den stark riechenden Trichter hinunter, besten Crdränder zu schwarzen Knorpeln verbrannt waren, und leuchtete die Wände ab, bis Maschinengewehrkugeln in die Schrägwand des Kraters klatschten. Er sand nichts. Dann lief er noch einmal die Entfernung ab vom Turm zum Ufer und sah, daß er sie richtig angegeben habe.
Dann hatte er die ganze Nacht Fährdienst getan, totenbleich vor Zorn, aber mit eiskalter Ueberlegung.
Nun stand er wieder in dem mächtigen Trichter, den seine Leute zur Verteidigung ausgebaut hatten. Mit der österreichischen Befehlsstelle des Abschnitts hatte er in der Nacht alles verabredet. Zu seinen Leuten sagte er nur, er werde jetzt Rache nehmen.
Als der zähe Nebel sich langsam hob, stellte er Winker auf, die seine Befehle empfingen und sie an die Monitors weitergaben, die bleich auf dem geschwollenen, pfeilschnell dahinrasenden Strom standen.
Allmählich wurde es über dem Boden klar. Rosenfarbiges Gewölk stieg feierlich aus dem alten Gestein der Zitadelle, und um die graue Nadel des Minaretts flog Silberrauch. Drei Batterien standen bereit, den Turm Nebojfe niederzuschlagen, in dessen oberstem Stockwerk die sechs Maschinengewehre immer noch lebten.
Kolb winkte zuerst das Feuer der österreichischen achtzehner Haubitzen herbei. Die standen hinter einem Gebüsch in der Saveniederung in fast fünf Kilometer Entfernung. Kolb hatte gestern mit dem Richtkanonier selber gesprochen.
Knapp drei Minuten, nachdem Kolb den Befehl gegeben hatte, das Feuer zu eröffnen, hörten die Leute den dumpfen Abschuß der Batterie, und schon brauste eine schwere Lage durch die Luft. Die Granaten fielen weit jenseits des Turmes in die Stadt.
Kolb verbesserte die Entfernung. Die nächste Lage sah dreißig Meter hinter dem Turm, aber die Schüsse lagen zu weit auseinander. Kolb verbesserte abermals. Die Maschinengewehre der Serben begannen zu schießen. Kolb hörte am Takte der Schüsse, daß die Schützen aufgeregt waren. Erst jetzt sah er übrigens auch, daß zerfetzte Serbenleiber um den Trichter gestreut lagen: der von Au hatte sich ein Dutzend Reisegefährten mitgenommen.
Abermals rauschte ein Geschwader schwerer Eisenklötze durch die Lust. Eine Staubwolke stieg aus dem Turme des Despoten Georg Bankovic, eine Wolke aus rötlichem Sand. Sie blieb eine Weile stehen, gerade unter der Nebeldecke, und als sie zerflogen war, sahen die Soldaten, daß die rechte obere Ecke des Turmes fehlte, aber das Gebäude stand noch trotzig wie vordem, und sechs Maschinengewehrläufe rasten aus den schrägen Schlitzen. Die deutschen und die österreichischen Soldaten gaben dem tapferen Feinde Beifall. Die nächsten Salven der Artillerie nahmen genau denselben Weg, oder sie zischten zu weit links vom Turm in die Stadt.
Kolb schrie zu Paul Sang hinüber, der seine Befehle weiterwinkte: „Die Schweren sind zu breitbeinig! Achtzehner stopfen! Die Siebenzentimeter sollen vorkommen!" Der vorderste Monitor konnte den Beseht gerade noch über den Strom funken. Da aber hatten ihn die Serben erspäht. Während Schornstein, Holzgebälk und ein Teil der Kommandobrücke unter den Schlägen serbischer Granaten in die Luft wirbelten und das wunde graue Schiff langsam in den toten Winkel zurückkroch, fuhr am Nordufer völlig sichtbar eine Batterie leichter Artillerie auf. Die Pferde schäumten. Sie waren wie der Blitz ausgeschirrt. Neben dem Rohre stand der Leutnant und spähte nach dem Turm. Kolb schoß zwei Leuchtkugeln ab. Die erste stieg senkrecht hoch und stand schimmernd im Hochnebel: sie zeigte den eigenen Geschützen drüben die Stellung der Infanterie an. Die zweite funkelte feuerrot gegen den Turm und zersprühte am roten Stein. Das war das Ziel. Die roten Flaggen schrien die Entfernung hinüber zur Artillerie.
