Ausgabe 
14.12.1936
 
Einzelbild herunterladen

ihre freudige Erregung. Mit ernstem Gesicht gab ihr der König einen Wink und sie beherrschte sich. Die Stunde war gekommen: es soll nun im großen und mit wirklichen Türmen, mit wirklichen Trommeln und MenschenBarbarenüberfall" gespielt werden, um zu sehen, wie alles sich bewähre.

Der König gab das Zeichen, der erste chofbeamte übergab den Befehl dem Hauptmann der Reiterei, der Hauptmann ritt vor den ersten Wacht­turm und gab Befehl, die Trommel zu rühren. Gewaltig dröhnte der tiefe Trommelton, feierlich und tief beklemmend rührte der Klang an jedes Ohr. Bau Sie war vor Erregung bleich geworden und fing zu zittern an. Gewaltig fang die große Kriegstrommel ihren rauhen Erdbebengesang, einen Gesang voll Mahnung und Drohung, voll von Zukünftigem, von Krieg und Not, von Angst und Untergang. Alle hörten ihn mit Ehrfurcht. Nun begann er zu verklingen, da hörte man vom nächsten Turm die Antwort, fern und schwach und rasch absterbend, und dann hörte man nichts mehr, und nach einer kleinen Weile nahm das seierliche Schweigen ein Ende; man sprach wieder, man ging auf und ab und begann sich zu unterhalten.

Unterdessen lies der tiefe drohende Trommelklang vom zweiten zum dritten und zehnten und dreißigsten Turm, und wo er hörbar wurde, muhte nach strengem Befehl jeder Soldat alsbald bewaffnet und mit ge­fülltem Brotbeutel am Treffpunkt antreten, mußte jeder Hauptmann und Oberst, ohne einen Augenblick zu verlieren, den Abmarsch rüsten und aufs äußerste beschleunigen, mußte gewisse vorbestimmte Befehle ins Innere des Landes senden. Ueberall, wo der Trommelklang gehört worden war, wurde Arbeit und Mahlzeit, Spiel und Schlaf unterbrochen wurde gepackt, wurde gesattelt, gesammelt, marschiert und geritten. In kürzester Frist waren aus allen Nachbarbezirken eilige Truppen unterwegs zur

"n^ongyinmltten des Hofes, hatte die Ergriffenheit und Spannung, weiche beim Ertönen der furchtbaren Trommel sich jedes Gemütes de- mäcktigt hatte, bald wieder nachgelassen. Angeregt und plaudernd bewegte man sich in den Gärten der Residenz, die ganze Stadt hatte Feiertag, und als nach weniger n's drei Stunden schon von zwei Seiten her kleine und größere Kavalk'd-n sich näherten, und dann von Stunde zu Stunde neue eintrafen, was den oan'sn Tag und die beiden folgenden Tage andauerte, ergriff den König, dis Beamten und Offiziere eine immer mehr wachsende Begeisterung. Der König wurde mit Ehrungen und Gratulationen über­häuft, die Baumeister bekamen ein Gastmahl, und der Trommler vom Turm Eins, der den ersten Trommelschlaq getan hatte, wurde vom Bolk bekränzt, in den Straßen herumgeführt und von jedermann besthenkt.

Völlig hingerissen und wie berauscht aber war jene Fraukes Königs, Bau Si Herrlicher als sie es sich je hatte vorzustellen vermoasn. war ihr I Türmchen- und Glöckchenspiel Wirklichkeit geworden. Magisch war der Befehl gehüllt in die weite Tonwelle des Trommelklanges, m das leere Land hinein entschwunden; und lebendig, lebensgroß, ungeheuer kam feine Wirkung aus den Fernen zurückgeströmt, aus dem herzbeklemmenden Geheul jener Trommel war ein Heer geworden, ein Heer von wohl- bewaffneten Hunderten und Tausenden, die in stetigem Strom, in stetiger eiliger Bewegung vom Horizont her geritten und marschiert kamen: Bogen­schüßen, leichte und schwere Reiter. Lanzenträger erfüllten mit zunehmen, dem Getümmel allmählich allen Raum rund um die Stadt herum wo sie empfangen und an ihre Standorte gewiesen, wo sie begrüßt und bewirtet wurden, wo sie sich lagerten, Zelte aufschlugen und Feuer entzündeten. Tag und Nacht dauerte es an, wie ein Märchenlvuk kamen ste aus dem grauen Erdboden heraus, fern, winzig, in Staubwölkchen gehüllt, um zuletzt hier, dicht vor den Augen des Hofes und der entzückten Bau Si, in über- wältigender Wirklichkeit aufgereiht zu stehen.

