Nummer 80
Hreitag, den 16. Oktober
Jahrgang 1956
Die Halsban-geschichte
Erzählt von Wilhelm Schäfer
Copyright by Albert Zangen / @eorg Müller Verlag, München
1. Fortsetzung.
Von Luneville nach Jabern, das war kaum eine Tagereise, und so beiläufig an den Rohan, Fürstbischof von Straßburg und Groß-Almosenier von Frankreich, heranzukommen: das war wohl eine Reise wert. Sie meldete sich nicht lange an, weil sie in solchen Dingen fürs Ueberrumpeln war und fuhr bereits am andern Tag in der ersten Frühe das Tal der Vezouse hinauf auf Saarburg und Zabern zu. Sie hielten am Nachmittag in Pfalzburg auf den Vogesen die letzte Rast, als ihnen durch einen sonderbaren Zufall die Boulainvilliers begegnete. Die war mit einer Gesellschaft 3U zwölf Wagen nach Pfalzburg den vielberühmten neuen ^eftenweg der Steige hinaufgefahren, was für die Gäste des Kardinals ein vielbegehrtes Nachmittaqsvergnügen war. Während das junge Volk sich in den Post- qarten drängte, ließ sie ihren Wagen unter den Schatten eines Nußbmimes fahren, sich etwas zu erfrischen. Die Jeanne de la Motte, welche sich zur rechten Zeit erinnerte, daß der alten Dame stürmische Auftritte zuwider waren hielt sich zurück, bis die Marquise das ihrige bestellte; sie wußte, daß es ein Gläschen Rotwein war, den sie mit Zuckerwasser stark verdünnte und niemals nach ihrem Willen gemacht erhielt; sie nahm der Schenkin als einer Freundin der alten Dame die Sache ab, bereitete aus einer Platte alles sehr artig zu und trat nach einer Musterung vor dem Spiegel leichten Schrittes an den Wagen, der Marquise mit einem Kmcks und Schelmenlachen den Trank anbietend, wobei sie noch die Vorsicht brauchte, rasch einen Schritt zurückzutreten, so daß die Hand der alten Dame im ersten Schrecken nicht die Gläser umwerfen konnte.
Sie war in einem Federhut mit zarten Bändern, in Rüschen und einem sommerlichen Reisekleid zwar ein bißchen verstaubt, doch sehr manierlich gekleidet: so geriet das Wiedersehn aufs schönste. Die Marquise war geschmeichelt, daß ihr das schöne Kind so artig vor allen Leuten Respekt und Dankbarkeit bezeigte, umarmte sie gerührt und lud ste em, in ihrem Wagen einzusitzen. Sie aber bat um die Erlaubnis, erst ihren Mann zu holen, der auch sehr artig und fast würdig war, und galant m seiner roten Uniform am Schlag des Wagens stehen blieb indessen sich die Marquise in raschen Worten das Schicksal ihrer jungen Ehe erzählen lleß soweit es der Jeanne geraten schien. So tarn es, daß sie mit der Gesellschaft zum Abend die Steige hinunter ins Elsaß fuhren, die junge Frau bei der Marquise der Leutnant in einem Wagen mit andern Offizieren, und mit der schwärmenden Gesellschaft den weiten Blick ins reiche Elsaß bewundern konnten, der sich bei jeder neuen Biegung der schönen Felsenstraße bot.
