die Sterne waren ganz nah.
Verantwortlich: Or. HanSTHyriot. — Druck und Derlag:Brühl'1che Univerlitäts-Duch» und Steindl ucker «i, R. Lange, Gieße».
Das Wunder der Welt.
Von Andre Baron Foelckersam.
Spruch der Ahnen.
Von Willy Arndt.
Was wir empfingen und bewahrt, erblüht in dir und will zum Licht: der Väter und der Mütter Art, der Sippen Seele und Gesicht.
Aus unsren Quellen fließt dein Saft, du trinkst mit jedem Atemzug und jedem Blick von unsrer Kraft, du leerest nimmermehr den Krug.
Im Acker, den wir treu bestellt, stehst nun auch du in Reih und Glied und singst zum Grillenlaut im Feld mit uns das alte Bauernlied.
Uraltem Blut und heilgem Land bist du verschworen und geweiht, und über dich und alle spannt sich Gottes große Ewigkeit.
Podium vor dem Zelt, unbeweglich, bte Arme über der Brus gekreuzt. Plötzlich ries die Dame von der Kasse: „Komm, letzt .st die letzte Vorstellung!" Michael fühlte, wie sein Herz rasend und laut un Halse Wug. Er schlüpfte ins Zelt. Im Zelt war es sehr heiß Unter dem Dach brannten zwei riesige grelle Gaslampen Das Zelt war bis aus den letzten Platz besetzt. Vorne saßen die Leute, und in den hinteNten Reihen standen sie auf den Bänken, um besser sehen zu können Michael blieb unentschlossen am Eingang stehen. Er sah nur die Rucken der Menschen, eine undurchdringliche schwarze Wand. Er stellte sich auf die Fuß pitzen, aber auch jetzt konnte er nichts sehen. Aus der Mitte des Zeltes drang zu ihm die Stimme des kleinen Herrn: „Herr Almansor, das Wunder der Welt, wird jetzt einen Dolch, Länge 58 Zentimeter, schlucken Ich bitte die Herrschaften sich von der Echtheit der Waffe zu überzeugen!" Der Dolch wurde im Publikum hermgereicht, er wanderte von Hand zu Hand, Michael fah ihn im Licht der Gasflamme aufblitzen und wieder verschwinden. Ein leiser, immer stärker werdender Trommelwirbel ertönte und brach plötzlich ab. In der Stille, die letzt folgte, horte Michael nur das rasende Klopfen des eigenen Herzens und das laute Zischen der großen Gaslampen an der Decke des Zeltes. Ein erschüttertes Raunen ging durch das Publikum. Einige Mädchen kreischten auf.
In der Mitte des Zeltes, hinter der dichtgedrängten Menge, ging etwas Unheimliches und Gefährliches vor sich. Die Spannung der Menge teilte sich Michael mit. Er Zitterte vor Erregung Er hie t Öen Atem an. Die Stille war unerträglich. Plötzlich wurde laut geklatscht. Ein Gefühl der Entspannung überfiel Michael. Er wagte sich zaghask vor, aber er wurde zurückgestoßen. Die Vorstellung ging weiter Michael hörte wieder die Stimme des kleinen Herrn, er sah einen Sabel blitzend von Hand zu Hand wandern, es folgte ein Trommelwirbel und brach plötzlich ab, und Michael hörte in der darauffolgenden Stille nur das rasende Klopfen seines Herzens .. , , . ... .
Die Vorstellung war zu Ende. Das Publikum erhob sich und drängte zum Ausgang. Michael stand noch immer, heiß und verwirrt, auf der gleichen Stelle. Seine Wangen glühten. Er starrte auf die grellerleuchtete Mitte des Zeltes. Es war nichts zu sehen, als ein Stuck leeren, zertranipelten Rasens. Der Messerschlucker war verschwunden. Er hatte mit dem Leben gespielt, und nun war er verschwunden Der Menschen- strom, der zum Ausgang strebte, riß Michael mit sich. Einen Augenblick sah er die Dame an der Kasse. Sie hatte ihn erkannt und nickte ihm zu. „Run, roar’s schön?" Michael schwieg. Ein hilfloses Lächeln zuckte über sein Gesicht. Er blieb wie benommen vor dem Zelt stehen, er merkte nicht, wie die Menge sich zu zerstreuen begann. Draußen strich der Racht- wind durch die Bäume. Sie rauschten laut auf. Die Zelte hoben sich dunkel und still gegen das tiefe Blau des Himmels ab, die unzähligen bunten Lämpchen der Karussells und Schaukelboote waren erloschen. Das fahle und trübe Licht einer Straßenlaterne siel zitternd auf den stillen Rummelplatz. Dunkle Gestalten bewegten sich zwischen den Buden, ihre langen Schatten glitten hin und her. Michael stand noch immer vor dem Zelt. Von irgendwo hörte man eine grobe zornige Stimme, die laut in die Nacht gröhlte. Michael fror plötzlich. Er fühlte sich grenzenlos verlassen und unglücklich. Ec dachte an daheim. Jetzt wurde im Kinderzimmec schon die Milchglaslampe brennen, weiß und rund und ruhig. Wieder rauschte es in den Bäumen auf. Sie sahen tm grünlichen Licht der Straßenlaterne wie Gespenster aus. Etwas raschelte hinter Michael am Eingang des dunklen Zeltes. Wie gehetzt stürzte er davon. Er rannte, kaltes Entsetzen im Herzen, an den SchaukeGoo en vorüber. Einmal siel er hin und schlug sich das Knie blutig. Er lief weiter, der Straße entgegen. Aus einem Seitengang näherten sich fremde Schritte, er hastete vorüber. Eine Stimme rief: „Michaeli Und nochmals, ungläubig, und ganz tief vor Erstaunen: „Michael?!"
