Nummer 62
Ort
Zrettag, den H. August
Jahrgang 1956
ietzenekZamilieMäller
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger ___
„Darüber wollen wir zu Hause sprechen!" antwortete der Diktator mit einem grimmigen Lachen.
Und er schob den jungen Mann die Straße hinauf vor sich her in der Richtung nach dem Hause mit den grünen Läden. __
Francis versuchte allerdings nicht mehr, durch Gewalt etwas zu er reichen, aber er wartete lieber auf eine Gelegenheit, durch einen kühnen Schritt wieder zur Freiheit zu gelangen. Mit einem plötzlichen Ruck ließ er den Kragen seines Rockes in den Händen des alten Vaiideleur und lief wieder, so schnell er nur konnte, in der Richtung auf die Boule- ^^Das Blättlein hatte sich jetzt gewandt. Wenn auch der Diktator stärker war, so war dafür Francis, der in der Blute seiner Jugend stand, bd weitem der schnellere, und bald hatte er seinen Bersolger weit hunter sich gelassen und war im Menschengewühl verschwunden Für den Augenblick fühlte er sich befreit, aber ein Gefühl der Unruhe und der Verwunderung wurde stärker in ihm; so ging er mit schnellen Schritten, bis er auf den von elektrischen Lampen taghell beleuchteten Opernplatz kam.
Jetzt würde Fräulein Vandeleur ,a wohl mit mir zufrieden sein, dachte er Er gingsnach rechts hinunter die Boulevards entlang, trat in das Cafä Arnäricain ein und bestellte ein Glas Bier. Die Stunde war für die meisten Besucher dieses Kaffeehauses entweder zu spät oder zu früh. Daher saßen nur zwei oder drei Herren und keine einzige Dame an verschiedenen Tischen des Saales; Francis war jedoch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um ihre Anwesenheit überhaupt zu bemerken.
Er zog das Tüchlein aus seiner Tasche hervor. Der eingewickelte Gegenstand erwies sich als ein Lederkästchen mit goldenen Zieraten und Schließen. Ein Druck auf eine Feder öffnete es, und den Blicken des enl- | setzten jungen Mannes zeigte sich ein Diamant von ungeheuerlicher Große
UnÖ!Da69eTbiejen1 Gbdftdn in der Hand hielt, war so unerklärlich, und der Wert des Steines war offenbar so riesig, daß Francis keine Bewegung machen und keinen Gedanken fassen konnte, sondern immer nur auf den Diamanten starrte, wie wenn er plötzlich den Verstand verloren Affine fianb leqte sich leicht, aber fest auf seine Schulter, und eine ruhige Stimme, aus der jedoch die Gewohnheit d°s Befehlens klang, flüsterte '^„Schließen Sie das Kästchen und halten Sie Ihr Gesicht in der Gewalt. erblickte einen noch jungen Mann von höflichem und
ruhigem Wesen und in einfacher, aber kostbarer Kleidung Diese Person war von einem der Nachbartische aufgestanden, hatte sein Glas mitgebracht
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worauf er einen tiefen Zug aus feiner Zigarre t . mer 6ie «nl)( und"w7s da" bedecke?? Ich 9weih wirklich selber nicht, weshalbg> SMSSM-W ich daran: Sie müssen mir erst,erzählen, wie der Diamant des Radschahs ,n Hainan/^des^Rad schahl" wiederholte Francis.
"Ick mürbTan Ihrer Stelle nicht so laut sprechen. Aber soviel ist ''' aemifc- Sie haben den Diamanten des Radschahs IN Ihrer Tasche.
M habe ihn in Sir Thomas Vandeleurs Sammlung Dutzende von
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"Ihr Baker?" wiederholte der Fremde. „Es war mir nicht bekannt, i daß'der General Nachkommenschaft hätte." „ ->r-
„Jch hin ein illegitimer Sohn, mein Herr , antwortete Francis e rÖt Cer andere machte eine würdevolle Verbeugung. Es war eine refpetb 1 volle Verbeugung, wie wenn jemand seinesgleichen stillschweigend u
Dec Diamant öesRaöschah
IDon Robert Louis Stevenson
topyrfgfft by Verlag Albert Langen / Georg Müller, München
7. Fortsetzung.
„Ich verspreche es Ihnen!" antwortete Francis.
Sie steckte einen Gegenstand, der lose in ein Taschentuch gewickelt gar, dem jungen Mann in die Hand; gleichzeitig stieß sie ihn mit gro- ierer Kraft, als er ihr zugetraut hatte, in die Straße hinaus und rief:
„Jetzt laufen Siel"
Er hörte, wie die Tür hinter ihm geschloffen und wie die Riegel ilirrend wieder vorgeschoben wurden. ,,,,,, , ,
Auf mein Wort!" rief er noch einmal; „ich hab s ja versprochen!