Es war vereinbart, daß sich die Wagen am Fuße der Steige mit anderen Säften treffen sollten, die mit dem Kardinal von einer kleinen Jagd heimkehrten; o fuhr die Jeanne an diesem Tag in einem wahren Marchen- mnqen: denn es machte sich, daß die Boulainvilliers gerade vor dem Rohan hielt, der als ein schon bejahrter Mann, doch groß und schlank, tm grünen Jagdkoitüm mit goldenen Tressen und einem Busch von Falkenfedern an der Mütze liebenswürdig grüßend herantrat. Sie stellte chm die kleine Dame als ein Fräulein von Valois vor, weil sie den neuen Namen und den Mann dazu schon wieder vergessen hatte, und fugte noch mit auffälliger Betonung hinzu, daß ihr der Name mit vollem Recht gebühre Der Kardinal verneigte sich noch einmal leicht und fragte, das Persönchen mit Vergnügen musternd, ob es die Reise gestalte, zu Abend und zur Nacht sein Gast zu fein? Und als sie es nach einem Fragedlick zu der Marquise beglückt annahm, verneigte er sich noch einmal zum Abschied, diktierte dem Hausmeister noch, der mit dem Schreibbuch gleich zur Stelle war: Fräulein von Valois, und ging mit raschen Schritten die andern Gäste zu begrüßen. .. .
So kam es, daß die junge.Frau zum Abend wieder als Fraulein von Valois zur Tafel faß, indessen sich der Nicolas als ihr Begleiter m Zabern allein vergnügen mutzte, weil er vergessen worden war. Man speiste nicht wie sonst an langen Tafeln, man saß an kleinen Tischen, rote sich- machte. Das schöne blasse Fräulein bei der Boulainvillers wurde viel bemerkt und auch durch ein Gespräch vom Kardinal beehrt, der hier und dort sich höflich nieberliefy Man fragte, wer sie sei, und horchte bei dem Namen DaloiS und suchte ihre Nähe, so daß die Jeanne bei ihrem erften Schritt n die große Welt berauscht von dem Erfolg fein mußte. Als gegen Zwölf der Fürstbischof sich zurllckzog und danach auch die Boulainvilliers.aufjtanb mit der die Jeanne sich empfehlen mußte, wurde ihr von einem ber . Lakaien zugeflüstert, baß noch jemand an ihrem Zimmer mit einer wichtigen Nachsicht auf sie warte. Es war ber Nicolas tn bofer Saune, ber nur durch diesen Vorwand Einlaß erhalten hatte und von Eifersucht
geplagt auch etwas angetrunken sich die Aussperrung nicht länger gefallen lassen wollte. Es hätte im fürstbischöflichen Schloß zu Zabern eine de la Mottesche Auseinandersetzung gegeben, wenn die Jeanne nicht kurzerhand den Nicolas mit in ihr Zimmer abgeschoben und das von innen verriegelt hätte, zum Erstaunen und Grinsen der Lakaien, die durch den Takt des Hauses kaum verhindert wurden, dem Hausmeister Nachricht zu geben von den Gewohnheiten dieses Fräuleins von Valois.
Am andern Morgen beim Empfang, den er der Boulainvilliers ver- prochen hatte, war der Kardinal verwundert, seit gestern statt einem Frau- iein von Valois eine Frau de la Motte und einen Leutnant von den Gendarmen als ihren Mann zu finden. Doch hörte er gutlaunig die Geschichte an, die ihm die junge Frau erzählte.
