diesem Warner bk Flucht ergriffen haben Aber bu bist nicht gefährlich- du bist der einzige Mensch, von dem ich das bestimmt weist.
Er lächelte- es war der Augenblick, da hinter Frau o. Blinkburg die Flügeltüren der Halle zuschlugen. Dann setzte er sich wieder. Keine Erleuchtung kam über ihn. War er ein stumpfer Mensch, em Mann ohne Nerven? Oder ist es wirklich so, daß nie eine Ahnung uns warnt, wenn unser Schicksal einen gefährlichen entscheidenden Schritt tut?
Frau v. Blinkburg trug das versiegelte Paket auf ihr Zimmer. Sie spürte eine Schwäche in den Beinen. Die Stufen waren heute noch viel höher. Ihr Herz klopfte merklich, als sie, angelangt, die Stricke durch chnitt. Was würde der Schwager schreiben? Lag der Stockgrisf wieder dabei? Ja. Stockgrisf, Bries. Sie zersetzte den Umschlag. Las sie? Sank sie schon vorher in den Sessel?
Ehe die Ohnmacht sie ustising und wohltätig Licht und Wissen abblendete, hatte sie noch gelesen, daß der Stockgriff Blut aufwies. Menschenblut. Falls es interessiere: solches der Blutgruppe B, schrieb der Schwager. Die besten Grüße und die Wünsche für gute Erholung hatte sie nicht mehr gelesen.
Als sie erwachte — waren Minuten vergangen oder Ewigkeiten em- gestürzt — sand sie sich wieder in ihrem Zimmer.
Das Paket lag geöffnet auf dem Tisch. Der Stockgriff ragte ein wenig aus der Holzwolle heraus, ein gekrümmter Riesensinger mit drohender Gebärde. An der Erde lag des Schwagers Brief, der ihren Händen vorhin entglitten war.
Sie hob ihn mechanisch auf; aber sie las die Sätze nicht noch einmal. Wozu? Es war alles zu Ende.
Ihr war, als habe jemand sie über den Kopf geschlagen. Und sie erschrak vor dem entsetzlichen Vergleich: über den Kops geschlagen ...
Sie setzte sich wieder in den Sessel und starrte vor sich hin. Was nun? Was würde geschehen? Was hatte sie zu tun?
Frau v. Blinkburg stand unschlüssig. Da klopfte es an die Zimmertür und derselbe Kellner, der sie vorhin von Steyers Seite fortgerufen, derselben Mann, der sozusagen Schicksalsbote gespielt hatte, indem er ihr die Ankunst des Paketes gemeldet halle, er war es auch wieder, der nun Steyers Bitte überbrachte: Wenn es der gnädigen Frau angenehm sei, lasse der Herr Doktor Steyer sie in den Garten bitten; er habe ihr einige Eröffnungen zu machen.
Frau v. Blinkburg nickte.
„Ich komme", versprach sie.
Der Kellner ging.
Frau o. Blinkburg war leicht gereizt, diese Aufforderung empörte Ne. Er wird frech. Wahrscheinlich aus Angst. Ich muh ein Ende machen; schließlich heißt es, ich sei die Komplicin. Man hat mich zu oft mit ihm gesehen. Und eine neue, anderen Antrieben entspringende Röte schoß ihr ins Gesicht. Er mag seine Geschichte zu Ende erzählen; deswegen ruft er mich wahrscheinlich; aber bann, wenn er nicht weiter weih, wie regelmäßig am Schluß seiner Berichte, bann will ich biesmat die Pointe bringen!
Haben Sie zufällig einmal Ihr Blut untersuchen lassen, Herr Doktor Steyer? Richt? Nun, wenn es Sie interessiert, und bas müßte es eigentlich, Sie gehören in bie Blutgruppe B!
Sie sah fein Gesicht. Es verfärbte sich. Aber sie hatte kein Mitleid, nein, gar kein Mitleid mehr würde sie mit diesem Menschen haben!