Und er rannte, so schnell er konnte, die schmale Gasse hinunter, die in Ifie Rue Ravignan einmündet.
*
Francis Scrymgeour war noch nicht fünfzig Schritte von dem Hause Mit den grünen Läden entfernt, da drang plötzlich ein Schrei durch die Stille des Abends an fein Ohr, wie wenn die Holle losgelassen wäre. >Unwillkürlich blieb er stehen; ein anderer Vorübergehender folgte seinem Veispiel; in den nächsten Häusern sah er Menschen an die Fenster eilen; eine Feuersbrunst hätte keine größere Aufregung in diesem einsamen Stadtviertel Hervorrufen können.
Und doch war es allem Anschein nach weiter nichts, als daß ein einzelner Mensch in Schmerz und Wut brüllte, wie eine Lowm der ihre Jungen geraubt worden sind, und Francis hörte voll Ueberraschung und Unruhe, wie sein eigener Name unter englischen Fluchen in die Adend- iuft hinausgeschrien wurde. .. ,,
Sein erster Gedanke war, nach dem Hause nut den grünen Fenster- Ilüden umzukehren; dann aber fiel ihm Fräulein Vandeleurs Rat ein und er setzte seine Flucht in noch größerer Eile fort. Plötzlich schoß der Diktator, barhäuptig, laut schreiend, mit wehenden weißen Locken, wie •ine Kanonenkugel an ihm vorüber und rannte die Straße hinunter.
Da bin ich gerade noch um Haaresbreite davongekommen, dachte Francis bei sich selber. Was er von mir will, und warum er so aufgeregt ist, das kann ich mir nicht vorstellen; aber offenbar ist in diestm Augenblick nicht gut Kirschen mit ihm zu essen, und ich kann nichts besseres tun, als Fräulein Vandeleurs Ratschlag zu befolgen.
Mit diesen Worten kehrte er wieder um, in der Absicht dann die Rue Sepie selber hinunterzugehen, während sein Verfolger m der Nebenstraße weiterlaufen würde. Dies war ein unglücklicher Gedanke. Das einzig richtige wäre gewesen, sich in das nächste Kaffeehaus zu setzen und dort zu warten, bis die erste Hitze der Verfolgung vorüber gewesen wäre Aber Francis hatte keine Erfahrung und nur geringe natürliche Anlagen für den Kleinkrieg des Menschenlebens; außerdem aber war er sich in keiner Weise bewußt, irgend etwas Boses getan ZU haben, und deshalb glaubte er nicht, daß er schlimmeres zu befurchten hatte als eine unangenehme Auseinandersetzung Und solche unangenehme Auseinandersetzungen hatte er an diesem Abend schon zur Genüge kennengelernt. Er konnte auch nicht annehmen, daß Fräulein Vandeleur irgend etwas ungesagt gelassen hätte. Der junge Mann hatte Schmerzen an Leck und Seele __ sein Leib war voll van Beulen und Schrammen, und seine
■Seele war van vielen scharfen Pfeilen durchbohrt worden; denn er nnußte sich gestehen, daß der alte Vandeleur eine sehr böse Zunge hatte.
Die Schmerzen seiner Glieder erinnerten ihn daran, daß er nicht nur feinen Hut im Zimmer gelassen hatte, sondern daß auch seine Kleider lei dem Sprung durch die Zweige des Kastanienbaumes gelitten hatten. In dem ersten Laden, auf den er traf, kaufte er einen billigen weichen Filzhut und ließ die Hauptschäden an seiner Kleidung fluchtig aus- bessern. Das Andenken, das Fräulein Vandeleur ihm gegeben hatte, steckte er in die Hosentasche, ohne es aus dem Taschentuch herauszu-
Er"war nur wenige Schritte von dem Kleiderladen entfernt, da verspürte er plötzlich einen Stoß. Eine Hand packte seine Kehle ein wwtges Gesicht befand sich dicht vor seinen Augen, und em offener Mund brüllte Flüche in sein Ohr. Der Diktator war Die ankere Straße zurück gelaufen, als er von seiner Beute kerne Spur gefunden batte- granas war ein kräftiger junger Mann, aber mit seinem Gegner komste er es weder an Kraft noch an Geschicklichkeit --ufnehmen; und nachdem er einen Augenblick vergeblich Widerstand zu leisten versucht hatte raab er sich vollständig dem Stärkeren und sagte:
„Was wollen. Sie von mir?"


