Ausgabe 
14.8.1936
 
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dritten und der Stammtisch auf den Dick-Letzten und auf sie alle nur das Eine: Feierabend, Feierabend, Feierabend!

Feiern aber mag nur, wer ausruhen kann von des Tages Muhe. Das ist das Geheimnis und der Sinn des Abends. Volk ohne Feier­abend Volk ohne Arbeitstag. Nichts Schmerzlicheres, als ein aufge­zwungenes Feiern, als ein Müßiggang ohne Ende, ohne Erlösung. Wir haben es erlebt, und erleben es in der ganzen Welt, was es heißt, rat- und hossnungslose Menschen der Not, der Verzweiflung und der Irrlehre in die Arme getrieben zu sehen. Und wir erleben täglich, was es heißt, diese Verzweifelten mit der Freude an der Mitarbeit, an der Leistung und am Einsatz des ganzen Menschen, der ganzen Tatkraft neu zu erfüllen: Millionen einem neuen Tag der Arbeit zurückgegeben zu sehen und damit der wohlverdientengroßen, kühlen Feierstunde". Wir wissen wie im Tiefsten wirklich die Geschichte vom Schatzgräber ist, der sich dem Teufel verschrieb:Um zu enden meine Schmerzen, ging ich einen Schatz zu graben, meine Seele sollst du haben, schrieb ich hin mit eignem Blut ..." und wir kennen den Trost der reinen Lehre mit dem Goethes große Ballade der Verwirrung endet:

Trinke Mut des reinen Lebens, dann verstehst du die Belehrung, kommst mit ängstlicher Beschwörung nicht zurück an diesen Ort.

Tages Arbeit Abends Gäste. Saure Wochen Frohe Feste sei dein künftig Zauberwort."

Lob der Stadt Passau.

Von Wilhelm Hausen st ein.

Ich halte den Stadtplan in den Händen. Schlank wie"ein Tisch, ja spitz wie eine Lanze fährt feine Figur zwischen Donau und Inn dahin: bis zu dem empfindlichen Punkt, wo die Wasser sich vereinigen, um als einige Donau weiterzufließen. Was für eine köstliche Planung und Gründung! Schon vom Bahnhof her erblickt man über zwei Drittel der Stadtlänge hin die runden Hauben des Doms.

Die Schritte richten sich sofort auf ihn, die Mitte der Stadt in jedem Sinn: nach einer Weile irren sie ab, rechtshin. Der Inn erst, mit seinem vielen Wasser, gibt dem Anstieg zum Domberg die letzte und volle Spannung. Nun geht es durch ein uraltes Tor mit geistlichem Steinwappen, nun über eine dunkle, kellerkühle, uralte Steinstiege und mit einem Mal ist das strahlende, weiträumige Rechteck erreicht, an dem der Domchor und die fürstbischöfliche Residenz sich unter einem goldblau leuchtenden Himmel zueinanderhalten. Der Chor trägt die Stil­zeichen später Gotik und läßt, so weich sie gebildet sind, keinen Zweifel daran, daß wir uns im Norden der Alpen wissen müssen. Doch ab­gesehen von ihm, der mit einer hier fast befremdenden Gestalt herein­ragt, ist dieser Platz eines jener vollkommenen bayerischen Gleichnisse des Südens. Er ist geschlossen und klarförmig wie ein mittelmeerlän­discher Platz, ist wändig wie die Bauform südlicher Märkte und wie die Platzräume des Südens mit waagrechten Dachlinien gesäumt. Sein Wesen ist, mit einem Worte, klassisch. Auch im barocken Antlitz der Residenz: denn mit ihren vorgeschwellten Portalen und Balkonbrüstungen drüber steht sie im sicheren Besitz einer fast genuesischen oder römischen Würde da.

Von selbst ergibt sich der Weg durch die enge Gasse neben dem Dom­chor, dieZengergasse" heißt. Sie ist regenburgifd) eng, auf regensbur- gische Weife hoch und altertümlich: wenn die Gestalt der Stadt von der Kulturgeschichte des Inns bestimmt ist, so ist sie auch von der Kulturgeschichte der Donau bestimmt. Durch diese Gasse, über der sich der purpurblaue Himmel nur mit der Breite eines Bandes hinzieht, ge­langt man auf den andern Platz: den Platz, dem der Dom die Stirnseite zukehrt. Noch sieht man sie nicht: noch fühlt man nur die Größe des Doms zur Rechten, ohne sie einzusehen. Noch breitet sich erst der Domplatz: südlich gesinnt und gestaltet wie der Residenzplatz, den die Ehorseite regiert. Aber nun darf man wagen, sich umzukehren, und nun steht die ganze schlagende Größe der Domfront im anstossenden Auge. Es ist eine römische Größe, dem Rinascimento noch ebenso ver­pflichtet, wie dem Barock schon aufgeschlossen: es ist die prächtige und feste Haltung des späten siebzehnten Jahrhunderts ... welch eine Dar­stellung ist diese Domstirn und der Platz, den sie beherrscht! Einen Augenblick lang verdrießen die Bäume, die dem Platzraum die bauliche Reinheit stören, und mit ihnen unterbricht (im räumlichen Bezug ober vielmehr Unbezug) ein fehlgestellles Denkmal für eine Sekunde die klare Größe des architektonischen Bestandes; gleichwohl ist die Gewalt des Raumbildes unveräußerlich.

