Gießener ZamilieniMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1936 Montag, den 15. Juni Nummer 45
Oie Fahrt nach der Ahnfrau
Erzählung von Paul Fechter
Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
1. Fortsetzung.
Ein wenig mußte er überlegen. Das da hinter dem langen Platz zur Linken, mit der Säulenhalle davor und dem griechischen Tempelgebiet, das war das Theater, und hier gleich beim Stockturm, um den weiß die Tauben flatterten und die Schwalben mit Hellem Pfeifen durch die warme Luft schossen, da ging es zur Langgasse und zum Langen Markt. Er schritt durch das Halbdunkel des Bogens, und vor ihm lag die schmale Straße, wimmelnd von Menschen, zur Linken überragt von der zierlich barocken Silhouette des Rathausturmes. Das Sonnenlicht fiel noch halb von vorne: die Straßenwand zur Rechten lag im Schatten. Georg Ebener ging langsam seines Weges, als erwarte er bei jedem Schritt etwas Unerwartetes.
Und auf einmal traf ihn auch eine Ueberrafchung, daß er unwillkürlich stehenblieb. Drüben, auf der Sonnenseite der Straße, öffnete sich eine Gasse: schmal, hoch, leicht gekrümmt, noch voll vom Schatten des Morgens zog sie sich in die Tiefe: über ihr aber stieg, die ganze Breite des Raums zwischen den Häusern füllend, die wie ein machtloser Abgrund zu seinen Füßen zurückblieb, ein Turm auf: schwer, wuchtig, im Rotbraun seiner Backsteine dunkel im Morgenlicht leuchtend und den Blick und die Seele widerstandslos hinaufreihend in das jubelnde Blau des Junihimmels — der Turm von Sankt Marien. Beinahe drohend, mit einer ungeheuren Ueberlegenheit, ragte der riesige Turmstumpf mit dem niedrigen Dach, seine Stockwerkgliederungen mühelos mit seinem Trieb zur Höhe überwältigend, in das Licht. Der Doktor Ebener wußte, daß dort Sankt Marien tag; er hatte von vielen Bildern noch eine ziemlich feste Vorstellung von dem Bau gehabt. Jetzt stand er auf einmal da und hielt den Atem an, bevor er langsam die Straße überquerte und die Gasse entlang aus die ragende Festung Gottes zuwanderte. Den langen Markt, den Artushof, die Mottlau hatte er vollkommen vergessen: er hatte das Gefühl, daß sein erster Besuch schicklicherweise nur diesem Riesen gelten konnte. Ihm war, als hätte er noch nie eine so große Kirche gesehen. Nicht einmal in Köln.
Aber dann fand er die Kirche geschlossen, und beim Küster, zu dem man ihn wies, eröffnete ihm ein freundliches Mädchen, daß die nächste Führung erst um elf sei, einer Trauung wegen; ob er vielleicht inzwischen den Turm besteigen wolle. Die Aussicht sei sehr schön, vierzig Pfennig pro Person.
Indessen, der Doktor Ebener wollte nicht. Treppen waren nicht seine Leidenschaft. Er sagte, er würde wiederkommen, und entsann sich, daß fein Besuch in dieser Stadt eigentlich nicht Sankt Marien, sondern der heiligen Katharina galt. Im Haus der Mutter Gottes war er ein Fremder; bei Sankt Katharinen hatte er zum wenigsten in den Kirchenbüchern ein gewisses Familienheimatsrecht.
Wo Sankt Katharina lag, wußte er nicht mehr. Das freundliche Mädchen, das ihn so gern zur Turmbesteigung verleitet hätte, beschrieb ihm den Weg, und bald stand Georg Ebener an der raschen Radaune, hörte das Wasser an der Alten Mühle rauschen und sah vor sich den beschatteten schweren Giebel der Katharinenkirche aufragen, von deren Türmchen gerade heiter gedankenlos das Glockenspiel leicht verstimmt in den Hellen Tag fiel. Er hotte sich verlaufen und war weit ober» ha"' >r Kirche herausgekommen, bei dem schönen, berankten Giebel- Ha! das, wie der Baedeker behauptete, einmal den Aebten von Pelplin gehört hatte. Der Doktor ärgerte sich, daß er nicht die geringste Vorstellung hatte, wo Pelplin lag und was es eigentlich war. Hier Am Sande, so hieß die Straße, war es still und menschenleer. Ein Betrunkener sah auf der Brücke am Geländer in der Sonne und unterhielt sich mit sich selber; es schien aber niemanden zu stören.
Georg Ebener fragte sich nach dem Pfarrhaus durch und stand bald im Amtszimmer vor einem jungen Mann, der den Fremden zuerst mit einem gewissen Mißtrauen betrachtete, dann aber, als er auf dessen Kirchenbuchauszügen die eigene Handschrift wiedererkannte, zutraulich wurde und erklärte, mehr als er gefunden habe, könne kein Mensch finden. Er habe auf die mehrfache Bitte des Herrn Doktor alles noch einmal durchsucht, auch der Herr Leutnant Ebener habe ja noch einmal geschrieben wegen der Herkunft von Regina Katharina Müller — jawohl, er wisse die Vornamen schon auswendig — aber es fei nichts mehr ausfindig zu machen gewesen.
Der Doktor sah den jungen Mann, der im schönsten Danziger Dialekt seine Mitteilungen vorbrachte, mißtrauisch an. Was man denn noch machen könne?
Der Gefragte zuckte die Achseln. Gleichzeitig machte er einen tiefen Diener; denn aus dem Nebenzimmer kam ein Herr in langem Gehrock und kurzem graumeliertem Vollbart, dem man sofort den geistlichen Berus ansah. Er nickte, ging zu dem Arbeitstisch am Fenster und begann dort zwischen den Papieren zu suchen. Den Fremden überließ er seinem Helfer.