König Pu war sehr zufrieden, und besonders zufrieden war er mit dem Entzücken seiner Lieblingsfrau; sie strahlte vor Glück wie eine Blume, und war ihm noch niemals so schön erschienen. . .. .

Feste haben keine Dauer. Auch dies große Fest verklang und wich dem Alltag" keine Wunder geschahen mehr, keine Märchenträume wurden erfüllt. Müßigen und launischen Menschen scheint dies unerträglich Bau Si verlor einige Wochen nach dem Feste alle ihre gute Laune wieder. Das kleine Spiel mit den tönenden Türmchen und den an Bindfaden gezogenen Glöcklein war fad geworden, seit sie das große Spiel gekostet hatte. O wie berauschend war das gewesen! Und da lag nun alles bereit, das beseligende Sviel zu wiederholen: da standen die Türme und hingen die Trommeln, da zogen die Soldaten auf Wache und saßen die Trommler in ihren Uniformen, alles wartend, alles auf den großen Befehl gespannt, und alles tot und unnütz, solange der Befehl nicht kam!

Bau Si verlor ihr Lachen, sie verlor ihre strahlende Saune; mißmutig iah der König sich feiner liebsten Gespielin, feines Abendtrostes beraubt. Er mußte feine Geschenke aufs höchste steigern, um nur ein Lächeln bei ihr erreichen zu können. Es wäre nun der Augenblick für thn qefficfen, die Lage zu erkennen und die kleine, süße Zärtlichkeit seiner Vslicht zu opfern Yu aber war schwach. Daß Bau Si wieder lache, schien ihm mirsTer(ag e^ihre"^ Versuchung, langsam und unter Widerstand, aber er erlag Bau Si brachte ihn so weit, daß er seiner Pflicht vergaß. Tausend­mal wiederholten Bitten erliegend, erfüllte er ihr den einzigen großen Wunsch ihres Herzens: er willigte ein, der Grenzwache das Signal zu neben als fei der Feind in Sicht. u ,

^ Alsbald erklang die tiefe, erregende Stimme der Kriegstrommel. Furchtbar schien ste diesmal dem König zu tönen, und auch Bau Si erschrak bei dem Klang. Dann aber wiederholte sich das ganze entzückende Spiel: es tauchten am Rande der Welt die kleinen Staubwolken auf, es tarnen die Truppen geritten unh marschiert, drei Tage lang, es verneigten sich die Feldherren, es sckluaen die Soldaten ihre Zette auf Bau Si mar ettq, ihr Lachen strahlte. König Vu aber hatte schwere Stunden Er mußcke bekennen, daß kein Feind ihn überfallen habe daß alles ruhig sei. Er suchte zwar den falschen Alarm zu rechtfertigen, indem er ihn als eme heil­same Uebuna erklärte. Es wurde ihm nirfit widersprochen man verbeugte 1 sich und nahm es hin. Aber es sprach sich unter den Offizieren herum.

König Uis Untergang.

Erzählung von Hermann H e f f e.

Nicht häufig find in der alten chinesischen Geschichte die Beispiele von Regemen und Staatsmännern, welche ihren Untergang dadurch sanden, daß sie unter den Einfluß eines Weibes und einer Verliebtheit gerieten. Eines dieser seltenen Beispiele, ein sehr merkwürdiges, ist das des Königs Au von Dschou und seiner Frau Bau Si.

Das Land Dschou stieß im Westen an die Lander der mongolischen Barbaren, und seine Residenz Fong lag mitten in einem unsicheren Gebiet, das öfters den Ueberfällen und Raubzügen jener Barbarenstamme aus­gesetzt war. Darum mußte darauf gedacht werden, den Grenzschutz mög­lichst zu verstärken und namentlich die Residenz besser zu schützen.

