breiten?"

(Schluß folgt.)

Oer erste Marathonlauf.

Von Pros. vr. Emil Waldmann, Direktor der Bremer Kunsthalle. Ein großer Irrtum.

Wir glauben immer, im Spätsommer des Jahres 490 vor Christus, als in der Schlacht bei Marathon die Auseinandersetzung Mischen Europa und Asien einstweilen zugunsten des Abendlandes entschieden wurde, wären alle Griechen wie ein Mann ausgestanden gegen den Erbfeind. Die Hellenen, die ja kaum ein Volk, ge chweige denn eme Nation waren, dachten gar nicht an derart weltgelchichtl.che Gesichts­punkte Was sich verteidigte, war der Stadtstaat Athen. Zehntausend Mann hatte Miltiades auf die Beine gebracht. Plataa, sehr mit» betroffen, schickte tausend Mann, damit nicht wieder geschähe, was vor zwei Menschenaltern unter dem Vorderasiaten Peisistratos geschehen war: Fremde Herrschaft auf der Akropolis und über Attika. Aber Sparta und Korinth, das reiche Sykion und alle die Leute, die sonst nicht griechisch sprachen, kümmerten sich nicht. Was Terxes da oorhatte, war eine rein athenische Angelegenheit.

Das Schlachtfeld von Marathon.

Das Schlachtfeld von Marathon ist eines der schönsten auf der Welt. Nicht nur schön im historisch-romantischen oder malerischen Sinne, wie der heutige etwas vergessens große deutsche Maler Rottmann es so pathetisch gemalt, mit dem Gewitter, das über die Ebene fegt, mit dem Blitz im dunkelblauen Aether und dem unvergeßlichen bäumenden Schimmel und seinem flatternden roten Tuch. Sondern schon wegen der Klarheit. , . ,

Wenn man aus den» zwölf Meter hohen Grabhügel der gefallenen Athener steht, kann man das Ganze übersehen. Nichts ist überbaut, Oleander und Agaven wuchern dort, und wenn man sich nach allen Seiten umsieht, weih man, wie es gewesen ist. Die Bucht von Marathon mit dem Vorgebirge Kynosura, gegenüber der immer sichtbaren Sud­spitze der Insel Euböa, hat keine zehn Kilometer Küstenlänge. Dann beginnen schon die Vorberge des Pentelikongebirges, und das ist schon Attika und beinahe schon Athen. Marathon selbst aber, schon eingebettet in Hügelschluchten, liegt keine fünf Kilometer von jenem Strand entfernt, an dem die Perser mit ihrer Flotte, südlich um Euböa herumfahrend, gelandet waren und ihre Heerhausen aufstellten. Sie wollten südlich auf derselben Straße, die einst Peisistratos marschiert war, durch­stoßen nach Athen.

Die geglückte Ueberrumpelung der Barbaren.

Daß sie erwartet wurden, wußten sie; aber nicht wo. Auf den Rat des H i p p i a s hatte Miltiades, einer der zehn kommandierenden Generäle, feine Schwerbewaffneten in zwei Hügelschluchten versteckt.

Sie müssen mir diesen späten Besuch verzeihen, Herr Vandeleur", antwortete der Prinz. . s

Eure Hoheit sind stets willkommen , sagte Vandeleur, indem er bei- ^Der^Prinz schritt durch die offene Tür, ging, ohne auf den alten Herrn zu warten, stracks in das Haus und trat in den Salon ein. Zwei Menschen saßen in diesem; Fräulein Vandeleur trug an ihren Augen die Spuren, daß sie gemeint hatte und wurde von Zeit zu Zeit durch ein neues Schluchzen erschüttert; in dem andern erkannte der Prinz den jungen Mann, der ihn vor etwa einem Monat im Rauchzimmer eines Klubs nach literarischen Angelegenheiten gefragt hatte.

Guten Abend, Fräulein Vandeleur", sagte Florizel;Sie sehen angegriffen aus. Herr Rolles, glaube ich? Ich hoffe, Sie haben sich das Studium Gaboriaus zunutze gemacht, Herr Rolles."

Aber der junge Geistliche war zu niedergeschlagen, um sprechen zu können; er begnügte sich damit, eine steife Verbeugung zu machen und nagte an feiner Unterlippe.

Welchem guten Winde", sagte John Vandeleur, der fernem (Saft gefolgt war,darf ich die Ehre der Anwesenheit Eurer Hoheit zu- chreiben?"

