deutschen Volkes geworden.

»«rantwortttch? vr. H°nS Thtz.iot. - Druck und Derlag: Drühl'fche Univerf ttätS-Luch- und Lteindruckerei,R. Lange, Gietzea.

Im Jahre 1585 kommt im Gefolge von Lord Leicester eine Truppe enalischer Schauspieler nach dem Kontinent. William Kampe ist dabei, der Clown der Shakespearetruppe. Nach kurzem Ausenthalt rn Dänemark und Dresden kehrt die Truppe 2 Jahre spater wieder nach England zuruck.

Das war die erste Berührung Deutschlands mit der englischenTheater­welt, wo eben der Stern Shakespeares aufgmg. Bald daraus kamen, gleichsam als Ableger des in Blute stehenden ^abethamschen Theaters für dauernd jene englischen Komödianten nach Deutschland, die unter beständig neuem Zuzug aus England nunmehr bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, also bis Ende des Dreitzigidhrigen Krieges das deutsche Theater beherrschten. Dennoch war Shakespeare am Ende dieser Epoche nicht einmal dem Namen nach in Deutschland bekannt. Ja, es dauerte nach Shakespeares Tode noch genau 150^Jahre, ehe die erste große Shakespeareüberjetzung, die Wieland im Jahre 1766 vollendete, erscheinen konnte. Da erst bricht das große deutsche Shakespeare-Erlebnis herein, dessen überwältigender Eindruck sich in GoethesRebe zum Shakespeares-Tag" (1771) spiegelt, wo der junge Goethe bekennt:Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich auf zeitlebens ,hm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ich wie ein Blind­geborener, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke ^giiie unglückselige Schicksalsfügung wollte es, daß der Genius Shake­speares für das deutsche Theater und die deutsche Literatur solange in Dunkel gehüllt bleiben sollte, obgleich er doch schon einmal greifbar nahe gewesen ist Die natürlichen Mittler wären jene englischen Komödianten gewesen, die sich im 17. Jahrhundert über ganz Deutschland verbreiteten. Warum aber wurden sie es nicht? Sie hatten alsbald festen Halt gefunden an den Höfen von Braunschweig, Hessen, Brandenburg, Sachsen sowie bei kleineren Territorialfürsten, wo sie den Winter über spielten.

Ibnen nur Erholung und Freude, gen Norden, wogegen in das Gebiet cm Südpol noch keine Bergnügungsdampser fahren. Kurzum, es scheint, als ob Neptun Schiffahrtsaktien besäße und sich deshalb (was tut Nicht die Macht bef Geldes?) auf den neuen Brauch der Polartaufe eingelassen ^ab®r hatte sich am Vorabend angemeldet und war also Qnl ^^1^096 barauf erschienen Seetang im Haar, den Dreizack in der Hand und die teure ^tw°s männlich aussehende Thetis zur Seite.begleitetvor1 fmstern Schergen und den Leuten, die auch ein Meergott fürs tägliche Leben zu brauchen scheint: mit einem Advokaten und einem Barbier. Er hatte majestätische Worte gesprochen, aber die eigentlich (djredemnrregenben Sähe äußerten die Männer aus seinem Gefolge: wie das auch sonst m der Geschichte vorgekommen sein mag. Und inzwischen schwangen di Schergen ihre Seile und holten sich ihre Opfer aus der Menge. Doch kamen die meisten freiwillig, und darunter bie betben jungen Mabchen, auf bie wir barum zuerst unb mit großem Nächbruck angestoßen hatten, m* Sm * übriqeT bürste^sich bie Polartaufe von ber Aequatorialtaufe kaum unterfdjeiben: wie ber Täufling mit bem Rücken gegen bas auf dem Sonnendeck errichtete Schwimmbecken gesetzt, mit Sprüchen und einem Schaum von unbekannter Herkunft eingeseift, mitErmahnungen und einem großen Holzmesser abgeschabt unb lahlings rücklings inbas aBo^er getaucht wirb, wo ihn zwei kakaobraune Matrosen nach dem Belieben chrer gesunden Muskelkraft untertauchen, das ist eine schon oftmals

Nach ^Jiist schnappend, prustend, pudelnaß und naßkalt steigen die getauften Polarfahrer ans Licht und dürfen nun bie Urkunde über bas weihevolle Geschehen entgegennehmen. Hanbschriftbeutern sei verraten, daß Seine Majestät Neptun in unferm Falle sich kräftiger, klarer, latei- nilckier Schrift^eichen ohne sonberliche Ober- unb Unterlängen bebtente unb soweit sich bas aus ben zwei Selbst- unb vier Mitlauten beurteilen | läßt, als eine selbstbewußte unb nicht aerobe vergeistigte Natur erschien.