Zunächst wenigstens. Denn als das Gespräch weiterging und der Name Ebener von neuem fiel, hob er das Haupt, und als der junge Mann eifrig versicherte, der Herr Doktor Ebener könne ihm glauben, daß er wirklich gewissenhaft — er sagte gewissenhaft — arbeite, da erhob sich der Geistliche, kam heran und fragte, ob er Doktor Georg Ebener vor sich habe. Als der etwas erstaunt feine Identität mit dem Arzt dieses Namens zugab, lächelte der Pfarrer, streckte ihm die Hand hin und fragte ihn, ob er ihn denn nicht mehr kenne. Er heiße Malletke, Franz Malletke.
Längst vergessene Gesichter tauchten aus der Seele des Arztes ckuf. „Mein Gott — Malletke", sagte er und suchte in dem bärtigen, bebrillten Gesicht des andern den Knaben, der einst diesen Namen getragen hatte.
„Erinnern Sie sich?" fragte der Pfarrer. „Mir fiel schon, als Sie schrieben, Ihr Name auf, und nun ich Sie fehe ..."
„Mensch, Malletke", sagte der Doktor Ebener, „jetzt erkenne ich dich — Himmelherrgott ..."
Der Pfarrer nickte. „Ja, ja, mein Lieber — heut können wir Horaz zitieren, was wir früher nicht gern taten."
„Beim alten Lueck, weißt du noch?", rief der Arzt. „Eheu fugaces Postume, Postume." — Er sprach die Verse so ostpreußisch, wie es ihm nur möglich war. Der junge Mann hörte mit einigem Erstaunen zu.
Der Pfarrer bestätigte sodann, daß hier in Sankt Katharinen nichts weiter zu finden sei, als man den Brüdern schon mitgeteilt hätte. Aber es gäbe noch die Möglichkeit, daß drüben in Sankt Marien Eintragungen seien: er habe schon mit Brausewetter darüber gesprochen, der meinte, sich zu erinnern, Ebeners sogar unter seinen Pfarrkindern gehabt zu haben — von Müllers ganz zu schweigen.
„Das glaub’ ich", sagte der Doktor und erzählte, wie man ihn in Sankt Marien auf den Turm verwiesen hätte. Der Pfarrer griff nach feinem Hut. Wenn er mitkäme, ließe man ihn überall hin, und sie könnten vielleicht sogar selbst in den Kirchenbüchern nachsehen.
Dazu kam es nun freilich nicht. Aber der junge, rundliche Mann, der unter dem dicken Turm die Ahnen der heutigen Danziger betreute, versprach genaueste Durchsicht; die Herren könnten sich auf ihn verlassen — sie sollten nur inzwischen in die Kirche gehen. Der Herr Archidiakonus sei auch eben dorthin; wenn sie fertig wären, hoffe er, da ja die Daten alle schon feftgeftellt seien, Auskunft geben zu können.
Die beiden gingen hinüber; ein Junge schloß eine Seitenpforte auf und sie standen in dem ragenden Raum zwischen den Riefenpfeilern, die vom Staub der Jahrhunderte zart und lebendig marmoriert aufftiegen zu den dämmernden Gewölben hoch in der Höhe. Lautlos und langsam wehten die alten, verwitterten Fahnen der Geschlechter oben über den dunkelbraunen Kirchenstühlen; die Silhouette des gotischen Altars stand dunkel im hellen Licht, das durch die hohen, weißen Fenster fiei, über denen die Sperlinge sommerlich fröhlich schilpten. Von ferne klang die mechanische Stimme des Küsters, der gerade irgend etwas erläuterte,' hallend herüber; sonst war nur die Stille stehengebliebener Zeit in diesem kühlen, bläulich schwebenden Raum zwischen den Riesenpfeilern, die in diesem Hause Gottes die Hauptsache zu sein schienen.
Georg Ebener ging nicht oft in Kirchen; sein Beruf hatte wenig Beziehungen zur theologischen Fakultät. In dieser schweigenden Endlosigkeit, die Jahrhunderte zu ihren Füßen gesehen hatte, stieg ein halb vergessenes Gefühl in ihm aus, Erinnerung an die Tage, da er zum Unterricht gegangen war, obwohl er damals nie etwas von der Schönheit und der Größe des Gotteshauses empfunden hatte. Vielleicht kam das Gefühl auch von dem Zweck feiner Reife; ihm war, als hätte er sich hier in die Bereiche der Ahnen begeben, wäre in die Welt eingegangen, in der sie noch gewissermaßen leibhaftig von alten Tagen her unsichtbar ihr Wesen trieben.
„Wir wollen zum Memling gehen, da ist Brausewetter sicherlich auch — du kennst ihn doch?" fragte vorsichtshalber der Pfarrer Malletke. Georg Ebener sah ihn erstaunt an: woher sollte er den Archidiakonus von Sankt Marien kennen? Der einstige Schulgenosse aber lächelte: „Er ist nicht nur Archidiakonus, er schreibt auch Romane."
Der Doktor bedankte sich für den Hinweis und zog einige Erkundigungen ein. Sein Beruf lasse ihm wenig Zeit zum Lesen von Büchern, die andere Dinge behandelten als etwa Fortschritte in der Bekämpfung der Malaria oder die neuesten Präparate, die die I. G. Farben gegen irgendeine Menschheitsplage auf den Markt geworfen hätten. Der Plärrer nickte verständnisvoll, gab die gewünschte Auskunft und dem Küster


