er von den Hauern des Ebers oder von den Stangen des Hirsches lebensgefährlich geschlagen.
In den Briesen des Königs an Leopold ist denn auch vom Miliia- rischen abgesehen, von nichts so oft die Rede wie von der Jagd. Merkwürdig ist bei alledem nur, daß beide Nimrode nur selten miteinander gejagt haben, und daß Leopold nur wenige Einladungen nach dem Jagdparadies Wusterhausen erhalten hat. Vielleicht schämte sich Friedrich Wilhelm des sparsamen Zuschnitts seiner Jagd, die ihm wenig gekostet hat.
Im Volksbewuhtsein lebt Leopold als „wilder Jäger" und als Hau? degen fort, wogegen seine großen wirtschaftlichen Leistungen vergeßen sind. Der Kulturhistoriker aber wird ihn weniger mit den mythischen Gestalten der deutschen Vorzeit vergleichen, als mit den Helden Homers, die gleich ihm Kriegsmänner und Landwirte in einer Person waren, stets bestrebt, ihre soziale Stellung durch Bewirtschaftung und Vermehrung ihres Grundbesitzes zu verbessern. Selbst im Idealbild des Heldenliedes tritt dieser wirtschaftliche Zug ebenso stark hervor wie der kr,egerflche^ ^idatenkönig wurde Leopolds wirtschaftliches Vorbild ebenfo maßgebend wie das als Jäger, aber auch hier zeigen sich die gleichen Unterschiede zwischen beiden Freunden. Friedrich Wilhelm war der Herrscher eines werdenden Großstaats, den er aus Elend, Vergeudung und Erschlaffung emporriß; seine Ziele waren weit gesteckt und trotz aller „Plusmacherei" uneigennützig. Leopold, der Kleinstaatfurst, war selbstsüchtiger und fiskalischer. Während Friedrich Wilhelm I. seine Schatullgüter den Staatsdomänen einverleibte, suchte der Dessauer ganz Anhalt in sein Hausgut zu verwandeln. Während Leopold nur sich und (eine Familie von der Verbrauchssteuer, der Akzise, ausnahm, unterwarf sich der Soldatenkönig ihr ausdrücklich mit seinem ganzen Hof, befreite aber Geistliche und Schullehrer von den Einquartierungslasten, dem SCr®e5(onber5 deutlich wird der Unterschied ihrer Ziele in Ostpreußen. Während der König bei seinem „Retablissement" der durch lange Mißwirtschaft, Kriege und Seuchen verödeten Provinz ein Jahrzehnt lang mit Unterbilanz arbeitete, warfen Leopolds Güter, wie schon gesagt, jährlich 9 bis 11 Prozent ab. „Was die neun Prozent betrifft schrieb ihm der König am 17. August 1723 nach der Rückkehr aus Preußen, „so wünsche (ich sie wohl), aber wenn ich in drei Jahre 3 Prozent bekomme, (halte ich es für) miraculeus. Aber das Land wird bebauet sein und ist dazu gut, wenn die Kinder erwachsen sind und mein Sohn Krieg bekommet, daß es ihm an Menschen nicht fehlet. Menschen halte für den größten Reichtum." Erst nach einem Jahrzehnt, als die Salzburger kamen, wandte sich alles zum Guten.
Dieser Vergleich soll jedoch kein Vorwurf für Leopold fein, denn er hat auch hier dem König mit Rat und Tat geholfen, so viel er konnte. Der Reformer des preußischen Steuerwesens, des verrotteten Lan^ kostens" der allzu früh verstorbene Truchseß zu Waldburg, Fnedrick Wilhelms erster Gehilse bei dem „Retablissement , trat schon 1715 bei Beginn seiner Tätigkeit, in Verbindung mit Leopold und dieser selbst stand bei der Konferenz von Oletzko (1721), dem Ausgangspunkt der ganzen Agrargesetzgebung, auf Seiten des Königs gegen die Partei des alten Schlendrians. In der Folge begleitete er thn auf allen feinen Jnfpektionsreifen nach Ostpreußen, und feine dortigen Gu er wurden als Muster für die preußischen Beamten und Amtleute ausgestellt. In dieser Provinz, die dem Deutschtum erst wieder zurückgewonnen werden muhte, begann Leopold mit dem Ansetzen deutscher Bauern die der Landwirtschaft durch Fleiß und bessere Bestellung aufhalfen Schon 1722 erkannte der König die greifbaren Erfolge dieser Wirtschaft und ahmte sie nach. Der Etablissementsminister v. Goerne, die Kammerpräsidenten und Räte wurden nach feinem Hauptgut Bubainen geschickt, um dort aus der Anschauung zu lernen, und Prinz Leopold Max, der des Vaters wirtschaftliche Begabung geerbt hatte, reifte mit den Domanenkommissio- nen im Lande umher, um die Pachtanschläge zu prüfen und ein „Plus herauszuwirtfchasten. Schon 1723 erkannte der König dankbar an, daß feine Leute ohne Leopolds Anleitung mit dem preußischen Haushalt nicht ertiq geworden wären. Und ihm selbst half Leopolds praktischer Ginn und seine methodische Beharrlichkeit über manche Anfalle von Mut- I°fl6d)on'17t239 nad) der Rückkehr aus Ostpreußen, als Regen und Sturm dort große Verheerungen angerichtet hatten, klagte er 'hm: „Es ist, als wenn Gott nit haben wollte, daß das arme Land in 5Ior tommen sollte . Ich bin meiner preußischen Haushaltung müde. Ich krwge nichts vielmehr erschöpfe mich und meine übrige Lander mit Menschen und Geld und fange an zu glauben daß (ich) nit reüssieren werde^ Die aleichen Klagen ziehen sich jahrelang durch des Königs Briefe. Im August 1724 bittet er Leopold, dem Minister von Görne Mut zuzusprechen, damit er in seinen Entschlüssen nicht so schwankend sei. Doch er selbst schwankt noch zwischen Mutlosigkeit und Hoffnung. „In meine Afferen ist so eine qroße Konfusion, daß ich nit weiß, worauser (heraus) zu kommen Aber ein paar Zeilen weiter: ,Hch weiß nit, ob lch recht habe, aber ich habe itw das feste Vertrauen, daß es in Preußen vor dem Lande und vor mir besser werde. Gott weiß, ob ich recht I,abe." Aber noch 1727 stöhnt er: „Es ist da (in Preußen) alles so desperat und miserable, daß ich nit weiß anders zu sagen, als daß Gott einen Fluch über bas Land aeschicket habe. Wenn ich mein Dage das Land nit hatte gehabt, so wäre ich reicher und alle meine Sachen ständen besser als itzo, denn Preußen ruinieret mich total." Er schämte sich vor Fremden von Ostpreußen zu reden da er bei feiner Arbeit Zeit und Geld ins Meer geworfen habe Ohne'Gottes Beistand, beteuerte er Leopold, wäre er „vor Schimpf und Spott närrisch geworden". Ja, aber auch ohne Leopolds Vorbild und Beistand! Die Provinz schuldet ihm noch heute ein Denkmal
* Vgl. Heidkamp, „Friedrich Wilhelm L", S. 114 ff.