Sie schritt die Treppe hinab. Das rosa Seidenkleid leuchtete und rauschte. Ihre hellfarbenen Strümpfe strahlten. Nur das Gesicht paßte nicht in diese frohe Sinfonie; es schien sonderbar verkniffen ober nach- benklich. Vielleicht war es eine Trauermiene.
Etwas war gestorben ...
10. Kapitel.
Abalbert Steyer saß noch auf ber gleichen Bank. Also war nicht viel Zeit vergangen? Es braucht nur Minuten für einen Weltuntergang.
Frau v. Blinkburg beherrschte sich gewaltig. Sie preßte bie Hände zusammen, schmerzhaft spürte sie die eigenen Nägel sich einbrücken. Ihr Atem war kurz. Sie brachte kein Wort heraus. Ihre Kraft würbe nicht lange reichen. Sie sah ihn nicht an, sonbern setzte sich neben ihn; sie war ja nur für einen Augenblick weggegangen, ihre Unsicherheit konnte nicht auffallen.
Tatsächlich verstanb Steyer alle biese Vorgänge nicht; vielmehr, er nahm sie gar nicht wahr. Frau v. Blinkburg war zurückgekommen, diese geliebte blonde Frau saß wieder neben ihm. Wundervoll, daß sie gekommen war; ber Kellner hatte bie Frage also wohl recht geschickt an» gebrach, wie er es von dem intelligenten Burschen erwartet hatte.
Er sprang sofort da in das Gespräch, wo die Unterbrechung erfolgt war.
„Keine wichtigen Nachrichten, die der Postbote gebracht hat, hasse ich? Man soll Ihnen — überhaupt uns — hier in den paar Wochen die wohlverdiente Ruhe lassen."
Wie er bas reben konnte! Wohlverdiente Ruhe! Das gab es also doch, daß ein Mensch mit solcher Tat auf dem Gewissen seine wohlverdiente Ruhe beansprucht! Was für Nerven, was für ein Gemüt. Sie entsetzte sich fast. Ihr war kalt, ein Schauer rann über ihre Haut. Die wirkliche Bewegung wagte sie nicht, aber sie rückte innerlich weit von diesem Mann ab.
Steyer jedoch, dieser Mensch ohne Gemüt, spürte nicht, was in der Seele dieser Frau vorging. Da er keine Antwort bekam, nahm er an, daß er mit seiner Mutmaßung bas Richtige getroffen hatte; unb selbstgefällig ober unwahrscheinlich sicher, wie er war, begann er roieber von seinem Besuch auf dem Pfenningshof zu erzählen
„Sie erinnern sich, ich sagte Ihnen, es sei mir ausgefallen, daß Glascha nach ber Besprechung mit mir sofort zu ihrem Vater in bas Turmgemach lief. Erinnern Sie sich? Gerabe ba kam ber Ober mit dem geheimnisvollen Warnunasbrief."
„Ja nattirlich", sagte Frau v. Blinkburg ziemlich kurz und kaum sehr höflich. Dieser Bries! Sie hätte sich ohrseigen mögen!
Steyer verwies sich sofort selber.
(Schluß folgt.)
Nacht im Zeucchaus.
Von Gottfried Keller.
Bleich beglänzte Wolkenscharen Draußen durch die Mondnacht fahren, Ungewisse Lichter fallen Hier in diese grauen Hallen.
Schwert an Schwert und Lanz' an Lanze Reihen sich mit düsterm Glanze, Banner, braun vom Schlachtenwetter, Rascheln da wie Herbstesblätter.
Licht aus heller Jugendfeme, Seid gegrüßt, ihr Morgensterne Und auch ihr mit tausend Scharten: Aexte, Schilde und Halmbarten!
Eifenhüllen, dunkel schimmernd, Gleich verglühten Sonnen flimmernd Steht ihr da, des Kerns Beraubte, Brust an Brust und Haupt an Haupte!
