Unterhaltungsbeilage zum Gietzeuer Anzeiger
Jahrgang 1956 ~ Montag, den U- Dezember Nummer 9Z
Klick aus dem Spielzeugladen
Roman für das große und kleine Volk
Von Friedrich Schnack
Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig
2. Fortsetzung.
„Wer ist dieser Herr?", erkundigte sich Klick.
Der Onkel richtete sich spinnendünn auf, hob einen Finger, und seine Augen schimmerten lustig hinter den grünen Brillengläsern.
„Das war der Kapitän Sassafraß."
Klick verstand: einen solchen Namen gab es gar nicht. Der Onkel schnitt wieder einmal auf.
„Was du sagst!", erwiderte er. „Sassasraß?"
„Ja, meinte der Onkel vertraulich, „du mußt nämlich wissen, bei mir heißt er so. Ich taufe alle Leute um. Die meisten Menschen haben falsche Namen, Namen, die nicht zu ihnen passen. In dieser Welt, lieber Klick, bedeutet der Name nicht den Mann. Der Kapitän heißt Kasimir Schneider. Ich habe ihm den Namen Sassafraß gegeben. Aber daß du's nicht ausplauderst! Schneider, was ist das schon für ein Name für einen Kapitän! Für mich und die Fische heißt er: Kapitän Sassafraß."
Der Onkel schmetterte den Namen hinaus. Der Affe meinte, es gäbe Krach, und fing sogleich an, mit dem Eßnapf zu trommeln, und die Papageien schickten schneidende Schreie in den Laden.
„Ruhe, Ruhe!", begütigte der Tierhändler. „Ich rede!"
Da schwiegen die Störenfriede still. Und der Hustenonkel wippte wie ein Seemann auf seinem dünnen Bein. Er sang:
„Kapitän Sassafraß, Der am liebsten Haifisch aß!"
Was war das nun wieder für eine Räubergeschichte?
„Kann man denn Haifische essen?"
„Hochfein!", rief der Onkel. „Schmeckt wie Kalbsfilet."
„Wann aß der Kapitän Haifisch und wo?"
„Dieser nicht", erzählte der Hustenonkel, „ein anderer, den ich auch Sassafraß genannt hatte. Eine Zeitlang begleitete ich den Baron Rothschild, der die größte Jnsektensammlung der Welt zusammengebracht hat, auf seinen Reisen. Damals beschäftigte er sich noch mit der Erforschung der Fische und Seekühe, vor allem der Haifische. Er war in sie verschossen. Auf seiner Jacht .Esmeralda Knillknick' planschten wir im Roten Meer herum, wo er viele Raub- und Haifische fing, die er in einer wissenschaft- kichen Arbeit beschrieb. Ein baumlanger Kapitän, ein Norweger, steuerte das Schiff .Knillknick', ein Kerl mit einem Knebelbart wie unser Kapitän Schneider. Dem gab ich den Namen Sassafraß. Am liebsten briet er Haifischflossen und die Schwanzstücke der gefangenen Bestien. Die größten und ältesten liebte er besonders: sie hätten Tiefseegeschmack. Liebhaberei!"
„Und was ist mit dem hiesigen Kapitän los?", forschte Klick.
„Er ist jetzt außer Dienst. Seine vor ein paar Jahren verstorbene Frau hatte ein Blumengeschäft in der Prager Straße, Früher kreuzte er in der Ostsee, zwischen Deutschland, Schweden und Rußland. Jetzt pflegt er seinen Garten und seinen Knebelbart. Seine Muschelsammlung solltest du einmal sehen!"
Während der Unterhaltung mit dem Hustenonkel hatte Klick seine Mütze völlig vergessen. Jetzt kam sie ihm wieder in den Sinn.
„'Es tut nicht weh!", plärrte der Papagei.
De- Bogel hatte unrecht: es tat weh,, und Klick schalt sich in seinem Herz'" Dummkopf.
r-chn, Onkel!", sagte er unvermittelt und wollte gehen.
„Augenblick, bitte!", schnurrte der Papagei.
„Ja, einen Augenblick, bitte!", rief der Hustenonkel. „Es ist kalt draußen, wieder mal abscheuliches Wetter in der Webergasse, nimm lieber ein Bonbon, damit du keinen rauhen Hals kriegst."
Und er reichte ihm die runde Blechdose hin.
Klick nahm ein grünes Bonbon und schob es in den Mund.
„Fröhliche Weihnachten, Onkel!", wünschte er.
Schwupp, war er fort.
„Klick, Klick!", klickerte es aus dem Käfig des roten Papageien. Weihnachten in der Webergasse.
Als Klick dem Jungen in die Tierhandlung folgte, ging Ali nach Hause. Es tat ihr leid, daß ihr Freund seine Mütze mit den Losen verloren hatte. An den Losen lag ihr ja nicht viel, er würde doch wieder nicht gewinnen, wie schon bei seinem Kirchenbaulos, aber die Mütze hatte er noch van
seiner Mutter, und es war auch seine einzige. Was sollte er nun aufsetzen? Sie beschloß, ihm eine zu stricken. Morgen schon würde sie damit anfangen. Sie wollte ein paar abgelegte Wollstrümpfe der Tante Mittwoch aufleiern und zum Stricken verwenden. Sie kniete vor dem kalten Herdofen nieder, kratzte die Asche aus dem Schürloch, richtete Papier, Holz und Briketts und entzündete das Feuer, wie es die Tante angeordnet hatte. Das Zimmer sollte gut warm sein, wenn jene ausgefroren heimkam. Ali stellte den Kaffeetopf in die oberste Röhre, dann wusch sie Kartoffeln. Dabei fiel ihr ein, daß fein Brot mehr im Kasten lag. Sie nahm vom Eckbrett, wo der vertrocknete Heidekrautstrauß stand, etwas Kleingeld und lief zum Bäcker. An den feisten Gänsebrüsten, Würsten und Feinkostwaren huschte sie vorbei. Davon würde sie nicht ein Stückchen für die Feiertage haben.
