Ausgabe 
15.6.1936
 
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tlnser Haus.

Von Hermann Claudius.

steine lieben vier Mauern, zwischen denen ich mit den Meinen ein Leben lang gelebt: wird irgend etwas dauern, das euch nach uns noch heimlich umschwebt?

Andere werden kommen und zwischen euch wirken und leben und sein. Wird es ihnen frommen zu ihrem Glücke oder zu ihrer Pein?

Manch lieber Gedanke manch liebes Lied und Wort, o du vielbuntes unsichtbares Geranke, wärst du auf einmal verschwunden und ewig fort?

Gottes Geist ist um jede Blüte und um jedes tote Gestein.

Meine lieben vier Wände, von seiner Güte wird ein heimlicher Hauch auch um euch noch sein.

Sm Zuwetierladen.

Eine Erinnerung von Selma Lagerlöf.

Jetzt waren wohl die größten Beschwerlichkeiten für dir Reisenden überstanden. Sie brauchten nicht mehr zu fürchten, auf dem schlechten Weg nach Karlstadt umgeworfen oder auf dem Wenernsee seekrank zu werden, sondern waren nun glücklich in Göteborg angekommen. Jetzt war alles Ungemach vergessen, und in dem schönen Sommerwetter waren sie ausgezogen, sich die Stadt anzusehen.

Als sie durch die Osthafenstraße wanderten, schritt Leutnant Lagerlöf voraus, den Stock in der Hand, den Hut im Nacken und die Brille auf der Nase. Hinter ihm kam Frau Lagerlöf mit Johann an der Hand, ihr folgte Mamsell Lovisa, die Anna führte, und den Schluß bildete Back- Kajsa mit Selma. Sie trug das Kind auf dem Arm, weil sie es nicht für passend hielt, es auf dem Rücken zu tragen, solange sie in der Stadt waren.

Leutnant Lagerlöf trug einen braunen Rock und einen hellen Stroh­hut. Frau Lagerlöf und Mamsell Lovisa prangten in weißen Panama­hüten mit breiten, nickenden Rändern und in großen, echten gewirkten Umschlagtüchern, die, ins Dreieck gelegt, ihre weiten schwarzseidenen Röcke und feinen Samttaillen mit weißem Einsatz sowie die weiten bauschigen Manschetten fast ganz bedeckten. Johann hatte einen Blusen­anzug an aus schwarzem Samt und Anna ein steif gestärktes, blau- getupstes Kattunkleidchen sowie Hut und Sonnenschirm und Krinoline. Selma trug das gleiche blaugetupfte, steif gestärkte Kattunkleidchen, hatte aber keinen Hut, sondern einen zu Hause angefertigten weißen Helgo­länder auf dem Kopf und weder Sonnenschirm noch Krinoline.

Während Leutnant Lagerlöf so dahinschritt, drehte er sich ab und zu um und betrachtete die Reihe Frauenzimmer und Kinder, die hinter ihm herkamen. Er nickte und lachte, und man konnte ihm wohl anmerken, wie er sich freute, sie bei sich zu haben.

Hier ist noch keines von uns je gewesen", sagte er,nun wollen wir uns aber auch alles ansehen."

Sie wanderten also die Straße entlang und betrachteten die Häuser und die Kanäle mit ihren Brückchen, die Wagen und die Spaziergänger, die Schilder und die Gaslaternen, aber am meisten interessierten sie doch die Schaufenster.

Leutnant Lagerlöf drängte nicht vorwärts, im Gegenteil, alle mit­einander sollten sich nach Herzenslust sattsehen und vergnügen.Hier kennt uns niemand", sagte er,guckt nur, solange es euch freut!"

In einem Modewarenschaufenster erblickte Mamsell Lovisa einen Hut, der mit weißem Schwanenpelz und zartroten Rosenknospen aus­geputzt war, und da blieb sie mit Anna an der Hand wie gebannt stehen; demgemäß mußten auch Leutnant Lagerlöf und Frau Lagerlöf und Johann und Back-Kajsa mit Selma auf dem Arm vor dem Schwanenpelzhut stehen bleiben. Mamsell Lovisa dachte nicht an die andern, sie stand wie verzaubert da, und Leutnant Lagerlöf freute sich, sie so hingerissen zu sehen. Aber schließlich ging ihm doch die Ge­duld aus.

