Krau Rebekla.
Von Matthias Claudius. Wo war ich doch vor dreißig Jahr, Als deine Mutter dich gebar? Wär' ich doch dagewesen! — Gelauert hätt' ich an der Tür Auf dein Geschrei und für und für Gebetet und gelesen.
Und kams Geschrei — nun marsch hinein: „Du kleines — liebes Mägdelein, Mein Reis'gefährt', willkommen!" Und hätte dich denn weich und warm Zum erstenmal aus meinen Arm Mit Leib und Seel' genommen.
Und hätte dich denn weich und warm Mit Leib und Seel' auf meinen Arm Zum erstenmal genommen ... „Du frommes, liebes Mägdelein, Ich hab dich sonst noch nicht gesehn, Willkommen, bist willkommen!" — „Wie bist du, lieber Reis'gefährt', In deinen Windeln mir so wert! 0 werde nicht geringer!
Du, Mutter, lehr' das Mägdlein wohl! Und wenn ich wiederkommen soll, So pfeif nur aus dem Finger."
Kleine Vogelfibel.
Bon Johan Luzian.
Grünfinken vor dem Fenster.
Als dicke, aufgeplusterte Notenköpfe hocken die Grünfinken da in den kahlen Zweiglinien der Gartenbuche, ein winterliches Bauernvolkslied, in den grauen Himmel komponiert.
Grün, grüii ... gilb, giib! bettelt die Schar durch die fchneenebelnde Luft.
Habt ihr euch nicht erst am Morgen vollgefressen, ihr grünen Landstreicher! Habt ihr nicht Korn um Korn genießerisch ausgeschält und zer- mümmelt mit eurem dicken Fresserschnabel! Hat euch Hanföl und Sonnenblumensaft nicht vor einer Stunde erst den plumpen Bauch gewärmt!
Aber ihr kennt mein Haus, ihr kennt mein hübsches Vogelhaus am Fensterbrett. Es gefällt euch bei mir, he? Besser hier als auf der Wald- streife, jawohl!
Und der Mensch fügt hinzu: Ich lege keinen so großen Wert darauf, wie ihr vielleicht meint, euch als einzige Dauergäste bei mir zu sehen! Ihr verjagt mir Meisen und Gimpel! Euer Futterneid ist so gelb wie eure Schwanzwurzel!
Er öffnet das Fenster und will den grünen Freß- und Streitkumpanen draußen ein wenig den Marsch blasen. Aber da fliegt schon der ganze Schwarm mit raschen, wippenden Schwüngen aus dem Ge- zweige fort und fliegt weit über den kahlen Hang nach dem See hinunter und verschwindet irgendwo über dem Wald.
Nun ist der Vogelbaum im Garten also leer.
Gewiß werden jetzt die Meisen kommen oder die Distelfinken oder der rote Dompfaff, denkt der Mensch und wartet.
Er hat das neue Futter auf das Brett gestreut und wartet geduldig am Fenster auf seine buntscheckigen Freunde.
Doch der Himmel bleibt leer.
Nur der Windoogel, der riesengroße, der mit den Frostflügeln und dem Messerschnabel, fliegt über die Welt, und sein jaulendes Lied jagt durch die Wälder um das einsame Haus.
Da ruft der Mensch nun nach einer langen Weile doch wieder die Grünfinken herbei.
Erfüllt den Baum vor meinem Fenster wieder mit eurem grünen Leben! sagt der Mensch, demütig geworden.
Schilpt euer einfältiges Lied von neuem über den trüben Schnee! Zankt euch wieder an meinem Fenster um den Platz und spreizt euer grüngelbes Gefieder im Raufen um den fettesten Hanf!
Es ist ja gut, euch zuzuschauen, wie ihr, gegen den Wind flatternd, über dem Futterbrett hin und her fliegt, wie ihr euch am Dach, an den Kanten, den Zweigen, einem Nagel, einem Kiefernbusch festklammert, die Augen immer auf das Mahl gerichtet, vor Ungeduld und Eifersucht lärmend und flügelfchlagend, bis der erste Sieger endlich gemä' Idie Stelle räumt und ein anderer mümmelnd sich zwischen die Körner lhockt, bereit, den Alleinbesitz zu erkämpfen und zu verteidigen.
Ja, es ist gut, im Winter das Leben um sich zu sammeln und ihm • ein wenig zu helfen, denn der Wald ist stumm und die Erde ist leer.
Den Goldhähnchen lauschend.
Die Fichtenzweige hängen schwerbeladen mit kristallhartem Schnee Ihernieder, die stangendllnnen Jungbuchen werden von der weißen Last iSu Bögen gebeugt, der Waldweg ist ein schmaler Wandelgang geworden, iin dem die Dunkelheit hockt, ob es auch über den Wipfeln noch Tag ist.
G^rau ist der lautlose, leere Himmel. Schnee hängt wölkend in Der Mensch geht in sich verkrochen, in Pelz und Wolltuch gehüllt, idie Hände tief in den Taschen vergraben den Wandclgang durch den jFichtenwald.
Nach Hause! An den warmen Ofen! Zu den Büchern! Zu den sarbenhellen Bildern!
Aber da wird sein windtaubes Ohr angerührt von den hellsten Tönen, so als striche ein Waldgeist klingend über hauchdünnes Glas, als zittere eine Saite aus dem Himmel der Märchen, als klingele ein Traumglöcklein: srifiisirisirsri ... srisrisri ... sirsirsri...