Auf dem Rückweg verweilte sie einen Augenblick vor der Auslage des Spielzeuggefchäfts. In vollem Lichterglanz lagen die Spielwaren, ruhte die selige Kinderwelt. Wie alles blinkte! Dickflockig zwischen ihr und der Scheibe strich der Schnee, und er funkelte weihnachtlich, mit winzigen Eissternen und mit Sterneneis.
Bald würden die Weihnachtsbäume angezündet werden, die schöner waren als der Weihnachtsbaum im Kaufhaus. Ihre Kerzen flackern und duften. Auf gedeckten Tischen sind die Gaben ausgebreitet. Viele Kinderaugen senken sich glücklich über die Christgeschenke. Und Zahllose wieder, empfand sie, haben nichts, nur Sehnsucht und Wünsche.
Ali und Tante Mittwoch waren aber schon froh, Brot, Kartoffeln, Kaffee und morgen ein wenig Kuchen zu haben. Wenn nur einmal, wenigstens zu Weihnachten, Tante Mittwoch alle ihre Zeitungen und Blätter bis auf die letzte Nummer mit einem Schlag loswürde! Das wäre eine Freude. Dann konnten einige Markstücke für die Not auf die Seite
gelegt werden.
Schöner Traum! Die alte Frau fror am Postplatz, und ehe sie einen Stoß Zeitungen verkaufte, mußte sie lange hocken und warten.
Und wie wird es mit Ali zu Weihnachten? Wird sie etwas bekommen? Von all den schönen Spielsachen der Frau Trockenhut nichts. Früher hatte ihr manchmal Klick ein zerbrochenes Stück aus dem Laden mitgebracht. War nicht darauf angekommen. Aber heuer waren so gut wie keine Spielsachen beschädigt ober zerbrochen worden. Die Verkäuferinnen muhten sehr achtgeben, Spielsachen sind teuer. Und hatte schon einmal ein Stück Schaden genommen, so wurde es ausgebessert und wieder in den Laden getan. Es konnte noch immer verkauft werden. Der Laden hatte es jetzt nicht mehr so Üppig. Mit Frau Trockenhut sollte es auf der Kippe stehen.
Ali weiß, was ihr die Tante schenkt. Schuhe. Sie hat sie nötig. Die alten können nicht noch mehr zusammengeschustert werden. Der Kauf von Schuhen ist eine große Ausgabe. Macht ein Loch in den Geldbeutel. Ja, wenn die Ellern noch lebten! In Polen liegen sie begraben. Tante Mittwoch sorgt für Ali, so gut sie kann. Ali hat für sie ein Paar Pulswärmer
ie
gestrickt.
Nur einen Augenblick will sie die Auslage betrachten. Es kostet nichts, und sie stellt sich vor, es feien ihre Weihnachtsgeschenke. Sie darf aus- fuchen, es ist nicht verboten. Eine blondgelockte Puppe nimmt sie, mit Schlafaugen^ die sind schwarz wie Kirschen. Ein seidenes Kleid trägt sie. In einem fckönen Puppenhaus soll sie wohnen, in einem kleinen Bett schlafen, in einem Spiegel an der tapezierten Wand sich bespiegeln. Ein Puppenherd gehört dazu, Töpfe, reizendes Gefchi-r, ein Tellerbrett, ein Vorratsschränkchen mit Porzellangefäßen und schwarzen Aufschriften. Linsen, liest sie, Erbsen, Zucker, Mehl, Nudeln. Da kann man kochen, die köstlichsten Gerichte. Mehr wählt sie nicht. Es ist genug, es ist sehr viel, mehr als sie je wird erlangen können. Aber jetzt, mit diesem zärtlich verliebten Blick, gehört ihr alles. Ein Spiel nimmt sie noch, ein Spiel zu zweien, damit sie mit Klick eine kleine Abendunterhaltung hat, wenn er zu ihr herüberkommt.
Versunken starrte sie auf das schöne Weihnachtsbild. Die Kälte durchdrang ihr dünnes Kleid, fröstelnd spürte sie ihr Armfein. Großäugig und lächelnd sahen die Puppen zu ihr, mit ernstem Gesicht blickte sie zu ihnen, und keines kam zum andern. Zwischen ihnen fror die Scheibe.
Das Brot unter den Arm geklemmt und fchneeüberrieselt träumte sie. Kinder drängten sich heran. Erwachsene schauten über sie hinweg in die Auslage. Sie gewahrte es kaum, so dicht eingesponnen war sie in ihr billiges Weihnachtsglück.
Dann ging sie. Sie hatte sich des Ofens erinnert, des Kaffeetopfes und der Kartoffeln, die kochen sollten. .
Klick kehrte zehn Minuten vor sieben Uhr heim. Nun hieß es, schnell das Bäumchen putzen, ehe der Vater aus dem Geschäft zuruck war
Muß was für Vater Herrichten! Altklug, abgeklärt wiegte er den Kopf. Er will fern Weihnachtsbäumchen nun einmal haben, das oute Kind! Väter find so. Die reinsten Jungens. Er hängt so sehr an der Weihnachtsstimmung. O du fröhliche, o du selige ..., trällerte Kllck
Aepscl an das Bäumchen, Kugeln, Ketten, Kerzen, Eishaar darauf, lang von oben nach unten, und den Stern auf die Spitze, wie alljährlich. Fertig!