Von König Pu nun, der kein schlechter Staatsmann war und auf gute Ratgeber zu hören wußte, berichten uns die Geschichtsbücher, daß er es verstand, durch sinnreiche Einrichtungen die Nachteile seiner Grenzen aus­zugleichen, daß aber alle diese sinnreichen und bewundernswerten Ein­richtungen durch die Launen einer hübschen Frau wieder zunichte gemacht

Der König richtete nämlich mit Hilfe feiner Lehensfürsten an der Westgrenze einen Grenzschutz ein, und dieser Grenzschutz hatte gleich allen politischen Gebilden eine doppelte Gestalt: eine moralische nämlich und eine mechanische. Die moralische Grundlage des Uebereinkommens war der Schwur und die Zuverlässigkeit der Fürsten und ihrer Beamten, deren jeder sich verpflichtete, sofort aus den ersten Notruf hin mit seinen Soldaten der Residenz und dem König zu Hilfe zu eilen. Die Mechanik aber, deren der König sich bediente, bestand in einem wohlausgedachien System von Türmen die er an seiner Mestgrenze bauen ließ. Auf jedem dieser Türme sollte Tag und Nacht Machidien'' getan werden, und die Türme waren mit sehr starken Tromm-'" nusaeriiftet. Geschah nun an irgendeiner Stelle der Grenze ein sei-''st'-"- Umbruch, so schlug der nächste Turm seine Trommel, und von Tm-m.t Turm flog das Trommelzeichen in kürzester Zeit durch das ganze Land. ,,

Lange Zeit war König Pu mit dieser klugen und verdienstvollen Ein­richtung beschäftigt, hatte Unterredungen mit seinen Fürsten, hörte die Berichte der Baumeister, ordnete das Cinexerzieren des Wachtdienstes an. Nun hatte er aber eine Lieblingsfrau namens Bau Si, eine schöne Frau, die es verstand, sich mehr Einfluß aus Herz und Sinn des Königs zu ver­schaffen, als für einen Herrscher und sein Reich gut ist. Bau Si verfolgte gleich ihrem Herrn die Arbeiten an der Grenze mit großer Neugierde und Teilnahme, so wie zuweilen ein lebhaftes und kluges Mädchen den Spielen der Knaben mit Bewunderung und Eifer zusieht. Einer der Baumeister hatte ihr, um die Sache recht anschaulich zu machen, von dem Grenzschutz ein zierliches Modell aus Ton verfertigt, bemalt und gebrannt: ba war die Grenze dargestellt und das System von Türmen, und in jedem der kleinen zierlichen Tontürme stand ein unendlich kleiner tönerner Wachter, und statt der Trommel war ein kleinwinziges Glöckchen eingehängt. Dieses hübsche Spielzeug machte der Königsfrau unendliches Vergnügen, und wenn sie zuweilen schlechter Laune war, so schlugen ihre Dienerinnen ihr meistens vor,Barbarenüberfall" zu spielen. Dann stellten sie alle die Türmchen auf, zogen an den Zwergglöckchen und wurden dabei sehr ver­gnügt und ausgelassen.

Es war ein großer Tag in des Königs Leben, als endlich die Bauten fertig, die Trommeln aufgestellt und ihre Bediener eingedrillt waren, und als nun nach vorheriger Verabredung an einem glückbringenden Kalender­tag der neue Grenzschutz auf die Probe gestellt wurde. Der König, stolz auf feine Taten, war voll Spannung: die Hofbeamten standen mm Glück­wünschen bereit, am meisten von allen aber war die schöne Bau Si in Erwartung und Aufregung, und konnte es kaum erwarten, bis alle vor­bereitenden Zeremonien und Anrufungen vollendet waren.

Endlich war es so weit, und es sollte zum erstenmal im großen und wirklichen jenes Turm- und Trommelspiel gespielt werden, das der Konigs- frau schon so oft Vergnügen bereitet hatte. Kaum konnte sie sich zuruck- halten, selbst in das Spiel einzugreifen und Befehle zu geben, so groß war

Glimmen im Advent.

Von H.dwig Forstreuter.

Die Schritte der Einsamkeit gehen ums Haus, Man kann sie zur Nachtzeit hören. Durch Tannensausen und Windgebraus Immer im Schnee die Schritte ums Haus Und Stimmen von fernen Chören.

Wer rastlos war und sehr leise schlief, Darf wieder den Schlummer lernen Und hört es mit Freude, wie jemand rief Mit sanfter Stimme, dringend und tief, O Stimme üb-- >--- ~'ernen.

D Stunde des Wariens, so fern aller Qual Verstummt vor dem ewigen Lauschen, Der Wind auf den Höhen, das Klingen im Tal, Du weißt es im Herzen, dies war schon einmal Und es tarn wie mit Flügelrauschen.

Sie kommt unabweisbar, so bittend und klar, So sicher durch alle Fernen

Und ruft um die dunkelste Zeit im Jahr, Weil dunkel immer das Heilige war. Die Stimme über den Sternen.