Ausgabe 
16.10.1936
 
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Tage zur Tafel taten, da fände sich in heiterer Stunde bessere Gelegenheit zu sprechen. Die schöne Eminenz, wie sie ihn nennen hörte, schon grau, mit roten Augenrändern, trotz ihrer Größe leicht beleibt, blieb mehr als kühl bei diesem Wiedersehen, so daß die Gräfin de la Motte auch an dem Abend nichts zu erhoffen wagte, als sich noch einmal satt zu essen.

Ganz unerwartet wurde ein Triumph daraus, weil bei der Tafel ihr der Wundertäter Cagliostro leibhaftig schräg gegenüber saß: ein kurzer Mann mit mächtigen Schultern wie ein Riese, wenn er saß, mit einer kahlen Stirn und aufgeschwippter Nase, der durch den farbigen Prunk von seiner Kleidung die seltsame Bronzefarbe seiner Haut noch steigerte: Sein Rock stahlgrau, die Weste scharlachrot mit breiten spanischen Spitzen, wodurch der nackte Hals bis in die kräftige Brust hinunter zu sehen war. Er wandte sich sofort an sie mit einem tauten Kauderwelsch, das wenig französisch, meist italienisch und seltsam mit arabischen Wörtern durch­schossen war, so daß sie ihn gar nicht verstand und nur seinen Blick wie einen Bohrer auf sich gerichtet fühlte. Er schien auch keine Antwort zu er­warten, sprach weiterhin gleich laut, daß alle an der Tafel nach ihm hören mußten und keiner sonst zu Wort kam. Nur fragte er von Zeit zu Zeit, aus der Verzückung sich mühsam in die Wirklichkeit besinnend und besorgt: Ob man ihn auch in allem verstanden hätte? Die Jeanne bemerkte mit Er­staunen, daß dies die meisten eifrig bejahten, und gab sich Mühe, gleich­falls zu folgen. Doch hörte sie nur Worte wie Christus, Sterne, Hiero­phanten aus dem Schwall und merkte schließlich noch, daß er von einer Stadt in Afrika erzählte, zehnmal größer als Paris und trotzdem mitten in der Wüste, darin er mächtige Bekannte habe. Und mußte lachen, als er sie plötzlich feine Taube nannte, bis sie auch dazu den staunenden Ernst der andern sah und sich durch diese Galanterie des Wundermannes ge­schmeichelt fühlte, der sie auch noch als Schwan und schließlich als Gazelle anschmachtete. Auch als die Tafel aufgehoben war, blieb er auffällig um sie her, zum Neid der andern Damen. Das machte sie so übermütig, daß sie scherzend auf feine Bilderreden einging und durch die Eleganz ihrer Bemerkungen, durch das Gelächter ihrer kirschroten Lippen die Herren entzückte. Auch der Rohan näherte sich wieder und hörte zu, wie sie dem Cagliostro versprechen muhte, ihn inmitten seiner Laboranten zu be­suchen.

Wie sie nachher erfuhr, hatte sie der Cagliostro für eine reiche und einflußreiche Dame gehalten, die er für feine Loge Isis gewinnen wollte, am selben Abend aber noch erfahren, und zwar vorn Rohan, wer sie war. Als sie deshalb am andern Tag sich melden ließ im Hotel d'Or- villiers, das er mit einem Troß von Dienern, Apothekern und Alchimisten bewohnte, lieh er sie warten. Sie hatte Muße, den Lärm der Kutschen auf dem Hof, das neidische Gedränge vornehmer Frauen, das Gehämmer und Gezisch der Schmelzöfen zu beobachten, und mußte schließlich im bitteren Verdruß weggehen, weil ihr hitziger Verehrer als Herrscher dieser Zauberwelten für sie nicht mehr zu sprechen war.

