Ausgabe 
14.12.1936
 
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man sei auf Hnen treulosen Stretch des Königs hereingefallen, nur feiner Buhlfreu zuliebe habe er die ganze Grenze alarmiert und sie alle in Bewegung gesetzt, alle die Tausende. Und die meisten der Offiziere wurden unter sich einig, einem solchen Befehl künftig nicht mehr zu folgen. Inzwischen gab der König sich Mühe, den verstimmten Truppen durch reiche Bewirtung die Laune zu heilen. So hatte Bau Si ihr Ziel erreicht.

Noch ehe sie aber von neuem in Launen verfallen und das gewissenlose Spiel abermals erneuern konnte, traf ihn und sie die Strafe. Die Bar­baren im Westen, vielleicht zufällig, vielleicht auch weil eine Kunde von jener Geschichte zu ihnen gedrungen war, kamen eines Tages plötzlich in großen Schwärmen über die Grenze geritten. Unverzüglich gaben die Türme ihre Zeichen, dringlich mahnte der tiefe Trommelklang und lief bis zur fernsten Grenze. Aber das vortreffliche Spielzeug, dessen Mechanik so sehr zu bewundern war, schien jetzt zerbrochen zu sein wohl tönten die Trommeln, nichts aber tönte diesmal in den Herzen der Soldaten und Offiziere des Landes. Sie folgten der Trommel nicht, und vergebens spähte der König mit Bau Si nach allen Seiten; nirgends erhoben sich Staub­wolken, nirgends kamen die kleinen grauen Züge gekrochen, niemand kam ihnen zu Hilfe.

Mit den wenigen Truppen, welche gerade vorhanden waren, eilte der König den Barbaren entgegen. Aber diese waren in großer Zahl. Sie schlugen die Truppen, sie nahmen die Residenz Fong ein, sie zerstörten den Palast, zerstörten die Türme. König Pu verlor sein Reich und sein Leben, und nicht anders erging es seiner Lieblingsfrau Bau Si, von deren verderblichem Lachen noch heute die Geschichtsbücher erzählen.

Fong wurde zerstört, das Spiel war ernst geworden. Es gab kein Trommelspiel mehr und keinen König Pu und keine lachende Frau Bau Si. Pus Nachfolger, König Ping, fand keinen anderen Ausweg, als daß er Fong aufgab und die Residenz weit nach Osten verlegte. Er mußte die künftige Sicherheit seiner Herrschaft durch Bündnisse mit Nachbarfürsten und durch Abtretung großer Landstrecken an diese erkaufen.

Dorfz rkus.

Von Sophie von Uhde.

Nachmittags waren zwei Wagen durchs Dorf gezogen, die hatten großes Aufsehen erregt: grün gestrichen, weiße Mullvorhänge an den Fenstern und einen kleinen Kamin oben, aus dem es rauchte die reinsten Wochenendvillen! Aber was das Schönste war: aus einem der kleinen Fenster hatten engumschlungen zwei Aefschen herausgeschaut, und nun war bei den Kindern kein Halten mehr. Die Mütter bekamen böse Stunden am besten, man ließ sie laufen, die Rangen! Sie taten es ohnedies, bald stand auf dem Anger die ganze Jugend versammelt und umringte die Wagen, von einem herkulisch großen Mann mit dicken, schwarzen Locken zuweilen in etwas respektvollere Entfernung getrieben, wenn sie die Nasen gar zu weit in die Türen steckten.

Mein Gott, was gabs da auch zu sehen! Zunächst einmal einen Haufen Kinder, deren schmutzige Fäustchen und tropfende Nasen sich eigentlich in nichts von denen ihrer Bewunderer draußen unterschieden, die aber vom Zauberlicht der Zirkusromantik umwoben, doch etwas recht besonderes erhielten; sicher war eines von ihnen der dumme August! Eine üppige Frau in Küchenschürze und Filzpantoffeln, nicht viel anders wie die Mütter zu Hause, nur vielleicht ein bißchen bunter und mehr mit Schmuck behangen, stand an einem kleinen Herd und rührte fleißig in einem Topf, es war weiter nichts Besonderes an ihr, aber die Dorfjugend wisperte und stieß sich an und starrte auf die brave Kartoffelsuppe, als kochten alle Wunder der Welt in dem Tiegel. Zuweilen unternahmen die eng- umschlungenen Aeffchen einen gemeinsamen Vorstoß gegen den Herd, um in etwas größere Nähe der Suppe zu gelangen, bekamen aber einen kleinen Klaps mit dem Kochlöffel und zogen sich wieder zurück; dann brandete der Jubel der Kinder so wild um den Wagen, daß der Schwarz­gelockte es an der Zeit fand, zu erscheinen.