, Du hast doch wohl nicht die Absicht, dir diesen Hut anzuschaffen, Lovjla?" sagte er.Weißt du, der paßt besser für eine Siebzehnjährige."

Es kann doch auch einer Alten Freude machen, etwas Schönes zu sehen", versetzte Tante Lovisa, die schon die erste Jugendblüte hinter sich hatte, obwohl sie noch schön und stattlich war.

Aber nachdem sie sich von dem Schwanenpelzhut losgerissen hatten, kamen sie an einen Juwelierladen, und nun war es Leutnant Lagerlöf, der stehen blieb. Als er eine Weile die Ringe und Armbänder und die silbernen Löffel und Becher und alles übrige, was ausgelegt war, betrachtet hatte, fing er vor lauter Entzücken leise zu fluchen an.

Hier gehen wir hinein", sagte er.

Aber Gustav", mahnte Frau Lagerlöf,wir kaufen doch jetzt keine solchen Sachen."

Sie legte die Hand auf seinen Arm und wollte ihn zurückhalten; aber er hatte schon eine große Glastür geöffnet und war eben im Be­griff, in den Laden einzutreten. Und da blieb den andern auch nichts

weiter übrig, als ihm zu folgen, Frau Lagerlöf mit Johann, Mamsell Lovisa mit Anna und Back-Kajsa mit Selma auf dem Arme.

Als sie eintraten, stand Leutnant Lagerlöf schon vor dem Ladentisch und sprach mit einem jungen Verkäufer.

Nein, kaufen will ich nichts", sagte er,aber im Schaufenster liegen so viele schöne Sachen, und da konnte ich der Lust nicht widerstehen, hereinzukommen und zu bitten, auch die andern schönen Sachen, die Sie noch hier haben, sehen zu dürfen."

Der junge Mann, mit dem er sprach, sah etwas betreten aus und wußte nicht, was er erwidern sollte. Und Frau Lagerlöf und Mamsell Lovisa hatten beide die Hände auf des Leutnants Schultern gelegt und versuchten, ihn wieder mit sich aus die Straße zu ziehen.

Da kam der Besitzer des Ladens selber aus dem Ladenstübchen. Er hatte wohl gehört, daß mehrere Leute in seinen Laden eingetreten waren, und dachte, er könne ein gutes Geschäft machen. Er stellte sich neben den jungen Ladendiener, legte die flachen Hände auf den Tisch und sagte einladend:

Was steht zu Diensten?"

Leutnant Lagerlöf erklärte noch einmal, was er wünschte. Er fragte, ob er sich die schönen Sachen ansehen dürfe, die ringsum stünden, ob­gleich er nicht in der Lage fei, etwas zu kaufen.

Der Goldschmied drehte den Kopf ein wenig und sah schräg an dem Leutnant hinauf.

Der Herr ist gewiß ein Wermländer?" fragte er.

Potz Tausend noch einmal, was sollte ich denn sonst fein!" ver­setzte Leutnant Lagerlöf.Natürlich bin ich ein Wermländer."

Da fingen alle an zu lachen, alle miteinander, die in dem großen Laden standen. Alle Ladendiener und Kontoristen versammelten sich lachend um Leutnant Lagerlöf, und aus einem inneren Zimmer trat eine feingekleidete Dame, die Frau des Goldschmieds, und wollte auch hören, was es Lustiges im Laden gebe.

Aber Frau Lagerlöf und Mamsell Lovisa Lagerlöf waren in der größten Verlegenheit, lieber wären sie wieder voll Angst und Beben in der Kutsche gesessen oder hätten sich im Sturm auf dem Wenernsee schaukeln lassen, als hier in dem vornehmen Laden zu stehen. Und so versuchten sie aufs neue, den Leutnant aus dem Laden herauszubringen.