Michael blieb stehen. Er warf den Kopf herum. Aus dem Dunkel kam Anna, die Köchin, auf ihn zugesegelt, mit wehendem Mullkle.d schwer und prächtig anzusehen, wie eine Brigg m voller Fahrt. Michael treckte die dünnen Arme nach ihr aus. Er konnte nicht sprechen. Seme Wangen zitterten. „Rein, so was, nein, so was!" rief Anna. Ausgeruckt ist er' Treibt sich nachts auf dem Rummelplatz herum, wenn das der Herr Vater erfährt ..." Michael preßte stumm seinen Kopf an ihren dicken, warmen Arm, jetzt konnte ihm nichts mehr geschehen. Anna war da, laut, warm und mächtig. Als sie ihn bei der Hand nahm und friedlich zankend mit ihm weiterging, schämte er sich nicht, daß er sich führen ließ als wäre er noch ein ganz kleiner Junge. Sie fuhren in der Straßenbahn heim. Michael saß still und schläfrig am Fenster. Er blickte hinaus. Draußen war die Nacht, schwarz und fremd.
Die Eltern waren noch nicht heimgekommen. Michael ließ sich von der Köchin auskleiden, waschen und zu Bett bringen. Sie brachte ihm auch das Essen ans Bett, und während er seine Milch trank, saß sie an seinem Bett, streichelte seine Hand und sagte immer wieder: „Kind, Kind!" Nachdem er gegessen und gebetet hatte, deckte sie ihn zu, löschte das Licht und ging hinaus. Michael lag noch lange wach. Er hörte die Eltern heimkommen und er hörte, wie die Mutter leise ins Zimmer tpat und sich über sein Bett beugte. Michael lag ohne sich zu rühren mit geschlossenen Augen. Sein Herz klopfte schnell und laut. Er versuchte ruhig und langsam zu atmen, er fürchtete sich zu verraten.
Als die Mutter gegangen war, lag Michael noch lange wach. Er lag in seinem schmalen weißlackierten Kinderbett, er hörte von nebenan das vertraute Ticken der großen Ehzimmeruhr, er fühlte sich geborgen und beschützt. Er sah den Messerschlucker vor sich stehen, unbeweglich, die Arme über die Brust gekreuzt, die hohe Schaf-Fellmütze über dem wachsgelben Gesicht, er hörte die Stimme des kleinen Herrn: „So spielt der Mensch mit seinem Leben, als ob es gar nichts wäre!" Als ob es gar nichts wäre, dachte Michael. Seine Gedanken begannen sich zu verwirren ... er hörte eine Melodie ... Almansor ... viele Melodien ... das Wunder, das Wunder der Welt ... er flog am Schaukelboot hoch in den warmen, tiefblauen Himmel, er schwebte fern über der Erde, und
Beladen mit kreischenden, lachenden Menschen schwangen die bunten Boote der Lustschaukel durch die Abenddämmerung. An den Karusselln glitzerten unzählige bunte Lämpchen, die Melodien von Orchestrion, Drehorgel und Blechmusik dröhnten ineinander. Zwischen den Buden schob sich träge und erhitzt eine sonntäglich herausgeputzte Menschenmenge, staute sich vor den einzelnen Zelten, enggedrängt, gaffend und beseligt. Unaufhörlich klangen die schon heiser gewordenen Stimmen der Aus- ruser „Oh! Wie schön!" dachte Michael. Er stand, schmächtig, m seinem weißen Matrosenanzug in dem dampfenden Menschenknäuel und hielt seinen letzten Groschen in der kleinen, heißen Faust. Seme weihen Leinenschuhe waren schwarz vor Staub, und er hatte schon am frühen Nachmittag seine Mütze verloren. Manchmal sah er sich verängstigt um, als müßten plötzlich die Eltern auftauchen, um ihn entsetzt und wortlos heimzuführen. Aber die Eltern konnten ja noch nichts ahnen. Die fremden Menschen beachteten ihn nicht. Die Drehorgel kreischte.