Ms bie erste von unseren jungen Freundinnen parbaufj ins Wasser flog, schwoll ihr von allen Seiten em lauter Beifall entgegen sie war eben auch bie erste vom zarten Geschlecht, bie ins Wasser mußte, unb weckte so einen Sturm von Ritterlichkeit. Doch war sie robust, unb auch zwei Paar anstänbiger Matrosenfauste konnten sie nicht zerbrechen. Aber 1)16 Wozu^' fie* eigentlich in den Norden reifte, bie weizenblonde, elfsche Person! Ihr Antlitz war in reinen Verhältnissen und in großen Flachen aufgebaut, ber Munb nicht klein und auch nicht groß, der.Gang voll Kraft unb boch zierlich, die Augen schimmerten ein wenig ins Graue, ia Grünliche hinüber und schienen doch blau und mit aller warmen An­mut, die diese eigentlich kalte Farbe hat, sobald sie aus dem Menschen- aU9Gnbü(hltaber - wer will ein weibliches Wesen kennen ohne ihre Stimme vernommen zu haben? Das hier war eine helle, aber niemals fmhe eine klingende und singende Stimme, und dieser Mund durfte schon allerlei beraAte Worte, allerlei anfabelhaft" undbegeisternd" unb wunderschön" sagen, ohne baß man's ihm verübelt hatte; eben bas tat bie '^^M^n"wirbb'es^nim^verstehen, daß einer ber Schergen Nepturw dieses Mädchen mit bem Argument ins Taufwasser beförderte, ihr geschehe die von Sünden läuternde Prozedur,weil sie so schon ist! Auf diese Schön­heit hatten wir getrunken, auf bie des anbern Tauflrngs und aus leb oute Eigenschaft von uns achten, bte wir ba um ben Tisch sahen, auf bie Heimat auf ben Kapitän, auf bas Schiff unb bte Matrosen unb

banm wie gesagt, bann wußten wir plötzlich nicht mehr, worauf wir an- ft°6Da5iOroaern'ber Augenblick, in bem zur Halle hinein ber laute Ruf er­scholl: Jan Mayen in Sichtl __________

Shakespeares Weg nach Deutschland.

Von vr. E. Gudenrath.

während Im Sommer bann die privilegierten Hofkomödianten" von Stabt zu Stabt zogen. So erschienen sie zum Beispiel regelmäßig zur Früh- unb Herbstmesse in Frankfurt a. M., zur KölnerFreiheit während ber Dritten Woche nach Ostern, m Straßburg, m Gr°z und in Danzig unb nachweislich noch in einer sehr großen Anzahl größerer unb auch kleinerer Stäbte. Zum Teil sind uns in ben Stadtarchiven sogar ihre Spielverzeichnisse noch erhalten, aus denen wir erfahren bah im Jahre 1604 in Nordhaufen zum ersten MaleSRomeo unb Julia" gespielt würbe. Das Stück erscheint 1606 roteber °uf dem Rothen­burger Spielverzeichnis. Wir erfahren weiterhin, baß 1611 in Halle an ber Saale berKaufmann von Venedig aufgesuhrt wurde unb daß das Leipziger Repertoire der Greenschen Truppe vom Jahre 1626 auch

Julius Cäsar",König Lear",Romeo unb Julia undHamlet ümsahte. Neben bemKaufmann von Venebig" würbe auchDer Jude von Malta" bes großen Shakespearevorgängers M a r l 0 w e g^ spielt sowie andere, später verlorengegangene englische <Aucke durch bie Shakespeare selbst einst zuViel Lärm um nichts ,Komobie der Irrungen" und zumSturm" angeregt worden war Jedoch was diest englischen Komödianten vermitteln konnten, war das bloß Stoffliche der Dramen Shakespeares und seiner englischen Vorgänger. Form und dichterischer Inhalt gingen ganz verloren, denn die englischen Komo- dianten spielten in englischer Sprache, die das Publikum."'ch verstand. Deshalb schon konnten sie ihre Wirkung nicht auf das d cht-rstch-Wort gründen, sie muhten sich vielmehr aus rem schauspielerische Wirkungen verlassen, die sie durch möglichst drastische Herausarbe.tung der drama- tischen Motive zu erreichen suchten. Aber darüber hinaus wurden dann besonders Kampf- und Lärmszenen mit Innnpeten und Geschrei breit ausgemalt, wurde das Toben der Leidenschaften recht kraß getoübert unb® mit Vorliebe blutrünstige Effekte in realistischer Weise vorgebrach^ Jnsbesonbere aber würben bie Szenen des Narren stnd des Clowns herausgestellt und sogar zu selbständigen Einlagen entwickelt D e Figur bes Spaßmachers, als gewichtigste Rolle meist vom Prinzipal ber Truppe selbst bargestellt, erschien außer als Clown ober Narr auch in ber Gestalt bes Pickelhäring, Stockfisch ober Bouset. Diese so überaus volkstümlichen Figuren bebienen sich auch zuerst der deutschen Sprache.