Doch inzwischen hatte sich bei dem zweiten Wagen allerhand Groß­artiges ereignet. Ein Reiter in goldschimmerndem Gewand hatte sich auf ein prunkvoll gezäumtes Roß geschwungen und verkündete unter Fanfaren­stößen, daß heute abend Zirkusvorstellung im Dorfe sei: Donna Isabella mit ihrem Schulpferd Scheich, reitende Äffen, dressierte Schakale, Glanz­nummern am Trapez nun, es war allerhand! Diese glanzvolle reiter­liche Erscheinung steigerte den Jubel der Kinder zur Ekstase; auch die Bauern legten Mistgabel und Melkeimer beiseite und betrachteten staunend das Wunder, und auch unsere, von langer dörflicher Stille genügsam gewordenen Gemüter waren bereit, sich der allgemeinen Hochstimmung anzuschließen. Allerdings, wenn man näher hinsah, dann war das Tur­nierroß ein einäugiger Pony mit Hahnentritt, das schimmernde Geschirr war Karton mit Reißzwecken daraus, der kühne Reiter war ein recht unrasierter Jüngling, sein Prachtgewand war Bettbarchent, und die Fanfare war eine Trompete mit drei Tönen, von denen einer bestimmt falsch war. Aber wer sah denn hin, Illusion ist alles! Wir beschlossen, alle Mann hoch in die Vorstellung zu gehen.

Als die Sterne über der Dorfstraße standen, ging der Zauber los. Eine helle Bogenlampe erhellte den nächtlichen Platz, Bretter aus Kisten und Fässer a-legt, bildeten Parkett und Logen, ein Trapez kündete vom gefährlichen Zauber der Seiltänzerwelt, und Grünwagen-Romantik schlug alles in Bann, was da erwartungsvoll ringsum aufgereiht faß: dörfliche Liebespaare, Kinder, Bauern und dieStädtischen" aus den Villen.

Kinder, Kinder, es ging los! Ein Drehklavier begann heiser und fröhlich die Schlager vergangener Jahre zu spielen; an einem der Wagen- senster enterte ein Säugling hoch mit einem Schnuller im Munde, wahr­scheinlich war es ein ganz alltäglicher Säugling, aber im Lichte der Er­wartung bekam er etwas durchaus Bemerkenswertes; man stieß sich an und machte sich auf ihn aufmerksam. Zwei kleine Bübchen in langen, weißen Hosen kletterten aus dem Wagen, stopften die Hände in die Taschen

und gähnten aus Herzensgrund ach und seht, da kam ja auch der dumme August, prall und rund, mit Pumphosen und einer spitzen Mütze, weiß angestrichen im Gesicht und wirklich nur drei Käse hoch, ein famoser dummer August, vom Alltag hatte er nur das rinnende Näschen behalten, aber was tut das schon! Ein paar gelbliche Tiere strichen zwischen den Wagen umher, die öffentliche Meinung ging dahin, daß dies die Schakale seien; wild, mager und struppig verkörperten sie Wüstenzauber. Eigentlich hatten sie ja etwas von der beliebten Zufallsmischung Schlachtköter-Dorf- spitz, aber man muß nicht immer opponieren, seien dies denn Schakale! Und nun kamen unsere Freunde, die zwei Aeffchen, und wurden links und rechts vom Trapez auf zwei Stühle gesetzt. Der eine trug eine Hose aus Kord, der andere einen recht schlampigen Rock aus Wollkattun, sie schauten mit kleinen, ältlichen Menschengesichtern in die Runde und nahmen aus den etwas ängstlich hingestreckten Fingern der Kinder Zucker und Brot. Aber nun auf die Plätz, das Publikum, bitte, die Vorstellung begann!

Das einäugige Pony mit dem Hahnentritt, zirkusmähig überzäumt, wurde von dem Schwarzgelockten in die Manege geführt; das 2tef" " en mit der Kordhose sprang aus seinen Rücken, und die wilde Jagd ging los, immer Galopp im Kreise. Der Schwarzlockige stand in der Mitte und knallte mit feiner langen Peitsche, das Aeffchen klammerte sich verzweifelt an, die Kordhose kam ins Rutschen, aber es konnte keine Hand riskieren, sie festzuhalten, es ging ums Leben, und überdies hatte es noch ein Stückchen Brot in der kleinen schwarzen Faust. Also sahr hin, Kordhose. Die Kinder schrien vor Glück, ja, das war ein Erfolg, hatte man jemals fo einen Zirkus gesehen!