Den Kopf im Nacken, buchstabierte Michael das leuchtende Schild über dem Zelteingang: „Almansor, der Messerschlucker! Almansor das Wunder der Welt!" Auf dem erhöhten Vorbau des Zeltes stand em hagerer Mann mit einem wachsgelben Gesicht, in einer schwarzen, silberverzierten Phantasie-Uniform. Er stand unbeweglich, mit über der Brust gekreuzten Armen, eine hohe Schaffellmütze auf dem Kops, wahrend ein kleiner, kahlköpfiger Herr auf den unbeweglichen Mann deutend, ausrief: „Meine Herrschaften, so spielt der Mensch mit seinem Leben, als ob es gar nichts wäre!" .
Michael starrte mit brennenden Augen dem Messerschlucker ms Gesicht, aber der fah über ihn hinweg, regungslos, ohne Wimperzucken, in den fahlen, verbleichenden Abendhimmel hinein. Michael preßte die Finger fest um das Groschenstück. Sechs Groschen hatte er besessen, als er seine Sparbüchse heimlich zerschlagen hatte. Fünfzig Pfennige hatte er ausgegeben, um auf der Riesenschaukel durch die Luft zu schwingen, die drei dicksten Männer der Welt zu sehen, und auf dem Karussell mit den weißen Schwänen zu fahren. Wenn die Eltern wüßten, daß er die Sparbüchse zertrümmert, mit dem erbeuteten Geld sich heimlich aus dem Hause geschlichen hatte und sich seit Stunden auf dem Rummelplatz herumtrieb! Vielleicht waren die Eltern schon heimgekehrt, vielleicht war die Köchin Anna, von ihrem Ausgang zurück, und alle liefen durchs Haus und suchten ihn! Nein, er wollte nicht daran denken! Bevor er den Messerschlucker gesehen hatte, ging er nicht heim.
Der kahlköpfige Herr läutete mit einer großen Glocke. Michael blickte wieder zum Messerschlucker hinüber. Er war verschwunden. Die Menge strömte zur Kasse, an der eine dicke, rothaarige Dame sah. Michael stolperte erregt vorwärts. Da legte sich plötzlich eine schwere Hand auf seine Schulter. „Na, du!" rief eine strenge Männerstimme. Michael duckte sich, auf seiner Stirn standen kleine Schweißperlen, er wagte nicht, aufzusehen. Sicher war es jemand, der ihn erkannt hatte, zur Rede stellen wollte ... aber da war der Herr schon an ihm vorbeigegangen, und Michael merkte, daß er jetzt allein vor dem Zelt stand. Die Vorstellung hatte begonnen. Die dicke rothaarige Dame an der Kasse sah Michael sragend an. „Nun, junger Herr?" Michael öffnete die Faust. Sie war leer. Er hatte den Groschen im Gedränge verloren. „Ich hab kein Geld", sagte Michael. „Kein Geld?" wiederholte die Dame an der Kasse. „Kein Geld!" Sie schüttelte dabei ungläubig den Kopf und betrachtete ihn von oben bis unten. Michael machte verwirrt eine kleine höfliche Verbeugung. „Ich habe wirklich kein Geld." Er wandte sich zum Gehen. „Wart mal", rief die Dame herablassend. Sie winkte ihn zu sich, und bevor Michael etwas begriff, hatte sie ihm ein großes Bündel bunter Zettel in die Hand gedrückt. „Bist doch ein tüchtiger Junge, ja? Verteil' mal die Zettel, dann kannst du auch ohne Geld in die Vorstellung." Die Drehorgel kreischte. Michael stand mit den Zetteln vor dem Zelt. Er bot sie zuerst zaghaft den Vorübergehenden an, dann wurde er immer dreister. Es machte ihm plötzlich riesigen Spaß, die Zettel zu verteilen. Es mar dunkel geworden, funkelnd drehte sich das Riesenrad mit seinen Lichtern, die Musik war viel lauter als am Tag. Es schien, als sei der Rummelplatz ein Stern, der kreisend, in einer Wolke von Licht und Lärm gehüllt, in der lauen schwarzen Nacht hing. Michael vergaß an zuhause zu denken, er vergaß die Zeit. Menschen kamen und gingen, immer wieder stand der Messerschlucker auf dem