Sie glaubte nicht an seine Wunderkräfte, doch hatte sie erfahren, wie­viel er beim Kardinal vermochte, und darauf, des Groh-Almoseniers bedürftig, ihre Rettungspläne aufgerichtet. Denn unterdessen waren die Schulden im Haushalt de la Motte so dicht geworden, daß sie am Place Dauphin und auch in derVille de Reims" nichts mehr geliehen bekam. Auch war längst alles Bewegliche im Leihhaus. So dah der Graf, der in den ersten Wochen dem Vergnügen der Hauptstadt leichtsinnig nachgegangen war, schon mit gewagten Abenteuern Geld schaffen mußte; meist so, daß die La Motte noch irgend etwas auf Rechnung zu kaufen suchte, Lyoner Seide ober Silberzeug, das er dann gleich ins Pfandhaus brachte. So war ihr Leben erbärmlicher als es vorher in Luneville gewesen war und stand mit ihren Plänen traurig im Widerspruch. Ihre Bittgesuche bei Hofe wurden nicht geachtet; die Wut, als eine echte Valois so zu leben, und die Bestürzung, nach ihrem Zaberner Triumph nun in den Vor­zimmern des Kardinals gleich andern warten zu müssen, um schließlich durch einen Diener fünf Louisdor, dazu die kühle Weisung zu erhalten, ihr Gesuch direkt beim Hofe einzubringen: dies alles vermischte sich zu einem wilden Haß auf den Cagliostro, der ihr die Gunst des Rohan verhinderte, auch auf ihn selbst, den launenhaften Kardinal.

In diesen Tagens die jenen auf der nassen Landstraße von Var-sur- Aube nach Paris ähnlich in der trüben Verzweiflung waren, besann sich die Jeanne auf das Mittel, dem sie damals die glückliche Veränderung verdankte. Eines Morgens sank sie, die wirklich nur noch selten etwas zu essen bekam, im Vorzimmer von Madame Elisabeth, der königlichen Schwester, in Ohnmacht, so daß der Prinzessin gemeldet wurde, in ihrem Vorzimmer sei eine junge Dame vor Hunger umgefallen. Sie lieh die Jeanne auf einem Tragbett zurück in ihre Wohnung bringen und durch die Aerzte das Nötigste besorgen. Als sie nachher den Namen der Valois erfuhr, ließ sie in einer Hofgesellschaft für sie sammeln; auch sorgte sie, daß ihre Pension auf fünfzehnhundert Livres gesteigert wurde. Nur als die Gräfin Valois-La Motte sich ihr zu Füßen werfen wollte, ließ sie bedeuten, daß sie der Dankbarkeit auch ohnedies versichert wäre.

Sie aber, die sich höher schätzte, als eine Prinzessin aus dem Haus Bourbon, verließ mit ihrem Grafen, der mit der neuen Wendung sehr zufrieden war, dieDille de Reims" und mietete in der Rue Neuve- Saint-Gilles ein ganzes Haus mit Portierloge und Wagenremife, schaffte einen eigenen Wagen an, damit zu Hof zu fahren, und trat nun bei dem Kardinal hochmütig an, ihm Dank zu sagen für den guten Rat: Sie glaube, daß ihr dadurch für olle Zeit geholfen fei; sie habe nun den Weg zum Hof gefunden und hoffe, daß er noch zu weiteren Ehren führen würde, weil sich die Königin selber ihren Wunden mit dem Bal­sam edelster Güte zuneigen wolle. Der Rohan, den diese Wendung ver­blüffte, obwohl sie bei der bekannten Freigebigkeit Maria Antoniettes verständlich war, sagte ihr wehmütig scherzend, indem er sie leichthin zum Sitzen nötigte: daß sie somit glücklicher sei als er, der, wie ganz Frank­reich wisse, von der Königin nicht empfangen würde. Sie nahm den Platz nicht an und gab auch keine Antwort, bat nur hochmütig lächelnd trotz ihrer kindlich frommen Verneigung um feinen Segen, mit dem er sie erstaunt entlassen mußte. Nach einer Woche kam sie wieder und war so munterer Laune und wußte ihn mit Andeutungen aller Art, der nach dem Grund so vieler Fröhlichkeit neugierig war, so einzuspinnen, daß er sich schließlich bereit erklärte, für sie mit einer Kleinigkeit von einigen

tausend Livres zu bürgen, die sie zur neuen Einrichtung noch brauchte, um nicht zu ärmlich bei Hofe aufzutreten.