Das Innere des Domes eines Carlo Lurago, von Giambattista Car- tone pomphaft ftukkiert, würde der Glorie Roms wahrlich nicht weniger anstehn als das Aeuhere. Es ist dem stolzen Inneren der Theakiner- kirche in München ebenbürtig: ja zum wenigsten in diesem Maß ist es prächtig, weit und wie im einzelnen so im Raumganzen deutlich. Auch unter der Fülle des Prunks ist die lateinische Klarheit nicht verschwun­den. Der Aufschwung des verschwenderischen Dekors erhebt sich von Ge­simsen, deren mächtige Einfachheit und Festigkeit beruhigt und gläubig macht.

Man kehrt zum Residenzplatz zurück. Gibt es in solchen erstaunlichen Verhältnissen überhaupt Vorlieben und Entscheidungen, -so würde ich wagen ui gestehen, daß mir her Residenzplatz, der an der Chorseite, doch falt noch lieber sei. Vielleicht, weil sein Behagen inmitten der Größe noch fühlbarer ist.

Im fürftbifcböflicfjen Resldenzschloß ist ein Stiegenhaus versprochen. Da steht es: weiß von Stukkatur, rötlich von Marmor und vom feinsten Geschmack mit dem Bleigrau der Laternen, der Laternenputten aus- geziert.

Was macht den Stil der ganzen Stadt so großartig und so ange- nehm? Das unterhaltende, gleichsam epische Auf und Ab des Geländes. Das Bewußtsein des Wandernden, daß er mit der Stadt von zwei großen strömenden Wassern umfangen und gesichert ist und mit Öen ziehenden Wassern doch der weiten Welt verbunden bis ins Schwarze Meer. Dann die Erhabenheit der Wandungen, die nicht von allzu vielen Fenstern zerrissen sind, sondern unzerklüftet sich in die Breite und in die Höhe dehnen oft lauter Wand: denn zahlreich sind die Häuser- fürnen, die nicht einmal ein einziges Fenster tragen. Was macht den Charakter der Stadt so bedeutend und fo erfreulich? Die Einheit mit jener schönen und von verkehrsreicher Menschengeschichte dicht erfüllten Lebenszone, die, von Norden nach Süden und von Süden nach Norden gerichtet, den NamenInntal" führt. In Passau umhergehen heißt ge­wiß vor allem Passau sehen, aber auch an all die schönen Städte denken, die wie lauter Kronen der Landschaft die alte Handelsstraße des Inns hinaufstehn. In Passau, gehn und staunen heißt noch weiter hinaus- und hinüberdenken: an die alte nordsüdliche Straße der Römer und der deutschen Kaiserzeit an Sterzing und Brixen und Bozen. So weit reicht der Atem von Passau; man weiß es, indem man spazierengeht. Und er reicht weiter: er geht bis ins katholische Rom, von wo er sich als einen verstärkten Atem zurückempfängt. Gar nicht erst davon zu erzählen, daß der Dom von Passau dem von Salzburg gewiß nichts nachgäbel

Denn das Katholische dieser Stadt ist ebenso ihr Gesicht und Wesen wie ihre uralte Südlichkeit inmitten unseres Nordens und Ostens. Die Kirchen drängen einander. Die Studienkirche, die von den Jesuiten er­richtet worden ist, besitzt zwar nicht die ganze herrenhaft-geistliche Pracht des Doms; aber mit ihren schwarzgoldenen Altären unter den weih in weiß geschmückten Wölbungen ist sie prächtig genug. Die Gotik hat sich in etlichen denkwürdigen Kirchen befestigt, und die romanische Basilika zum heiligen Kreuz, zwar nicht mehr in ihrer unmittelbarsten Gestalt gegenwärtig, zeugt vom hohen geistlichen Alter dieser Stadt, die zu den frühesten Bastionen des nordischen Christentums gehört.