Komm doch, Gustav!" baten sie.Laß uns doch um Gotteswillen gehen!"

Nein, nein", sagte der Goldschmied in liebenswürdigstem Ton, bleiben Sie, bleiben Sie! Wir bitten, Ihnen alles zeigen zu dürfen, was wir haben."

Er gab dem Ladendiener Befehle, und da wurden Schränke ge­öffnet und Leitern erklettert, um herauszuholen, was auf den oberen Regalen stand. Bald war der große Ladentisch bedeckt mit Gold- und Silbersachen. Der Goldschmied und seine Frau suchten eifrig aus, was besonders beachtenswert war, zeigten es ihren Besuchern und berichteten dabei, wozu die einzelnen Sachen dienten und wie sie gearbeitet waren.

Leutnant Lagerlöf putzte feine Brille mit einem seidenen Taschen­tuch, um besser sehen zu können. Er bestaunte und bewunderte, nahm schwere silberne Kannen in die Hand und betrachtete ihre Verzierungen.

Siehst du, Lovisa", sagte er,hier ist es noch viel großartiger als in der Propstei zu Sünne!"

Ein andermal hielt er Back-Kajsa eine silberne Schale vor die Augen und rief:Der Riese im Asberg speist sicherlich nicht auf feinerem Ge­schirr, Kajsa!"

Alle Ladendiener kicherten und lächelten und machten sich über die Fremden luftig. Der Goldschmied und seine Frau waren ebenfalls munter und vergnügt, aber auf andere Weise. Sie waren freundlich, und Leut­nant Lagerlöf gefiel ihnen offenbar sehr gut. Es dauerte nicht lange, da wußten sie, wer er war und wer die waren, die er bei sich hatte, und daß er nach Strömstadt wollte, um dort Heilung für fein Kind zu suchen, das ein Hüstleiden hatte und nicht gehen konnte.

Als Frau Lagerlöf und Mamsell Lovisa merkten, wie gut alles ab­lief, beruhigten sie sich und halfen bewundern. Frau Lagerlöf war voll Freude, als sie an silbernen Löffeln dasselbe alte Muster sah, das sie in ihrem Elternhause gehabt hatten, und Mamsell Lovisa war jetzt von einer Zuckerdose ebenso begeistert wie vorhin von dem Schwanenpelzhut.

Als sie sich endlich satt gesehen hatten und Abschied nahmen, war es gerade, als schieden sie von alten Freunden. Der Goldschmied und seine Frau und alle Ladendiener begleiteten sie bis auf die Straße hin­aus; die Vorübergehenden glaubten sicherlich, hier seien Einkäufe von vielen tausenden Kronen gemacht worden.

Ja, und nun bitte ich Sie noch vielmals um Entschuldigung", sagte Leutnant Lagerlöf, als er die Hand zum Abschied ausstreckte.

Keine Ursache, Herr Leutnant", erwiderte der Goldschmied.

Wir haben Ihnen soviel Mühe gemacht", warf Frau Lagerlöf in entschuldigendem Ton ein.

Sie haben uns eine sehr angenehme Stunde bereitet", sagte der Goldschmied.Lassen Sie es sich ja nicht gereuen. Man darf doch auch einmal etwas zu feinem Vergnügen tun, wenn man auch im Laden stehen muß."

Als Leutnant Lagerlöf nun den Weg durch die Osthafenstraße fort­setzte, saß ihm der Hut noch tiefer im Nacken als gewöhnlich. Er schwang fernen Stock und war sichtlich stolz auf sein Abenteuer.

Aber Frau Lagerlöf sagte leise zu Mamsell Lovisa:Ich kann dir gar nicht sagen, wie bange ich war, denn ich glaubte gewiß, wir würden hinausgeworfen werden."

Ja, ein andrer als Gustav hätte das auch nicht fertig gebracht", erwiderte Mamsell Lovisa.Aber er ist eben ganz und gar unwider­stehlich."