Die euch ehrne Chrysaliden
Sich zum Kleide mochten schmieden. Sind die Falter ausgeflogen?
Sag, wo sind sie hingezogen?
Und in welcher Schöpfungsweite Stehn die Helden jetzt im Streite? Sieht man sie im Feld marschieren Unter fliegenden Panieren?
In gedrängten Männerhaufen Stürmend an die Feinde laufen Und Dämonenheere schlagen, Ew'ge Freiheit zu erjagen?
Schweigen herrscht — sie ruhn im Frieden; Tatensroh sind sie geschieden. Ließen stolz und reich im Sterben Land und Freiheit ihren Erben.
Simm auf Belgerad.
Von Josef Magnus Wehner.
In der Hanseatischen Verlagsanstatt AG., Hamburg, erscheint unter dem Titel „Stadt und Festung Beige r a b" (Seinen 4,80 Mark! bas neueste Werk des Dichters Josef Magnus Wehner. Wehner gestattet darin den Siegeslauf des deuifchen Heeres durch Serbien während des Krieges. Wir veröffentlichen einen Auszug aus der Schilderung des Sturmes auf Belgrad.
Kalb kam erst im Morgengrauen des 8. Oktober vom Nordufer zurück (fr hatte die Kähne gelenkt, in denen breizehneinhalb frische Kompanien unb frische Munition übergesetzt würben. Schon bei seiner ersten Ankunst erfuhr er ben Tob bes Leutnants von Au. Der erste Schuh, eine schwere Zweiunbvierzigzentimeter-Granate, sei zu kurz gegangen ...
Bei biesem Worte stürzte er, als sei er selbst schütt, an bem frühen Tobe feines Offiziers, halb von Sinnen den schmächtigen Laufgraben entlang, um zu feinen Leuten zu kommen. In der Nacht aber mußte er öfter verhalten; überall, wo er stehendtteb und fragte, erzählten sie ihm schon von dem Heldenhasten Tode des jungen Offiziers. Er habe kurz vor dem vermuteten Beginn der Beschießung den Graben räumen lassen und sei selber ganz allein als Posten zurückgeblieben, um die Front zu warnen, wenn etwa die Serben unversehens in den Graben elnbrechen sollten. Auch seinen Burschen, der sich an seine Knie klammerte, habe er fortgeschickt, und von ihm, ber ganz verzweifelt war, habe man erfahren, wie seltsam bas Schicksal bes Leutnants an ben Turm gebunben sei, ber jebcn Sturm verhindere.
Er sei ausrecht unb ein wenig spöttisch im Graben geftanben, bie Arme gekreuzt, unb in jeber Hanb eine Wurfgranate. Allmählich sei es dunkel geworden und man habe ihn aus den Augen verloren, da er so unbeweglich und fahl wie Erde an seinem Posten stand, den Blick feinbroärts.
Kurz vor der Nacht sei es geschehen. Alle hätten zuerst geglaubt, ein Raddampfer rausche den Strom herab. Ader dann habe es gekracht, daß einige Zahnschmerz bekamen, andere vom Luftdruck in ben Strom geschleubert würben. Das Granatloch sei haustief, vom Leutnant habe man nichts mehr gefunben.
„Unb ber Turm?" fragte Kolb.
„Der Turm feuere noch ...", antworteten ihm zögernb bie Leute.
Dann habe eben bie Hexe an bie schwere Granate gebacht, als sie vom Turm sprach, schrie Kolb unb stürzte in bie Nacht zu seinem Zuge. Er fanb seine Leute ziemlich ratlos. Einige waren in ben Krater ber Granate hinuntergeklettert, einer hatte einen Knops, ein anberer ein versengtes Stückchen Tuch gefunben unb sie preßten bie Dinge stumm an sich unb gaben sie nicht aus ber Hanb, als seien sie heilig. Sonst aber hatten sie nichts mehr gefunden. Auch Kolb stieg noch einmal in