Es gab nun einen Diener, einen Kutscher und eine Zofe in der Rue Neuve-Saint-Gilles, und fleißig fuhr der Wagen der Gräfin nach Ver» failles, den angebahnten Hosverkehr zu pflegen. Und weil sie nichts ver­schmähte, gelang es ihr tatsächlich, die Bekanntschaft eines Musikers der Hofkapelle namens Desclaux zu machen, der freilich nicht zur Hofgesellschaft gehörte, jedoch zugleich als Kammerlakai der Königin von manchen Sachen der Gemächer erzählen konnte. Darüber aber ging dem Haushalt schon wieder der Atem aus. Sie mußte eilen, wenn ihr der Hof noch helfen sollte, und versuchte es zum anbernmal mit einer Ohnmacht. Sie machte sich in das Gedränge der Spiegelgalerie, als die Königin hindurch zur Messe ging, und fiel ihr mit einem schwachen Seufzer bewußtlos in den Weg. Doch gab es, weil die Wachen sie gleich zur Seite schafften, nur einen Tumult, fo daß die Königin, erschrocken von dem Lärm, sie gar nicht sah, nur rascher als sonst in die Kapelle ging und seit dem Morgen die Galerie absperren ließ, wenn sie hindurch zur Messe wollte.

Sie mußte diesmal aus eigenen Füßen nach Hause gehen und hatte das Vertrauen zu ihren Ohnmächten verloren; auch sah sie ein, daß sie nicht wie zur Boulainvilliers mit ihrem Namen fo rasch zur Königin kommen konnte. Um so hitziger verspann sich ihre Leidenschaft in Träume und Phantastereien, wie es fein würde, wenn ihr die Königin doch einmal, durch das Unglück einer Valois gerührt, in Güte nahen und ihr den Ein­laß in die Gemächer gestatten würde, der ihr gebührte. Auch fing sie an, davon zu fprechen; und weil sie feit dem Besuch beim Rohan wußte, daß es nützlich war, sprach sie mit Ueberlegung. Es dauerte nicht lange, fo stand sie im Gerücht, auf irgendeine geheimnisvolle Weife, wie das in Versailles gebräuchlich war, Einfluß bei Hof zu haben. Sie nannte sich nur noch die Gräfin Valois-La Motte, war viel im Palais Royal, dem Stelldichein der Lebewelt, zu fehen und machte in der Rue Neuve-Saint- Gilles ein offenes Haus, daraus leicht einer mit dem Adel, wenn nicht als Graf entlassen wurde, der bürgerlich gekommen war. Aus einzelnen Haus­freunden schloß sich ein fester Kreis, darin die Spieler ihr nm liebsten waren; und manchmal verlies sich schon ein Provinzler zu ihr, der von. guter Hand gewiesen gern bereit war, ihre Fürsprache bei Hof durch eine runde Summe zu erkaufen. Der Keller des Grafen fing an, einen Vorrat von Burgunderwein zu halten; es war zwar kein gediegener Haushalt, doch gab es meist etwas zu essen; und wenn auch zwischendurch der Ge­richtsvollzieher kam: sie sorgten schon, daß nichts zu pfänden war. Irgend­woher gab es dann wieder Louisdor genug, und die Bedienten waren gern im Haus der Gräfin Valois-La Motte.