Ich komme wegen eines Geschäftes", erwiderte der Prinz;wegen eines Geschäftes mit Ihnen; sobald dieses abgemacht ist, werde ichi Herrn Rolles ersuchen, mich auf einem Spaziergänge zu begleiten. Herr Rolles , etjte er in strengem Ton hinzu,gestatten Sie nur, Sie daraus ausmerk- am zu machen, daß ich mich noch nicht gesetzt habe."

Der junge Geistliche sprang mit einer Entschuldigung auf. Dann setzte der Prinz sich in einen Lehnstuhl, reichte feinen Hut Herrn Vandeleur, feinen Spazierstock Herrn Rolles, ließ die beiden vor ihm stehen, wie wenn sie seine Bedienten wären, und sagte:

Ich bin, wie gesagt, wegen eines Geschäftes gekommen; aber wenn ich nur zu meinem Vergnügen gekommen wäre, so hätte dieser Empfang und die Gesellschaft, die ich hier treffe, mir nicht mehr mißfallen können. Sie Herr Rolles, haben sich gegen einen Mann, der höheren Standes ist als Sie unhöflich benommen; Sie, Vandeleur, empfangen mich mit einem Lächeln' aber Sie wissen sehr wohl, daß Ihre Hände noch nicht rem sind. Ich wünsche nicht unterbrochen zu werden, Herr! nes er gebieterisch; ich bin hier, um zu sprechen, nicht um zu hören; und ,ch muß Sie ersuchen, mich mit Ehrfurcht anzuhören und pünktlich zu gehorchen Sobald es irgend möglich ist, wird auf der britischen Botschaft Ihre Tochter mit meinem Freunde Francis Scrymgeour, dem anerkannten Sohn Ihres Bruders, vermählt werden. Sie werden mir den Gefallen tun, eine Mitgift von mindestens zehntausend Pfund auszusetzen. Ihnen selber werde ich schriftlich einen Auftrag für Siam zustellen; er ist nicht ohne Bedeutung und ich verlasse mich dabei auf Ihre Umsicht. Und jetzt, Herr Vandeleur, werden Sie mir in zwei Worten antworten, ob Sie diese Bedingungen annehmen oder nicht." ,

Eure Hoheit werden verzeihen", sagte der alte Vandeleur;wollen Sie"mir gestatten, in aller Ehrerbietung, Ihnen zwei Fragen zu unter-

Vergebung bäte; und Francis suhlte sich erleichtert und getröstet warum das wußte er selber nicht. Die Gesellschaft dieses Herrn tat ihm wohl; er hatte das Gefühl, festen Boden zu berühren; em starkes Gefühl von Ehrfurcht stieg in ihm auf, und unwillkürlich nahm er einen Filzhut ab, wie wenn er sich in Gegenwart eines Vorgesetzten befände.

Wie ich bemerke", sagte der Fremde,ist es bet Ihren Abenteuern nicht immer ganz friedlich hergegangen. Ihr Rockkragen ist zerrissen, Ihr Gesicht verkratzt, Sie haben eine Schramme an der Schlafe. Viel­leicht werden Sie meine Neugier verzeihen, wenn ich Sie bitte, mir zu erklären wie Sie zu diesen Verletzungen kamen, und wie es sich gefugt hat, daß Sie gestohlenes Gut von ungeheurem Werte in Ihrer Tasche haben."

Ich muß Ihnen widersprechen!" antwortete Francis aufgeregt.Ich besitze kein gestohlenes Gut. Und wenn Ihre Worte sich auf den Dia­manten beziehen dieser wurde mir vor noch nicht einer Stunde von Fräulein Vandeleur in der Rue de Lepic gegeben." .

Von Fräulein Vandeleur in der Rue de Lepic! Jhre^ Worte inter­essieren mich mehr als Sie glauben. Bitte fahren Sie fort."

Himmel!" rief Francis.

Sein Gedächtnis hatte einen plötzlichen Sprung gemacht. Er hatte gesehen, wie der alte Vandeleur seinem ohnmächtigen Gast einen Gegen­stand von der Brust wegnahm; und dieser Gegenstand davon war er fest überzeugt war ein Lederkästchen gewesen.

Ihnen geht ein Licht auf?" fragte der Fremde.

Hören Sie! Ich weiß nicht, wer Sie sind; aber ich glaube, Sie verdienen mein Vertrauen und können mir helfen. Ich befinde mich in einer merkwürdigen Lage. Ich weiß nicht, was ich tun soll: ich habe Rat und Hilfe nötig, und da Sie mich auffordern, so will ich Ihnen alles erzählen."

