Ende nicht hatte, weib- über- hatte,
Diese Jnteressenverlagerung war nicht ganz unverständlich. Am ist ein Mensch immer wesentlicher als ein Bild, und es ließ sich leugnen, daß der Pfarrer Malletke sich einem Menschen zugewandt Er stand in der Ecke der Kapelle und sprach halblaut mit einem lichen Wesen, das Georg Ebener über dem berühmten Bild völlig sehen, das sein ehemaliger Mitschüler offenbar aber sofort entdeckt
weil er es nämlich kannte.
Der Doktor Ebener wußte nicht recht, was er tun sollte. Sein Bedarf an Verdammten war gedeckt und sein Kunstinteresse ebenfalls. Hingehen wäre indiskret gewesen, warten war langweilig. Er besah pflichtgemäß noch ein Weilchen di« bunten Wiesen hinter dem wunderlichen Spitzbogentempel der Gerechten; dann begann er zurückgebogenen Hauptes die Gewölbe in der Höhe zu mustern, als hätte er Zeit seines Lebens Architektur studiert.
Er war schließlich so vertieft in das veränderte Bild, daß er leicht zusammenfuhr, als eine Hand sich auf feine Schulter legte und der Pfarrer freundlich fragte, ob er ihn Fräulein Müller vorstellen dürfte.
Georg Ebener kehrte mit einem Ruck aus der Höhe in die Tiefe zurück und verneigte sich leicht vor der jungen Dame, die unvermutet vor ihm stand. Sie war schlank und groß, und er hatte das Gefühl, sie schon einmal gesehen zu haben. In ihrem Gesicht war etwas Gespanntes, Suchendes; über der schmalen, feinen Nase saßen zwei Falten, und der Mund hatte etwas Zusammengepreßtes, Verschlossenes.
„Brausewetter ist nicht mehr hier, sagte Fräulein Müller", bemerkte der Pfarrer. „Er ist schon hinüber nach dem Rathaus. Wollen Sie noch bleiben?" wandte er sich an das junge Mädchen — wie es dem Doktor schien, mit einem besonders vorsichtigen Ton in der Stimme.
Sie schüttelte stumm den Kopf, warf einen raschen Blick auf das still leuchtende Memlingbild und wandte sich zur Türe. Der Pfarrer nickte und folgte ihr; der Doktor Ebener kam als letzter mit dem Gefühl, etwas überflüssig geworden zu sein.
Vor der Kapelle fragte ihn der Pfarrer, ob er noch das Steinerne Brot und die Grabplatte sehen wollte, durch die di« Hand mit den fünf Fingern hindurchgewachsen war. Georg Ebener verneinte; so verließen sie die Kirche und standen bald draußen am Fuß der gewallig himmelan ragenden Turmwand, auf einem Fleckchen Sonne, das dort schmal und bescheiden neben all dem vielen Schatten rings um die alte Kirche lag.
Der Pfarrer fragte, ob Fräulein Müller schon lange wieder in Danzig sei. Sie schüttelte den Kopf: erst seit gestern sei sie wieder in Zoppot. In Danzig und in der Kirche sei sie heute zum erstenmal gewesen, und morgen müsie sie zurück.
Als sie von Zoppot sprach, sah Georg Ebener sie suchend an. Es war für ihn etwas von Vekanntfein um sie — trotz des kühlen, frernden Gesichts, mit dem sie ihm jetzt zum Abschied die Hand reichte.
„Ein merkwürdiges Mädchen", sagte der Pfarrer und sah ihr nach, und dann erzählte er ihr Schicksal oder vielmehr das ihrer Eltern. Sie stammte aus der Neidenburger Gegend, Kind begüterter Leute, die dort eine größere Besitzung hatten. Als der Krieg ausbrach, wurde der Vater eingezogen, die Kinder mußten mit der Mütter flüchten, wurden unterwegs von ihr getrennt und hörten nie mehr etwas von ihr — und vom Vater auch nicht.
Georg Ebener sah erstaunt auf. Der Pfarrer hob die linke Schulter: „3a, mein Lieber, wenn du damals Danzig gesehen hättest, all die Tausende, die aus den Aemtern verlorene Kinder und Eltern und Geschwister suchten, die Zeitungen all« seitenlang voll von Inseraten: Wo ist der, und wo ist der? — Wer kann Auskunft geben? Da würd'st du dich nicht wundern. Die Sach' an sich ist ja auch nicht so merkwürdig, wie daß sie immer wieder zu dem Bild kommt."
„Zu welchem Bild?"