Aber dies ist noch nicht alles. Merkwürdig die schmalen Gassen mit den Stützbogen zwischen hohen alten Häusern Bogen, die sich ein» klemmen wie Kletterer im Kamin. Das Wasser reicht wie an der Riva degli Schiavoni fast unmittelbar an die Höhe der Uferwege; der Platz vor dem Rathaus ist eine richtige Piazzetta; die Bereitschaft der Botführer am Donaukai ist ein wenig wie die der Gondolieri. Freilich sehen sie anders aus als die Ruderer in Venedig. Einer um den andern, wenigstens von denen, die mir begegnen, hat den ausgesprochenen Typus des Nordens: die starkblauen Augen im kräftigen, knappen Gesicht und den blonden Schopf darüber: Wohl haben die Römer auch hier koloni­siert; sie fanden die schon den Selten vertraute Stelle geeignet, die Castro Batava" anzulegen das Lager der botanischen Kohorte. Ader diese Ruderer (und nicht nur sie unter den Passauer Jungen) sehen aus wie die Nachfahren der Burgunder von der Nibelungenfahrt auf der Donau.

Das Boot wird durch die drei Wasser getrieben: erst ein Stück auf der glatt strömenden Donau hin, dann eins auf dem größeren und rasenden Inn, der die Ufer bedroht; dann eins auf der Jlz, die moor­braun und langsam vom Bayerischen Wald kommt. Schließlich landet es mich an der Terrasse einer Fischküche. Für die Terrasse fassen sich Stadt und Flüsse und Land schier in einem einzigen Blick. Da sieht man Oberhaus und Niederhaus und am jenseitigen Jnnufer den Maria­hilferberg; da sieht man Innstadt und ein Stück Ilzstadt; da sieht man inmitten bas erhabene Inner-Passau mit den drei gleichen Hauben des Doms, die Kuppel und Türme überwölben und alle Türme der Stadt, geistliche und weltliche dazu. Die Wasser der Flüsse grenzen sich noch im Zusammenströmen voneinander ab: das matte Grün der Donau, die in langzügigen Streifen fließt; das Gelb des Inns, den das Hochwasser am meisten'schwellt, ein erdiges Gelb mit lila und rosa Reflexen; das tintige Dunkel der Jlz. Bis an die Grenzen der Begegnung halten die Wasser ihre Farben ein; man könnte die Grenzen mit dem Finger nachzeichnen.

Die unmittelbare Nähe der Natur ist eine der großen Schönheiten dieser Stadt. Dicht hinter der hochgelegenen Feste Oberhaus, von der aus man die Stadt beinahe mit Händen greifen und bewältigen kann, beginnt das Ackerland. Die Stabt verliert sich nicht in ungewisse Vor­st ab k. Burg Oberhaus hat ihr eine Grenze gesetzt, und gar die Wasser haben die Stabt in starken Grenzen gehalten.

Natur und Stabt halten bie allernächste Nachbarschaft. Wie weit sie aber auch tragen kann, ermißt man, wenn man von ber Höhe des Oberhauses Schauturms burch eine süße und zart verstörte Luft bie Bläuen bes Bayerischen Walbes sichtet, der bie Grenze gegen Böhmen bezeichnet und die Gedanken zur sehr geliebten Welt Stifters hiniiber- leitet. Auch Linz ist nicht gar so weit.

Man muß aber endlich noch aufs andere Jnnufer hinüberlaufen, um dem Verlangen das Bild der Stabt auch noch von bort aus zu be­stätigen. Die Wahl tut weh: ist bas Bild der Stabt von dieser Seite nicht am herrlichsten? Da steht es noch einmal, von einem neuen Stand­punkt aufgefaßt und doch dasselbe: in seinen Kirchen befestigt, in ihnen verklammert am meisten im Dom und in der Figur der Studien­kirche mit ihren angeschrägten Stumpftürmen, und vom Inn auf dieser Seite so bedingungslos abgeschlossen wie, von der Donau mit ihrem nördlichen Hochufer auf der anderen. Aber ob es auch zuviel wäre, behaupten zu wollen, von Jnndrllcke und Innstadt her sei bas Bilb bes inneren und eigentlichen Passau am glorreichsten: so darf ich doch be­richten, daß mir am Wesen der über die Massen bewegenden, dieser wahrhaft hinreißenden, wie ihr eigenen Triumphzug begeisternden Stadt von diesem Standpunkt her bas Eiaentümlich-Allgemeinste am meisten aufgegangen ist: ihre schöpferische Fülle.

Reranttt>orilic6: Dr, Hans Thyriot. Druck und Verlag: Vrühl'scheUntversitäts-Vuch» und Eteindruckeret. R. Lange, Gießen.