Welcher Art der mimische Charakter der englischen Komödianten war, läßt sich daraus sehr schnell erkennen, daß an. diesen Truppen aann besonders die Springer gerühmt wurden, sowie die Jnstrumen- tattsten deren Zahl gewöhnlich sechs betrug Es liegt auf der Hand, daß unter den geschilderten Umständen Shakespeare von den englischen Komödianten nur in sehr vergröberter Weise gefpielt werden konnte, und so läßt es sich erklären, daß der Name des Dichters, dessen Dramen so grob verballhornt wurden, ungenannt und unbekannt blieb.

Nun gab es aber zu jener Zeit kein deutsches Theater, so daß aud) feine Hoffnung war, Shakespeare in reiner Form für die deutsche Bühne zu gewinnen. Es ist ein unmittelbares Verdienst der englischen Komödianten, das Berufsspielertum in Deutschland begründet zu haben. In England hatte es bereits ein Jahrhundert lang bestanden und aus feiner Mitte einen Shakespeare hervorgebracht. In bte Truppen ber englischen Somöbianten in Deutschland waren spater immer mehr beut die Kräfte eingetreten, unb als diese dann die Oberhand gewannen, ist auch die englische Sprache mehr und mehr durch die deutsche ersetzt worden. Dieser Umbildungsprozeh war schon gegen 1620 im wesentlichen vollzogen. Aus den englischen Komödianten sind die deutschen Wander­truppen hervorgegangen und aus diesen entwickelten sich dann im 18 Jahrhundert die Gesellschaften ber Neub er, S ch 0 n e m a n n Eckh 0 ff, Koch unb anbere, bie bem beutfdjen Theater erst eine wirk­liche Schauspielkunst gaben. , ... , ,

Aber für Shakespeare war auch jetzt ber Boden noch nicht bereitet. Als aus ber Trabition ber englischen Komödianten sich em volkstümliches beutsches Theater entwickeln wollte, machte sich jene teils oerfeinerte, teils gespreizte Barockkultur geltenb, für bie ber Typus des Gelehrtendramas bezeichnend genug ist. Das beutfdje Theater wie überhaupt b,e deutsche I Literatur, verlieren den Zusammenhang mit dem Volk. Eine Periode der Gekünsteltheit wurde heraufgeführt, in deren Folge das rationa- listifche, regelftrenge französische Drama in Mode tarn.

«u jener Zeit nun fertigte der Gesandte m London, spaterer preußi­scher Staatsminister C. W. v 0 n B 0 r ck , eine Alexandriner-Uebersetzung von ShakespearesJulius Cäsar" an, die 1741 in Deutschland erschien. Das gab einen ersten Anstoß. In ihrem Streben nach einer Reform des deutschen Theaters weisen jetzt Schlegel und vor allem Lessing auf Shakespeare hin, wobei Lessing gegenüber bem klassischen Regel­drama der Franzosen das englische Schauspiel als naturhast verteidigt. Wieland übersetzt nunmehr zweiundzwanzig Dramen Shakespeares, aber indem er Versdramen in Prosa übersetzt, verkennt er ein dichterisch und bühnenmäßig wesentliches Element dieser Stucke. Er bemühte sich ernsthaft, im Verein mit dem Theaterdirektor Schröder, Shakespeare in Deutschland einzubürgern; sie versuchten das damals Erreichbare, indem sie durch Striche und Kürzungen alles ausmerzten, was dem Geschmack der Zeit widersprach. Allerdings scheint Wieland das Kom­positionsgeheimnis Shakespeares noch nicht aufgegangen zu fein. Erst ber große Erwecker bes beutfchen Geistes, Joh. Oottfrieb S) e r b e r, hat tiefer bie Totalität Shakespeares erfühlt. Er hat erkannt, daß Shake­speare eine Welt für sich bebeutet, er preist ihn als den Dichter ber norbischen Menschheit in seinem 1773 vollenbeten großen Shakefpeare- Aufsatz. Schon jetzt ist ber Einfluß Shakespeares auf bie Entwicklung bes nationalen beutfchen Dramas ungeheuer. Lef fing, Goethe, Schiller, Kleist unb spätere Dichter schaffen Werke aus feinem Geist.

Das beutfdje Theater war ba. Das bichterifche Wefen der beu fchen Sprache auch war in der Epoche der Klassik wieder ganz erschlossen worden. Nun erst konnte der wirkliche Shakespeare ganz in die deutsche Literatur eingehen. Und mit der Uebersetzung S ch l eg el s, jener großen Tat der deutschen Romantik, ist Shakespeare ein Besitz bes gesamten