Zu dem Memling hier. Sie ist Schwester geworden, Kinderpflegerin, oben in Ostpreußen. Aber jedes Jahr ist sie ein paarmal hier, und immer acht sie zu dem Bild. Der Bruder hat's mir mal erzählt; in seinem letzten Brief hätt' der Vater, der gleich bei der Mobilmachung hierher einrücken mußte, von dem Bild geschrieben, wie er da immer hinging, wenn er vorbeikäm': er beschrieb den Herrn aus dem Regenbogen und vor allem die Seligen, wie tröstlich das wär, und wie es Kraft gäbe und beinahe was von zu Haufe hätt'. Das schrieb er, und dann mußten sie fort und hörten nie mehr was von ihm: das Regiment hat ihn nach ein paar Monaten als vermißt gemeldet, und keiner weiß, wo er geblieben ist. Aber als das Kind größer würd', ging es immer, wenn es hier war, in die Kirch' zu dem Bild, als ob es dort am End mal den Vater treffen könnt'."
Der Doktor Ebener schüttelte den Kops: „Denn war das doch ne andre."
Der Pfarrer machte erstaunte Augen. Georg Ebener erzählte von der Wellenreiterin und dem Jüngling im Boot, und wie er einen Augenblick geglaubt hätte, sie in Fräulein Müller wiederzuerkennen. Aber das fei danach wohl ausgeschlossen.
O nein", lachte der Pfarrer, .Durchaus nicht, Regina Müller ift zwar ein sehr ernstes Mädchen, aber eine leidenschaftliche Schwimmerin, und es ist durchaus möglich, daß sie es war. Der Jüngling ist ihr Bruder, er hat 'n Motorboot." . „.
„ffiie heißt sie?" fragte Georg Ebener, und in seine Stirn gruben sich ebenfalls zwei Falten.
„Regina Müller", antwortete der Pfarrer erstaunt.
''Merkwürdig", sagte Georg Ebener.
Mittag aßen die beiden bei Lautenbacher in der 3opengaste. Sie waren langsam zwischen den Beischlägen durch die alten Straßen um Sankt Marien geschlendert, in denen die Linden und die Ulmen im stischen Grün vor den grauen, schwingenden, alten Giebeln leuchteten, waren durch das Krantor mit seinem wunderbar braunen, schweren Holzausbau zur Mottlau gegangen, in der qualmend die Dampfer lagen und aus den tarierten Speichern drüben am andern Ufer knarrend neue Ladung einnahmen. Sie waren zu ihrer alten Schule am Franziskanerkloster geschlendert und hatten sich um das Museum daneben herumgedruckt.
Das ist für die Fremden, ich bin Danziger", hatte der Doktor Lbener gesagt und der Pfarrer hatte zugestimmt. Auch das Uphagenhaus hakten sie sich nur im Vorbeigehen betrachtet; aber auf dem Langen Markt war Georg Ebener doch eine Weile stehengeblieben, hatte sich umgesehen zu dem zierlichen Geträufel des Rathausturms emporgenickt, der über dem schweren Rot des gotischen Unterbaues in den Himmel stieg, und hatte sestgesteUt, daß es so etwas wie dies — er machte eine Bewegung, di« vom Arttishof bis zum Grünen Tor alles umfaßte — immerhin nur in Danzig gäbe.
Nun faßen sie im Schatten auf dem kleinen Beischlag bei Sauten- bacher über sich den Himmel mit den vorüberschießenden Schwalben, zur Seite über dem Grün der Balkonwand einen Teil des bunten Giebelbarocks der Zeughausfront, gegenüber aus Lindenwipfeln aufragend den im Hellen Sonnenlicht glühenden Marienturm. Der fenose Kellner brachte das Essen. Der Doktor Ebener kostete und nickte höchst befriebigt: „Sieh mal an."
Der Pfarrer Malletke lachte. „3a, mein Lieber, komm du man zu uns in den Osten. Da kannste lernen, was gutes Esten heißt.
Der Doktor meinte, das hier sei doch eine einmalige Ausmchme; aber der Pfarrer schüttelte den Kopf. O nein, er könne ihn noch an mindestens drei, vier andere Stellen führen, wo es ihm genau so gut schmecken würde. „Wenn du noch bleibst, gehen mir morgen in den Speisewagen und abends zu Nagest" Und Stremeilachs mit Machandel bekäme er beinahe überall in der gleichen ausgezeichneten Qualität.
Sie aßen, tranken, trotz des warmen 3unitages selbstverständlich Rotwein: denn nur den gab es hier an der Wasserkante in wirklich berühmter Güte. Der Doktor fragte nach anderen Schulgefahrten, was aus ihnen geworden fei, nach alten Lehrern; aber dazwischen tauchte vor ihm immer wieder ein junges, herbes Gesicht mit zwei Falten in der Stirne auf. Einmal sah er fein Gegenüber an und hatte bereits eine Frage auf der Zunge; bann verschluckte er sie wieder und spülte sie mit einem Schluck des milden Bordeaux hinunter.