Die ganze Front hinunter standen die Soldaten auf dem Sprunge. Der Kampf wurde jetzt nackt. Es gab keine Schonung mehr, weder für den Feind noch für die eigene Brust. Vergebens riefen die Offiziere. Die Leute kletterten den Damm hinaus und schauten. Die Kameraden von der Artillerie schossen über den Strom auf dreitausendfünfhundert Meter Entfernung. Schon die erste Salve saß am Turm, aber er war i dick gemauert, daß die leichten Granaten ihn nicht zerrissen, er iferte nur. Unter dem Hurrageschrei der Soldaten, während die ser- v.lchen Granaten vom Topciderberg langsam das Gelände abtafteten, um die verruchte leichte Batterie zu fassen, zischten pfeilschnell die nächsten Lagen heran; sie spritzten höher in das Mauerwerk, der Turm schwankte, aber er stand.
Da sahen die Leute, wie fern der Artillerieleutnant den Boden stampfte und dem Richtkanonier zurief. Es entstand eine kleine Pause, nur die Maschinengewehre im Turm fangen ihr eintöniges Lied.
Da — plötzlich ein Blitz an den Rohren, und fast gleichzeitig, während die Soldaten noch den Peitschenschlag der knirschenden Granaten im Rücken spürten, ein zweiter gelber Blitz im Innern des Turmes. Die Artillerie hatte haarscharf durch den Schlitz gesck^sien, zwei Maschinengewehre schwiegen. Die Soldaten schrien wie besessen, den ganzen Bahndamm hinunter; einzelne Gruppen machten sich sturmfertig. Kolb, alle Sehnen auf das äußerste gespannt, mußte seine Winker andonnern, daß sie stehenblieben.
Die zweite Sage saß abermals genau in den Schlitzen, und ehe die Soldaten sich noch besinnen konnten, schlug Feuer aus dem Innern des Turmes, die Maschinengewehre schwiegen völlig. Man sah, wie Kalb aus dem Trichter sprang, über das freie Feld lief, vor feinen Winkern her, die im Abstand folgten, und als erster den flammenden Turm aufbrach. Die Batterie, die im Nu anschirrte und von serbischen Gr-"iaten umjault baoonftäubte, war längst vergessen.
~*n oberen Stock zerknallte Leuchtmunition, ein Serbe, am ganzen Leibe brennend, lag die Steintreppe herab, die Luft glühte. Aber Kolb drang durch den Rauch. Er sah die Verteidiger tot über ihren Ma- schinenaewehren hängen, einige saßen mit aufgerissenen A'w"n entseelt an der ^-mb; ja über den Tisch preßte sich mit zerschossen m Kopfe ein junger Offizier. Er hatte den Bleistift noch in der Hand, mit dem er eben die Meldung geschrieben hatte ...
Märziag.
Von Detlev von Liliencron.
Wolkenschatten fliehen über Felder, Blau umbunftet stehen ferne Wälder.
Kraniche, die hoch die Luft durchpflügen. Kommen schreiend an in Wanderzügen.
Lerchen steigen schon in lauten Schwärmen.
Ueberall ein erstes Frühlingslärmen.
Lustig flattern, Mädchen, drine Bänder, Kurzes Glück träumt durch die weiten Länder.
Kurzes Glück schwamm mit den Wolkenmassen Wollt es halten, muh es schwimmen lassen.
Herder.
Lin weg zu völkischer Bildung.
Von Eugen Kühnemann.
Eine schaffende Zeit schafft nicht nur für ihre Zukunft, sondern auch für ihre Vergangenheit. Sie sieht die eigene Geschichte neu und stellt sie unter den Sinn der neuen Aufgabe. Sie wägt die großen Geister der Vergangenheit und fragt, was sie ihrem Leben zu sagen Haden. Sie erschafft sich die Vorläufer, die ihrem Gedanken die Bahn gebrochen haben.