In diesen Zeiten kam sie dem Rohan wieder näher, weil sie durch einen Zufall einen Einblick in feine heimlichen Wünsche gewann, darauf sie mehr als eine Bürgschaft zu gründen gedachte. Sie war in Bar-fur-Aube als junge Frau und Mutter von der Surniont ausgefperrt noch ein paar Wochen bei einer Frau de la Tour gewesen, die eine Schwester von ihrem Grasen war. Die kam vom Rus des Cagliostro angelockt mit einer Krankheit nach Paris und brachte ihre Tochter mit, ein Ding von fünf­zehn Jahren, blauäugig, blond und schlank. Sie wohnte in der Rue Neuve- Saint-Gilles und klagte ihrer Schwägerin, daß sie der Cagliostro nicht annehmen wollte. Die La Motte wußte, daß er junge Mädchen mit Gold bezahlte, wenn sie unschuldig waren und seinen Beschwörungen dienen konnten. Sie riet, die Tochter dem Zaubermeister vorzustellen, und als die Mutter das nach mancherlei Bedenken tat, wurde sie mit der engelhaften Erscheinung auch angenommen.

Von diesem Mädchen, das der kranken Mutter treuherzig dienen wollte, erfuhr die Gräfin lange nichts, was ihr zu wissen wert war; bis es eines Tages mit einem Weinkrampf nach Hause kam und eher sterben, als noch einmal zu dem Cagliostro wollte. Sie hatte nur mit einem langen weißen Hemd und blauer Schärpe bekleidet in ein vor dem Tageslicht verdunkeltes Zimmer treten müssen, wo mitten auf dem Tisch eine mit klarem Wasser gefüllte Schale zwischen zwei brennenden Kerzen stand und auf der Seit^ der Kardinal in einem hohen Lehnstuhl saß. Sie mußte unverwandten Blickes vor die Schale treten, die von Sternzeichen, Hieroglyphen und kleinen Figuren umgeben war, die Isis und den Stier Apis darstellend, wie sie aus anderen Sitzungen schon wußte. Indessen führte der Cagliostro mit seinem Degen verzückte Bewegungen aus und rief den Groß-Kophta mit allen Erzengeln an. Als das lange gedauert hatte und das Wasser durch die Wucht seiner Bewegungen geheimnisvoll erschüttert war, fragte er nach einer großen Pause, während die Oberfläche des Wassers sich glättete, mit seiner Donnerstimme, die Degenspike mit ausgerecktem Arm steil aufgerichtet: ob sie im Wasserspiegel das Bild der Königin erblicke? Und weil das Mädchen wußte, daß feine Unschuld bezweifelt wurde, wenn es nichts erkannte, fo sah es deutlich in der Schale die Gestalt der Königin. Und nach wilderen Degenstößen und einer längeren Pause auch einen großen Mann, der ihr zu Füßen liege und dem Kardinal wohl ähnlich sehe.

Wie einem Raubtier funkelten die Augen der Gräfin de la Motte, als sie den Kardinal so in den Händen des Cagliostro sah. Wenn er die Gunst der Königin so nötig hatte: sie war die Frau dazu, die zu verschaffen.

Das Halsband.

IV.

Der Kardinal Rohan, der so seltsam nach der Zukunft suchte, statt sie in Gott zu stellen, war als Gesandter des französischen Königs vier Jahre lang in Wien gewesen. Er hatte aus Versailles die Sonne Frankreichs mitgebracht, die an dem hausbackenen Hof der Habsburgerin nicht scheinen durfte, obwohl sich zu den Abenden in der französischen Gesandtschaft alles drängte und seine Volksfeste ihn zum Liebling der Wiener Straßen mach­ten. Selbst den Sohn bet Kaiserin, Josef den Zweiten, zählte er zu feinen Freunden; und als er zum Abschied sein Bildnis in Elfenbeinplättchen gravieren ließ und dies an feine Freunde und Freundinnen verschickte, wurden diese Plättchen mit Perlen und Diamanten eingefaßt und von den schönsten Frauen und wichtigsten Männern der habsburgischen Herr­lichkeit auf Ringen und im Halsschmuck getragen; trotz ihrer Kaiserin, die diesen blendenden Sohn der Leichtfertigkeit lieber tot als länger in Wien gesehen hätte. (Fortsetzung folgt.)