Beim Kaffee fragte der Pfarrer, was Ebener nun weiter zu unternehmen gedenke. Der Doktor, der von dem guten Esten und Trinken einen leicht geröteten Schädel bekommen hatte, blies langsam genießerisch den Rauch seiner Zigarre von sich: „3ch weiß es selber nicht. Heut will ich etwas hinaus nach Oliva oder nach Heubude; über morgen habe ich noch nicht nachgedacht."
Der Pfarrer strich die Asche von seiner Zigarre. Ob er Lust hatte, nach I Marienburg mitzukommen. Er mühte morgen mit dem Wagen hm; sie könnten einen Umweg machen, und er sähe wieder einmal Weichsel und Werder und nachher das Schloß. Am Nachmittag könnten ne zuruck |Cin',Du bist unverheiratet?" fragte der Doktor Ebener vorsichtig.
3ch war verheiratet", sagte der Pfarrer ruhig. „Aber meine Frau und" die Kinder konnten das Klima schon im Frieden nicht vertragen, sie war aus dein Reich. Und als der Krieg und all die Entbehrungen kamen | — sch war damals Pfarrer in Elbing ... da liegen sie alle drei auf dem | ' Der Doktor nickte und dachte an feine Ahnfrau, wobei er wieder das junge, schmale Gesicht sah. „3a — Marienburg. Vielleicht kann ich da auch noch mal fragen. Am Ende bringt ein Zufall was. . .
Der Pfarrer stimmte zu. „Es war ,a um die Zeit beides bei den Polen — wann ist deine Urgroßmutter geboren?
„1760", sagte der Doktor.
I (Fortsetzung folgt.)
einen Wink und ließ bann feinen Gast mit leichter Handbewegung in die Kapelle eintreten. . _ . . ,.. ,
Halbdunkel lag in der Tiefe des von der übrigen Kirche abgejchloj- fenen Raumes: nur oben unter den Gewölben siegte der 3unitag. Rechts vom Eingang ragte, von unsichtbaren elektrischen Lampen wunderlich weltlich bestrahlt, das berühmte Bild, dessen sich jetzt auch der Doktor entsann, obwohl seine Beziehungen zur bildenden Kunst nicht weit über ben Besitz einer Reprobuktion ber Rembranbtschen Anatomie hinaus- ginqen. Er entsann sich auch nicht eigentlich bes Bilbes, sondern vielmehr seiner Geschichte. Da war nämlich etwas von Seeräuberei dabei gewesen, und das hatte ihn schon damals interessiert. Paul Beneke hieß der tapfere Kapitän, der dem Herzog von Burgund einen Kahn kaperte, auf dem das Gemälde, für irgendeinen Florentiner Geldsack bestimmt sich befand. So war es nach Danzig gekommen, und selbst Napoleon hatte es nicht für die Dauer fortholen können, und darum wußte sogar der Doktor der Medizin Georg Ebener davon, obwohl er sonst weder zu Memling noch zu seinem Thema sonderlich viel Hinneigung verspürte.
Die Kapelle war leer; irgendwo draußen zwitscherte em Bogest das Bild leuchtete im warmen Schein des Lichtes seltsam hell durch die Dämmerung. Ohne viel zu denken, betrachtete der Arzt das 3üngst« Gericht, den thronenden Christus im roten Mantel auf dem funkelnden Regenbogen, den Erzengel Michael im strengen Panzer, der die Auferstandenen auf feiner Waage wägt; dann die Seligen, die zu dem Tempel emporsteigen, und die Verdammten, die auf der anderen Seite zur Hölle hinabstürzen. Er betrachtete es, wie er Bilder zu betrachten pflegte: pflichtgemäß, ein bißchen verwundert darüber, wie Menschen so etwas machen und wie sie mit solchen Sachen so berühmt werden konnten.
Der Pfarrer stand neben ihm und betrachtete ebenfalls das Gemälde. Aber er schien nicht recht bei der Sache zu fein. Er sah mehrmals zur Seite, wo die Kapelle unter den Fenstern verdämmerte, und entfernte sich schließlich nach der Fensterwand hinüber, damit ben letzten Faden von Verbindung zwischen dem medizinischen Betrachter und dem theologischen Kunstwerk auch noch abschneidend. Georg Ebener interessierte sich viel mehr für das, was der Pfarrer da im Dämmer entdeckt hatte, als für die eschatologifchen Schicksal« der unglücklichen Opfer der Tättg- keit von früheren Angehörigen feines Berufes.