Er war nicht mehr im Jägerwams; es war der Kirchensurst, der mit gnädiger Geduld fein Amt als Groß-Almosenier versah. Die junge Frau de la Motte aber hatte ihre schönste Stunde; sie sprach, daß sich die blaffen Backen röteten, sie ließ die Sätze rinnen wie Perlenfchnüre, fing sie geschickt mit einer Frage auf, warf sie ein paarmal der Marquise zu, die dann triumphierend den Kardinal ansah, der von so viel Temperament verwundert kaum noch hörte, was sie sagte, nur immer das zierliche Persönchen bestaunte, das einem Advokaten gleich die Worte zu setzen wußte und dennoch die größte Kunst der Rede mit ihren Augen, mit dem sinnlichen Klang der Stimme und mancher Bewegung der kleinen raschen Hand vollführte. Es endigte damit, daß ihr der Kardinal die Hand zum zarten Segen auf ihren weichen Scheitel legte, weil da gerade ein dünner Sonnenstrahl auffiel, der tupfrig glühte, um ihrer edlen Abkunft, wie um der Schönen Seele willen, ihr beizustehen. m
An diesem Abend durste auch der Nicolas zur Tafel sitzen. Die Boulainvillers die ihrer Pflegetochter noch angesichts des Kardinals und weinend vor Stolz den ersten Kuß gegeben hatte, bemühte sich um sie mie eine Mutter, und von der Anerkennung und Gunst des Kardinals auffällig ausgezeichnet, verlebte die junge Frau de la Motte actjt Jage wie eine Siegerin, wobei der Nicolas auf feine Weife profitierte. Als sie dann in den Wagen fliegen, die Felfenstrahe der Steige hinauf nach Luneville zurückzufahren, erschien zufällig der Kardinal im Jagdgewand mit einigen Reitern und gab ihr scherzend bis zur Pfalzburg das Geleit; und mancher der Gäste drängte sich ihr beim Abschied auf. Es war eine andere, die danach die Straße nach Saarburg von den Vogesen hinunterfuhr, als biß DOt einer Woche bescheiben gekommen roor. Äuch fuhren sie n»ach Dille nur um ben Haushalt abzubrechen, benn die Jeanne war fid)er, oah - Nicolas als Rittmeister zu den Dragonern von Monsieur dem Grafen Artois, eintreten konnte, und Frau von Boulainvilliers im Stolz auf ihre Pflegetochter bezahlte seine Schulden.
III.
Es gab zwei Linien de la Motte, von denen eine gräflich war. Der wurde aus Versehen im Patent der neue Rittmeister zugerechnet; so tkif? die beiden auf der Reise nach Paris in Bar-sur-Aube als Graf und Gräfin de la Motte absteigen konnten. Zwar nur für einen Tag, doch lange genug, um zu verkünden, daß sie nun bald bei Hofe angenommen und eines Xages als die Herrschaft auf Foutette, auf Esfoyes und Verpillieres er-
nahmen trotzdem noch bescheiden zwei Zimmer in Paris, in einem kleinen Gasthof „Ville de Reims"; nur installierte sich die Jeanne auch in Versailles am Place Dauphin, dem Hofverkehr zuliebe Sie war fett Zabern in einem Rausch gewagter Hoffnungen und zweifelte mcht, daß die Gemächer der Königin bald offen für ste standen, sowie die Boullam- villiers erst wieder in Auteuil sein würde.
Statt der Marquise aber kam die Nachricht, daß d,e alte Dame an den Strapazen ihrer Reise krank geworden und unterwegs gestorben war. Damit verlor der Haushalt de la Motte Zukunft und Gegenwart fliit eins. Sie faßen nach den ersten Wochen schon so tief m Schulden daß sie die Ankunft des Kardinals Rohan, der nun für sie die einzige Hoffnung war, kaum erwarten konnten. Als sich dann endlich die furstbischofliche Hofhaltung im Palais der Rohan, dem „Hotel de Strasbourg , eingerichtet hatte und die Jeanne in dringenden Anliegen um eine Audienz anfragte, die ihr gar nicht fo rasch bewilligt wurde, wie sie erwartete: fand sie tm Vorzimmer des Kardinals, wo sie lange warten mußte die Marmorbuste eines Mannes mit breitem Gesicht und offener Halskrause flohen, auf deren Sockel in goldenen Lettern „Dem göttlichen Caglwstto zui lefen war. Sie wußte, daß der Wundertäter durch viele Wochen bei dem Rohan in Straßburg gerne en war. Auch hatte sie von feinem Einzüge in Paris gehört wie er mit Trompetenbläsern, Herolden in Brokat Vorläufern und seltsam aufgeputzten Dienern gekommen war das Geheimnis der blauen Freimauerei zu bringen. Nun fand sie den Kardinal, den sie durch die Erinnerung an manches Wort in Zabern und durch ihr Schicksal mit der Boulainvilliers gewinnen wollte, fremd und zerstreut und nicht geneigt, sie anzuhören: Im Rat der Geister standen fo wichtige Dinge zur Entscheidung, daß sie wohl richtiger morgen tarne. Er lasse sie am andern
Sießcner^mnilkiiblältcr
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