Mit dem letzten Ton des Drehklaviers stand das Pony wie angewurzelt, der kleine Reiter zog fein verunglücktes Beinkleid hoch und begab sich in großen Sprüngen auf feinen Stuhl zurück, denn die Schakale traten an. Sie büßten bei ihren Vorführungen etwas Wüftenzauber ein, denn sie machten Männchen, wedelten dazu mit den Schwänzen und bellten laut, womit aber nichts gesagt sein soll, auch Schakale bellen. Dazwischen trieb der winzige dumme August sein Wesen und führte zwischen allerhand Späßen und Kunststücken einen erbitterten Kleinkrieg mit seiner Nase, die ihr Tropfen nicht einstellen wollte, was sich mit dem höheren Wesen der Kunst nicht recht vereinbaren ließ. Die gähnenden Bübchen in den langen Hosen schlugen Purzelbäume, gute, echte Jungenpurzelbäume, da war nichts dran auszusetzen, das Publikum rings auf den Bänken begutachtete sie mit Sachverständnis. Man wußte gar nicht, wohin man zuerst schauen sollte, so lebhaft ging es zu in der Manege, die Schakale entwickelten viel Temperament, der August wurde andauernd von ihnen überrannt, es war kein schlechtes Hallo! Dazwischen turnte still und ernsthaft das Aeffchen mit dem schlampigen Rock auf dem Seil, es trat sich andauernd auf den Saum, verlor das Gleichgewicht und fiel zwischen die Schakale, der Schwarzlockige, der diese Nummer befehligte, hob es mit raschem Griff wieder auf das Seil und gab ihm fein Voltigierftäbchen wieder in die Hände, worauf es ernsthaft weiter turnte; man hatte den Eindruck, es zähle dabei. Wir klatschten ihm begeistert Beifall, aber es kehrte sich gar nicht daran, es war ganz Pflichtgefühl; dafür verbeugte der Schwarz­lockige sich geschmeichelt, und die Schakale wedelten noch einmal so fröhlich.

Das Bedauern war allgemein, als diese Nummer zu Ende ging, aber es ging gleich weiter, Donna Isabella kam! Bei Gott, es war unsere Freundin vom Vormittag, die mit der Kartoffelsuppe! Aber nun hatte sie die nüchternen Belange der täglichen Notdurft weit von sich geschoben: in Samt und Seide, ein Federbarett auf dem Haupt, schaukelte sie kokett auf dem Rücken ihres Schulpferdes Scheich in die Manege. Das Publikum hielt den Atem an.

Nun, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Man hatte von den Begriffen Schulyferd sowohl wie Scheich andere Vorstellungen gehegt. Dieses brave, alte Karrenpferdchen, das da mit Flitterwerk behangen unter Isabellas wogender Fülle einen steifen, kleinen Trab riskierte, hatte weder mit dem stolzen Adel eines Wüstenfürsten noch mit den bewährten Traditionen der hannoverschen Reitschule das geringste zu tun, und auch Isabella war nicht eben, was man eine Reitererscheinung nennt. Aber als das Pferdchen scharrend um Zucker bat, während Isabella, Kußhändchen werfend, um den geistigen Zucker der Anerkennung buhlte, da war der Beifall doch recht beachtlich, und die Kinder rutschten vor Begeisterung beinahe von den Bänken, während die jungen Bauernburschen allerhand anzügliche Beifalls­kundgebungen in bezug auf Isabellas weibliche Reize laut werden liehen. Aber das Aufregendste des ganzen Abends kam erst: Donna Isabella am Trapez!

Hatte man schon so etwas gesehen? Hand in Hand erschien sie nrl dem Fanfarenjüngling, beide in knappem Trikot; sie klatschten in die Hönde, riefen sich etwas Aufmunterndes zu und schwangen sich ins Trapcn

Das arme Trapez, es krachte in allen Fugen, als Donna Isabella ihr gewichtiges Achterschiff auf die Schaukel bugsierte. Der Fanfarenjüngling warf schiefe Blicke nach den Verstrebungen. Äber es hielt, und alles ging gut; sie flogen unterm grellen Licht der Bogenlampe auf und nieder, der bunte Flitter auf ihren Trikots blitzte, sie stießen wilde Rufe aus, ehe sie in gestrecktem Sprung die fliegende Schaukel faßten mein Gott, was war es aufregend! Auf den emporgewandten Gesichtern lag atemlose Spannung ja, dies war wahrhaftig der Höhepunkt, aber leider auch der Schluß!

Wir klatschten wie wild, sie mußten alle noch einmal kommen und sich verneigen, auch die Aeffchen, es war wirklich ein großer Erfolg! Die Bogenlampe erlosch über allseitiger Zufriedenheit.

Eine Weile schaute noch alles zu, wie im Wohnwagen Kaffee gekocht wurde; die Bübchen entledigten sich ihrer weißen Hosen, die beunruhigend schicke Turnerin erholte sich in Küchenschürze und Pantoffeln, die guten Tiere bekamen ihr Abendbrot, die biedere Welt der Kartoffelsuppe trium­phierte wieder über Flitterglanz, Gefahr und Verführung. Aber sie hatte uns dennoch gestreift, die Welt jenseits des Gartenzaunes, die Welt der Abenteuer, und die jungen Bauernburschen setzten auf dem Heimweg ihre Hüte ein gut Stück schiefer auf den Kopf, als da sie gekommen waren.

Berantwörtlich: Dt flenS Thhriot. Druck und Berlag: Drühl'Iche UniversitätS-Duch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.