Und er berichtete in aller Kürze seine sämtlichen Erlebnisse von dem Augenblick an, als der Sachwalter ihn zu sich bestellt hatte.

Da haben Sie allerdings eine merkwürdige Geschichte erlebt", sagte der Fremde, als der junge Mann mit seiner Erzählung fertig war,und Ihre Lage ist schwierig und gefahrvoll. Mancher würde Ihnen wohl raten, Ihren Vater aufzusuchen und diesem den Diamanten zu geben; aber ich bin anderer Meinung."

Er schwieg einen Augenblick und rief bann:

Kellner!"

Der Kellner trat heran, und der Fremde sagte:

Wollen Sie den Geschäftsführer bitten, mal einen Augenblick mit mir zu sprechen."

Wieder bemerkte Francis an feinem Ton und Gehaben, daß er offen­bar gewöhnt war, zu befehlen. -

Der Kellner entfernte sich und kam gleich darauf mit dem Geschäfts­führer wieder, der eine ehrfurchtsvolle Verbeugung machte und dienst­beflissen sagte:

Womit kann ich Ihnen dienen?"

Haben Sie die Güte", antwortete der Fremde, indem er auf Francis zeigte,diesem Herrn meinen Namen zu sagen."

Sie haben die Ehre, mein Herr", sagte der Geschäftsführer zum jungen Scrymgeour,an demselben Tische mit Seiner Hoheit, dem Prinzen Florizel von Bohemia zu sitzen.

Francis sprang bestürzt auf und machte dem Prinzen eine tiefe Ver­beugung.

Florizel bat ihn, sich wieder zu setzen und sagte dann zum Geschäfts- führer: ,

Ich danke Ihnen. Es tut mir leib, Sie wegen einer solchen Kleinig­keit bemüht zu haben."

Unb er entließ ihn mit einer Handbewegung. Sodann wandte der Prinz sich zu Francis und sagte:

Unb jetzt geben Sie mir den Diamanten!" Ohne ein Wort zu sagen, reichte der junge Bankbeamte ihm das Kästchen.

Sie haben recht getan", sagte Florizel.Ihr Gefühl hat Ihnen den rechten Weg gezeigt. Und Sie werden für die unangenehmen Ereignisse dieser Nacht noch einmal dankbar sein. Ein Mensch kann in tausend Verlegenheiten geraten, Herr Scrymgeour; aber wenn sein Herz auftichtig und seine Vernunft klar ist, bann wird er sie alle ohne Schande be­stehen. Seien Sie ohne Sorge; ich habe jetzt Ihre Sache in die Hand genommen unb bin mit des Himmels Hilfe stark genug, sie zu einem guten Ende zu führen. Begleiten Sie mich bitte zu meinem Wagen."

Mit diesen Worten stand der Prinz auf und legte ein Goldstück für den Kellner auf den Tisch. Dann führte er den jungen Mann aus dem Kaffeehause und den Boulevard entlang bis an eine Stelle, wo ein ein­facher Wagen mit zwei Dienern ohne Livree auf ihn wartete.

Dieser Wagen", sagte der Prinz,steht zu Ihrer Verfügung; be­sorgen Sie so schnell wie möglich Ihr Gepäck; meine Diener werden Sie nach einer Villa in der Nähe von Paris fahren, wo Sie einigermaßen behaglich verweilen können, bis ich Zeit gehabt habe, Ihre Angelegen­heiten zu ordnen. Sie werden dort einen hübschen Garten finden, eine Bibliothek mit guten Büchern, einen Koch, einen Weinkeller und etliche gute Zigarren, die ich Ihrer Beachtung empfehle. Jerome", sagte er zu einem der Bedienten,du hast gehört, was ich sagte, ich lasse Herrn Scrymgeour in deiner Obhut; ich weiß, du wirst dich meines Freundes sorgsam annehmen."

Francis stotterte einige abgebrochene Danksagungen.

Mir zu danken, wird es früh genug sein", sagte der Prinz,wenn Sie von Ihrem Vater anerkannt und mit Fräulein Vandeleur ver­heiratet sind."

Mit diesen Worten drehte der Prinz sich um unb ging gemächlich nach dem Montmartre hinauf. Er rief die erste vorbeifahrende Droschke an, gab dem Kutscher eine Adresse an, und klopfte eine Viertelstunde später, nachdem er kurz vorher schon den Wagen weggeschickt hatte, an John Vandeleurs Gartenpforte.

Es wurde mit besonders umständlichen Vorsichtsmaßregeln von dem Diktator selber geöffnet.

Wer sind Sie?" fragte der alte Herr.