Und die verfinsterten, schneemüden Augen des Winterwanderers tasten sich nun heller hinauf durch das grüne Genadel zu den Goldhähnchen im Zweiggefächer, zu den huschenden Zwergen, die auf der Jnsektensuche zaunkönigschnell Dom Ast zu Ast eilen, an der Unterseite der Zweige hängend und laufend, leichte olivgelbe Federkügelchen, dahinrollend durch die Luft. Wie Kolibris flattern sie, wie im Nichts stehend, vor einem Zweig und spähen mit Funkeläuglein zwischen Nadelwerk und Schorf, klammern sich an einen Zapfen, einen braunen Riesenzapfen und rennen an ihm hoch, lassen ihre Feuerstriche auf der Kopfplatte leuchten, ihren goldenen Schmuck.
Ohne Scheu sind sie, den Menschenaugen vertrauend, daß in dem leuchtenden Blick, der sie auf ihren Schwüngen begleitet, keine Bosheit lauere. In Armesweite turnen sie über dem lächelnd Hinaufäugenden in der Luft, als trüge sie ihr eigenes gläsernes Zirpen, als schwebten sie auf dem Seidengespinst ihres Liedes.
Dann find sie fort, die Wichte, die Tannenmäuschen, die Elfen unter den Vögeln. Sie find wieder untergetaucht in der Stille der Wipfel, in das Märchen zurückgehuscht, aus dem sie gekommen.
Und der Wanderer geht weiter, auch er taucht unter im Walde, in das schwere, dunkle Grün und das kalte, tote Weiß. Aber seine Augen sind ein wenig heller geworden, die Einsamkeit des Weges ist verscheucht und in seinen Öhren singt noch das Goldhähnchenlied: Srisirt- srisirisri...
Das Goldammernbild.
Ein kleines, schönes Bild bringt der Mann im Walde mit von seinem Besuche in der Stadt.
An einer neuerbauten Kirche im Arbeitervorort ging er vorüber und sah dort ein Sgrafftto neben dem Portal, in den frischen Putz gekratzt, darstellend Franziskus, der den Tieren predigt. Ein Löwe ruhte zu feinen nackten Füßen bei Schaf und Rind, die Fische steckten ihre breiten Mäuler aus den blauen Fluten, und die Vögel saßen auf der Schulter des wundersamen Predigers.
Dieses Bild hatte er vor Augen, als er weiterging, und dachte: Zu wem die Tiere kommen, wie zu diesem frommen Mann, der hat die Liebe und die Weisheit, denn eines gibt es nicht ohne das andere, und schon gar nicht die Tierliebe, die ganz gewiß ein Teil der höchsten Weisheit ist, weil zu der Tierliebe ein ruhiges, inneren Dingen zu- gewandtes Gemüt gehört.
In diesen Gedanken ging er an der kahlen Häuserreihe hin. Gelbgetüncht und eintönig sahen die Fronten zu beiden Seiten aus. Fenster war gleichmäßig neben Fenster, Tür einförmig neben Tür, Massen- quartiere ohne Beschönigung, auf denen ein graues Himmelslicht lag.
Da sah er mitten in dieser Gleichförmigkeit, an einem dieser Fenster im ersten Stock irgendwo zwischen lauter andern ersten Stöcken ein neues und noch schöners Sgrafftto.
Und diesmal nicht mit grünen, roten, blauen Farben in den Putz gekratzt, sondern von lauter lebendigen, singenden Vögeln gebildet.
Ja, an diesem einen Fenster, vor dem nichts als ein Vogelbrett war, wie man es hie und da in der Straße sehen konnte, und rings um das Fenster, ans rauhe Mauerwerk gekrallt, an die kleinsten Vorsprünge geklammert, hing und flatterte ein Schwarm von Goldammern
Lauter Goldammern mit den hellen Köpfen der Männchen und den schlichteren Farben der Weibchen, mit goldenen Tupfen und gelbbraunen Streifen im Federkleid, wohl fünfzig Vögel.
Sie flogen von ihren kleinen Haltepunkten hin und her zum Fensterbrett, hockten körnerspaltend oder still Ausschau haltend auf dessen Rand, zu zehn, zu zwanzig nebeneinander und sahen nach der Sonne und dem Frühjahr aus.
Schickschickschickschicksiee fangen die Goldammern.
Der Mann aus dem Walde blieb stehen und besah das schöne Bild in der Straße.
Mit ihm blieben noch ein paar Leute stehen. Und sie freuten sie alle, Kinder und große Leute.
Alle Vögel nur vor dem einen Fenster! sagte eine Frau und wunderte sich.
Ja, und man sieht gar nichts Besonderes daran! Vor andern Fenstern sind doch auch Futterbretter! sagte eine zweite Frau.
Dann setzten sie ihren Weg fort.
Das Futter allein macht es nicht, wie Sie sehen, meine Damen! sagte der Mann im Vorübergehen.
Eine liebevolle Hand muß es streuen!
Ja ja, gewiß, antworteten die beiden und sahen den Sprecher ab* schätzend von der Seite an. Sie wollten sich wohl nicht mit einem Fremden unterhalten.
Der Mann kehrte dann noch einmal um. Der Goldammernschwarm erhob sich gerade und flog schwirrend die kalte Sttaße entlang und war fort.
Nun war die Häuserfront auch an dieser Stelle wieder so einförmig wie überall. Aber dennoch unterschied sie sich ihm ganz deutlich. Und auch als er an dem Klingelbrett neben der Haustür den Namen der Leute im ersten Stock linker Hand las und ihn als einen überall gebräuchlichen sand, unterschied er sich ihm von den vielen Schmitzens auf eine wunderbare Art.
Dieses kleine Bild bringt der Mann also mit aus der Stadt nach Hause.
Es gibt jetzt kaum Ammern im Walde. Sie suchen gern die Dörfer und Städte auf, die kleinen, zutraulichen und doch klugen und vorsichtigen Sommersänger.
Mögen sie viele Weise dort finden!