Herder ist im Schrifttum seiner Zeit der Aufbruch zu vollbe- wußter Deutschheit. Die Liebe zur deutschen Muttersprache zündete chm das Licht an, das ihm feinen Weg erleuchtete. Ihm als dem ersten war die Sprache nicht ein Regelgebäude der Grammatik, sondern ein lebendiges Wesen, das hervordricht aus dem erregten Gefühl ursprünglicher Menschheit, dem Menschen seinen Charakter der Besonnenhell schafft, mit dem er die Wesenszüge der Dinge bemerkt und behält, und die Kette der Ueberlieferung schmiedet, durch die allein es eine Geschichte und eine Einheit des Menschengeschlechtes gibt. In der Sprache eines Volkes lebt die gesamte Geschichte seiner Seele fort. In der Muttersprache allein guillt das uns eigene fieben. Darum gibt es lebendige Dichtung nur in der Muttersprache. Aus dem sprachschaffenden Genius des Volkes bricht sie allein hervor. Die Völker alle sind die Stimmen im Chor der Menschheit. Jeder Stimme kommt ihre Zeit, in der sie führt. In der Botschaft Herders lebt die Gewißheit: Die Zeit für die deutsche Stimme, jetzt ist sie gekommen. Zu seinen Füßen saß der Jüngling und hielt ihm in seiner Krankenstube zu Straßburg gute Kameradschaft, in dem die deutsche Stimme im Chor der Menschheit ihr Ewigkeitswort sagen sollte. Herder wußte es nicht. Es war der junge Goethe. Zwischen den reifsten Werken Lessings und den Erstlingen Goethes — welche Kluft! Die Brücke über diese Kluft heißt Herder. Er machte das letzte Ende mit der Poesie, die immer noch ein feines Gebilde der Schule ist. Er machte sie zum Naturlaut, da er sie aus der sprachschöpferischen Seele des Volkes als die Offenbarung hervorbrechen ließ, in der bas Volk sich selbst bie Seele erschafft.
Gott hat alles geistige Leben unter bas Gesetz gestellt, baß Leben immer nur vom Genius kommt. Dies Urgesetz bes Geistes unb ber Erde hat Herder dem schöpferischen Leben zurückgebracht. Er ruft die Dichter feiner Zeit zu der Ursprünglichkeit auf, mit der der Urmensch dem Weben der Natur gegenüberstand. Mit der ersten Sprachwurzel entstanden die Sprache unb Gott zugleich in ber Seele, benn bie Sprache suchte das geheimnisvolle Walten der Kräfte in der Natur zu fassen. Sie entstammte religiöser Ergriffenheit. So ist dem wahrhaften Dichter fein Lied immer wieder urerstes Erlebnis des göttlichen Waltens in ber Natur. Jedes Volk steht unter dem Gesetz, das ewig gleiche Menschenlos auf feine Art zu tragen und fein Erlebnis des Menschseins auf feine Weise in Liedern und allen Gebilden seiner nationalen Kultur auszuprägen. Die Völker sind die Instrumente, durch die der große Gesang der Schöpfung vielstimmig wiederklingt. Herder vernimmt die Seelen der Völker in ihren Liedern nicht nur, sondern im ganzen ihrer Volkskultur. Die Völker sind so viele Volksgenialitäten. Niemand vor ihm hat einen gleich feinen Sinn für jede Volksart gehabt, niemand vor ihm in gleich umfassendem Verstehen alle Völker in sein Weltbild ausgenommen. Die christliche Menschenliebe ist in ihm großes Erkennen geworden. Er legte diesen Zug der alloerstehenden Menschenliebe als Wesenszug in die neue deutsche Bildung hinein. Aber diese Siebe zum All der Völker quillt bei ihm aus der stolzen und sicheren Liebe zur Deutschheit. Der Stolz auf die deutsche Art und Kunst gibt ihm das Verstehen für die Fremden. Mit ihm zieht der Stolz der Deutschen auf sich und ihre Art in unser Schrifttum ein. Er ist der Prophet des Deutschtums und feiner Herrlichkeit. Wohl wird dies alles von dem höchsten Begriff der Menschheit umspannt. Aber Menschheit bedeutet nur die allgemeine Aufgabe, die Aufgabe, vollendeter Mensch zu sein, die jedem Volke auf feine Art gestellt ift Die Menschheit lebt nur in den Völkern. Indem ein jedes Volk sich in seiner eigensten Art erfüllt, tut es fein Werk für die Menschheit. Deutschtum ist eine Gottessendung. Wir können den Willen Gottes nicht anders erfüllen, als indem wir bis in jeden Laut hinein deutsch sind.
Dem genialen Seher erwächst aus seiner Grundanschauung ein Weltbild von stolzer Größe und Weite. Seine Welt nennen wir am besten das Wort Gottes. Denn wie die Dichtungen und Kulturen, so denkt er sich die Welt hervorgegangen aus ursprünglicher Schöpferkraft, die ihr Gebilde im ganzen und in allen Teilen überall als derselbe belebende Odem wie ein vollendetes Gedicht durchhaucht. So läßt er bie Reiche aufgehen ber Welt, ber Erbe, bes Lebens, ber Seele, ber Völkerseele, der Geschichte. So führt er in großartigem Gange die Völker und Kulturen auf von Ostasien über Westasien zu Griechenland und Rom und schildert in einem wahrhaften Kunstwerk weltgeschichtlichen Geschehens die Entstehung des christlichen Europa. Seine „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" wären kein Werk Herders,


